Altöttinger Liebfrauenbote

Im Zuge der Revolutionswirren 1919: das Altöttinger Gnadenbild wurde nach Passau geflüchtet

Eine "Pilgerreise" unter umgekehrten Vorzeichen

Da dürfte der Reischacher Pfarrer Johann Ev. Schermer nicht schlecht gestaunt haben: in der Nacht von Donnerstag, 24. auf Freitag, 25. April 1919 gegen 0.30 Uhr pochte der Altöttinger Stadtpfarrer Prälat Franz Xaver Konrad an die Tore des Pfarrhofs – mit einem besonderen Schatz im Gepäck: "Grüß Dich Gott Herr Pfarrer, bin auf der Flucht vor den Spartakisten und bitten um ein Nachtquartier", grüßte der Altöttinger Prälat und fügte hinzu: "Habe das Gnadenbild bei mir." Reischach war vor 100 Jahren die erste Station auf der Flucht des als einfachen Reisepakets getarnten Gnadenbildes nach Passau – und der Beginn einer Art "Pilgerreise" unter umgekehrten Vorzeichen.

Pfr. Ludwig Samereier neben der Gedenktafel im Reischacher Pfarrhaus zur "ersten Herberge" des Altöttinger Gnadenbildes auf der Flucht 1919.
Pfr. Ludwig Samereier neben der Gedenktafel im Reischacher Pfarrhaus zur "ersten Herberge" des Altöttinger Gnadenbildes auf der Flucht 1919.
Blick auf den originalgetreu renovierten ehemaligen Pfarrhof, wo vor 100 Jahren Prälat Franz Xaver Konrad mit dem Altöttinger Gnadenbild im Gepäck anklopfte.
Blick auf den originalgetreu renovierten ehemaligen Pfarrhof, wo vor 100 Jahren Prälat Franz Xaver Konrad mit dem Altöttinger Gnadenbild im Gepäck anklopfte.
Die Gnadenbild-Kopie in der Reischacher Antoniuskapelle.
Die Gnadenbild-Kopie in der Reischacher Antoniuskapelle.
Blick auf die Reischacher Antoniuskapelle.
Blick auf die Reischacher Antoniuskapelle.

Für den kleinen Holzlandort war der unerwartete Besuch "eine große Ehre", wie der heutige Pfarrer im Reischacher Pfarrverband, Ludwig Samereier, erzählt. Wie groß die Ehre empfunden worden sein dürfte, verdeutlicht ein kleiner Rundgang durch den Ort. Zum Beispiel zur Marienkapelle "Klein-St.-Antoni" (1731), wo eine Kopie der Altöttinger Gnadenmutter den Altar schmückt und die seit jeher viele Pilger auf ihrem Weg ins "Herz Bayerns" besuchten. Und nun war plötzlich das Original am Ort. Nicht lange zwar – am nächsten Morgen verpackte es die Pfarrerköchin Anna Lenz sorgfältig und umhüllte es mit Packpapier, getarnt als gewöhnliches Reisepaket; Prälat Konrad setzte gegen 6.30 Uhr seine Reise mit einem Bauern-Fuhrwerk des Reischacher Franz Schoßbeck nach Passau fort –, aber der Besuch hat fortdauernden Eindruck hinterlassen: Zur Erinnerung wurde 1919 gleich noch eine Kopie des Altöttinger Gnadenbildes gefertigt, die heute hoch oben an der Wand im Altarraum der Reischacher Pfarrkirche thront; außerdem eine Gedenktafel mit der Aufschrift: "Erste Herberge unserer lieben Frau von Altötting auf der Flucht vor den Spartacisten in der Nacht vom 24. auf 25. April 1919." Diese hängt heute im neuen Pfarramt. Der alte Pfarrhof, wo das Gnadenbild übernachtete, existiert übrigens auch noch: möglichst originalgetreu renoviert, dient er heute als Pfarrheim mit Pfarrsaal, Bücherei, Jugend- und Seniorenräumen.

Die weitere Flucht des Gnadenbildes entwickelte sich nach und nach zu einer Art Pilgerreise unter umgekehrten Vorzeichen: Nicht die Gläubigen wallfahren zur Muttergottes, sondern das Gnadenbild besucht die Pilger: "Ich kann dem lieben Gott nicht genug danken, dass mir dieser himmlische Besuch zuteil werden durfte (...) Meine (Kloster-)Zelle, der vorübergehende Gnadenort der himmlischen Frau, ist mir seit dieser Zeit umso lieber und trauter geworden", schrieb etwa Pater Willehald, der Guardian des Franziskanerklosters in Eggenfelden, an Kapuzinerpater Cyprian Fröhlich alias "Bruder Marianus", der die Geschichte der Gnadenbildflucht noch im Jahr 1919 niederschrieb (siehe auch nachfolgende Angaben zu "Quellen und Literatur"). Zwei Stunden weilte es bei P. Willehald im Kloster. Freilich bekamen das Gnadenbild auf der Flucht zunächst nur einige ausgesuchte Vertrauenspersonen zu Gesicht; der Spital-Benefiziat in Pfarrkirchen, Josef Wirnhier, etwa schrieb, dass ihm die Gläubigen am Ort später Vorwürfe machten, dass er und seine Haushälterin "die einzigen Wallfahrer zum Gnadenbild in meiner bescheidenen Wohnung" waren; den unerwarteten zweistündigen Besuch aber "verewigte er durch eine Inschrift". Auf allen weiteren Stationen – Aidenbach und Vilshofen – wurde das Gnadenbild von den Vertrauenspersonen überaus freundlich empfangen und eifrig verehrt, wie sowohl P. Cyprian als auch Prälat Konrad selbst in einer Serie im "Altöttinger Liebfrauenboten" in den Ausgaben vom 18. Mai bis 19. Oktober 1919 erzählte; der Altöttinger Stadtpfarrer formulierte dabei seine Erlebnisse recht pathetisch; über seine Ankunft in Reischach etwa schrieb er: "Du also, stilles Dörflein, sollst heute das glückliche Bethlehem sein, das in schweigender Mitternachtsstunde dem Kinde und seiner Mutter Herberge gewährt."

Prälat Konrad blickte in seiner Erzählung auch auf die ersten beiden Fluchten des Gnadenbildes während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) zurück – 1632 und 1648 wurde es jeweils ins "Salzburger Exil" geschickt. Sehr sorgenvoll sinnierte er über die Revolutionswirren nach Ende des I. Weltkriegs (1914-1918) und über den – letzten Endes nur etwa vier Wochen andauernden sowie brutal und blutig niedergeschlagenen – Versuch im April 1919 in Bayern eine sozialistische Räterepublik zu installieren.

Maria – "Königin des Friedens"

Ein regelrechter Pilgerstrom (Bild Mitte) nach Passau setzte ein, als (...)
Ein regelrechter Pilgerstrom (Bild Mitte) nach Passau setzte ein, als (...)
(...) das Altöttinger Gnadenbild im Passauer Stephansdom auf einem Altar zur Verehrung aufgestellt wurde.
(...) das Altöttinger Gnadenbild im Passauer Stephansdom auf einem Altar zur Verehrung aufgestellt wurde.
Kapuzinerpater Cyprian Fröhlich (Pseudonym "Bruder Marianus") im "Altöttinger Liebfrauenboten" 1919 über den "Triumphzug" nach Altötting.
Kapuzinerpater Cyprian Fröhlich (Pseudonym "Bruder Marianus") im "Altöttinger Liebfrauenboten" 1919 über den "Triumphzug" nach Altötting.
Triumphzug des Gnadenbildes bei der Rückkehr von Passau – hier vor dem Franziskushaus in Altötting; im Pferdewagen fährt Bischof Sigismund.
Triumphzug des Gnadenbildes bei der Rückkehr von Passau – hier vor dem Franziskushaus in Altötting; im Pferdewagen fährt Bischof Sigismund.
Gedenktafel an den "Triumphzug" am Franziskushaus Altötting.
Gedenktafel an den "Triumphzug" am Franziskushaus Altötting.

Ein Versuch, der auch vor der Wallfahrtsstadt nicht Halt machte: "Altötting von der Roten Garde besetzt", hieß es in der Lokalzeitung "Die Freie Volksstimme" kurz vor Ende der Räterepublik am 26. April 1919. Indes waren es damals nicht mehr als "20 Mann", die offenbar mit der Etablierung einer neuen und der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung mehr als genug beschäftigt waren. Pater Cyprian Fröhlich vermutete einen ganz anderen Grund, weshalb diese die "heilige Kapelle gar nicht beachteten": "Mit Befriedigung darf erwähnt werden, dass fast alle Rotgardisten nicht Bayern, sondern Norddeutsche waren" (die den Wert des bayerischen Nationalheiligtums vielleicht einfach nicht erkannten). Die Gefahr war offenbar gar nicht so groß. Doch das hatte Prälat Konrad freilich nicht wissen können, war er doch im Zuge der Revolutionswirren mit täglich neuen Meldungen und Gerüchten konfrontiert worden; und waren außerdem die Verfechter der Räterepublik nun nicht gerade als Freunde der Kirche bekannt. Die "Spartakusleute" – ein zu jener Zeit geläufiger Begriff für alle "Linken", die lieber heute wie morgen eine neue Ordnung etabliert hätten – bezeichnete er als "Propheten des Materialismus und des Unglaubens" und als "irrende Kinder", die im "Sozialismus den Erlöser" und in der "Demokratie" die "Führerin zu neuem Paradiese" sähen. "Was geschieht mit unserem Gnadenbild, wenn die Roten kommen?" – Für Prälat Konrad war die Frage des besorgten Altöttinger Bürgers Brunhölzl unter den damaligen Umständen eine sehr ernstzunehmende. Am 24. April schließlich sah er eine "unmittelbare Gefahr" und floh.

Heute lässt sich festhalten: "Neues" entsteht immer wieder und das "Althergebrachte" muss deshalb nicht verschwinden; Demokratie und Mitbestimmung schließen auch den Glauben ein. Sich entwickeln und gedeihen können Alt und Neu jedoch nur gemeinsam und ohne Gewalt.

Friedensstiftend trat am 10. Mai 1919 der Passauer Bischof Sigismund Felix von Ow-Felldorf auf, als er in seiner Predigt im Passauer Dom die Gottesmutter Maria nicht nur als "Schutzfrau Bayerns", als "unsere Mutter", sondern vor allem auch als "Königin des Friedens" vorstellte – als "gütige segenspendende Vermittlerin unter ihren entzweiten Kindern"; auf dass sie "die aufgebrachten Gemüter besänftige, die harten Herzen erweiche (...) uns allen den Geist der Liebe, der Friedfertigkeit, der Versöhnlichkeit und Nachgiebigkeit erflehe". An diesem 10. Mai war das Gnadenbild zuvor in einer feierlichen Prozession vom Passauer Kloster Niedernburg – dort war es seit dem 26. April bei den "Englischen Fräulein" untergebracht – in den Stephansdom überführt worden. "Tausende beteiligten sich an dem Zuge des Gnadenbildes durch die Stadt, während Tausende den Weg einsäumten", schrieb P. Cyprian. Bereits im Kloster hatten Pilger die Gelegenheit, das Gnadenbild zu besuchen, zu einem regelrechten Pilgerstrom aber kam es, als es der Bischof im Dom auf einem Altar öffentlich zur Verehrung aufstellen ließ. "Passau als Wallfahrtsort" überschrieb laut P. Cyprian die "Donauzeitung" den großen Andrang an den folgenden 20 Tagen. Pilger strömten von überall her, am 12. Mai kamen laut Zeitungsbericht "Pilger bis von Neukirchen b. Wald, aus Neuhaus, Aicha, Alkofen, Kellberg, Thyrnau, Neukirchen a. Inn, Obernzell, Büchlberg, Sternberg (Oberösterreich), Rathmannsdorf, Schalding". Am 29. Mai war der Dom laut P. Cyprian "besucht wie nie"; "mit mehr als 10.000 Herzen" – der Grund: es war der Tag des Abschieds. "Ja, unser lieber Wallfahrtsort Altötting soll nunmehr seines Heiligtums nicht länger mehr beraubt bleiben und deshalb heißt es für uns von dem lieben Bilde wieder Abschied nehmen", erklärte in seiner Predigt Bischof von Ow-Felldorf.

Mit dem Auto nach Simbach/Inn und von dort weiter mit dem Zug nach Neuötting führte der Passauer Bischof das Gnadenbild höchstpersönlich zurück in die Wallfahrtsstadt. Am 31. Mai wurde es in einem "großen Triumphzug" vom Neuöttinger Bahnhof zum Altöttinger Kapellplatz in die Hl. Kapelle gebracht. "Die beiden Schwesterstädte Alt- und Neuötting vereinigten sich zu einer einzigen marianischen Gemeinde", schrieb P. Cyprian. Auf dem Kapellplatz hielt Bischof von Ow-Felldorf eine Predigt über "Die soziale Bedeutung Unseres Gnadenbildes Unserer Lieben Frau von Altötting". Dieses sei Zeichen "echter, gesunder Volkstümlichkeit", außerdem "eine laute und eindringliche Predigt über jene Grundwahrheit des Christentums, dass wir vor Gott alle gleich sind". Immerhin sei es die Gottesmutter selbst, die im "Magnificat" mahnt: "Er hat Gewaltige vom Throne gestürzt und Niedrige erhöht (...)". In Anbetracht dieser "Wahrheiten" hätte es erst gar "keine gewaltsamen Umwälzungen gebraucht", so der Bischof.

Und auch keine Gnadenbildflucht, sei hinzugefügt. Eigentlich auch nicht unter den damaligen Umständen. Denn gerade in unruhigen Zeiten scheint es sinnvoller und "sicherer", wenn "das Altehrwürdige" dort bleibt, wo es ursprünglich beheimatet ist. Zweifellos hat die erzwungene Reise des Altöttinger Gnadenbildes viel Positives hervorgebracht, wie nicht nur das Beispiel Reischach zeigt. Dort wird der 100. Jahrestag des unerwarteten Gnadenbildbesuchs freilich gebührend gefeiert werden: Am Ostermontag mit einer heiligen Messe und einer feierlichen Prozession unter großer Beteiligung von Gläubigen und Vereinen am Ort. Dies zeigt auch: sollte es wirklich mal nicht anders gehen, dann ist das Gnadenbild – nicht nur da, aber auch – in Reischach nach wie vor herzlichst willkommen.

Text: Michael Glaß, Fotos: Michael Glaß 4 (Reischach, oben), 2x Archiv des Bistums Passau, Nachlass Bischof Sigismund Felix von Ow-Felldorf, Mappe 24 (Passau), 1x Archiv des Seraphischen Liebeswerks (Triumphzug Altötting), Roswitha Dorfner 1, Archiv 1

 

Quellen und Literatur:

  • Prälat Franz Xaver Konrad, "Auf der Flucht mit dem Gnadenbilde", im "Altöttinger Liebfrauenboten" in den Ausgaben vom 18. Mai bis 19. Oktober 1919
  • Kapuzinerpater Cyprian Fröhlich (Pseudonym "Bruder Marianus"), "Das Gnadenbild U.L. Frau von Altötting auf der Flucht und im Triumphzug – erzählt nach Mitteilungen Beteiligter", 1919
  • Alois Stockner, "Heimatbuch der Gemeinde Reischach", Band 2, 2000
  • Erhard Karl, "Altöttinger Lesebuch – Fundstücke und Hintergründe zur Altöttinger Heimat- und Wallfahrtsgeschichte", 2014

Termine zum Jubiläum der "Gnadenbildflucht"

  • Am 31. Mai wird in Altötting mit einer Maiandacht um 20 Uhr in der Kirche des Franziskushauses, Neuöttinger Str. 53, der "Flucht" des Gnadenbildes Unserer Lieben Frau vor den Revolutionswirren nach Passau gedacht. Anschließend: Lichterprozession mit der Gnadenbildkopie mit Bischof Stefan Oster vom Franziskushaus zur Gnadenkapelle, dort Statio und Segen mit der Gnadenbildkopie.
  • Am 30. Mai um 18.30 Uhr erfolgt in Passau eine Prozession vom Kloster Niedernburg aus zum Dom, wo um 19 Uhr eine Maiandacht gefeiert wird.
  • Bereits am Ostermontag, 22. April findet um 10.15 Uhr in Reischach - erste Station der "Gnadenbildflucht" 1919 - in der Pfarrkirche ein Gottesdienst mit Festzug zum Alten Pfarrhof und Enthüllung einer Gedenktafel statt.
 

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