Altöttinger Liebfrauenbote

Barock, Absolutismus und Heilige Allianz

In prunkvoller Demut gepilgert

Altötting, 9. März 1681: Mitten in einem See aus Regenwasser, das sich in den vorangegangenen Tagen auf den Kapellplatz ergossen hat, steht die kleine Kapelle. Kaiserliche und bayerische Truppen haben Aufstellung bezogen, wirken aber recht klein vor der prachtvollen Barock-Kulisse des Kapellplatzes. Für Kaiser Leopold I. (1640-1705) und Kurfürst Maximilian II. Emanuel (1662-1726) sind Bretter ausgelegt. Im Dioramenbild von Reinhold Zellner sind die beiden Fürsten gerade auf dem Weg von der Kapelle in die Dechantei.

Das Dioramenbild zeigt Kurfürst Max Emanuel (r.) neben Kaiser Leopold I., davor zwei bayrische Palastgardisten und zwei Stängler. Im Hiuntergrund die Barockkulisse des Kapellplatzes, wo kaiserliche und bayerische Truppen Aufstellung genommen haben.
Das Dioramenbild zeigt Kurfürst Max Emanuel (r.) neben Kaiser Leopold I., davor zwei bayrische Palastgardisten und zwei Stängler. Im Hiuntergrund die Barockkulisse des Kapellplatzes, wo kaiserliche und bayerische Truppen Aufstellung genommen haben.

Im Tor warten zwei bayrische Palastgardisten und zwei Stängler. Bereits tags zuvor soll sich Kurfürst Max Emanuel für eine erste kurze Audienz beim Kaiser "gar statlich (heraus)gebuzt" haben – dem Verfasser einer anonymen Schrift, dem eigenen Bekunden nach an der Seite des Kaisers angereist, war die feierliche Kleidung des Kurfürsten einen eigenen Eintrag wert: "in schwartzer cleidung mit goldgelben banden gezieret, auch einem camisol (ärmelloses Oberteil) von goldstuck und gelber blumagi auf schwartzen hueth nach form kayserlicher hoffarb". Der Kaiser dankt es ihm bei seinem Abschied am 10. März, als er "zu gnädigster contestation kayserlicher affection gegen dem churfürstlichen haus Bayrn" einen Hut mit "blauen federn an statt der weissen und rothen" trägt. Dann schenkt der 40-jährige Leopold I. dem erst 18-jährigen Max Emanuel eine "reich von diemanten versezte und auff 6.000 reichsthaler geschätzte seittenwehr (Degen mit verziertem Gürtel)", die der Kurfürst voll Freude "allen umbherstehenten hoff-cavalieren" zeigt.

Sehnsucht nach Ruhm und Ehre

Kurfürst Max Emanuel neben Kaiser Leopold I.
Kurfürst Max Emanuel (r.) neben Kaiser Leopold I.

Um die Heilige Allianz gegen die Türken zu schmieden, hatten sich die beiden Fürsten einen wundertätigen Gnadenort ausgesucht. Der Regen trübte das barocke Bild, nicht aber den Eifer und den Ehrgeiz des Kurfürsten. Mit Max Emanuel endeten drei Jahrzehnte Frieden in Bayern, die seinem Vater, Kurfürst Ferdinand Maria (1636-1679, Kurfürst ab 1651) den Beinamen "Pacificus – der Friedliebende" eingebracht hatten. Der Dreißigjährige Krieg war lange her, dessen Folgen dem 18-jährigen Max Emanuel nur aus Erzählungen bekannt. Das ebenso prunkvolle wie dominante Gebaren des französischen Herrschers Ludwig XIV. (1638-1715) allerdings hatte sich auch bis zu Max Emanuel herumgesprochen.

Und sehr präsent war dem ebenso lebenslustigen wie phantasiebegabten Barockfürsten die Vorstellung von Ruhm und Ehre, die ein Feldherr erwerben konnte. Der Heiligen Allianz von 1681 folgte das "Wiener Defensiv-Bündnis" gegen Frankreich und gegen das Osmanische Reich und schließlich der Sieg gegen die Türken 1683, die schon zum zweiten Mal nach 1529 die Stadt Wien belagert hatten. Die erfolgreiche Teilnahme Max Emanuels an der Schlacht am Kahlenberg brachte ihm den Ruf eines herausragenden Feldherrn ein und fünf Jahre später nach der Erstürmung Belgrads war der "blaue Kurfürst" – wie er wegen seiner blauen Uniform genannt wurde – in ganz Europa als "Türkenbezwinger" bekannt; der Kaiser ernannte ihn zum Generalissimus und zum Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies. Die Erfolge ermutigten den jungen Kurfürsten zu einer selbstbewussten Außenpolitik – für die ihm jedoch die Ressourcen fehlten.

"Erlöse uns, Herr, von Seuchen, Hunger und Krieg"

Das Volk beobachtet die Aufstellung der Truppen am Kapellplatz.
Das Volk beobachtet die Aufstellung der Truppen am Kapellplatz.

Mit seinen 110.000 Bewohnern war Bayern klein im Vergleich zum Rest des deutschen Reiches mit rund 23 Millionen Bewohnern; die landwirtschaftliche Produktion reichte gerade Mal für die Eigenversorgung. Im französisch-habsburgischen Dauerkonflikt spielte Bayern für König Ludwig XIV. und Kaiser Leopold I. vor allem aufgrund seiner geografischen Lage eine Rolle – als Pufferstaat, den sie für ihre Interessen einsetzen konnten. Max Emanuel strebte dennoch nicht weniger an als die Wiederherstellung des alten Glanzes seines Hauses und die vollgültige Souveränität Bayerns. Ohne Erfolg: Als während des Spanischen Erbfolgekriegs (1701-1714) das Erbe des letzten spanischen Habsburger Königs Karl II. ausgefochten wurde, landete Max Emanuel – der aufseiten der Franzosen kämpfte – ab 1706 im Exil. Zwar konnte er 1715 als Kurfürst nach Bayern zurückkehren, doch die erwünschte Königswürde blieb ihm verwehrt. Die Grenzen seiner Großmachtträume wurden Max Emanuel aber bereits während der Türkenfeldzüge aufgezeigt, die rund 20 Millionen Gulden verschlangen und etwa 30.000 Bayern das Leben kosteten.

Das Volk nahm es hin: "Erlöse uns, Herr, von Seuchen, Hunger und Krieg" beginnt ein altes Gebet, das im 17. Jahrhundert sehr oft gesprochen wurde und dreierlei offenbart: Erstens den tiefen Glauben, zweitens den täglichen Überlebenskampf des einfachen Volkes und drittens die feste Überzeugung, dass man an den eigenen Lebensumständen sowieso nichts ändern könne. Tatsächlich erstarrte die Gesellschaft angesichts materieller Abhängigkeiten, ständischer Schranken, undurchschaubarer Rechtsverhältnisse und einer rigorosen absolutistischen Herrschaft. Buntes Leben gab es nur ganz oben: An italienischen Komödien, Turnieren, Feuerwerken und Maskenfesten erfreuten sich die rund fünf Prozent Prälaten, Ritter und Adligen; die anderen 95 Prozent bezahlten mit Leibeigenschaft, Armut und harter Arbeit. Allein zwei Drittel der Bevölkerung waren Bauern, Knechte und Mägde oder Tagelöhner.

Die gesellschaftlichen Schranken erschienen diesen als unüberwindbar und doch überwanden viele ganz reale Schranken – trotz Armut pilgerten sie nach Altötting zur Gnadenmutter und brachten ihr Opfergaben. Auch wenn der Kapellgegenschreiber Johann Heugl 1658 über "geltmängl" (Geldmangel) klagt, die Kapellverwalter 1659 von "jetzigen schweren zeiten und dem minderwert des liebseeligen getraidt" schrieben und in der Kapellrechnung von 1672 die "kleine"Summe mit dem Hinweis auf die "unvermögenheit der underthonnen, welche (...) nit vill ybriges zum opfern haben" entschuldigt wird – die Menschen pilgerten und spendeten auch das Wenige, das sie entbehren konnten.

Sonnenfinsternis, Kometen und "Türkengefahr"

Der Chronist Gabriel Küpferle versicherte, dass Tausende Wallfahrer aus allen Ständen "an diser gnadenstatt (...) zuversicht, zuflucht, hülff" suchten und religiöse Erneuerung fanden. Etwas verärgert war er indessen über den zahlenmäßig hohen Pilgerstrom im Jahr 1654, als eine totale Sonnenfinsternis die Menschen in Weltuntergangsstimmung versetzte – so spottete er über "calendermacher", die lange vor Eintritt der Sonnenfinsternis am 12. August 1654 "durch ihr (...) närrische phantaseyen (...) grosse forcht und kleinmütigkeiten" geweckt hätten, wodurch die Seelsorger in Altötting mit "grossen zulauff" und "den gantzen langen tag" besetzten Beichtstühlen zu kämpfen hatten. Der in Astronomie geschulte Chronist konnte sich die Phänomene erklären, nicht jedoch die einfachen Leute, denen Bildung verwehrt blieb.

Besonders unheimlich mag manchen Zeitgenossen 1665 der Schweif des Halleyschen Kometen vorgekommen sein, der sich von Osten nach Westen erstreckte und so an eine ganz reale Gefahr aus dem Osten erinnerte. Auch gebildete Theologen hatten schon die türkische Gefahr beschworen. Die Angst vor der Ausdehnung des Osmanischen Reiches kam immer wieder von neuem hoch. Schon seit rund drei Jahrhunderten forderten die Türken das christliche Europa heraus. Was im Rahmen der mittelalterlichen Kreuzzüge begann, erreichte spätestens mit der Schlacht bei Nikopolis 1396 eine europäische Dimension und drängte sich mit verschiedenen Vorstößen immer nachhaltiger ins Bewusstsein der Menschen. Auch wenn christliche Staaten sich mit den Osmanen verbündeten, um ihre eigenen Interessen gegen christliche Konkurrenten durchzusetzen und auch wenn Jerusalem längst verloren war – der Kreuzzugsgedanke begleitete die Türkenkriege weiter, die Angst vor Vernichtung nicht nur der physischen, sondern auch der geistig-ideellen Existenz schweißte Herren und Knechte, Adel und Volk zusammen.

Eine Silberfigur da, ein buntes Holzbildchen dort

Nicht nur der Kurfürst spendete Weihegaben an die Gottesmutter – die meisten Gaben brachte die arme Bevölkerung und scheute dabei keine Strapazen. – Gnadenbild in einem Diorama.
Nicht nur der Kurfürst spendete Weihegaben an die Gottesmutter – die meisten Gaben brachte die arme Bevölkerung und scheute dabei keine Strapazen.

Auch vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass Max Emanuel die bayerische Neutralitätspolitik aufgab und an der Seite des habsburgischen Kaisers eine Allianz gegen die Türken schmiedete. Der Kurfürst hatte die Gefahr erkannt, die von einem Fall Wiens nicht nur für Bayern sondern für ganz Europa ausging. Und dass sich Max Emanuel auch um das geistige Erbe sorgte, beweisen seine zahlreichen Aufenthalte in Altötting: Er bedankte sich nach dem Erfolg bei Wien 1683, da, "woher er sein löwen-muth und glückhafften feldzug empfangen zu haben erkennete (...): bey Maria, der mächtigen herscherin der heerscharen zu Oetting" (Georg Schilchers Alten-Oetinger History). Der Kurfürst weihte der Altöttinger Muttergottes eine halbmannsgroße Silberfigur – eine Figur von ihm selbst, wie er auf Knien betet. Und er kam noch weitere Male, u.a. 1685; 1688 bedankte er sich für "seinen glückhafften feldzug, in welchem er so kühn (...) die berühmte vestung Belgrad sambt dem schloß mit stürmender hand überwältiget" hatte. 1691 vermachte er der Gnadenmutter Weihegaben im Wert von 18.000 Gulden.

So viel hatten die einfachen Pilger nicht zu spenden, doch Dank für erfolgte Rettung zollten auch sie der Gnadenmutter, wie Mirakelbücher und Chronisten berichten: u.a. pilgerte die 16-jährige Maria Catarina von Linz nach Altötting – barfuss und bei Wasser und Brot –, um der Gnadenmutter ein buntes Holzbildchen zu bringen, weil sie auf der Flucht vor türkischen Soldaten zur Zeit der Belagerung Wiens einem reißenden Gebirgsfluss entkam, obwohl selbst starke Männer "vom wasserschwall fortgerissen und verschluckht wurden". "Ein groß gemalte Opfertafel" spendete 1684 der Regimentskoch Peter Gerstenbrandt: Ihm waren sechs für die Feldküche bestimmte "ungarische oxen unverhofft in die Tonau gesprungen" und als er sie wieder einfangen wollte, wurde er von türkischen Soldaten überrascht, die ihm "2 tedtliche hib in khopf und armb sambt 2 stich auf die brust" versetzten und ihn liegenließen.

Lebensnahes Gewand

Beinahe wäre die kleine Gnadenkapelle unter diesem Wallfahrtsdom "verschwunden". – Modell des von Zuccalli geplanten Doms in der Neuen Schatzkammer, Haus Papst Benedikt XVI., in Altötting.
Beinahe wäre die kleine Gnadenkapelle unter diesem Wallfahrtsdom "verschwunden". – Modell des von Zuccalli geplanten Doms in der Neuen Schatzkammer, Haus Papst Benedikt XVI., in Altötting.

Was blieb aus dieser Zeit? Die Erinnerung von Pilgern und die Erinnerung an einen Kurfürsten, der zwar seine großen politischen Ziele verfehlte, aber dafür umso mehr auf dem Gebiet der Architektur und der bildenden Künste erreichte: Mit Max Emanuel hielt das europäische Rokoko Einzug in Bayern, er nahm den Bau des neuen Schlosses Schleißheim wieder auf und ließ das Schloss Fürstenried errichten. Auch dank Max Emanuel genießt Bayern heute eine bedeutende Stellung in der europäischen Kunstgeschichte. Indirekt sind ihm die Kirche und das Kloster der Theatiner sowie das Lustschloss Nymphenburg zu verdanken, die sein Vater Ferdinand Maria aus Dank für die Geburt seines Sohnes bauen ließ.

Der barocke Bauwahn hätte beinahe auch Altötting komplett verändert: Ferdinand Maria hatte seinem Hofbaumeister Enrico Zuccalli (1642-1724) nicht nur den Bau der "Neuen Chorherrenstöcke" 1674-1680 übertragen; er sollte auch eine riesige barocke Kirche über der Gnadenkapelle errichten. Weil das Geld knapp wurde, scheiterte das Vorhaben. Ein solcher Wallfahrtsdom wäre eine würdige Unterkunft für die Kapelle geworden; er würde aber auch die Sicht auf die Barockbauten versperren, die die Kapelle umgeben und dem Platz auch bei Regen eine prachtvolle Ausstrahlung verleihen. Ebenso würde er den Blick auf die Kapelle eindämmen, den Blick auf das kleine bescheidene Haus der Muttergottes, das mit jedem Pilger, der Votivtafeln bringt, ein neues, leicht verändertes Kleid erhält – nicht ganz so prächtig und prunkvoll wie das schwarze Gewand des Kurfürsten Max Emanuel, dafür aber umso lebensnaher.

Text: Michael Glaß, Fotos: Roswitha Dorfner 2 (Bild 2 und 6), Altöttinger Marienwerk / Heiner Heine 4