Altöttinger Liebfrauenbote

Altötting feiert "90 Jahre Wiedererrichtung des Rupertusstifts"

Kleines Jubiläum für eine sehr alte Institution

"90 Jahre" klingen recht jung in kirchenhistorischen Maßstäben und tatsächlich ist das Altöttinger Rupertusstift eigentlich noch viel älter: vor rund 1.143 Jahren wurde das erste Chorherrenstift gegründet - es ist somit die älteste kirchliche Einrichtung am Wallfahrtsort. Der vom Vatikan per Dekret vom 19. Oktober 1929 genehmigten Wiedererrichtung des dritten, heute noch bestehenden Stiftes ging eine traditions- und ereignisreiche Geschichte voraus.

Blick von außen auf das Rupertusstift, das sich nahe der St. Anna-Basilika befindet.
Blick von außen auf das Rupertusstift, das sich nahe der St. Anna-Basilika befindet.

Wer sich etwa schon einmal gefragt hat, wieso ein einfacher Stiftspropst und Seelsorger Ring und Mitra tragen darf, der muss ins Jahr 1571 zurückgehen: Papst Pius V. ehrte mit diesen Privilegien (ursprünglich war auch der Stab Teil der Insignien) den damaligen Stiftspropst (und dessen zukünftige Nachfolger) Dr. Martin Eisengrein (1535-1578, im Amt als Propst von 1567-1578) für seine Verdienste um das Wiederaufleben der Altöttinger Wallfahrt in der Zeit der Reformation und Glaubensspaltung; der Hochschullehrer Dr. Eisengrein (Universität Ingolstadt, wo er Rektor und Dekan war) machte sich u.a. auch als Chronist um die Altöttinger Wallfahrtsgeschichte verdient. Die Privilegien wurden zwar nach dem II. Vatikanischen Konzil abgeschafft, im Jahr 1990 nach einem Dispens Papst Johannes Pauls II. jedoch wieder erneuert.

Das Geburtsjahr des Stifts reicht freilich noch viel weiter zurück: der in der Pfalz zu Ötting residierende Karolingerkönig Karlmann (um 830-880) errichtete ein erstes Chorherrenstift im Jahr 876. Der Sohn Ludwigs des Deutschen (um 806-876) und Urenkel Karls des Großen (747/748-814) wollte seinem Königssitz ein entsprechendes geistliches Gewicht geben. Karlmann verstarb auch in der Wallfahrtsstadt und ist in der Stiftspfarrkirche begraben (seit 1985 ist das 1970 gegründete sprachliche und naturwissenschaftliche Gymnasium in Altötting nach ihm benannt). Seine Gründung bestand indes nur rund 30 Jahre: Anfang des 10. Jahrhunderts endete die Zeit des ersten Stifts im Laufe der Ungarneinfälle.

Chorgebet und Seelsorge

Blick auf das Rupertusstift.
Blick auf das Rupertusstift.
Stiftskanoniker Johann Pfaffinger (l.) und Stiftsdekan Wolfgang Renoldner vor Bildern der Stiftspröpste seit 1929.
Stiftskanoniker Johann Pfaffinger (l.) und Stiftsdekan Wolfgang Renoldner vor Bildern der Stiftspröpste seit 1929.
Stiftskanoniker mit Stiftspropst Prälat Günther Mandl (M.) vor einer Figur des hl. Rupertus.
Stiftskanoniker mit Stiftspropst Prälat Günther Mandl (M.) vor einer Figur des hl. Rupertus.

Es dauerte über 300 Jahre bis der Wittelsbacher Herzog Ludwig der Kelheimer (1173-1231) im Jahr 1228 die Wiedergründung des Kollegiatsstifts veranlasste; der Salzburger Erzbischof Eberhard (um 1170-1246) bestätigte das zweite Chorherrenstift im Jahr 1231. Es setzte sich zusammen aus dem Stiftspropst und elf Kanonikern, die – wie auch schon in der Zeit des ersten Stifts – dieselben Rechte wie die Domherren von Salzburg hatten, zuallererst aber durch ihr gemeinsames Chorgebet und vor allem in der Wallfahrtsseelsorge wirken sollten. Als herzogliche Stiftung war das zweite Chorherrenstift sehr eng an das bayerische Herrscherhaus gebunden, das dieses entsprechend förderte.

Neben Dr. Martin Eisengrein prägten das zweite Stift mehrere namhafte Pröpste, unter denen vor allem Franz Wilhelm von Wartenberg (1593-1661; im Amt als Propst von 1604-1661) heraussticht: der kurz vor seinem Tod im Jahr 1660 zum Kardinal ernannte Fürstbischof von Osnabrück und Regensburg setzte sich erfolgreich für die kirchliche Erneuerung ein und war darüber hinaus einflussreicher Diplomat. In Altötting baute er u.a. durch die Versetzung einiger Bauernhöfe den Kapellplatz für Wallfahrer und Prozessionen aus (1616), errichtete den "Alten Chorherrenstock" (1616-18), schenkte der Stiftskirche einen außerordentlich reichen Reliquienschatz (1626), sorgte für die Niederlassung der Franziskaner am Wallfahrtsort (1653) und ließ die St. Anna-Kirche (1657 geweiht, heute St. Konradkirche) erbauen; in schwieriger Zeit erneuerte er das Kollegiatstift und erhöhte die Stiftsgeistlichkeit von vier auf 16 Kanoniker. Franz Wilhelm von Wartenberg wurde in der Stiftskirche von Altötting beigesetzt, sein Herz wurde getrennt in der Gnadenkapelle bestattet.

Mit Franz Wilhelm von Wartenberg erlebte das zweite Kollegiatstift seinen Höhepunkt. Doch es waren seit jeher nicht die Pröpste, die das Stift mit Leben erfüllten. Der ehemalige Kapelladministrator (1956-1991) und selbst auch im Amt als Stiftsdekan (1966), Robert Bauer (1904-2001), formulierte in seinem Buch "Bayrische Wallfahrt Altötting": "Weltbewegende Leistungen der einfachen Chorherren (...) sind nicht bekannt geworden; sie waren vollauf beschäftigt mit den geistlichen Diensten an den Pilgerscharen." Bis 1803. Dann wurde das zweite Stift im Zuge der Säkularisation kurzerhand aufgelöst.

Maßgeblich beteiligt an der Wiedererrichtung des dritten und heute noch bestehenden Kollegiatstifts vor 90 Jahren war der erste Stiftsdekan und Kapelladministrator Msgr. Adalbert Vogl (1876-1945), der 1930 gemeinsam mit seinem Bruder, dem damaligen Pfarrer des "Liebfrauenboten" Karl Vogl (1874-1941), in das erneuerte Stift berufen wurde und der den Bau des heutigen Rupertusstiftes nahe der St. Anna Basilika veranlasste (siehe Fotos). Adalbert Vogl wurde kurz vor dem Zusammenbruch des III. Reichs, am 28. April 1945, gemeinsam mit mehreren Altöttinger Bürgern durch ein SS-Kommando standrechtlich erschossen. Die Bürger hatten versucht, ihre Heimatstadt von der NS-Herrschaft zu befreien, um damit eine Zerstörung durch die heranrückenden US-Truppen zu verhindern (eine Gedenkstätte für die Opfer befindet sich in der Rastkapelle der Stiftskirche).

Heute leben sieben Ruhestandspriester im Rupertusstift (drei Kanoniker leben außerhalb des Stifts). Die Kanoniker sind Ansprechpartner und Beichtväter für die Pilger, arbeiten aber hauptsächlich in "ihrer" Stiftspfarrkirche für die Altöttinger Stadtpfarrei mit. Seit September 2002 steht der heutige Wallfahrtsrektor und Stadtpfarrer Prälat Günther Mandl dem Kollegium als Stiftspropst vor.

Text: Michael Glaß, Fotos: Roswitha Dorfner

 

Information: Am Sonntag, 29. September, findet um 11.30 Uhr in der Stiftspfarrkirche eine Festmesse mit Chor und Orchester (J. Haydn, Orgelsolomesse) anlässlich 90 Jahre Neueröffnung des Kollegiatstifts St. Rupertus statt. Hauptzelebrant und Prediger ist Stiftspropst Prälat Günther Mandl; die Stiftskanoniker des St. Rupertusstifts konzelebrieren.

Impressionen von Stift und Hauskapelle

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