Altöttinger Liebfrauenbote
Blick über einen Teil des weit auseinander gezogenen Städtchens Ouro Preto.
Blick über einen Teil des weit auseinander gezogenen Städtchens Ouro Preto.

Ouro Preto, ein koloniales Juwel Brasiliens

Unglaubliche Kirchenpracht

Brasilien steht derzeit vor allem im Fokus wegen seines rechtsgerichteten Präsidenten Jair Bolsonara ("Tropen-Trump") und der verheerenden Waldbrände im Amazonasgebiet. Doch das Land bietet auch reiche kulturelle Schätze: Historisch wertvolle Kirchen in Überfülle, idyllische Plätze und Sträßchen, alte Häuserfassaden, eine herausgeputzter als die andere – das ist der Stoff, aus dem Ouro Preto gestrickt ist. Die Kleinstadt versteckt sich in der kühlen Hügelwelt des Bundesstaates Minas Gerais, etwa 400 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro, und zählt zum Weltkulturerbe der Unesco.

In der Minas do Palacio Velho.
In der Minas do Palacio Velho.

Ouro Preto verdankt seine Existenz dem Goldrausch, der sich wie ein roter Faden durch das komplette 18. Jahrhundert zog. Vorübergehend war hier die reichste Stadt der sogenannten "Neuen Welt" zu finden. "Offiziell wurden damals insgesamt 650 Tonnen Gold gewonnen, dazu dürften etwa 300 Tonnen durch Schmuggel gekommen sein", weiß Guide Gustavo, der unterhalb des Zentrums durch die Minas do Palácio Velho führt, vormals einer von mehreren hundert Minenkomplexen. Als Kind, erinnert sich Gustavo, waren die alten Minen seine Spielplätze. Drinnen riecht es feucht, modrig. Treppen ebnen Besuchern von heute bequem die Wege. Das Dunkel der Gänge ist ausgeleuchtet. Die Qualen und Schindereien von einst lassen sich allenfalls ansatzweise erahnen. Denn – und das ist die Kehrseite der Medaille, die auch Gustavo nicht verschweigt – in die Stollen und Löcher wurden Sklaven aus Afrika geschickt, die ohne Gnade unter menschenunwürdigsten Bedingungen bis zur Erschöpfung schufteten. Dafür, dass andere die Reichtümer abschöpften; Brasilien stand seinerzeit unter der Herrschaft der Portugiesen. Bei Ungehorsam drohte den Unterworfenen die öffentliche Hinrichtung. Auf dem Sklavenmarkt betrug der Preis für einen "gut gebauten, kräftigen" Schwarzen ein Kilo Gold.

Steile Gassen und annähernd 20 Kirchen

Bunte Fassadenpracht in Ouro Preto.
Bunte Fassadenpracht in Ouro Preto.
Das riesige Deckengemälde in der Franziskanerkirche São Francisco de Assis wird von der heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria beherrscht.
Das riesige Deckengemälde in der Franziskanerkirche São Francisco de Assis wird von der heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria beherrscht.

Wer Ouro Preto und die Pracht der annähernd 20 Kirchen so richtig entdecken will, braucht Energie und Durchstehvermögen. In keiner anderen der sehenswertesten Kolonialstädte Südamerikas verlaufen die Gassen derart lang und steil auf- und abwärts. Lohn der Mühen: Ein Fotomotiv jagt das nächste, angereichert durch Ausblicke ins Grün und auf Bergrücken.

Entspannung im oberen Teil verheißt die Praça Tiradentes, der lebhafte Hauptplatz, Dreh- und Angelpunkt dieses urbanen Gesamtkunstwerks der Kolonialarchitektur. Benannt ist der Platz nach dem Freiheitskämpfer und Nationalhelden Joaquim José da Silva Xavier, genannt Tiradentes (1746-1792), der gegen die portugiesischen Kolonialmachthaber aufbegehrte und in Rio de Janeiro hingerichtet wurde; sein Kopf, so heißt es, wurde in Ouro Preto zur Abschreckung von Nachahmern öffentlich zur Schau gestellt.

Ab der Praça Tiradentes führt ein kurzer Spaziergang zur Igreja Nossa Senhora do Carmo, einem ersten Highlight unter den Kirchen, erbaut im Rokokostil. Auftraggeber waren die Karmeliter, als Architekt trat 1766 Manuel Francisco Lisboa auf den Plan. Und der war auch Vater von Antônio Francisco Lisboa, der besser bekannt wurde als Aleijadinho (1738-1814); die Mutter war eine schwarze Sklavin namens Isabel. Aleijadinho sollte zum berühmtesten Sohn der Stadt werden. Bereits als Teenager half er in der Werkstatt seines Vaters künstlerisch mit. Eine schwere, unheilbare Krankheit, die mit Lähmungen einherging, hinderten ihn nicht, zu einem maßgeblichen Baumeister und Bildhauer des brasilianischen Barock aufzusteigen. Ouro Preto verdankt ihm unter anderen die Franziskanerkirche São Francisco de Assis. Der Blick auf die Fassade zeigt, dass die beiden Rundtürme leicht rückversetzt liegen. Beispiele der Holzschnitzkunst Aleijadinhos finden sich in der museal aufgezogenen Sakristei: ein Gekreuzigter mit intensivstem Leidensausdruck und kleine Löwenfiguren.

Mühevolle Wege, viele Eindrücke

Blick hinauf zur Doppelturmfront der Karmeliterkirche Nossa Senhora do Carmo.
Blick hinauf zur Doppelturmfront der Karmeliterkirche Nossa Senhora do Carmo.
Prächtiges Interieur der Karmeliterkirche Nossa Senhora do Carmo.
Das riesige Deckengemälde in der Sakristei der Karmeliterkirche Nossa Senhora do Carmo geht auf Manoel Ribeiro Rosa (1805) zurück; zu sehen sind Maria, der heilige Simon Stock und zahlreiche Engel mit leuchtroten Lippen.
Das riesige Deckengemälde in der Sakristei der Karmeliterkirche Nossa Senhora do Carmo geht auf Manoel Ribeiro Rosa (1805) zurück; zu sehen sind Maria, der heilige Simon Stock und zahlreiche Engel mit leuchtroten Lippen.

Leitmotivisch durchziehen Ouro Pretos Kirchen wahre Sturzfluten barocker Dekors und Schnörkel: mit Altären, Kanzeln, Skulpturen und farbintensiven Deckenmalereien. Ein Kleinod ist die Sakristei der erwähnten Karmeliterkirche Nossa Senhora do Carmo mit ihren Spiegeln, Mobiliar und dem Aleijadinho zugeschriebenen Steinwaschbecken mit einem Bildnis der Jungfrau vom Karmel. Das riesige Deckengemälde, entstanden 1805, stammt von Manoel Ribeiro Rosa; hier zieht nicht nur das Miteinander Mariens und des heiligen Simon Stock die Blicke auf sich. Detailverliebt rundherum sind die Scharen blonder Engel, die allerdings die Grenze zum Kitsch streifen. Sie wirken so, als hätten sie einige Extraschichten leuchtroten Lippenstift aufgelegt! Auf anderen Gemälden tragen sogar Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz übertrieben rote Lippen. Ebenfalls in der Sakristei steht man vor einem gewöhnungsbedürftigen Christusbildnis mit einer solch wüsten Haarpracht, wie man sie selten gesehen hat.

Zurück beim Gassenstreifzug, brennen sich die Eindrücke anderweitig ins Gedächtnis. Ein ums andere Mal strahlen Türen und Fensterrahmen inmitten leuchtweißer Fassaden um die Wette: in rot, gelb, himmelblau, dunkelgrün, türkis. Im Innern der aufpolierten Häuser haben Galerien und Souvenirshops ebenso Einzug gehalten wie Cafés und Restaurants, selbst Fast-food ist vertreten.

Vor der Entdeckung weiterer Kirchen hat der Herr mühevolle Wege gesetzt. Denn das auf einer Höhe um 1.200 Meter gelegene Ouro Preto ist extrem weitläufig. Anhöhen und Senken treiben ein munteres Wechselspiel, Entfernungen und Höhenunterschiede seien nicht unterschätzt. Wer es tief im Talgrund zur Basilika Nossa Senhora do Pilar schafft, wird in Außen- und Innenansicht ebenfalls reich belohnt, darf aber nicht vergessen: Später muss man den überaus kraft- und gelenkzehrenden Weg ins Zentrum wieder zurück! Noch weiter abseits der City liegen die Marienkirchen Nossa Senhora do Rosário und Nossa Senhora das Dores, außerdem die Igreja Bom Jesus de Matosinhos, die Igreja de Santa Efigênia und die Igreja do Padre Faria.

Angesichts der Fülle an Sakralbauten und der angenehmen Stimmung sollten Besucher mindestens eine Nacht in Ouro Preto verbringen. Zudem verströmt das Städtchen bei Dunkelheit ein Plus an Flair: wenn die Tagesausflügler abgezogen sind, das monumentale Erbe in dezenter Beleuchtung erstrahlt und die Lichtreflexe über das Kopfsteinpflaster fluten.

Text und Fotos: Andreas Drouve