Altöttinger Liebfrauenbote
Auf dem "Jungfraufelsen" vor Biarritz wacht eine Marienstatue über das Schicksal der Fischer.
Auf dem "Jungfraufelsen" vor Biarritz wacht eine Marienstatue über das Schicksal der Fischer.

Biarritz – Rückkehr zur Ruhe nach dem "Gipfel-Sturm"

Die Stadt am Jungfraufelsen

"Ich wüsste keinen Ort, der reizvoller und herrlicher wäre als Biarritz", schwärmte der Dichter Victor Hugo, als er 1843 in Südwestfrankreich hier am Atlantik Station machte. Mit der Idylle war es vor wenigen Tagen vorbei, als Biarritz beim G7-Gipfel im Fokus der Weltöffentlichkeit stand. Bis vergangenen Montag erlebte das 25.000-Einwohner-Städtchen seinen Ausnahmezustand und mutierte angesichts der Furcht vor Attentaten und Krawallen zum Hochsicherheitstrakt.

Der ehemalige kaiserliche Palast ist heute ein Luxushotel.
Der ehemalige kaiserliche Palast ist heute ein Luxushotel.

Während des G7-Gipfels vom 24. bis 26. August kamen auf einen Einwohner zwei Polizisten. Und das während der so lukrativen Hochsaison! Eine surreale Konstellation auf Kosten der Leidensfähigkeit von Urlaubern und Anwohnern. Zumal der Bahnhof und Flughafen wegen Merkel, Trump & Co für das gemeine Volk ebenso geschlossen blieben wie der Hauptstrand. Die Auswirkungen reichten bis zur französisch-spanischen Grenze in 30 Kilometern Entfernung, Szenario eines "Antigipfels" und Protestmarsches von Globalisierungsgegnern. Nun ist der "Gipfel-Sturm" vorbei, die Normalität zurückgekehrt. Grund genug, das wahre Biarritz der Strände, Kirchen und eleganten Seiten in Ruhe zu entdecken.

Zurück zu Victor Hugo. Umweht von den Brisen des Golfs von Biskaya, fand er am Meer ein malerisches weißes Dorf mit roten Dächern und grünen Fensterläden vor und prophezeite mit geradezu hellseherischer Kraft, dass Biarritz Mode machen würde: "Und dieser Tag wird bald kommen." Hugo sollte Recht behalten. Bereits im Jahrzehnt darauf wählten Kaiserin Eugénie und Napoléon III. einen kleinen Hügel über dem Hauptstrand als Platz für ihre protzige Sommerresidenz.

Walfänger und ungewöhnliche Sakralbauten

"Strand der Könige, die Königin der Strände" – rechts im Hintergrund der historische Kaiserpalast und die Orthodoxe Kirche.
"Strand der Könige, die Königin der Strände" – rechts im Hintergrund der historische Kaiserpalast und die Orthodoxe Kirche.
Die "Kaiserliche Kapelle", die Chapelle Impériale, von außen ...
Die "Kaiserliche Kapelle", die Chapelle Impériale, von außen ...
... und innen.
... und innen.

Fortan avancierte Biarritz zur Spielwiese der High Society und bekam internationales Flair. Was für Frankreichs Herrscherpaar gut war, hielt selbstredend auch der hinterher strömende Adel für perfekt. Blaublütler aus England und Spanien trafen ein, Prinzen aus Osteuropa und überhaupt jeder, der etwas auf sich hielt und über genügend Kleingeld verfügte. Biarritz, das war der gern apostrophierte "Strand der Könige, die Königin der Strände".

Große Fische wie beim G7-Gipfel waren nicht neu in Biarritz, allerdings vor Jahrhunderten anderer Art: Wale. Verwegene Männer zerlegten im Mittelalter ihre Fänge an den Stränden, ebendort, wo sich heute ein buntes Bade- und Surfervolk einfindet. Bis ins 17. Jahrhundert hinein war der Walfang die dominierende Einkommensquelle (woran das lokale Wappen erinnert), bis sich die dezimierten Tiere zurückzogen und die Herren über Harpunen und Boote zu gefährlichen Reisen bis nach Neufundland herausforderten.

Fortan dümpelte Biarritz blass durch die Zeiten, bis sich das Blatt der Geschichte durch das erwähnte Kaiserpaar wendete. Der von Napoléon III. und der spanischstämmigen Eugénie frequentierte Kaiserpalast, der längst in das von fünf Sternen gekrönte Nobelquartier "Hôtel du Palais" verwandelt worden ist, setzte von Architektur und Statusdenken her ein Ausrufezeichen.

Zum Terrain gehörte seinerzeit eine weitläufige Parkanlage, wo sich Eugénie eine separate Privatkapelle erbauen ließ: die Chapelle Impériale, ein Schmuckstück, gehalten in einem stilistischen Mix aus neo-byzantinisch und spanisch-maurisch. Heutzutage ist der historisch wertvolle Backsteinbau, der sich mittlerweile ein wenig von umliegenden Häusern bedrängt sieht, der Öffentlichkeit nach Voranmeldung zugänglich; ansonsten sind nur wenige heilige Messen pro Jahr angesetzt. Geweiht ist die 1865 beendete Kapelle der Patronin von Mexiko, Unserer Lieben Frau von Guadalupe, in Erinnerung an die unselige französische Intervention zur selben Zeit in Mexiko. Die Bänkchen der Kapelle wirken plüschig, Schmuckkacheln steigen wandaufwärts, die Holzdecke ist modern ausgemalt worden.

Stadt mit vielen Facetten

Blick auf die Orthodoxe Kirche von Biarritz.
Buntglasfenster in der "Kaiserlichen Kapelle".
Buntglasfenster in der "Kaiserlichen Kapelle".
Die Felsenküste und der Leuchtturm von Biarritz – hier trafen sich die Teilnehmer des G7-Gipfels am 24. August zum Dinner.
Die Felsenküste und der Leuchtturm von Biarritz – hier trafen sich die Teilnehmer des G7-Gipfels am 24. August zum Dinner.

Nahebei liegt ein weiterer Sakralbau mit ungewöhnlicher Note, in Außenansicht beherrscht vom Kuppelwerk: die Orthodoxe Kirche, 1890-92 erbaut und gemeinsam der Gottesmutter und dem russischen Nationalhelden Alexander Newski geweiht. Die Kirche belegt die anhaltende Präsenz der russischen Gemeinschaft.

In Biarritz versteht man sich – typisch Frankreich – bestens auf die Selbstvermarktung, beflügelt durch die Facetten der Stadt. Da gibt es den Fischerhafen, den Markt, den in Sicht des Hauptstrands gelegenen Leuchtturm (zuletzt Kulisse eines feudalen G7-Dinners), den idyllischen Binnensee Marion, das Casino im Art-Déco-Stil, den 1888 von Briten begründeten Golfplatz "Le Phare", Möglichkeiten zur Thalassotherapie, die schicken Einkehr- und Bummelzonen um die Rue Mazagran und die Place Sainte-Eugénie. Ebendort sticht die Église Sainte-Eugénie hervor, eine 1903 geweihte Kirche in neogotischem Stil.

Im Innern beeindruckt die Église Sainte-Eugénie durch die von Luc-Olivier Merson und dem Meisterglasmaler Lesquibes geschaffenen Fenster. Dass man es in der Nähe in manch noblen Boutiquen, Brasserien und Patisserien von den Lebendigen nimmt, sei nicht verschwiegen.

Die Verlängerung der Rue Mazagran, die muntere Rue du Port-Vieux, ebnet den Weg zum "Jungfraufelsen", Rocher de la Vierge. Namensgeber ist ein kleines, leuchthelles Marienbildnis, das seit 1864 symbolischen Schutz für die Fischer verheißt und weithin auszumachen ist. Hinüber auf den langgezogenen Aussichtsvorsprung des "Jungfraufelsens" führt eine von Gustave Eiffel konzipierte Eisenbrücke. Rundherum gibt sich Biarritz plötzlich von einer anderen Seite: rau, wild, ungezähmt. Atlantikbrecher donnern gegen die Felsen, schäumen durch Felsenbögen und schicken die Gischt als Gruß hinauf. Ein kontrastreiches Plus der Aussichtsreize ist die Nähe zu den Ausläufern der Pyrenäen. In ruhigeres Fahrwasser tauchen Besucher unweit vom Rocher de la Vierge im Aquarium ein.

Keine Frage, der Aufenthalt eines Nordamerikaners mit blonder "Betonfrisur" hat Einzug gehalten in die jüngsten Annalen von Biarritz. Doch Präsident Donald Trump ist nicht der einzige US-Bürger mit einem Platz in der Stadtgeschichte. 1957 traf der Drehbuchautor Peter Viertel ("African Queen", "Der alte Mann und das Meer"), später bekannt auch als Gemahl von Hollywoodstar Deborah Kerr, in Biarritz ein. Laut Überlieferung brachte er ein Surfbrett aus Hawaii mit. Zu Peter Viertels Wasserauftritt und seiner nachhaltigen Schubwirkung heißt es in einer Schrift der Stadt Biarritz gleichermaßen enthusiastisch wie überzogen: "Dieses Ereignis wurde von den sprachlosen Blicken der Einwohner begleitet, die zum ersten Mal in Europa einen Menschen auf einer Welle reitend sahen! Doch es begeisterte die Menge, und so fand diese Sportart in Frankreich rasch zahlreiche Anhänger. Das Surfen in Europa war damit geboren." Davon profitiert Biarritz bis heute; pro Jahr verbuchen die Surfschulen einen Zulauf von etwa 10.000 Wassersportfreaks. Gipfelteilnehmer Trump dagegen hat keine sportliche Langzeitbewegung ausgelöst, sondern unter Bürgern und Demonstranten kurzzeitig Emotionen hoch kochen lassen. Das ist vorbei. Zum Glück.

Text und Fotos: Andreas Drouve