Altöttinger Liebfrauenbote
Das Füllhorn, das der Regenwald seinen Bewohnern zu bieten hat, wird liebevoll in einem essbaren Mandala arrangiert (siehe Text unten). Die Lebensmittel werden danach gesegnet – auf katholisch-brasilianische sowie auf Tikuna-Art.
Das Füllhorn, das der Regenwald seinen Bewohnern zu bieten hat, wird liebevoll in einem essbaren Mandala arrangiert (siehe Text unten). Die Lebensmittel werden danach gesegnet – auf katholisch-brasilianische sowie auf Tikuna-Art.

Wie Misereor und seine Partner im Amazonas-Dschungel "Felder des Überflusses" schaffen

Füllhorn der Zukunft

Die westliche Kolonialisierung hat versucht, angepasste Lebensweisen in Amazonien auszumerzen. Ein Misereor-Projekt stärkt die Widerstandskraft von Indigenen und Kleinbauern. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

Mit Macheten und Kettensägen ausgestattet legen die Workshop-Teilnehmer im Regenwald "Felder des Überflusses" an, wie Juan Pablo Zárate, Workshop-Leiter und Direktor der NGO FUCAI, sie nennt.
Mit Macheten und Kettensägen ausgestattet legen die Workshop-Teilnehmer im Regenwald "Felder des Überflusses" an, wie Juan Pablo Zárate, Workshop-Leiter und Direktor der NGO FUCAI, sie nennt.

"Wir machen hier Chaos mit System", lacht Juan Pablo Zárate und schwingt seine Machete im Dickicht des brasilianischen Regenwalds. Ich bemühe mich zu verstehen, warum die Teilnehmerinnen und Teilnehmer seines Waldgarten-Workshops Maniok neben Ananas setzen, wieso die Stachelpalme der Machete zum Opfer fällt und der Lapacho stehen bleiben darf.

Rund fünf Dutzend Teilnehmer, mit Macheten, Stöcken und Kettensägen ausgerüstet, sind trotz der schweißtreibenden Arbeit in der Tropenhitze, trotz Moskitos und Feuerameisen, voll dabei und helfen sich gegenseitig. Kleinbauern sind darunter, viele Indigene aus Peru, Kolumbien und Brasilien, Ordensleute und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Mitten aus dem bunten Treiben ragt Misereor-Mitarbeiter Stefan Kramer. Das Werk für Entwicklungszusammenarbeit hat den Workshop zusammen mit Zárates NGO FUCAI organisiert. "Wir wollen damit die Agroökologie in Amazonien bekannter machen und Dörfer und Organisationen vernetzen", sagt Kramer. Kein leichtes Unterfangen am Amazonas, wo die Entfernungen riesig, die Kommunikationswege prekär und die Kulturen vielfältig sind. Und doch ist es dringender nötig als je, seit der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro zur agroindustriellen Großoffensive am Amazonas geblasen hat. Die Abholzung galoppiert. Auch Peru, Ecuador, Bolivien und Kolumbien treiben gnadenlos Monokulturen und Bergbau- und Erdölprojekte im Regenwald voran.

"So sahen die Äcker meiner Großeltern aus"

Gilton Campos freut sich über das vielfältige Angebot an frischem Obst und Gemüse, das der Regenwald ihm und seiner Familie bietet. In schwindelerregender Höhe pflückt er Pupunha, die Frucht der Stachelpalme.
Gilton Campos freut sich über das vielfältige Angebot an frischem Obst und Gemüse, das der Regenwald ihm und seiner Familie bietet. In schwindelerregender Höhe pflückt er Pupunha, die Frucht der Stachelpalme.

Gegen Mittag ist das Feld in der indigenen Gemeinde Guanabara III so groß wie ein Fußballplatz und sieht völlig anders aus als ein deutscher Acker: leicht abschüssig dem natürlichen Relief folgend, keine geraden Furchen, alle paar Meter wächst etwas anderes, Bananenstauden und hohe Bäume sorgen für Schatten. Und dennoch ist es ein Meisterwerk, das sich in den umliegenden Regenwald perfekt integriert, seine Vielfalt nachahmt und eine Familie rund ums Jahr mit frischem Obst und Gemüse versorgt.

"Felder des Überflusses", nennt Zárate das Konzept. "So sahen die Äcker meiner Großeltern aus", sinniert Gilton Campos. Er ist 33 und Tikuna wie fast alle Einwohnerinnen und Einwohner des Weilers am oberen Flusslauf des Amazonas. Doch wie die meisten seiner Generation wuchs er zwischen den Stühlen zweier Welten auf, zwischen Strom und Lagerfeuer, zwischen TV-Seifenopern und Mythen. All das, zusammen mit einem prekären Bildungssystem, hat in seinem Kopf Verwirrung gestiftet. "Wir begannen zu denken wie die Weißen, hielten das Leben unserer Ältesten für rückständig und wollten Handys, Außenbordmotoren, Süßigkeiten und Plastikgeschirr", zählt er die Statussymbole am Amazonas auf. Die Folgen für die Kultur und die Umwelt waren verheerend. Gilton fühlte sich unwohl, fand aber keinen Ausweg. Vor drei Jahren hörte er von FUCAI und ging zu einer ersten Versammlung. "Da merkte ich, dass es vielen ähnlich ging", erzählt der Familienvater. FUCAI offerierte ein anderes Konzept, angelehnt an die indigene Philosophie vom Guten Leben in Harmonie mit sich und der Natur.

"Erst jetzt erkenne ich, dass ich nicht viel Geld brauche, weil ich in einem paradiesischen Füllhorn lebe"

Der Indigenen-Anführer Marcelino Apuriná packt selbst mit an, wenn es beim Tauziehen darum geht, "Knappheit" und "Fülle" spielerisch zu demonstrieren.
Der Indigenen-Anführer Marcelino Apuriná packt selbst mit an, wenn es beim Tauziehen darum geht, "Knappheit" und "Fülle" spielerisch zu demonstrieren.

Die Waldgärten sind nur der sichtbare Teil. Sie sorgen für eine ausgewogene Ernährung. Doch der Workshop geht tiefer, der eigene Lebensstil soll hinterfragt werden. Konzepte wie "Knappheit" und "Fülle" bekommen durch gruppendynamische Spiele wie Tauziehen und einen oratorischen Wettstreit ganz neue Dimensionen. Die Monokulturen, die Brasiliens Agroexporteuren so viele Devisen bringen, landen im Lager der "Knappheit". "Davon kann ich meine Familie nicht ernähren, und die Dünger und Pestizide machen Mutter Erde unfruchtbar", unterstreicht Milton Nambikwara Halotesu, ein Indigenenanführer mit imposantem Federschmuck.

"Ich hielt mich für arm, weil ich nicht so leben kann wie die Weißen", sagt Gilton. "Erst jetzt erkenne ich, dass ich nicht viel Geld brauche, weil ich in einem paradiesischen Füllhorn lebe", fügt er hinzu und deutet auf das essbare Mandala, das die Gruppe auf Bananenblättern liebevoll arrangiert hat. Jeder hat etwas mitgebracht aus seinem Dorf: Palmfrüchte, Bananen, Knollen, Kräuter, Amazonasfische. Es ist ein prachtvoll anzusehendes Kunstwerk, arrangiert von Giltons Frau Irasete. Sie ist eine Art Chefköchin des Dorfes und spezialisiert auf traditionelle Gerichte.

"Nur wenn die Menschen selbstbewusst sind, werden sie ihre Kultur und den Wald verteidigen"

Nach der Segnung werden die Lebensmittel gemeinsam zubereitet; unter der Anleitung von "Chefköchin" Irasete Campos.
Nach der Segnung werden die Lebensmittel gemeinsam zubereitet; unter der Anleitung von "Chefköchin" Irasete Campos.

Die Lebensmittel werden gesegnet – einmal brasilianisch-katholisch und dann auf tikuna – bevor sie in Kochtöpfen verschwinden. In kleinen Gruppen wird gekocht, bevor alle wieder mit dampfenden Schüsseln zurückkehren und jeder sein Gericht vorstellt. Beim anschließenden Essen ist die Stimmung auf dem Siedepunkt. Vorher Wildfremde tauschen Adressen, Rezepte und Sorgen aus, einer richtet eine WhatsApp-Gruppe ein. Kramer und Zárate strahlen zufrieden.

"Nur wenn die Menschen selbstbewusst sind, wenn sie den Regenwald schätzen, wenn sie sich unterstützt fühlen, werden sie ihre Kultur und den Wald verteidigen", resümiert Zárate. Und damit nicht nur ihren eigenen Lebensraum schützen, sondern der Menschheit einen Dienst erweisen. Zum Schluss enthüllt Zárate noch ein paar agronomische Geheimnisse der tropischen Waldgärten: der Lapacho beispielsweise ist den Indigenen heilig und Quelle vieler Heilmittel. Ananas und Maniok halten sich gegenseitig Schädlinge vom Hals. Den Regenwald und seine Logik zu entschlüsseln ist eine faszinierende Aufgabe – mit noch vielen Rätseln.

Text: Sandra Weiss (Misereor), Fotos: Florian Kopp/MISEREOR

Misereor und die Amazonassynode

Logo der Amazonas-Synode.
Logo der Amazonas-Synode.

Vom 6.-27. Oktober 2019 hat Papst Franziskus circa 250 Teilnehmende zur Bischofssynode, zur Sonderversammlung für Amazonien eingeladen. Aus der Sorge um die Erde und die Menschen, aus Sorge um das "gemeinsame Haus", wie Papst Franziskus es in seiner Enzyklika Laudato si' formuliert, erhofft sich Misereor von der Amazonassynode ein Signal für ein weltweit sozial-ökologisches Umdenken. Seit 2016 unterstützt Misereor die Arbeit der kolumbianischen Stiftung FUCAI (Fundacion Camino de Identidad) im Länderdreieck Brasilien, Kolumbien und Peru. FUCAI wendet in mehrtägigen Workshops die insbesondere auf indigene Völker zugeschnittene Methode "Aula Viva" ("Lebende Schule") an. Es handelt sich dabei um ein nachhaltiges Lebens- und Wirtschaftsmodell im Einklang mit dem Regenwald. Es beruht auf dem Ansatz, dass es im Amazonaswald weder Lebensmittelknappheit noch Unterernährung geben muss, sondern man sich durch eine diversifizierte Waldbewirtschaftung vielseitig und reichhaltig ernähren kann. Bei Aula Viva wird auf die traditionelle Brandrodung verzichtet. Sowohl bei der Anlage diversifizierter, agroforstwirtschaftlicher Pflanzungen als auch beim zu jeder Aula Viva dazugehörenden gemeinsamen Kochen stehen die reichhaltigen, lokal teilweise unterschiedlichen, spirituellen und kulturellen Praktiken und Kenntnisse der Teilnehmer und Teilnehmerinnen im Mittelpunkt.

Text: red , Foto: Misereor