Altöttinger Liebfrauenbote
Via Lewandowski, "GOOD GOD", Lichtinstallation zwischen den Osttürmen des Bamberger Domes.
Via Lewandowski, "GOOD GOD", Lichtinstallation zwischen den Osttürmen des Bamberger Domes.

"Der Funke Gottes!" – Die Sammlung des Bamberger Diözesanmuseums im Dialog mit zeitgenössischer Kunst

Werke, die etwas wollen

Abends ist auf Bambergs Partymeile richtig was los. Wer jedoch zum Domhügel aufschaut, fühlt sich vom bunten Treiben losgelöst. Zwischen den Osttürmen des Domes leuchten und blinken weiße Neonbuchstaben. Zunächst ergeben sie das englische Wort "GOOD". Dann beginnt das zweite "O" zu flackern und bleibt schließlich aus, so dass da nun etwas lückenhaft das Wort "GOD" auf die Stadt strahlt. Das ergibt zusammen die Glaubensbotschaft "GOOD GOD – GUTER GOTT". Zugleich ist Via Lewandowskis zehn Meter breite Lichtinstallation Reklame für die Ausstellung "Der Funke Gottes!"

Wilhelm Lehmbruck, Kopffragment der Skulpturengruppe Mutter mit Kind, 1918, Steinguss. Hinten: Heilige Katharina, Rheinfranken (?), um 1480, Lindenholz.
Wilhelm Lehmbruck, Kopffragment der Skulpturengruppe Mutter mit Kind, 1918, Steinguss. Hinten: Heilige Katharina, Rheinfranken (?), um 1480, Lindenholz.

Die außergewöhnliche Schau findet im neben dem Dom gelegenen Diözesanmuseum statt. Es beherbergt bis zu 1.000 Jahre alte sakrale Werke von Weltrang. Allen voran die vom heiligen Kaiserpaar Heinrich II. und Kunigunde gestifteten Mäntel sowie den Ornat des 1047 gestorbenen Papstes Clemens II. aus seinem Grab im Westchor des Domes. Zu den museumseigenen Schätzen gesellen sich nun zeitgenössische Arbeiten von 60 internationalen Künstlern. Den Titel der Ausstellung erklärt Gastkurator Alexander Ochs so: "Wir sind überzeugt, dass jedes gute Kunstwerk einen spirituellen Antrieb in sich trägt, der sich dem Publikum mitteilt. Diesen nennen wir den Funken Gottes." Über die Auswahl der Leihgaben sagt Museumsleiter Holger Kempkens: Es sind "Arbeiten, die in irgendeiner Form etwas wollen, die inspiriert sind."

"Gezieltes Nebeneinander"

Barocke Prozessionsstäbe der Bamberger Zünfte, Anfang bis 2. H. 18. Jh. Holz, farbig gefasst und vergoldet.
Barocke Prozessionsstäbe der Bamberger Zünfte, Anfang bis 2. H. 18. Jh. Holz, farbig gefasst und vergoldet.
Reliquiar für das Schürztuch Christi Bamberg, um 1720, Holz, vergoldet, Glas, Klosterarbeit, roter Seidendamast, Goldspitze, Pergament.
Reliquiar für das Schürztuch Christi
Bamberg, um 1720, Holz, vergoldet, Glas, Klosterarbeit, roter Seidendamast, Goldspitze, Pergament.

Die von Ochs als "gezieltes Nebeneinander" bezeichnete Präsentation von zeitgenössischer Kunst und alten sakralen Werken hat unterschiedlichen Charakter. Im Treppenhaus begründet formale Ähnlichkeit das gesellige Beisammensein zahlreicher barocker Prozessionsstäbe (18. Jh.) mit Stelen, die ihr Schöpfer Karsten Konrad "Torno" (2019) nennt. Bei den Prozessionsstäben handelt es sich um kunstvoll gestaltete Kerzenständer, die sich die Steinhauer, Schlosser, Bäcker und andere Zünfte anfertigen ließen. Einige werden noch immer bei der großen Bamberger Prozession am Fronleichnamstag mitgeführt. Aber nur auf den ersten Blick ähneln die Prozessionsstäbe den zwischen ihnen aufgerichteten Arbeiten Konrads. Schnell erkennt man die Differenz: Konrad hat Vasen, Schüsseln, Dosen und andere Fundstücke aufgestapelt, um so dem Ausrangiertem neue Würde und Schönheit zu verleihen.

Im zweiten Raum der Kustorei pflegen Pracht und Schlichtheit gut nachbarschaftliche Beziehungen. Das "Reliquiar für das Schürztuch Christi" (um 1720) ist in Form eines Altärchens aus vergoldetem Holz angefertigt. Die Reliquie gehört zu den kostbarsten des Bamberger Domschatzes. Darauf weist die Inschrift über dem Schürztuch hin: "Ein Stück / von dem Tuch / mit welchem Christus Jesus / umgürtet war / als Er seinen Jüngern die / Füs gewaschen." Daneben steht eine einfache Emailleschüssel mit der Inschrift "Für Fußwaschung" (1977). Dieses Auflagenobjekt von Joseph Beuys erinnert an seine Aktion, bei der er sieben Teilnehmern die Füße wusch, um für Demut und Gleichheit unter den Menschen zu werben.

"Das ist ein magischer Moment"

Links: Ölberg-Gruppe, Mitte 15. Jh., Ton, farbig gefasst. Rechts: Jeppe Hein, This is a Magic Moment, 2016.
Links: Ölberg-Gruppe, Mitte 15. Jh., Ton, farbig gefasst. Rechts: Jeppe Hein, This is a Magic Moment, 2016.
Detailaufnahme der Maria aus einer Kreuzigungsgruppe, Mitte 14. Jh., Holz.
Kruzifix aus Elfenbein; Deutschland, um 1130/40.
Kruzifix aus Elfenbein; Deutschland, um 1130/40.

Im Kreuzgang behauptet Jeppe Hein "Das ist ein magischer Moment". Sein quadratischer Spiegel mit der Neonbotschaft "This is a Magic Moment" (2016) fordert zur Selbstbetrachtung auf. Was wäre für mich ein "magischer Moment"? Dieser etwa? Bahnt sich hier etwas Besonderes an oder vollzieht sich gerade? In dieser Umgebung kann man Heins Arbeit aber auch als Kommentar zur benachbarten "Ölberggruppe" (Mitte 15. Jh.) begreifen. Die Tonfiguren künden vom Auftakt des Leidensweges Christi. Während drei Jünger im Hocken eingedöst sind, fasst er den von Angst begleiteten Entschluss, sich in seine Erlösertat zu fügen: "Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe."

In der Paramentenkammer erwartet den Besucher ein provokant wirkendes Nebeneinander. Das mit über 80 Zentimetern einmalig große romanische Kruzifix aus Elfenbein (um 1130/40) gehört zu den wertvollsten Stücken der Sammlung. Der würdevolle, eher schlafend als tot erscheinende Gekreuzigte weist nur an den Händen Wundmale auf und ist ansonsten makellos. Handelt es sich bei dem neben ihm hängenden Gemälde um Blasphemie (Gotteslästerung)? Marianna Gartners mit Dornenkrone ausgestatteter "Tattooed Jesus" (2004) erregt zumindest gemischte Gefühle. Jesu Körper ist mit Tätowierungen übersäht. Auf dem rechten Arm prangt ein Lindwurm mit Teufelsfratze, auf den linken ist die als "Mother" bezeichnete Madonna tätowiert. Den Brustkorb des Herrn "schmückt" ein von einem Dolch durchbohrter Totenschädel, den ein Band mit der Aufschrift "Fool for Love" umspielt, darunter ein blutendes Herz mit Dornenranke. Der tätowierte Jesus irritiert zwar einerseits, aber andererseits wirkt er wie eine moderne Votivgabe, die sich auf die Hervorbringungen der Volksfrömmigkeit berufen kann.

"Memento mori"

Vorn: Leiko Ikemura, Memento Mori, 2013, Bronze, patiniert. Hinten: Blauer Mantel der hl. Kaiserin Kunigunde, Süddeutschland, 11. Jh., Goldstickerei.
Vorn: Leiko Ikemura, Memento Mori, 2013, Bronze, patiniert. Hinten: Blauer Mantel der hl. Kaiserin Kunigunde, Süddeutschland, 11. Jh., Goldstickerei.

Der größte Schatz des Diözesanmuseums befindet sich im Steinsaal. Die von Heinrich II. und seiner Gemahlin Kunigunde gestifteten Kaisermäntel sind die ältesten erhaltenen Gewänder europäischer Herrscher. Die Goldstickerei des berühmten "Sternenmantels" (um 1020) zeigt Christus als Weltenherrscher, umgeben von den zwölf Sternzeichen. Vor den prunkvollen Mänteln des als Heilige verehrten Kaiserpaares aber liegt ein anrührendes namenloses Wesen auf dem Steinboden. Die von Leiko Ikemura geschaffene Bronze-skulptur weist leere Augenhöhlen und Einschnitte am Oberkörper auf. Der Rücken erinnert an ein Gerippe, die untere Körperhälfte an eine leicht geöffnete Muschel. Die Künstlerin wählte für ihre Skulptur einen Titel, den seit dem Mittelalter viele sakrale Werke tragen: "Memento mori – Sei dir der Sterblichkeit bewusst."

Text und Fotos: Veit-Mario Thiede

 

Die Ausstellung ist bis 10. November 2019 im Diözesanmuseum Bamberg, Domplatz 5 zu sehen. Öffnungszeiten: Di.-So. 10-17 Uhr. Informationen: Tel.: 0951-5022502, Internet: www.dioezesanmuseum-bamberg.de. Eintritt: 10 Euro.