Altöttinger Liebfrauenbote

Auf den Spuren des heiligen Martin durch Tours

"Teile und Liebe"

"Martin war vergessen, aber wir haben ihn wiederentdeckt", heißt es im "Centre Culturel Européen de Saint Martin" im französischen Tours (www.saintmartindetours.eu), wo man sich dem Heiligen besonders verpflichtet fühlt, der seinen Mantel der Legende nach mit einem Bettler teilte. Wander- und Kulturwege auf den Spuren des Sankt Martins hat die Institution in ganz Europa neu belebt. Sie alle führen über das französische Tours oder nehmen dort ihren Anfang.

Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckten Archäologen in den Trümmern der alten Basilika Reste des Martinsgrabes. Das war der Anlass für den Bau der neuen Basilika Saint-Martin de Tours.
Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckten Archäologen in den Trümmern der alten Basilika Reste des Martinsgrabes. Das war der Anlass für den Bau der neuen Basilika Saint-Martin de Tours.
Grab des hl. Martin in der Krypta der Basilika.
Grab des hl. Martin in der Krypta der Basilika.
Die alte Martinsbasilika auf einer Postkarte.
Die alte Martinsbasilika auf einer Postkarte.
Turm der alten Martinsbasilika.
Turm der alten Martinsbasilika.

Tours, eine gute Schnellzugstunde westlich von Paris, ist auch heute noch Zentrum des Martinskultes. Rund um das Grab des Heiligen in der Basilika Saint-Martin de Tours bezeugen Hunderte von Votivtafeln seine Popularität. "Teile und Liebe" heißt es auf einer, angebracht nach einer Wallfahrt von Pilgern der Aachener Martinus-Pfarrei. Hinter der Kirche steht der Turm Karls des Großen. Er ist von der alten Martins-Basilika übriggeblieben, die mit 114 Metern Länge und 24 Metern Höhe einmal eines der mächtigsten Gotteshäuser Europas war. "Wenn man nicht gläubig war", sagt Annick, die heute Touristen auf den Spuren des Heiligen durch Tours führt, "die Größe dieser Kirche hat jeden bekehrt".

Über Martins Grab hatte man schon im späten 5. Jahrhundert eine erste Kirche errichtet, die nach einem Großbrand im 11. Jahrhundert neuer und größer wiederaufgebaut, in den Wirren der Französischen Revolution aber endgültig zerstört wurde. Nur ein paar Gewölbe und der mächtige Uhrturm haben die Sprengungen der Revolutionsgarden überlebt.

Kaiser und Könige, vor allem die Karolinger, pilgerten besonders gern zu Martins Grab. Auch die fränkischen Herrscher, die ihn zu ihrem Nationalheiligen gemacht hatten. Martins Mantel, die so genannte Cappa, nahmen sie auf ihren Kriegszügen immer als Glücksbringer mit. Meist brachte man den Schatz in kleinen Kirchenräumen unter, die man deshalb Kapelle nannte. Die Männer, die das Mantelteil begleiteten, hießen dementsprechend Kappelane, aus denen die heutigen Kapläne wurden. Um die Pilger zu betreuen, siedelten sich im Lauf der Zeit immer mehr Orden und Geistliche in "Martinopolis" an, wie die Stadt Tours einmal hieß. Zeitweise zählte man bis zu 28 Kirchen rund um die alte Basilika, in deren Trümmern man Mitte des 19. Jahrhunderts die Reste des Martinsgrabes entdeckte. Es war der Anlass, eine neue Basilika zu bauen und Martin eine würdige Grabstätte zu bewahren.

Wie zu Römerzeiten führt auch heute eine große Brücke über die Loire zum Kloster Marmoutier auf der rechten Seite des Flusses. 372 hatte es Martin gegründet, der auch nach der Wahl zum Bischof ein asketischer Mensch geblieben war und keinen Wert auf bischöfliche Kleidung legte. Mit bis zu achtzig Lebensgefährten soll er hier in kleinen Höhlen oder Hütten gehaust haben. Noch immer sind die Archäologen hier auf seinen Spuren, kann man das weite Gelände nur im Rahmen organisierter Führungen betreten.

Von Höhlen und Hütten zu Kloster und Kathedrale

Reste der alten Kirche des Klosters Marmoutier, in dem der hl. Martin auch als Bischof asketisch lebte.
Reste der alten Kirche des Klosters Marmoutier, in dem der hl. Martin auch als Bischof asketisch lebte.
Die prächtige gotische Fassade der Kathedrale von Tours.
Die prächtige gotische Fassade der Kathedrale von Tours.
Die Martinsfenster (links und rechts, 13. Jh.) der Kathedrale von Tours.
Die Martinsfenster (links und rechts, 13. Jh.) der Kathedrale von Tours.
Der heilige Martin erweckt einen Taufbewerber wieder zum Leben – Detail aus dem linken Martinsfenster in der Kathedrale Saint-Gatiens, Tours. Sie ist dem heiligen Gatianus geweiht, dem ersten Bischof der Stadt.
Der heilige Martin erweckt einen Taufbewerber wieder zum Leben – Detail aus dem linken Martinsfenster in der Kathedrale Saint-Gatiens, Tours. Sie ist dem heiligen Gatianus geweiht, dem ersten Bischof der Stadt.
Viele Wallfahrer kommen nach Tours und übernachten u.a. in der Pilgerherberge "Haus der Heiligen Familie".
Viele Wallfahrer kommen nach Tours und übernachten u.a. in der Pilgerherberge "Haus der Heiligen Familie".

Am nächsten kommt man Martins Welt aber in der mächtigen Kathedrale von Tours mit ihren beiden 70 Meter hohen Türmen. Überall in dem gotischen Prachtbau begegnet man heute dem Heiligen – etwa auf einem mittelalterlichen Wandfresko hinter dem Grabmal für die „Kinder Frankreichs“, den früh verstorbenen Nachkommen des französischen Königs Karl VIII. Es zeigt wie viele andere Abbildungen auch die legendäre Mantelteilung vor den Toren Amiens. Wie ein Comic erzählen zwei riesige Glasfenster aus dem 13. Jahrhundert aus Martins Leben. Sie zeigen ihn als Teufelsaustreiber, bei der Erweckung eines zur Taufe bestimmten Jünglings vom Tod, beim Treffen mit dem Kaiser und dem Engel, der ihm den Zugang zum kaiserlichen Hof erst möglich gemacht haben soll. Andere Fensterbilder zeigen, wie Heiden neben ihm einen Baum fällen, ohne Martin zu verletzten, oder bei seinem visionären Treffen mit den drei heiligen Frauen Maria, Agnes und Tecla.

Aber auch seine Weihe zum Bischof nimmt in den Fenstern Gestalt an – und sein Tod im Dörfchen Candes, wo er als Bischof einen Streit unter Pfarrern schlichten musste. Hochbetagt ereilte ihn dort am 8. November 397 der Tod. Am 11. November wurde er per Schiff nach Tours überführt. Bei schlechtem Wetter war man in Candes gestartet, bei schönstem Sonnenschein in Tours gelandet. Sogar die Bäume, erzählt die Legende, hätten zu blühen angefangen, als man den toten Bischof an Land brachte. Als Martini-Sommer bezeichnen die Franzosen deshalb noch heute alle späten und warmen Sonnentage im Jahr.

Wie lebendig der Martinskult noch immer ist, zeigen die erst 2013 eingesetzten neuen Glasfenster der Kathedrale. Sie zeigen Bilder von Martinsfesten in ganz Europa oder Campingzelte, die man für Obdachlose gespendet hat – wenn man so will, eine ganz moderne Form der Mantelteilung. Dem heiligen Martin fühlen sich auch viele Winzer rund um Tours verpflichtet, die ihm den Qualitätsweinbau in der Region zuschreiben. Eines Tages, erzählen sie gern, sei Martin mit seinem Esel durch die Weinberge gezogen. Als das Grautier bei einem Zwischenstopp die Blätter von den Weinstöcken fraß, beschimpften ihn die den Weinberg pflegenden Mönche. Als im Herbst aber größere und süßere Trauben an den Reben hingen als sonst, werteten sie die Fressattacken des Esels rückblickend als ein Wunder.

Text und Fotos: Günter Schenk

 

Martin von Tours – Stationen seines Lebens

  • 316 Geburt im heute ungarischen Szombatheley
  • 338 Mantelteilung in Amiens
  • 354 Taufe durch Bischof Hilarius
  • 356 Martin quittiert bei Worms seinen Dienst als römischer Soldat
  • 360/1 Gründung des ersten gallischen Klosters in Ligugé
  • 371 Weihe zum Bischof von Tours am 4.Juli
  • 372 Gründung des Klosters Marmoutier
  • 384 Besuch bei Kaiser Maximus in Trier zusammen mit Ambrosius von Mailand
  • 397 Tod in Candes und Grablege in Tours am 11. November