Altöttinger Liebfrauenbote

Ein Impuls zum rechten Blick auf sich selbst und die anderen

Wohin mit dem Stolz?

In der Genesis heißt die Ursache aller Sünde: "Denn sie wollten sein wie Gott". Der katholische Theologe Heribert Mühlen meinte dazu lakonisch: "Irgendwie ist das nie ganz rauszukriegen". Wie eine neunköpfige Hydra haust in jedem Menschen die Versuchung, sich etwas einzubilden.

Stolz "wie der Gockel" gebärden sich oft auch die Menschen ...
Stolz "wie der Gockel" gebärden sich oft auch die Menschen ...

Im Fernsehen ist von früh bis spät zu vernehmen: "Ich bin stolz auf, wir sind stolz auf ..." Da genügt schon die gleiche Landsmannschaft – und man bildet sich etwas ein auf Leistungen, zu denen man selbst nicht das Geringste beigetragen hat – oder dies auch nicht könnte. Der Inhalt, die Werte sind dabei völlig gleichgültig: es muss nur in irgendeiner Hinsicht das größte, längste sein (z.B. Apfelstrudel, Fingernägel, Bärte ... siehe auch Guinness-Buch der Rekorde). Oder eine Familienzugehörigkeit, vor allem mit Besitz ... und man schaut auf die anderen runter, die nicht dazugehören, also nicht so großartig sind. Sehr wirksam, aber im Grunde meist lächerlich, nichts als heiße Luft – jedoch ein wenig Macht über andere, über Konkurrenten aller Art, die man durch die eigene Großartigkeit zu beschämen sucht. Und wenn man noch "blendend" (!) aussieht, bewirtschaftet man dies gerne, erliegt der Versuchung, als "Bild ohne Gnad" zu agieren. Jetzt beginnt der Teufelskreis des Sich-Hervortuns: "Denen werde ich es aber zeigen!"

Das gebiert Neid, oft sogar Hass, Rache, Mordgelüste, diesen Kains-Affekt. Unverkennbar allerdings ist dieses dubiose Motiv "Stolz" in jungen und mittleren Jahren ein fast unverzichtbarer Hilfsmotor für Leistungen in allen Lebensbereichen. Es kommt indessen darauf an, dass der Stolz nicht zum vorherrschenden Beweggrund wird, dass er nicht zum Steuermann wird. "Wo eine wirkliche geistige Überlegenheit vorhanden ist, wird der Stolz stets unter guter Kontrolle sein" (Jane Austen).

Dann soll halt Antonius die Ansprache halten!

Der heilige Antonius von Padua – im Bild in einer Darstellung in der Neuöttinger Spitalkirche – war ein unerreichbares Vorbild an Bescheidenheit.
Der heilige Antonius von Padua – im Bild in einer Darstellung in der Neuöttinger Spitalkirche – war ein unerreichbares Vorbild an Bescheidenheit.

Der heilige Antonius von Padua war ein unerreichbares Vorbild an Bescheidenheit. Schweigend, mit Hingabe, machte er Tag für Tag im Kloster bei Forli alle Putz- und Dreckarbeiten. Die Mitbrüder hielten ihn deshalb für geistig beschränkt. Dann fiel bei einer Primiz plötzlich der Prediger aus. Einer spottete: Dann soll halt Antonius die Ansprache halten! Er tat es ohne Zögern, so großartig, so bewegend, dass alle sprachlos staunten. Franziskus ernannte ihn daraufhin zum Theologielehrer, nannte ihn seinen Bischof und beauftragte ihn, in den Städten der Romagna zu predigen. Überall strömten die Menschen herbei und füllten die großen Plätze.

Wer auf sich selbst allzu stolz ist, der ist fast immer auch undankbar. Die Undankbarkeit ist vielleicht das schlimmste Defizit im Alltag, im Verhalten der Leute untereinander. Auch Jesus selbst war dadurch verletzt: Von den zehn geheilten Aussätzigen kam nur ein einziger zu ihm und dankte ihm. Jesus: "Wo sind die übrigen neun?"

Die Undankbarkeit wurzelt im Inneren unserer Seele. Nach dem Motto: Wenn ich dem anderen danke, wenn ich ihm was verdanke, dann ist er mir ja "über"! Und das zeig und sag ich "ums Verrecken" nicht. Sonst bildet er sich noch was ein und meint, er ist mir überlegen. Machterhalt um fast jeden Preis ...

"Wenn wir wissen, dass alles in uns Geschenk ist, dann werden wir auch nicht überheblich ..."

Statt gedanken- und verantwortungslosem Stolz braucht es mehr Freude und Dankbarkeit für die Geschenke, die mir zugeteilt sind – echte Freude und Dankbarkeit, wie sie der Gesichtsausdruck des Fischers in diesem Bild zeigt.
Statt gedanken- und verantwortungslosem Stolz braucht es mehr Freude und Dankbarkeit für die Geschenke, die mir zugeteilt sind – echte Freude und Dankbarkeit, wie sie der Gesichtsausdruck des Fischers in diesem Bild zeigt.

Auch der entschiedenste Atheist muss bei ehrlichem und konsequentem Nachdenken erkennen: Absolut nichts von den vielfältigen Bedingungen, die zu Glück, Wohlstand, Gesundheit usw. und deren Aufrechterhaltung führen, kann und konnte er selbst herstellen. Verweist er darauf, wie sehr er sich dafür ins Zeug gelegt hat und immer noch legt, dann sage ihm: Er hat keine Krankheit, die ihn lähmt, er hat den Antrieb, die Gesundheit, die günstigen Lebensumstände, die Begabung dazu, und vieles mehr. Auch seine Mitwirkung verdankt er Kräften, die er selbst, "als Schöpfer seiner selbst", niemals herstellen kann.

"Wenn wir wissen, dass alles in uns Geschenk ist, dann werden wir auch nicht überheblich und geben auch nicht stolz mit unseren Fähigkeiten an. Wir fühlen uns vielmehr verantwortlich für dieses Geschenk, das wir erhalten haben. Und wenn wir Erfolg haben mit unserem Leben, freuen wir uns darüber, aber wir erheben uns nicht über andere, sondern erinnern uns daran, was alles uns zugefallen ist ohne unser Verdienst und ohne unser Zutun." (Anselm Grün, in "Staunen", S. 294 f.)

Das alles immer wieder zu erkennen, immer wieder zuzugeben, wenigstens zuerst im eigenen Inneren, das tut weh: der Selbstliebe, der Selbsterhöhung, dem Narzissmus. Und wir fliehen davor wie vor der Pest.
Was da weh tut, wird nur dann zu einem heilsamen, heilenden Schmerz, wenn ich runter vom letztlich lächerlichen hohen Ross des Stolzes, immer wieder in nüchterner Ehrlichkeit auf diese "Erbsünde" nachgerade spirituell antworte: Zuerst bin ich dankbar dafür, was mir an Gutem geschenkt ist; das darf ich mit Freude auskosten und soll es auch – aber die weithin üblichen, von Stolz dominierten Verhaltensformen verletzen und demütigen oft Menschen, die mit dem "tollen Hecht" konfrontiert sind. Der hat "unverschämt" Glück gehabt! Folglich gehört es sich, dass meine Freude und Dankbarkeit für die Geschenke, die mir unverdient, unverfügbar, schicksalhaft zugeteilt sind, im Blick auf Milliarden ärmerer Menschen von dem existentiellen Gefühl der Scham ergänzt und sozial beantwortet werden muss, will ich nicht die Bodenhaftung verlieren und asozial werden. Bleibe ich stolz, demütige ich andere Menschen dadurch. Ich bleibe existentiell ein Lügner und Dummkopf: "Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz".

"Gegen große Vorzüge eines Anderen gibt es kein anderes Rettungsmittel als die Liebe"

Echte Spiritualität hat auch eine soziale, ja politische Dimension. Im Bild: Eine Beterin in der Anbetungskapelle.
Echte Spiritualität hat auch eine soziale, ja politische Dimension. Im Bild: Eine Beterin in der Anbetungskapelle.

Und wenn ich diesen ehrlichen, spirituellen, steilen Weg gehe (auch als Atheist), wächst in mir hoffentlich der Impuls, etwas zurückgeben zu wollen, anderen Menschen in Not etwas zuteil werden zu lassen. Menschen, die auf dieser Grundlage der Ehrlichkeit leben, die sind angenehm unarrogant, bescheiden. Ijoma Mangold: "Demut meint nichts anderes, als der herben Realität des eigenen Zwergentums ohne Aufmucken ins Auge zu blicken!" Das ist es! Es gibt diese erfreulichen Menschen, man spürt es rasch. Sie wollen nicht überlegen sein oder so tun, weil sie verinnerlicht haben, weil sie tatsächlich verstanden haben, dass sie es nicht sind!

Stolz ist das Schädlichste (und zugleich Lächerlichste). Er gebiert Hass, Rache, Demütigung, Schadenfreude, Neid: unsere schlimmsten inneren Dämonen. Wir wollen nicht daran arbeiten!

"Jetzt hab ich es allen gezeigt!" Mit dieser speziellen Stolz-Ausgabe beginnt der Teufelskreis erbarmungsloser Konkurrenz. Dabei sind wir alle invalid. Wolfgang Ambros: "A jeder is a Minderheit, a jedem geht was ab". Alle haben wir mit Unterlegenheiten und Demütigungen zu leben: die können an einem nagen. Wie können wir aber in unserem "Seelenhaushalt" damit zurechtkommen? Goethe nennt in den "Wahlverwandtschaften" den spirituellen Weg beim Namen: "Gegen große Vorzüge eines Anderen gibt es kein anderes Rettungsmittel als die Liebe."

Spiritualität hat unverzichtbar auch diese soziale, ja politische Dimension: Welche Früchte zeitigt denn meine Leistung für Menschen, die im Dunkeln leben? Diese Gewissensfrage gilt für jeden von uns!

Text: Dr. Karl-Herbert Mandel, Fotos: Roswitha Dorfner 4, privat 1

Dr. Karl-Herbert Mandel.
Dr. Karl-Herbert Mandel.

Der Autor Dr. Karl-Herbert Mandel (Bild, 81) ist engagierter Christ und Psychotherapeut im Ruhestand.