Altöttinger Liebfrauenbote

Improvisierte Kirche im neuseeländischen Christchurch

Eine Kathedrale aus Karton

Beim schweren Erdbeben von 2011 starben im neuseeländischen Christchurch 185 Menschen. Der Kirchturm der Kathedrale stürzte ein und beschädigte Teile des restlichen Gebäudes – die Gemeinde verlor ihr Gotteshaus, die Stadt ihr Wahrzeichen. Aus 96 Kartonagenröhren improvisierte der japanische Architekt Shigeru Ban anderthalb Jahre später einen 700 Personen fassenden Kartonagendom. Inzwischen ist diese weltweit einzigartige Kirche eine Touristenattraktion.

Blick auf die Kathedrale aus Kartonagenröhren in Christchurch.
Blick auf die Kathedrale aus Kartonagenröhren in Christchurch.

Schon nach dem verheerenden Erdbeben von Kobe 1995 hatte Shigeru Ban dort einen temporären Kirchenbau errichtet. Der japanische Architekt, der von Katastrophengebiet zu Katastrophengebiet eilt und mit dem "Nobelpreis für Architektur", dem Pritzker-Preis, ausgezeichnet wurde, greift bei seinen "Notbauten" grundsätzlich auf Materialien aus der Region zurück – und verzichtet dabei auf sein Honorar.

Ökologisch und günstig

Umgerechnet hat die neue Kirche nur 3,4 Millionen Euro gekostet und bietet 700 Personen Platz. Die Kartonröhren sind jeweils 17 Meter lang und wurden von den Gemeindemitglieder in Eigenarbeit lackiert, damit sie der Feuchtigkeit standhalten.
Umgerechnet hat die neue Kirche nur 3,4 Millionen Euro gekostet und bietet 700 Personen Platz. Die Kartonröhren sind jeweils 17 Meter lang und wurden von den Gemeindemitglieder in Eigenarbeit lackiert, damit sie der Feuchtigkeit standhalten.
Historisches Kreuz aus der ehemaligen Kathedrale in der Werktagskapelle.
Historisches Kreuz aus der ehemaligen Kathedrale in der Werktagskapelle.

So auch im Falle Christchurch. "Unsere neue Kathedrale wird auch als Cardboard Cathedral bezeichnet, da sie im Wesentlichen aus lackierten Kartonröhren mit baumdickem Durchmesser besteht", berichtet Kirchenführer Chas Muir und hält den verblüfften Besuchern ein Stück dicker Papprolle entgegen, das aus mehreren miteinander verleimten Pappschichten besteht. Tatsächlich stammen diese Pappröhren der neuen Kathedrale von Christchurch von einer Fabrik im Osten der Stadt, werden normalerweise als kürzere Versionen in Geschäften als Teppichrollen verwendet, als Versandtrollen für Poster und als Rollen, auf denen Stoff aufgewickelt wird.

Zu Beginn war der Bau der Cardboard Cathedral durchaus umstritten – die Ruine der altehrwürdigen Kathedrale aus Stein steht immer noch, ihre Zukunft ist ungewiss (siehe unten). Chas Muir aber, der das damalige Erdbeben hautnah erlebte und zu den Ersthelfern zählte, hat das Konstrukt aus Pappe längst ins Herz geschlossen. "Ich liebe die neue Kathedrale, weil sie den Gläubigen rasch wieder einen Raum zum Beten bot, weil sie ökologisch ist, aus schnell wachsenden Rohstoffen besteht. Und weil sie so günstig war", fügt der 67jährige Ehrenamtler hinzu. Umgerechnet hat sie nur 3,4 Millionen Euro gekostet und bietet 700 Personen Platz. Die Kartonröhren sind jeweils 17 Meter lang und wurden von den Gemeindemitglieder in Eigenarbeit lackiert, damit sie der Feuchtigkeit standhalten. 96 Kartonagenröhren bilden das Grundgerüst. Auf einem Fundament aus 150 LKW-Ladungen Beton stehen an beiden Längsseiten des Gebäudes Baucontainer, in denen Küche, Büros und Sakristei untergebracht sind. Die Außenhaut besteht aus Polycarbonat und lässt das Sonnenlicht ins Gebäude.

400.000 Besucher im Jahr

Kirchenführer Chas Muir zeigt ein Stück dicker Papprolle, aus dem die Kirche gebaut wurde.
Kirchenführer Chas Muir zeigt ein Stück dicker Papprolle, aus dem die Kirche gebaut wurde.

Auch kleinere Versionen der Papprollen wurden in der Kirche verwendet, etwa beim Chorgestühl, der Kanzel, den Spendenbüchsen und einem Kerzenhalter. Eine kleine Werktagskapelle mit Pappaltar besitzt bewegliche Wände – natürlich aus aneinandergefügten Papprollen. Bei der Rekonstruktion der charakteristischen Fenster der alten Kathedrale – auch sie waren dem Erdbeben zum Opfer gefallen – half Hightech: "Da es reichlich Fotos der Fenster gab, konnten sie rekonstruiert und über HD-Drucker neu auf Plexiglas gebrannt werden, erzählt Chas Muir den staunenden Besuchern. Inzwischen ist "seine" Kirche, im August 2013 als erstes öffentlich errichtetes Gebäude nach dem Beben eingeweiht, eine Touristenattraktion und bekommt jährlich Besuch von über 400.000 Menschen. Nebenbei arbeitet Kathedralführer Chas Muir in der Obdachlosenfürsorge und seine Frau im Verkaufsladen der Kathedrale, in der fast jeder Besucher eine Postkarte, Schlüsselanhänger oder ein Buch über die Entstehung und Architektur des Gebäudes erwirbt.

Wer die Papp-Kathedrale schließlich voller Eindrücke verlässt, wird nur eine Straßenecke weiter an das schreckliche Ereignis erinnert, das zu ihrem Bau führte. Dort gedenkt eine Installation des Künstlers Peter Majen an die Opfer der Erdbebenkatastrophe. Majen stellte kurz nach der Katastrophe 185 weiß angemalte Stühle gegenüber dem ehemaligen CTV-Gebäude auf, bei dessen Einsturz es die mit Abstand meisten Toten gab. Jede Sitzgelegenheit steht für einen Toten, vom Schaukelstuhl, Ohrensessel, Bürostuhl bis zum Babystühlchen.

Text: Peter Beyer (storymacher), Fotos: Ruth Bourgeois (storymacher)

Cathedral of the Blessed Sacrament

Blick auf die durch das Erdbeben zerstörte römisch-katholische Cathedral of the Blessed Sacrament im Neorenaissancestil.
Blick auf die durch das Erdbeben zerstörte römisch-katholische Cathedral of the Blessed Sacrament im Neorenaissancestil.

Das Schicksal der zwischen 1901 und 1905 erbauten römisch-katholischen Cathedral of the Blessed Sacrament im Neorenaissancestil, mehr als ein Jahrhundert Mittelpunkt der mit knapp 350.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Neuseelands, ist immer noch ungeklärt.

Die Turmspitze aus Metall steht neben einem einsturzgefährdeten Teil des Gebäudes. Die Kathedrale wurde so stark zerstört, dass kurz nach dem Beben ihr Abriss beschlossen wurde. Rund um die ehemalige Kathedrale liegt die Innenstadt von Christchurch. Auch ein großer Teil der Innenstadtgebäude wurde nach dem Beben abgerissen und noch heute drehen sich hier Kräne, rufen Arbeiter Anweisungen und rattern LKWs mit Baumaterial durch die Straßen. Auch rund um die Pappkathedrale schwenken die Ausleger von Kränen mit Baumaterial nach rechts und links und transportieren Steine und Zementsäcke zu den Baustellen. Unmittelbar gegenüber der neuen Kathedrale stand das ehemalige Telekommunikationsgebäude von Canterbury Television, einem regionalen Fernsehsender. Es stürzte nahezu komplett ein und ging danach in Flammen auf. Unter den Trümmern wurden 115 Opfer gefunden.

Text: Peter Beyer (storymacher), Foto: Ruth Bourgeois (storymacher)