Altöttinger Liebfrauenbote

Wie der Jesuiten-Flüchtlingsdienst venozolanischen Flüchtlingen in Kolumbien hilft

Dem Hunger entflohen

Tausende Venezolaner suchen Zuflucht im Nachbarland Kolumbien. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst, ein Projektpartner des Kindermissionswerks "Die Sternsinger", bietet den oftmals traumatisierten und unterernährten Menschen Hilfe an.

Ismael (11, links), Manuel (13, 2.v.l.) und Gleimar (8) leben seit ihrer Flucht aus Venezuela mit ihren Eltern Maria Sosa (31, rechts) und Antonio Carpio (30) in der Stadt Cúcuta in Kolumbien.
Ismael (11, links), Manuel (13, 2.v.l.) und Gleimar (8) leben seit ihrer Flucht aus Venezuela mit ihren Eltern Maria Sosa (31, rechts) und Antonio Carpio (30) in der Stadt Cúcuta in Kolumbien.

Hoch, immer höher lässt Ismael die Schaukel fliegen. Es ist fast Mittag, die Sonne brennt vom Himmel, doch das stört ihn wenig. Nur selten hat der Elfjährige Gelegenheit, auf einem Spielplatz zu sein. In seinem Wohnviertel gibt es keinen. Wehmütig denkt er an die endlose Weite der Tieflandsteppe von Barinas in Venezuela. Dort war seine Heimat – bis vor einem halben Jahr. Seither lebt Ismael mit seinen Eltern und fünf Geschwistern in Kolumbien, in Cúcuta, einer Grenzstadt am Fuße der Anden. Manchmal lassen ihn die anderen Kinder spüren, dass er nicht von hier ist. "Ausländer", sagen sie dann, und lachen über seinen Akzent. Aber dennoch ist Vieles in Kolumbien besser als in Ismaels krisengeschüttelter Heimat.

"Wir hatten in Venezuela weniger Schulfächer, und es gab auch keine Noten, weil die Regierung verboten hat, dass jemand sitzenbleibt. Darum haben nur die Streber gelernt", erzählt Ismael. Er war kein Streber. Er spielte gerne Fußball, half seinen Eltern am Marktstand, sang Salsa und Reggaeton. Schule war nicht so wichtig und wurde es immer weniger. Die Lehrer kamen immer seltener zum Unterricht, weil sie einen Arzttermin hatten, auf eine politische Veranstaltung mussten oder ewig Schlange standen, wenn die Regierung Lebensmittelpakete ausgab. Es wurden immer weniger Lehrer, und auch die Schulspeisung reduzierte sich auf Reis mit Bohnen. Irgendwann gab es nichts mehr.

"Ohne Essen ins Bett zu gehen, ist doof, weil du vor lauter Hunger nicht einschlafen kannst"

Der elfjährige Ismael.
Der elfjährige Ismael.
Die achtjährige Gleimar (l.) und ihre kleine Schwester Yannovis (2).
Die achtjährige Gleimar (l.) und ihre kleine Schwester Yannovis (2).

Venezuela, einst ein reicher Erdölstaat, rutschte durch Korruption, Hyperinflation und Misswirtschaft der sozialistischen Regierung in die Krise. Die Importe kamen ins Stocken, Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie gingen durch Enteignung und Preiskontrollen bankrott. Das Essen wurde knapper und teurer, die Menschen hatten kein Bargeld mehr, und Ismaels Eltern mussten ihren Obststand aufgeben. "Zuerst verringerten wir die Essensportionen, dann haben wir Eltern eine Mahlzeit übersprungen, aber zuletzt reichte es für alle nur noch zu einer Mahlzeit am Tag", erzählt Mutter Maria Sosa. Sie magerte ab, wog nur noch 47 Kilogramm bei einer Größe von 1,63 Metern, und konnte auch ihre jüngste Tochter Yannovis kaum mehr stillen.

"Ohne Essen ins Bett zu gehen, ist doof, weil du vor lauter Hunger nicht einschlafen kannst", erinnert sich Ismael. Er und sein älterer Bruder Manuel (13) bekamen mit, wenn die Mutter vor Verzweiflung vor dem leeren Kühlschrank weinte. Sie gingen dann heimlich betteln oder wühlten im Müll. Die Mutter schickte die Jungs los, wenn wieder das Gerücht umging, die Regierung teile Nahrungsmittelpakete aus. Aber die reichten nie für alle, und manchmal kamen die beiden nach vielen Stunden Wartens mit leeren Händen nach Hause. Auf dem Markt schenkten mitleidige Händler Ismael ab und zu verwelktes Gemüse. Ismael musste es in einer Tasche oder unter seinem T-Shirt verstecken, sonst hätten größere Jugendliche es ihm abgenommen. Einige Male stahl Ismael Bananen von einer Plantage. Das brachte ihm einen Rüffel von seinem Vater ein, aber gegessen haben sie die Bananen trotzdem. Dann war die Plantage abgeerntet, und die jüngeren Geschwister weinten so lange, dass die Eltern sagten, es reiche. Am nächsten Tag brachten sie die sechs Kinder zu den Großeltern und verschwanden über die Grenze nach Kolumbien. Drei Monate später kamen sie zurück und holten die Kinder nach.

"Das war gerade noch rechtzeitig"

Unterstützung erhalten Flüchtlinge aus Venezuela beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS), einem erfahrenen Projektpartner des Kindermissionswerks "Die Sternsinger", in der Stadt Cúcuta in Kolumbien.
Unterstützung erhalten Flüchtlinge aus Venezuela beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS), einem erfahrenen Projektpartner des Kindermissionswerks "Die Sternsinger", in der Stadt Cúcuta in Kolumbien.

"Das war gerade noch rechtzeitig", sagt Sozialarbeiterin Fernanda Zambrano vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Cúcuta, einem Projektpartner des Kindermissionswerks "Die Sternsinger". Die zweijährige Yannovis litt unter hochgradiger Anämie. Die Familie lebte zunächst in einer behelfsmäßigen Wellblechhütte, die bei jedem Regenguss unter Wasser stand. Sie kochten über einem Lagerfeuer, die einzige Lichtquelle waren Kerzen. Doch für etwas Besseres reichten die Einnahmen der Eltern nicht, die sich als Straßenhändler durchschlugen.

Täglich überqueren tausende Venezolaner die Grenzbrücke nach Kolumbien. Viele sind auf der Durchreise, andere bleiben und versuchen, sich mit Aushilfsjobs über Wasser zu halten, weitere essen bei einer kirchlichen Armenspeisung oder besorgen Medikamente, die es in Venezuela nicht mehr gibt. "Die Situation für Flüchtlinge in Kolumbien ist kritisch. Schon jetzt beherbergen wir über eine Million Venezolaner. Cúcuta lebte früher vom Handel mit Venezuela und leidet nun auch unter der Wirtschaftskrise im Nachbarland", so Zambrano.

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst half auch Ismaels Familie mit Nahrungsmitteln und Arztbesuchen. Vor allem Yannovis leidet unter den Spätfolgen der frühkindlichen Unterernährung und ist häufig krank. Immer wieder kommt die Familie in Zambranos Büro vorbei und bittet um Unterstützung. Zuletzt war es eine verschleppte Ohrenentzündung. Ein Arztbesuch und die Medikamente kosten umgerechnet bis zu 30 Euro, zu viel Geld für die Familie. "Gäbe es den Jesuiten-Flüchtlingsdienst nicht, wäre die Kleine vielleicht nicht mehr am Leben", sagt Vater Antonio Carpio. Auch Manuel, Ismael und Gleimar half der Orden. Zuerst wollte keine Schule die Geschwister aufnehmen. "Alles voll, kein Platz für Venezolaner", hieß es. "Wir waren verzweifelt, denn wir konnten die Kinder ja nicht auf die Straße zum Arbeiten mitnehmen", sagt Carpio. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst erstritt vor Gericht in einem Eilverfahren einen Schulplatz für alle drei.

Schwester Gleimar (8), die in die erste Klasse geht, ist begeistert. "Schau mal, wie ich schreiben kann", sagt sie stolz und malt Buchstaben in ein Heft, das auf einer Matratze liegt. Tisch und Stühle hat die Familie nicht. Doch das Holzhaus, das sie dank einem dreimonatigen Mietzuschuss vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst mieten konnte, ist ein kleiner Luxus im Vergleich zur vorherigen Unterkunft. Sie wohnen mit weiteren Verwandten zu zwölft in drei Zimmern. "Noch ist alles nicht so einfach, aber ich kann wieder in die Zukunft schauen", sagt Mutter Maria Sosa. Alleine die drei Mahlzeiten am Tag, so simpel sie sein mögen, sind für sie eine große Beruhigung.

Auch Ismael geht wieder zur Schule, fast eine Stunde Fußweg entfernt. An die strengen Lehrer musste er sich erst gewöhnen. Aber nach und nach findet er Freunde und Geschmack an den neuen Herausforderungen. Besonders Mathematik macht ihm Spaß. Fußballspieler oder Sänger sind zwar immer noch seine Traumberufe, aber manchmal denkt er auch darüber nach, Arzt zu werden. "Menschen zu heilen, so wie hier der Arzt Yannovis wieder gesund gemacht hat, ist ein toller Beruf."

Text: Sandra Weiss, Fotos: Florian Kopp (Kindermissionswerk)

Interview mit Oscar Calderon vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst

Oscar Calderon (Bild, 35), Projektkoordinator des Flüchtlingsprogramms des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes im (JRS) kolumbianischen Bundesstaat Norte de Santander mit Sitz in Cúcuta spricht im Interview über seine Erfahrungen und kommende Herausforderungen.

Wie ist die Situation an der kolumbianisch-venezolanischen Grenze?
Calderon: Jeden Tag kommen laut der Regierung bis zu 50.000 Venezolaner über die Grenze, Durchreisende, Migranten oder Tagespendler. Das ist alleine zahlenmäßig gewaltig. Viele von ihnen sind krank, arm, unterernährt, haben keine Ausweis-Papiere und oft keine Ausbildung. Sie kommen in eine Region in Kolumbien, die stark von Gewalt im Bürgerkrieg gebeutelt wurde, und in der 40 Prozent Armut und 16 Prozent Arbeitslosigkeit herrschen. Das ist mehr als im Rest Kolumbiens. All das zusammen ergibt einen explosiven Cocktail, denn die Ärmsten in Kolumbien tragen einen Großteil der zusätzlichen Belastung durch die Migration. Das schürt Spannungen.

Wie arbeitet der JRS in diesem Kontext?
Calderon: Wir konzentrieren uns auf die Allerschwächsten, also Indigenas, chronisch Kranke, Schwangere und Kinder sowie Obdachlose. Wir springen in einer zweiten Phase ein, also nach den ersten Wochen der Ankunft, um der Familie dabei zu helfen, sich neu zu orientieren. Viele mussten vor Repression fliehen und konnten fast nichts mitnehmen. Sie müssen hier komplett neu anfangen. Wir orientieren sie im Umgang mit Behörden, auf dem Arbeitsmarkt oder besorgen ihnen Übergangswohnungen. Manche Familien unterstützen wir auch mit Medikamenten und Nahrungsmitteln oder Haushaltsgeräten.

Können die Flüchtlinge sonst mit Unterstützung rechnen, beispielsweise durch den Staat?
Calderon: Die staatliche Infrastruktur ist überhaupt nicht auf so einen Ansturm vorbereitet. Das Gesundheits- und das Bildungssystem waren schon vorher unterfinanziert. Der Staat hat daher nur sehr prekäre Antworten und stellt den Flüchtlingen haufenweise bürokratische Hindernisse in den Weg, etwa beim Schulbesuch der Kinder oder der Gesundheitsfürsorge und der Jobsuche. Für alles braucht man apostillierte Dokumente, und die sind praktisch nicht zu kriegen in Venezuela. Internationale Hilfsorganisationen und die Kirche sind besonders in der Nothilfe aktiv. Es gibt eine Notunterkunft für 130 Flüchtlinge und eine Suppenküche als erste Anlaufstellen. Auch die Bevölkerung ist solidarisch. Dabei hilft es, dass Venezuela und Kolumbien kulturell sehr ähnlich sind und viele Familien Verwandtschaft beiderseits der Grenze haben.

Was ist das Schwierigste für die Migranten?
Calderon: Die Entwurzelung. Lebenspläne werden plötzlich zerstört, Karrieren unterbrochen. Wir haben hier Akademiker, die Taxi fahren, Ärzte, die Kinder betreuen und Mütter, die sich prostituieren.  Selbstmorde haben zugenommen. Deshalb brauchen die Migranten oft auch psychologische Hilfe.

Vor welchen weiteren Herausforderungen steht der JRS sonst noch?
Calderon: Die Wiedervereinigung von Familien ist mittelfristig ein großes Problem. Durch die Migration wurden viele Familien auseinandergerissen. Ein Elternteil ist in Peru mit einem Kind und versucht dort sein Glück. Einer ist hier mit einem zweiten, und weitere Kinder sind noch in Venezuela bei Verwandten geblieben.

Welche Bedeutung hat die Unterstützung der Sternsinger?
Calderon: Dank der Hilfe der Sternsinger haben wir eine Strategie erstellt, die komplementär zum Staat ist. Derzeit unterstützen wir von dem Geld 23 besonders bedürftige Familien direkt. Mit juristischen Aktionen haben wir außerdem erreicht, dass der Staat sein Gesundheitssystem für Migranten öffnet. Das ist ein großer Schritt, denn die Nothilfe funktioniert nicht ewig, und der Staat muss mittelfristig die Verantwortung für die Integration übernehmen.

Interview: Sandra Weiss, Foto: Florian Kopp ( Kindermissionswerk)