Altöttinger Liebfrauenbote

Misereor-Fastenaktion 2019 blickt nach El Salvador – Reportage: Wie sich eine Gemeinde in El Salvador von Gewalt und Angst befreit

"Niemals hätte ich mir das erträumt"

Dank eines innovativen Coaching-Programms nehmen Jugendliche in der Gemeinde Teotepeque in El Salvador mit Hilfe von Caritas und Misereor ihre Zukunft wieder in die eigenen Hände. El Salvador ist Partnerland der Misereor-Fastenaktion 2019.

Margarita Hernández eröffnete einen Schuhverkauf bei sich zu Hause. Für viele Frauen in ihrer Gemeinde ist sie Vorbild.
Margarita Hernández eröffnete einen Schuhverkauf bei sich zu Hause. Für viele Frauen in ihrer Gemeinde ist sie Vorbild.
Margarita Hernández beim Verkauf.
Margarita Hernández beim Verkauf.
Margarita Hernández mit ihrem Mann Adán und den Söhnen Brian, John und Jeremias (v.l.).
Margarita Hernández mit ihrem Mann Adán und den Söhnen Brian, John und Jeremias (v.l.).

Teotepeque in den Bergen von El Salvador ist eine verschlafene Gemeinde. Nur 75 Kilometer von der Hauptstadt San Salvador entfernt, doch noch immer ohne Internetzugang oder Handyempfang. Die geteerte Straße, keine 20 Jahre alt, ist mit Schlaglöchern übersät. In Teotepeque jäten die Bauern noch mit der Machete Unkraut und pflügen von Hand oder mit Eseln ihre Felder. Eine Knochenarbeit, deren einziger Lohn ist, nicht zu hungern. Für Jugendbanden war Teotepeque lange Zeit Rückzugsort; sie überfielen, erpressten und mordeten oder rekrutierten ihren Banden-Nachwuchs. Geschäfte schlossen nach und nach, der öffentliche Nahverkehr kam zum Erliegen. Ein Ort, den die meisten jungen Leute verließen, sobald sie nur konnten. Bis vor vier Jahren. Die erste Generation, die Teotepeque wieder eine Chance gibt, ist die von Margarita Hernández.

Die Gemeinde hat sich rasant gewandelt. Es gibt etliche Kleinunternehmer, eine Jugend- sowie eine Frauengruppe. All das hat mit Margarita Hernández und dem schönsten Tag in ihrem Leben zu tun. Ein Samstag im November 2015, an dem sie fast platzend vor stolz das erste Diplom ihres Lebens in den Händen hielt. "Niemals hätte ich mir das erträumt", erzählt die 32-Jährige. Das Diplom ist ausgestellt von der Caritas San Salvador und bescheinigt ihr die erfolgreiche Teilnahme am Projekt "Mein Lebensplan", einem von Misereor finanzierten, innovativen Coaching-Programm für junge Leute aus benachteiligten Verhältnissen. Für Menschen wie Margarita. Mit Ach und Krach hatte sie es bis zur dritten Grundschulklasse geschafft um dann ihren Eltern in der Landwirtschaft und im Haushalt zu helfen. Sie heiratete jung, bekam vier Kinder, wurde Hausfrau. Welche Führungs- und Unternehmerinnenqualitäten in ihr stecken, erfuhr sie erst im Coaching-Programm der Caritas. Heute betreibt Margarita auf der Veranda ihres Hauses einen kleinen Schuhladen. Für viele Frauen in ihrer Gemeinde ist sie Vorbild.

"Mein Mann Adán erledigte die Feldarbeit früher allein, weil es draußen zu unsicher war, er jobbte hier und da auf dem Bau. Wir ernährten uns von Maisfladen und Bohnen, die Stimmung in der Familie war angespannt." Margarita litt, aber sie sah keinen Ausweg. Gefangen im Teufelskreis aus Armut und Gewalt. "Alle sagen, man kann nichts tun, und irgendwann glaubst du das."

"Unser Coaching ist die Starthilfe ins Leben. Egal was die Jugendlichen danach machen, sie profitieren davon"

Viele Jugendliche erfahren durch das Coaching-Programm "Mein Lebensplan" zum ersten Mal in ihrem Leben Aufmerksamkeit und Wertschätzung.
Viele Jugendliche erfahren durch das Coaching-Programm "Mein Lebensplan" zum ersten Mal in ihrem Leben Aufmerksamkeit und Wertschätzung.
Regelmäßige Patroullien von Polizei und Militär sorgen dafür, dass das öffentliche Leben wieder in die Gemeinde Teotepeque zurückkehren konnte.
Regelmäßige Patroullien von Polizei und Militär sorgen dafür, dass das öffentliche Leben wieder in die Gemeinde Teotepeque zurückkehren konnte.

Dann erzählte der Ortspfarrer von "Mein Lebensplan", der junge Menschen auf das Berufsleben vorbereiten soll. "Man wächst mit den anderen zu einem Team zusammen und öffnet sich für neue Ideen und Erfahrungen", erzählt Margarita. Daysi Rodríguez sitzt daneben und schmunzelt. Sie war damals Margaritas Ausbilderin und ist heute Koordinatorin des fünfköpfigen Trainer-Teams der Caritas. "Die meisten kommen zu uns, weil sie einen Job suchen. Aber eigentlich arbeiten wir an und mit ihrer Psyche", sagt sie. Denn wer in Armut aufwächst, in zerrütteten Familien, umgeben von Gewalt und Zerstörung, der habe keine Zeit, über sich und die Zukunft nachzudenken. Oder über Wünsche und Träume. Es gehe darum, innere Blockaden zu lösen und dass die Jugendlichen Vertrauen zu sich selbst und in andere fassen. Viele staatliche Bildungsangebote in El Salvador greifen zu kurz. Wenn die Psyche nicht gesund ist, seien Bäcker-, Schreiner- oder Friseurkurse lediglich Beschäftigungstherapie und würden oft bei der ersten Schwierigkeit abgebrochen. "Unser Coaching ist die Starthilfe ins Leben. Egal was die Jugendlichen danach machen, sie profitieren davon", sagt Rodríguez. 75 Prozent der Absolventen des Programms nehmen anschließend entweder ein Studium auf, finden einen Arbeitsplatz oder machen ein eigenes Geschäft auf. So wie Margarita.

Ihr war am Ende des dreimonatigen Kurses klar: Ich will selbst ein Geschäft aufmachen. Mithilfe des Coaching-Programms lernte sie Buchhaltung und Marketing und bewarb sich mit ihrer Idee vom Schuhladen für eine Anschubfinanzierung von 150 US-Dollar. Für Margarita ein voller Erfolg. Ihr kleines Geschäft läuft bis heute gut, einmal in der Woche holt sie neue Ware aus der Stadt. In Teotepeque gibt es keinen Schuhladen und Margaritas Preise sind moderat. "Ich mache ein bis zwei US-Dollar Gewinn pro Paar. Das ist vielleicht nicht so viel, aber mir ist wichtig, dass ich Umsatz mache und mein Angebot stetig erneuere", sagt sie selbstbewusst und zieht wie zum Beweis ein speckiges, kariertes Schulheft hervor, in dem sie Buchhaltung führt. Von dem Gewinn entlastet sie die Familie, kauft Schulsachen für ihre Kinder oder Geburtstagsgeschenke.

Margarita hat etliche junge Leute neugierig gemacht – viele eifern ihr heute nach. Inzwischen gab es sechs Coaching-Kurse in Teotepeque. Der Ort ist aus der Lähmung erwacht und kämpft sich kreativ aus ihr heraus. Es gibt mobile Essstände, einen Kramladen, eine Hängemattenkooperative und eine mobile Unterwäscheverkäuferin. Die Jugendgruppe erstritt einen öffentlichen WLAN-Anschluss für den Dorfplatz beim Bürgermeister. Auch die Polizei patrouilliert wieder regelmäßig. Auswandern oder sich den Banden anschließen ist für die Jugendlichen von Teotepeque kein Thema mehr.

Text: Sandra Weiss (Misereor), Fotos: Hartmut Schwarzbach (Misereor)

"Fundasal": Lebensperspektiven für junge Familien

Bei der Herstellung der Lehmziegel arbeiten alle zusammen – Männer und Frauen, Jung und Alt. Im Hintergrund eines der alten Häuser im Dorf El Tránsito.
Bei der Herstellung der Lehmziegel arbeiten alle zusammen – Männer und Frauen, Jung und Alt. Im Hintergrund eines der alten Häuser im Dorf El Tránsito.
Arely Salazar mit ihren beiden Söhnen auf der Terrasse ihres neuen Hauses, das die Familie sich durch die Unterstützung der Dorfgemeinschaft und der Stiftung für Entwicklung und Wohnraum ("Fundasal") bauen konnte.
Arely Salazar mit ihren beiden Söhnen auf der Terrasse ihres neuen Hauses, das die Familie sich durch die Unterstützung der Dorfgemeinschaft und der Stiftung für Entwicklung und Wohnraum ("Fundasal") bauen konnte.

Eigentlich wollte Cristián Ramos auswandern. Seine Frau und die beiden kleinen Söhne hätten zurückbleiben müssen in dem Dorf El Tránsito in El Salvador, und er hätte dann aus den USA Geld in die Heimat geschickt. Alles für seinen großen Traum vom eigenen Haus für die Familie. Dass es sich Cristián Ramos noch einmal anders überlegt hat, hängt mit der Stiftung für Entwicklung und Wohnraum (Fundasal) sowie mit ihrem von Misereor finanzierten Programm zusammen.

Die Hütte, in der Cristián Ramos und seine Frau Arely Salazar mit den beiden kleinen Söhnen lebten, war aus Bambus und Wellblech und drohte bei jedem Platzregen davongeschwemmt zu werden. Das ist Vergangenheit. Jetzt fegt Arely Salazar zufrieden den Vorplatz ihres schmucken, verputzten Drei-Zimmer-Hauses mit Ziegeldach.

Bei "Fundasal" geht es nicht nur darum, dass junge Menschen von einer verbesserten Wohnsituation profitieren, sondern auch um die Stärkung der Gemeinschaft. Die Häuser und Wohnungen entstehen in Gemeinschaftsarbeit: gemeinsames Bauen für gemeinsames Leben – und eine funktionierende, organisierte Nachbarschaft. Die Jugendlichen können ihr erworbenes Wissen weiter nutzen und eine Erwerbstätigkeit finden. Im ganzen Land sind seit der Gründung von "Fundasal" rund 51.000 neue Häuser entstanden und 273.000 Menschen haben von den Projekten profitiert.

Text: red, Fotos: Hartmut Schwarzbach (Misereor)

Misereor-Fastenaktion

Plakat zur Fastenaktion.
Plakat zur Fastenaktion.

Unter dem Motto "Mach was draus: Sei Zukunft!" wird die Misereor-Fastenaktion 2019 am 10. März mit einem Festgottesdienst im Kölner Dom eröffnet.

Im Fokus stehen in dieser Zeit junge Menschen in El Salvador, einem der ärmsten und gewalttätigsten Länder Lateinamerikas. Dort stellen Jugendliche zwar die Mehrheit der Bevölkerung, sind aber zugleich am meisten von Gewalt, Marginalisierung und Perspektivlosigkeit betroffen. Misereor sorgt vor Ort gemeinsam mit der Caritas San Salvador und der Stiftung für Entwicklung und Wohnraum "Fundasal" dafür, dass die junge Generation ihr eigenes Potenzial erkennt und sich aus eigener Kraft eine bessere Zukunft schafft. Ein wichtiger Tag der Fastenaktion ist wie jedes Jahr der fünfte Sonntag der Fastenzeit, der Misereor-Sonntag, heuer am 7. April. Dann werden bundesweit die Gläubigen in allen katholischen Gottesdiensten über die Misereor-Arbeit informiert und um Spenden – u.a. für Projekte wie die von "Fundasal" oder der Caritas in El Salvador – gebeten.

Text: red, Plakat: Misereor