Altöttinger Liebfrauenbote
Blick in die Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie.
Blick in die Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie.

Meisterwerke Mantegnas und Bellinis in der Berliner Gemäldegalerie

Sorgenvolle Mutterliebe

Wer einmal Giovanni Bellinis anrührende "Madonna auf der Wiese" (um 1500-1505) betrachtet hat, ist für immer von ihr eingenommen. Ebenso unvergesslich ist der von Andrea Mantegna porträtierte "Kardinal Ludovico Trevisan" (1459/60), der eine imponierende Persönlichkeit gewesen sein muss. Den beiden Großmeistern der italienischen Renaissancemalerei ist in der Berliner Gemäldegalerie eine mit sensationellen internationalen Leihgaben bestückte Ausstellung gewidmet. Die meisten der 100 Gemälde und Grafiken widmen sich christlichen Themen. Hinzu treten Motive aus der römischen Antike.

Bellinis "Hieronymus in der Wüste" ist eine heitere Szene ...
Bellinis "Hieronymus in der Wüste" ist eine heitere Szene ...
... während Mantegnas Version von feierlichem Ernst geprägt ist.
... während Mantegnas Version von feierlichem Ernst geprägt ist.

Aber warum werden der aus bescheidenen Verhältnissen entstammende "Emporkömmling" Andrea Mantegna (um 1431-1506) und der der venezianischen Malerdynastie Bellini angehörende Giovanni (um 1435-1516) gemeinsam präsentiert? Mantegna heiratete 1453 Bellinis Halbschwester Nicolosia. Das führte in der Zeit vor Mantegnas 1460 erfolgter Berufung zum Hofmaler der Mantuaner Fürstenfamilie Gonzaga zur engen Zusammenarbeit der beiden Schwäger. Danach "entwickelten sich ihre künstlerischen Stile in sehr verschiedene Richtungen. Dennoch trägt ihr Schaffen zeitlebens deutliche Spuren eines über die Jahrzehnte hinweg gepflegten Austausches", wie das vierköpfige Kuratorenteam erklärt.

Als Bellinis frühestes erhaltenes Gemälde gilt "Der heilige Hieronymus in der Wüste" (wohl 1453-1455). Der Eremit deutet mit dem Zeigefinger nach oben und predigt der Raubkatze das göttliche Gebot der Gelassenheit, bevor er ihm den Dorn aus der Tatze zieht. Brav sitzt der Löwe vor ihm und ignoriert das links vorn hockende Kaninchen. Eine heitere Szene bei Sonnenschein. Härtere Lichtkontraste und feierlichen Ernst kennzeichnet hingegen Mantegnas "Heiligen Hieronymus in der Wüste" (1448-1451). Im Gegensatz zu Bellini legte er Wert auf die bedeutungsreiche Schilderung der Einrichtung der Felsenklause, vor der Hieronymus sitzt. Der kümmert sich nicht um den Löwen, sondern blickt mit Buch und Rosenkranz in den Händen gedankenschwer zur Seite.

"Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe"

"Christus am Ölberg" von Bellini und ...
"Christus am Ölberg" von Bellini und ...
... von Mantegna.
... von Mantegna.

Besonders nah kommen sich die beiden Künstler mit ihren Gemälden von "Christus am Ölberg". Ihre Bilder gehören zu den ersten eigenständigen Darstellungen des Themas, das zuvor nur in Zyklen zum Leben Jesu vorkam. Mantegna malte seines um 1455. Zunächst erregen die dicht beieinander liegenden, in einfallsreichen Schlafposen dargestellten Jünger Petrus, Johannes und Jakobus der Ältere unsere Aufmerksamkeit. Auf dem Felsen über ihnen kniet Christus und betet bei noch recht düsterer Dämmerung, während auf einer Wolke fünf Engel mit den Marterwerkzeugen erscheinen.

Bellini antwortete auf Mantegnas Komposition mit seinem um 1458 geschaffenen Gemälde. Er zieht die bei seinem Schwager dicht zusammengedrängte Szene auseinander, degradiert die drei schlafenden Jünger zu Statisten und macht Christus zum absoluten Mittelpunkt seiner Schilderung. Der kniet nieder und betet: "Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe", wie es im Lukas-Evangelium steht. In der Ferne zeigt Bellini die von Judas angeführten Häscher. Der betende Jesus aber schaut zu dem Engel auf, der einen Kelch in den Händen hält. Den Auftakt des Leidensweges Christi schildert Bellini inmitten einer weiten, lichtdurchfluteten Landschaft bei Tagesanbruch. Stimmungsvolle Landschaftsdarstellungen sind eine seiner Stärken. Treffend heißt es im Katalog: "Das Gespür für Licht, für Himmel und für Landschaft wurde zum Leitmotiv seines Schaffens und zum Qualitätsmerkmal, das ihn von seinen Zeitgenossen, vor allem seinen Konkurrenten abhob."

Nahe an den Heiligenfiguren und den biblischen Erzählungen

"Darbringung Christi im Tempel" von Bellini und ...
"Darbringung Christi im Tempel" von Bellini und ...
... von Mantegna.
... von Mantegna.

Ein zentrales Werk der Schau ist Mantegnas "Darbringung Christi im Tempel" (um 1454). Es zeigt Halbfiguren hinter einem Fensterrahmen. Auf dessen Gesims steht das von Maria gehaltene, stramm wie eine Mumie gewickelte Jesuskind. Der weise alte Simeon streckt die Hände nach ihm aus. Er hat erkannt, dass das Kind der künftige Erlöser der Menschheit ist. Josef und zwei weitere Personen vervollständigen die Komposition. Der dem Kuratorenteam angehörende Neville Rowley erklärt: Mit diesem Gemälde beziehe Mantegna "die Betrachter auf bisher beispiellose Weise ins Geschehen ein, holt sie nahe an die Heiligenfiguren und biblischen Erzählungen heran." Zwar war er der Erfinder des Bildtypus der halbfigurigen Heiligen, nutzte ihn jedoch selten.

Bellini hingegen trug entscheidend zu seiner Verbreitung bei. Mantegnas "Darbringung Christi im Tempel" pauste Bellini um 1470 sogar durch und wandelte die Komposition anschließend ab. Den Fensterrahmen ersetzte er durch eine für größere Distanz zum Betrachter sorgende Brüstung, hinter der nun das um zwei Figuren erweiterte Bildpersonal steht. Vor allem aber steigerte er die Dramatik der Szene. Während Mantegnas Maria den Blick senkt, schauen sich Bellinis Maria und Simeon in die Augen, wobei der Eindruck entsteht, dass die Mutter ihr Kind nur ungern von dem Alten in die Arme nehmen lässt.

Maria als zu verehrende Heilige

Besonders innig: Bellinis "Madonna auf der Wiese".
Besonders innig: Bellinis "Madonna auf der Wiese".

Madonnenbilder waren ein wichtiges Thema der damaligen Kunst. Es galt, Maria als zu verehrende Heilige darzustellen – und zugleich als liebevolle, um ihr Kind besorgte Mutter. Einfallsreich variierte Madonnenbilder machen den Hauptanteil von Bellinis Schaffen aus. Eine besonders innige Bildlösung hat er mit der "Madonna auf der Wiese" (um 1500-1505) gefunden, die vor landwirtschaftlicher Kulisse das auf blauem Umhang in ihrem Schoß schlummernde Kind anbetet. Mantegna hingegen widmete sich diesem Thema nicht sehr oft, brachte jedoch ebenfalls eindrucksvolle Fassungen hervor. Anrührende Schlichtheit zeichnet sein Gemälde der ganz dicht vor uns gerückten "Madonna mit Kind (Simon-Madonna)" (um 1455-1460) aus. Das uns zugewandte Kind schläft, behütet von der traurig schauenden Mutter, die weiß, dass ihr Sohn zur Rettung der Menschen jung sterben wird.

Text: Veit-Mario Thiede, Fotos: Veit-Mario Thiede 5, Fondazione Querini Stampalia, Venedig / cameraphoto arte snc 1, Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie 2

 

Service: Bis 30.6.2019 in der Gemäldegalerie, Matthäikirchplatz, Berlin. Di., Mi., Fr. 10-18 Uhr, Do. 10-20 Uhr, Sa., So. 11-18 Uhr. Informationen: Tel.: 030 266424242, Internet: www.mantegnabellini.de. Eintritt: 14 Euro. Der Katalog aus dem Hirmer Verlag kostet 39,90 Euro.