Altöttinger Liebfrauenbote
Leopold im Einsatz für "Derecho a soñar" (siehe Text).
Leopold im Einsatz für "Derecho a soñar" (siehe Text).

Was zwei junge Deutsche beim Freiwilligendienst der Salesianer Don Boscos in Kolumbien erleben

Vom Recht zu träumen

Wir begleiten die Don Bosco-Volontäre Jan und Leopold bei ihrer Arbeit, ihrem Alltag in den Armenvierteln der kolumbianischen Großstadt Medellín. Vor allem aber sprechen wir mit ihnen über den Freiwilligendienst, die Herausforderungen, die schönen Momente und das, was sie von Kolumbien, seinen Bewohnern und ihrer Zeit gelernt haben.

Jan mit einem der Jungs in der Ciudad Don Bosco.
Jan mit einem der Jungs in der Ciudad Don Bosco.

Jan weiß noch nicht, was er hiernach machen will. Er springt aus einem Taxi und verschwindet kurz in den kleinen Läden und Ständen an der Straßenecke. Gleich geht es für ihn beladen mit Snacks, Kakao, Obst und Gebäck wieder hoch. Rauf in die Barrios und mit jedem Meter nach oben schwindet der Wohlstand und die Armut seiner Bewohner wird deutlicher. Oben angekommen, entlädt der 18-jährige Kölner das Taxi und los geht es mit "Derecho a soñar", dem Recht zu träumen – so heißt das Projekt, in dem Jan und Leopold arbeiten (siehe unten). Montags, dienstags und donnerstags brechen die beiden als Don Bosco Volunteers in verschiedene Viertel auf, machen Freizeitangebote und Gruppenstunden. Die Familien der teilnehmenden Kinder werden dabei von Sozialarbeitern der Ciudad Don Bosco (CDB) in Medellín betreut. Das große Jugendhilfezentrum, hoch oben auf einem anderen Berghang der kolumbianischen Millionenstadt, ist grade ihr Zuhause. Für ein Jahr haben die beiden Abiturienten Deutschland den Rücken gekehrt für einen Freiwilligendienst in der Stadt, die noch vor 20 Jahren als die gefährlichste Stadt der Welt galt.

Erstaunlicher Wandel

Blick auf die kolumbianische Millionenstadt Medellín.
Blick auf die kolumbianische Millionenstadt Medellín.

Doch Medellín hat einen erstaunlichen Wandel hingelegt in diesen vergangenen 20 Jahren. Das öffentliche Transportsystem zählt zu den fortschrittlichsten weltweit, weil Seilbahnen die Metro erweitern. Dadurch schaffte man besseren Zugang zu den Arbeitsplätzen unten in der Innenstadt und brach zugleich die Macht der kriminellen Banden, die bisher die Viertel im Griff hielten und sich mit Schutzgeld finanzierten. 2013 kürte das Wall Street Journal Medellín zur innovativsten Stadt der Welt – auch weil Kreative die Stadt bereichert haben mit Graffitis, Startups, Kulturinitiativen. Leopold aus Hamburg findet, dass er von den Kolumbianern ganz viel Optimismus gelernt hat, der sei beeindruckend hier.

Andere Lebensart

Kinder auf dem Weg in die Ciudad Don Bosco (CDB).
Kinder auf dem Weg in die Ciudad Don Bosco (CDB).
Bildung ist wichtig für die Zukunft der Jugendlichen in Medellín.
Bildung ist wichtig für die Zukunft der Jugendlichen in Medellín.

Auch Jan findet, dass ihn die kolumbianische Lebensart verändere. "Man meckert weniger. Ich sage, was mich stört und dann ist's auch wieder gut." Und Grund zum Meckern kann man ja immer finden, auch wenn beide betonen, wie super es sie getroffen haben. Nicht immer passt alles in einem Freiwilligendienst, wo junge westlich geprägte Menschen auf neue Kulturen treffen und die erste Arbeitserfahrung in einem Vollzeitjob machen. Für Jan und Leopold sind es eher die kleinen Dinge, die nerven. "Wir kommen morgens zur Arbeit und dann heißt es heute sei eine superwichtige Messe oder ein Ausflug oder was auch immer und es geht in zehn Minuten los. Und man fragt sich, echt – warum erfahren wir davon erst jetzt? Das nervt weiterhin, obwohl ich daran gewöhnt sein sollte, weil es ständig passiert."

Nervig sei es auch wenn es in der Gruppenstunde wieder nur laut ist, nur Gezanke ist und die Hälfte der Kinder gleich gar nicht kommt. Zu 90 Prozent beschreiben beide, sei ihre Arbeit die Freizeitgestaltung der Kinder, letzte Woche hat Jan zum Beispiel einen Morseapparat mit den Kids gebaut und sie hätten sich Nachrichten geschickt. Bei Leopold haben sie ein Familienwappen gebastelt. Dazu Büroarbeit, die pädagogischen Fallakten der Kinder ergänzen und zuhause geht es dann gleich weiter. Die Ciudad Don Bosco teilen sich die beiden mit über 300 Kindern und Jugendlichen die hier wohnen und weiteren 500 die hier täglich zur Schule gehen oder eine berufliche Ausbildung machen. Dazu Sozialarbeiter, Salesianer Don Boscos und weitere Volunteers aus Österreich und Holland.

Starke Erfahrungen

Viele der Kinder und Jugendlichen aus Medellín, die ...
Viele der Kinder und Jugendlichen aus Medellín, die ...
... tagsüber die Ciudad Don Bosco besuchen, leben auf der Straße.
... tagsüber die Ciudad Don Bosco besuchen, leben auf der Straße.

Für Kinder und Jugendliche da sein, das war Leopold wichtig, als er sich Anfang der 13. Klasse von Hamburg aus bei Don Bosco Volunteers bewarb. Und Jan, der in der 11. Klasse für zwei Monate einen Austausch nach Argentinien gemacht hatte, wollte nach dem Abi gerne wieder zurück nach Lateinamerika. Ihr verändertes Leben fühlt sich jetzt nach acht Monaten Kolumbien völlig normal an. Kalte Dusche morgens, sehr viel Reis, der gleichbleibende Frühling, der nur in der Regenintensität variiert und der pünktliche Sonnenuntergang um 18 Uhr. Immer noch besonders fühlen sich dagegen andere Momente an. Der Blick oben von der Ciudad Don Bosco auf das Lichtermeer der Millionenstadt, tausende funkelnde Lichter jeden Abend. "Die Offenheit und Hilfsbereitschaft, die einem weiterhin extrem auffällt", sagt Jan. Und auch die bitteren Momente. "Die zehn Prozent, wenn man sich die krassen Sachen vergegenwärtigt, die wir hier erzählt bekommen", so Leo. "Wir können die Alltagssorgen der Kids hier oft ausblenden, wir sorgen ja für Ablenkung in ihrem Leben und sie können spielen, quatschen was auch immer. Aber letztens erst wieder, zog einer der Jungs sein Hemd hoch, zeigt auf eine Riesennarbe über seiner Brust und sagt, hier hätten sie ihn geschnitten."

Sucht, Arbeitslosigkeit, Armut, zerrüttete Familien, Gewalt. In El Salado, einem Viertel der berüchtigten Communa 13, zeigt sich das Trauma Kolumbiens, wo vertriebene Landbewohner aus 50 Jahren Bürgerkrieg in zweiter Generation siedeln und vielfach traumatisiert sind. Und Jan – der kommt immer noch nicht klar damit, dass er so oft gefragt wird, ob ein Kind bitte noch mehr von den Snacks haben könne. Weil es bisher nichts gehabt hätte, oder es nichts mehr zuhause geben wird. Und wenn man dann bei Familienbesuchen inmitten von Wellblech, nackter Ziegel und Gestank wieder realisiere, wohin die Kids jedes Mal nach der Gruppenstunde wieder gingen, während man selber wieder draußen wäre. In der vergleichsweise komfortablen Ciudad Don Bosco, aber auch wieder zuhause, in Hamburg und Köln. Und wohin auch immer.

Für Leopold und Jan geht es zuhause gleich weiter mit Veränderung. Studium oder vielleicht doch auch eine Ausbildung? Leopold, der bleibt bei Wirtschaftsingenieurwesen, irgendwo ab Herbst – keine Ahnung. Jetzt muss Leo nämlich erst mal Essen. Diese langen Tage, dazu abends die Sporthalle in der CDB, wo er mit den Kindern ein paar Körbe wirft und einfach dabei ist – das macht alles tierisch hungrig. Und vielleicht auch, weil alles immer so krass viel ist. So intensiv.

Gefragt nach ihren schönsten Erlebnissen müssen beide nicht lange überlegen. Die Kinder und die Menschen hier – so vieles, was man mitnehme nach Hause. Der Moment, als die Kinder im Barrio nach Monaten der anfänglich eher distanzierten Zusammenarbeit zum ersten Mal strahlend dem Taxi mit ihnen entgegengelaufen seien. Profe, Profe (Abkürzung für Lehrer, Betreuer) gerufen hätten und sich tierisch gefreut hätten. Jan sagt, ihm hätten die Vorbereitungsseminare und die Gespräche mit den Ehemaligen Don Bosco Volunteers viel gegeben, hier eine gute Zeit zu haben. Die hätten ihm geraten, möglichst wenig Erwartungen zu haben und einfach für alles offen zu sein. Ihn habe das Jahr sensibler für sein Umfeld werden lassen. Wenn man die eigene Sozialisationsblase verlässt, wird man geduldiger und demütiger. Trotzdem hat Jan immer noch nicht so einen genauen Plan, wie es ab Herbst für ihn weitergeht. Vielleicht doch Musik studieren? Lehrer werden? Oder Musikpädagogik. Oder Ausbildung? Ganz sicher aber, werden die Begegnungen hier in Medellín sein Leben verändert haben. Und er wird etwas Sinnvolles gemacht haben. Soviel steht schonmal fest!

Text: Ulla Fricke, Fotos: Don Bosco Mission/ Judith Döker 2 (oben), Don Bosco Mission / Marco Keller 5

Der Freiwilligendienst

Ein Freiwilligendienst mit Don Bosco Volunteers dauert zwölf Monate und wird mit dem Programm "weltwärts" des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit gefördert. Die Freiwilligen werden von Don Bosco Volunteers in drei Vorbereitungsseminaren auf die Herausforderungen eines Freiwilligendienstes vorbereitet. Bewerben für die 50 Plätze können sich junge Menschen zwischen 18 und 28 Jahren immer bis zum 31.10 eines Jahres. Einsätze sind in vielen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerika möglich. Die Ausreise erfolgt dann im kommenden September. Die Volunteers erhalten freie Anreise, Unterkunft, Logis, Taschengeld und werden versichert. Das Kindergeld wird in den meisten Fällen weitergezahlt. Für die Freiwilligen verbleibt ein Eigenbeitrag von 2.400 Euro.

Mehr Infos und Bewerbung: www.donboscovolunteers.de. Die Blogs von Jan und Leopold: https://blogs.donboscovolunteers.de/koellumbienjanwachendorf/ bzw. https://blogs.donboscovolunteers.de/medellinkolumbienleopoldfuerstenberg

"Derecho a soñar" ("Recht zu träumen")

In diesem Projekt arbeiten Jan und Leopold. Es bietet Kindern und Jugendlichen aus konfliktreichen Barrios im Alter von 7 bis 17 Jahren einen gewaltfreien Rückzugsort. Es gibt vier Standorte des Projekts verteilt in den Barrios von Medellín; El Salado, Altos de la Torre, Villas de Santa Fe und Carpinelo. Es ist ein Projekt der Prävention, in dem Mitarbeiter versuchen, mit den Betroffenen die Schwierigkeiten aus dem Alltag zu verarbeiten und Lösungen zu finden. Mithilfe von Hausbesuchen wird auch die Familie ins Projekt integriert, sodass diese die Kinder und Jugendlichen nicht auf dem Weg zu einer besseren Zukunft hindern, sondern fördern.