Altöttinger Liebfrauenbote
Der Rheingauer Klostersteig ist hervorragend ausgeschildert.
Der Rheingauer Klostersteig ist hervorragend ausgeschildert.

Der Rheingauer Klostersteig verbindet alte Abteien und Kirchen

Stärkung für das unruhige Herz

Die Bibel deutscher Wanderer, das Wandermagazin, hat ihn gerade zur Wahl des schönsten deutschen Weitwanderweges 2019 nominiert. Seine Kür Anfang September wäre der Ritterschlag für eine Tour, die Körper und Seele vereinen soll: hin und wieder schweißtreibendes Gehen mit besinnlichen Stopps. Denn über knapp 30 Kilometer verbindet der Rheingauer Klostersteig die ehemaligen Zisterzienserklöster Eberbach und Marienhausen mit drei weitere Abteien, in denen noch heute Nonnen und Mönche den christlichen Glauben mit Leben füllen. Sie auch stempeln die Pässe, die man am Start erhält und einem am Ziel als echten Pilger ausweisen.

Kreuzgang des bedeutenden Klosters Eberbach.
Kreuzgang des bedeutenden Klosters Eberbach.
Blick in die dreischiffige Basilika.
Blick in die dreischiffige Basilika.
Weinkeller von Kloster Eberbach; Wein war eine wichtige Einnahmequelle der Klöster im Rheingau.
Weinkeller von Kloster Eberbach; Wein war eine wichtige Einnahmequelle der Klöster im Rheingau.

Ein bisschen Angst könnte der Wegname manchem schon einflößen, doch ein Steig, wie man ihn aus den Alpen kennt, ist der Klostersteig nicht. Eher ein streckenweise auch anspruchsvoller Wanderweg mit kurzen Anstiegen. Mehr als 800 Höhenmeter gilt es bei der Wanderung so mit einzurechnen. Genuss-Wanderer sollten sich für die Strecke so auch zwei oder gar drei Tage Zeit lassen. Kein Problem ist das, gibt es am Weg oder in den zu seinen Füßen gelegenen Winzerdörfern doch genügend Quartiere für fast jeden Geldbeutel.

Mit dem bestens ausgeschilderten Wanderweg haben die Touristiker eine Strecke auf den Höhen des Rheingaus ausgewiesen, auf denen schon im Mittelalter fromme Männer und Frauen unterwegs waren. Denn in nur wenigen Landschaften Europas ballten sich einst die Klöster auf so engen Raum wie hier. Das lag an herrlichen Grundstücken in tiefen, von kleinen Bächen durchzogenen Tälern, vor allem aber am Wein, dessen Trauben nicht weit weg an sonnigen Hängen reiften. So wie vor den Toren von Kloster Eberbach am Start des Klostersteiges.

Mitten im Grünen empfängt den Wanderer die romanisch-gotische Abtei. Sie wird heute von einer umtriebigen Stiftung betrieben, die in den alten Gemäuern nicht nur die Weinkultur pflegt, sondern auch mit Konzerten und Tagungen die Massen lockt. Zehntausende von Besuchern werden jährlich durch die Anlage geschleust, deren Anfänge ins frühe 12. Jahrhundert zurückgehen, als hier erstmals Augustiner-Chorherren siedelten. Schon bald aber übernahmen Zisterzienser aus Clairvaux das Kommando, die von hier aus viele Regionen mit Tochterklöstern besiedelten. Ackerbau und Viehzucht waren ihre Erwerbsquellen, vor allem aber der Weinbau. Noch heute zeugen davon alten Keltern und Fässer, die einem beim Rundgang begegnen.

Weil man den Mönchen in Eberbach schon früh einige Wunder zuschrieb, wurde das Kloster im Tal schnell zum Pilgerziel, dem eine ansehnliche Reliquiensammlung zusätzliche Attraktivität verschaffte. So entstand die 1186 geweihte Abteikirche, noch heute die größte Sehenswürdigkeit des Rheingaus: eine dreischiffige Basilika von romanischer Schlichtheit. Vom Chor führt eine Treppe in den ehemaligen Schlafsaal der Mönche, einer Bilderbuchschöpfung der Gotik. Sorgsam restauriert wie das ganze Kloster inzwischen, das mit der Reformation und den anschließenden Kriegen in eine Krise stürzte, von der es sich bis zur endgültigen Auflösung durch die Säkularisation 1803 nie mehr ganz erholte.

Durch dichte Wälder nach Johannisberg

Blick auf die Basilika in Johannisberg.
Blick auf die Basilika in Johannisberg.

Zwei bis drei Stunden sollte der Wanderer zum Erkunden des Klosters schon einplanen, dann aber ruft der Klostersteig. "Das unruhige Herz ist die Wurzel der Pilgerschaft", heißt es dazu im Begleitheft, das dem Wanderer bei der Meditation an ausgewiesenen Ruhepunkten helfen soll – und weiter: "Im Menschen lebt eine Sehnsucht, die ihn hinaustreibt aus dem Einerlei des Alltags und aus der Enge seiner gewohnten Umgebung. Immer lockt ihn das andere, das Fremde." Drei Klosterbögen in Naturlandschaft, das Zeichen des Weges, führen jetzt Stunden durch dichte Wälder, die schließlich berühmten Weinlagen wie dem "Winkler Hasensprung" weichen. Durch das Rebenmeer geht es weiter nach Johannisberg, wo viele ihren Marsch für eine Nacht unterbrechen. Schließlich hat man hier fast die Hälfte des Steiges hinter sich.

Weit über den Rhein reicht von Johannisberg der Blick nach Ingelheim, wo Kaiser Karl einst einen seiner Sitze hatte. Pfalz nannte man die damals. Von dort, so die Legende, schaute er einst auf die Hänge über den Fluss, wo er sah, dass der Schnee dort schneller schmolz als ringsum. Daraufhin soll er beschlossen haben, hier Weinberge anzulegen. Jahrehundertelang waren hier auch Benediktiner zuhause, deren Kirche Johannes dem Täufer geweiht war und schließlich dem langsam besiedelten Bergrücken auch den heutigen Namen Johannisberg gab. Heute prägen eine einfache neoromanische Basilika und ein barockes Schloss das Bild des Ortes, der für sich den Geburtsort der Spätlese reklamiert.

Durch ein von Mühlen gesäumtes Tal zum Kloster Marienthal

Blick in die Kirche von Marienthal.
Blick in die Kirche von Marienthal.
Gnadenbild von Marienthal.
Gnadenbild von Marienthal.

Ein von Mühlen gesäumtes Tal führt den Wanderer weiter zum Kloster Marienthal. Schon im frühen 14. Jahrhundert war das dort angeblich an einem Baum befindliche Gnadenbild der Schmerzhaften Muttergottes mit ihrem toten Sohn Jesus auf dem Schoß das Ziel erster Pilger. 1330 baute man eine erste Wallfahrtskirche. Neu beseelt wurde die Gnadenstätte schließlich Mitte des 15. Jahrhunderts durch die "Brüder vom Gemeinsamen Leben", einer Priestergemeinschaft aus Köln, die im Todesjahr Johannes Gutenbergs hier der Welt erste Klosterdruckerei einrichteten.

Ihr Erbe übernahmen Augustiner und Jesuiten, unter denen die Wallfahrt neuen Schwung fand. Nach der Auflösung des Jesuitenordens aber, in deren Folge man das Gnadenbild ins benachbarte Geisenheim schaffte, verfiel die Kirche. Fürst von Metternich aber, federführend bei der Neuordnung Europas nach Napoleons Sturz Anfang des 19. Jahrhunderts, baute sie wieder auf. Das Gnadenbild kam zurück, die Wallfahrten gingen weiter. 1873 übernahmen Franziskaner das Kloster, die sich bis heute um die Pilger kümmern.

Rund ums Kloster führt ein Prozessionsweg, der den Wanderer zur Einkehr anregt. Wer will, kann vor der mittelalterlichen Kreuzigungsgruppe an der Kirchenwand oder im Angesicht der Muttergottes vor dem Vesperbild eine Kerze anstecken. Als Abschiedsgruß, ehe es steil bergan aus dem Tal und weiter durch lichten Wald zum Kloster Nothgottes geht.

"Not Gottes"

Blick auf das Kloster Nothgottes.
Blick auf das Kloster Nothgottes.

Das Kloster Nothgottes wurzelt wie Marienthal im 14. Jahrhundert. Damals baute ein Ritter hier eine erste Kapelle. Veranlasst durch den Fund eines pflügenden Bauern, der eine hölzerne Heilandsfigur gefunden und dazu den zweimaligen Ruf "Not Gottes" gehört haben wollte. Der Figur zu Ehren, sie zeigt Jesus beim Gebet am Ölberg, baute man später eine Wallfahrtskirche, die Anfang des 17. Jahrhunderts um neue Klosterbauten erweitert wurde. Kapuziner kümmerten sich dort um die Pilger.

Doch auch hier brachte die Säkularisierung das Ende des Klosterbetriebes. Das Gnadenbild, ein schlanker Jesus mit flehenden Händen, kam in Rüdesheims Pfarrkirche. Aus dem Kloster wurde Museum, Musiksaal, Alten- und Müttergenesungsheim und Bildungshaus. Heute aber ist es wieder von christlichem Leben erfüllt, hat eine kleine Mönchsgemeinschaft Einzug gehalten: vietnamesische Zisterzienser, die sich hier ganz dem Wohle Gottes verschrieben haben. An einem Ort der Stille und Kontemplation, zu dem auch eine Kopie des Gnadenbildes im linken Seitenschiff beiträgt.

Hoch oben in den Weinbergen

Hoch oben in den Weinbergen thront die Benediktinerinnen-Abtei St. Hildegard.
Hoch oben in den Weinbergen thront die Benediktinerinnen-Abtei St. Hildegard.

Marienthal und Nothgottes lagen im Tal, das nächste Ziel findet sich hoch oben in den Weinbergen. Die Abtei St. Hildegard hält die Erinnerung an eine Heilige fest, die wie kaum eine andere das Mittelalter prägte. Mehr als ein halbes Hundert Benediktinnerinnen pflegen heute in der Abtei ihr Erbe, laden zur Teilhabe an ihren Gebeten in der Basilika. Ein Café lockt mit Spezialitäten aus der Klosterküche, im Shop gibt es Schmuck und Kerzen, Dinkelprodukte und Weine, welche die Nonnen selbst produzieren.

Ziel: Kloster Marienhausen

Blick auf das Kloster Marienhausen.
Blick auf das Kloster Marienhausen.

Die passenden Rebstöcke stehen gleich vor der Klostertür und führen den Wanderer zum Ziel, dem Kloster Marienhausen im Rüdesheimer Stadtteil Aulhausen. 1189 wurde es dem Kloster Eberbach unterstellt, dem Ausgangspunkt des Klostersteiges. Wie dort waren auch hier Zisterzienser zuhause. Nonnen, die sich mit extensiver Schafhaltung eine Zeitlang ihren Lebensunterhalt verdienten – und wie auch in Eberbach mit Weinbau. Erst 1811 wurde das Kloster säkularisiert, privatisiert und 1888 vom Bistum Limburg erworben, das dort eine Knabenerziehungsanstalt einrichtete.

Anfang letzten Jahrhunderts brannte die romanisch-gotische Saalkirche nieder, wurde jedoch rasch wieder aufgebaut. Inzwischen wurde sie umfassend saniert und künstlerisch neu ausgestaltet. Von Menschen mit Beeinträchtigungen übrigens, die dem Gotteshaus so zu einem wertvollen Alleinstellungsmerkmal verholfen haben. Am Ende einer langen Wanderung zeugt Marienhausen so davon, dass nicht die Perfektion den Menschen ausmacht, sondern sein Wille zur eigenen schöpferischen Gestaltung. Eine Einsicht, die jedem auf dem Klostersteig neuen Mut machen kann!

Text und Fotos: Günter Schenk

Informationen zum Rheingauer Klostersteig

  • Länge: 29,5 km
  • Wanderzeit: 8,5 – 10 Stunden
  • Gesamtaufstieg: 814 Höhenmeter

 

Etappenlängen

  • Kloster Eberbach – Pfingstbachwiesen: 8,1 km
  • Pfingstbachwiesen – Schloss Johannisberg: 5,7 km
  • Schloss Johannisberg – Kloster Marienthal: 4,4 km
  • Kloster Marienthal – Kloster Nothgottes: 3,0 km
  • Kloster Nothgottes – Abtei St. Hildegard: 3,3 km
  • Abtei St. Hildegard – Ponyhof Ebenthal: 2,1 km
  • Ponyhof Ebenthal – Kloster Marienhausen: 2,9 km

 

Öffnungszeiten / Pilgerbuch

In der Regel stehen die Klosterkirchen tagsüber offen – in Eberbach im Rahmen der normalen Öffnungszeiten der Klosteranlage. Die Marienkirche in Aulhausen ist sonntags von 17.30 bis 19.30 Uhr geöffnet. Sonst erhält man den Schlüssel unter der Telefonnummer 06722 901-109. Das Pilgerbuch ist gratis an der Klosterkasse Eberbach erhältlich. Wer am Ende die Stempel jedes Klosters vorweisen kann, erhält in Aulhausen ein kleines Holzkreuz. Zum Hereinschnuppern empfiehlt sich die gut zwei Stunden dauernde Wanderung vom Kloster Marienthal zur Abtei Sankt Hildegard über das Kloster Nothgottes.