Altöttinger Liebfrauenbote
"Christlicher Brief von Altötting": Sogenannte Wallfahrtsbriefe – einfach oder wie oben mehrfach gefaltet erfreuten sich vor dem Postkarten-Zeitalter großer Beliebtheit. Meist wurden alle Flächen bedruckt.
"Christlicher Brief von Altötting": Sogenannte Wallfahrtsbriefe – einfach oder wie oben mehrfach gefaltet erfreuten sich vor dem Postkarten-Zeitalter großer Beliebtheit. Meist wurden alle Flächen bedruckt.

Alte Wallfahrtsbilder zeugen von Frömmigkeit und Geschäftssinn

"Was könnte ich dir Schön'res schenken ..."

Seit über 40 Jahren sammelt Rudolf Zeiler (75) schon Wallfahrtsbilder aus Altötting in allen Formen und Varianten. Mittlerweile hütet er einen wahren Schatz – vom Sammlerwert her, aber vor allem auch in kulturgeschichtlicher Hinsicht. Einen kleinen Ausschnitt präsentiert Zeiler ab dem 24. Januar im Rathaus der Wallfahrtsstadt. Einige Bilder mehr sehen Sie auf diesen Seiten.

Rudolf Zeiler (75) lebt mit seiner Frau im Altöttinger Nachbarort Burgkirchen, wo er lange Jahre eine eigene Massagepraxis betrieb. Neben seiner Sammelleidenschaft hat er sich ehrenamtlich unter anderem als Ortsheimatpfleger und im Rahmen der Ausbildungsvermittlung für Jugendliche engagiert.
Rudolf Zeiler (75) lebt mit seiner Frau im Altöttinger Nachbarort Burgkirchen, wo er lange Jahre eine eigene Massagepraxis betrieb. Neben seiner Sammelleidenschaft hat er sich ehrenamtlich unter anderem als Ortsheimatpfleger und im Rahmen der Ausbildungsvermittlung für Jugendliche engagiert.
Wallfahrtsbild mit Häkelkranz. Gut zu erkennen: der Zug der Wallfahrer zur Gnadenkapelle.
Wallfahrtsbild mit Häkelkranz. Gut zu erkennen: der Zug der Wallfahrer zur Gnadenkapelle.

An der Volksschule, in den 50er-Jahren, erzählt Rudolf Zeiler, habe es öfter mal geheißen: "Wann i amoi groß bin, dann werd i a Kapuzina und dann kriagst a Buidl vo mia." Dieses Versprechen sei unter Schulbuben öfter gegeben, seines Wissens aber nie eingelöst worden. Geblieben sei aber bei ihm das Interesse für Andachts- und Wallfahrtsbilder. Schließlich spiegele sich in diesen Kleingrafiken ja nicht nur bayerische Volksfrömmigkeit, sondern auch Landes- und Ortsgeschichte: "So finden wir in älteren Sammlungen auch Sterbebilder für die aufrechten Männer der Stadt, die am 28. April 1945 und somit wenige Tage vor Kriegsende hingerichtet wurden. Oder ein Sterbebild der Kronprinzessin Antonia von Bayern, die ebenfalls ein Opfer des Nationalsozialismus wurde und deren Herz wunschgemäß in der Gnadenkapelle bestattet wurde."

Seine eigene Sammlung habe mit einem Bild des heiligen Bruder Konrad begonnen, erinnert sich Zeiler. Doch die Mehrzahl aller Bilder habe die Gnadenmutter von Altötting zum Gegenstand – ist sie es doch, zu der seit 1489 Pilger aus nah und fern in Scharen ziehen, um Dank abzulegen oder um Beistand zu flehen. Mit den Jahren brachten viele Pilger von der Wallfahrt auch Gebetszettel und Wallfahrtsbriefchen heim – zur eigenen Erinnerung oder als Gabe für Angehörige und Freunde. Denn, so war auf manchen Druckwerken zu lesen: "Was könnte ich dir Schön'res schenken als dieses Briefchen hier, nimm's an und ehr's als Angedenken, ich bring es von der Wallfahrt dir." (Siehe Bild ganz oben) Oder: "In der heiligen Kapelle kniend dachte ich deiner oft mit frommem Sinn, und zum Angedenken bring ich dir das Bild der Gnadenkönigin."

Besondere Heils- und Segenskraft

Das Wallfahrtsbild mit goldenem Stanzrahmen wurde in Stuttgart hergestellt ...
Das Wallfahrtsbild mit goldenem Stanzrahmen wurde in Stuttgart hergestellt ...
... Auf der Rückseite findet sich ein Mariengebet: "Gnadenreiche Mutter Jesu! vor Deinem heiligen Bildnisse schenke ich Dir mein Herz, um durch alle Athemzüge meines Lebens jene Liebe dir zu erzeigen, die nur immer ein frommes Herz zu leisten fähig ist. (...)"
... Auf der Rückseite findet sich ein Mariengebet: "Gnadenreiche Mutter Jesu! vor Deinem heiligen Bildnisse schenke ich Dir mein Herz, um durch alle Athemzüge meines Lebens jene Liebe dir zu erzeigen, die nur immer ein frommes Herz zu leisten fähig ist. (...)"
Coloriertes "Schleierbild" mit Trauerflor (siehe Text).
Coloriertes "Schleierbild" mit Trauerflor (siehe Text).

Die Briefchen waren mehrfach gefaltet und beidseitig bedruckt. Nach zunächst recht einfachen Kupferstichen, Lithografien und Stahlstichen nahmen der Variantenreichtum und die Kunstfertigkeit der Wallfahrtsbildchen immer mehr zu. Zu Beginn seien wohl fahrende Kupferstecher mit der Herstellung befasst gewesen, weiß Rudolf Zeiler, später jedoch zunehmend regionale Produzenten wie Josef Lutzenberger. Von 1736-1864 bestand dessen Buchdruckerei in Burghausen und danach bis zum 1. Januar 1919 als Verlag in Altötting, hat der Sammler herausgefunden. Zeiler nennt weiter Georg Pletzeneder und Carl Sighart aus Neuötting sowie Johann-Friedrich Carl aus Burghausen.

Anfangs schwarz-weiß, wurden die Bilder später von Hand coloriert und teilweise sogar mit Stoffapplikationen versehen. Bei Letzteren wurde ein Stück Papier mit den Umrissen des Gnadenbildes bedruckt und dieses anschließend in aufwändiger Arbeit mit kleinen Stoffstücken "bekleidet" (beklebt), erklärt der Sammler. Vor 200 Jahren seien gar 45 seidenbestickte Papierbilder gefertigt worden, von denen aber nur noch wenige existieren dürften.

Als Besonderheit nennt Zeiler auch die sogenannten Schleierbilder. Im Jahr 1737 habe Stiftsdekan Joseph Hagn von einem Aufenthalt im italienischen Loreto den Brauch mit nach Altötting gebracht, das Gnadenbild am Karfreitag mit einem Trauerflor zu umhüllen und diesen später in kleinen Stücken auf Andachtsbilder zu kleben. Diesen sei eine besondere Heils- und Segenskraft zugesprochen worden. Bei den Darstellungen auf Wallfahrtsbildern sei überwiegend die Gnadenkapelle sowie das Altöttinger Gnadenbild zu sehen, erklärt Zeiler. Seltener würden Wallfahrer selbst oder etwa der Salzburger Bischof Rupert (660-710), der nach alten Aufzeichnungen ein erstes Gnadenbild nach Altötting gebracht habe.

"Vorzügliche Betten"

Bruder Konrad-Gedenkbild.
Bruder Konrad-Gedenkbild.
Ein findiger Gastwirt nutzte die Rückseite des Bruder Konrad-Gedenkbildes für Werbung.
Ein findiger Gastwirt nutzte die Rückseite des Bruder Konrad-Gedenkbildes für Werbung.

Dabei dienten Wallfahrtsbilder durchaus nicht nur der frommen Erbauung. Sie fanden auch ganz profan Verwendung als Werbemittel für geschäftstüchtige Devotionalienhändler und Wirte in Altötting. Beidseitig bedruckt und wohl manchmal schon den Ankommenden am Bahnhof oder anderswo in die Hand gedrückt, suchten die Bilder um Aufmerksamkeit für Wallfahrtsartikel und Fremdenzimmer mit "vorzüglichen Betten". Doch vorrangig ging es natürlich nicht um weltliche Genüsse, sondern um eine sinnvolle Nutzung der kurzen Zeit am Gnadenort. Rudolf Zeiler weist etwa auf eine zehnseitige Druckschrift des Buchbinders Ignaz Seidl hin mit integriertem Andachtsbild und dem Aufdruck: "Was bei selber (der Wallfahrt, Anm. d. Red.) zu verrichten, im Dortsein und Nachhause gehen." Die um 1800 gedruckte Schrift beinhaltet neben Gebeten und Ratschlägen auch eine Kurzbeschreibung der Ortsgeschichte.

Lange Zeit erfreuten sich die Wallfahrtsbilder und -briefchen großer Beliebtheit und wurden zu Tausenden gedruckt. Doch die ersten Ansichtskarten, die laut Zeiler um 1894 aus Altötting verschickt wurden, leiteten rasch das Ende der Ära ein. Nun hatten die Pilger erstmals Gelegenheit, persönliche Eindrücke vom Gnadenort, Wünsche und Grüße noch aus Altötting an die Angehörigen zu schicken. Wiederum 100 Jahre später, mit der raschen Verbreitung von Smartphones, drohen auch die Ansichtskarten in der Versenkung zu verschwinden. Ein Foto mit dem Handy ist gleich gemacht und an viele Empfänger zugleich versendet. Aber hat es noch den gleichen Wert wie ein kunstvoll gefertigtes Wallfahrtsbild? Urteilen Sie selbst – entweder anhand der Abbildungen auf diesen Seiten oder beim Besuch der Ausstellung von Rudolf Zeiler im Altöttinger Rathaus (siehe unten).

Der Sammler selbst sieht es ganz nüchtern: "Unsere Welt unterliegt einem stetigen Wandel, das gilt auch für die Wallfahrtsbilder, ihre Drucktechnik und Motive". Für Heimatfreunde und Christen seien die religiösen Kleingrafiken jedenfalls ein ausreichender Grund, "sich mit diesem spannenden Teilaspekt der Volksfrömmigkeit zu beschäftigen".

Text: Wolfgang Terhörst, Fotos: red

Die Ausstellung "Altöttinger Wallfahrtsbilder über mehrere Jahrhunderte" ist im Rathaus Altötting bis zum 22. Februar zu den üblichen Öffnungszeiten zu sehen: Mo. 8-12 Uhr, Di. und Mi. 8-12 und 14-16 Uhr, Do. 8-12 und 14-18 Uhr sowie Fr. 8-12 Uhr.