Altöttinger Liebfrauenbote

Das spanische Santillana del Mar ist ohne die heilige Juliana nicht denkbar

Geheimnisvolle Heiligenverehrung

Im nordspanischen Santillana del Mar begann die Ortsgeschichte vor etwa 1.500 Jahren mit der Verehrung von Reliquien der heiligen Juliana von Nikodemia, deren Gedenktag sich am 16. Februar jährt. Wie genau ihre Reste hierhin gelangten, ist allerdings nicht geklärt.

Blick vom Kreuzgang auf den gedrungenen Turm der Stiftskirche.
Blick vom Kreuzgang auf den gedrungenen Turm der Stiftskirche.
Steinerne Liegend-Figur der hl. Juliana in der Stiftskirche.
Steinerne Liegend-Figur der hl. Juliana in der Stiftskirche.

Kopfsteingepflasterte Gassen, lauschige Plätzchen und Winkel, Blumenbalkone und vor allem die romanische Stiftskirche und deren Kreuzgang mit meisterhaft skulptierten Kapitellen – das ist der Stoff, aus dem Santillana del Mar gestrickt ist. Der Ortsname leitet sich von Santa Juliana ab, jener Heiligen, die laut Überlieferung Anfang des 4. Jahrhunderts während der Christenverfolgungen standhaft in ihrem Glauben blieb; zur Strafe erlitt sie ihr Martyrium in Nikomedia in der heutigen Türkei. Ihr Gedenktag wird immer am 16. Februar begangen – aber gefeiert wird er in Santillana del Mar kurioserweise erst am 28. Juni. Den Grund kennt Agustín García, 44, Direktor der Stiftskirche: "Das hat mit der Jahreszeit und den Pilgern auf dem Küstenjakobsweg nach Santiago de Compostela zu tun. Sie sollen den Tag der Heiligen während eines klimatisch besseren Monats feiern. Das ist schon seit Jahrhunderten so." Aus diesem Grund sei Juliana kein Einzelfall; auch der Tag des heiligen Sebastian werde hier nicht wie üblich am 20. Januar gefeiert, sondern aus denselben Gründen am 20. Mai.

Die Heilige hat dafür gesorgt, dass der 1000-Einwohner-Ort als Pilgerziel ein Begriff geblieben ist. 60 000 Besucher kommen alljährlich in die Stiftskirche, was aber nur einem kleineren Teil der Gesamtbesucherzahl in Santillana del Mar entspricht. Die Spanier haben die Nase in dem pittoresken Ort mit den Reliquien der heiligen Juliana vorn, ausländische Gläubige und Touristen sind in der deutlichen Minderzahl. Als Geheimtipp ist der Ort nicht etikettierbar.

Auf welch verworrenen Wegen Julianas Reliquien den spanischen Norden – genauer: das Küstenhinterland des Golfs von Biskaya in Kantabrien – erreichten, ist nicht mehr nachvollziehbar und verliert sich im Dunkel zwischen Legende und Geschichte. Fest steht, dass sie ins heutige Santillana del Mar gelangten, wo ihre Reliquienverehrung im 6. Jahrhundert begann. "Es gab eine erste winzige Kapelle", so Agustín García, aber noch keine Ordensgemeinschaft. Das änderte sich im 8. Jahrhundert mit den Benediktinern, die ein präromanisches Kirchlein erbauten.

Kreuzgang mit fantastischen Kapitellen

Die Südgalerie ist der Höhepunkt im romanischen Kreuzgang der Stiftskirche.
Die Südgalerie ist der Höhepunkt im romanischen Kreuzgang der Stiftskirche.

Dies war die Keimzelle der Colegiata, der romanischen Stiftskirche, auf die bis heute alle Fäden in der Ortsmitte zulaufen. Rundherum entwickelte sich die Siedlung, die ab dem Spätmittelalter zum Sitz des Landadels aufstieg, der trutzige, wappenverzierte Herrenhäuser als Statussymbole pflegte. Dies erklärt das Ortsbild und den weltlichen Zulauf in diesem denkmalgeschützten Gesamtkunstwerk, in dem es ganz schön wimmelig zugehen kann. Die Souvenirkultur vor allem mit Kulinaria aus der Gegend blüht: von Sardellen bis Wildschweinwurst. Kommerzielle Anstöße hat auch die Heilige gegeben. Nach ihr sind ein Gasthof und ein Waschsalon benannt.

Hoch in der Hauptfassade der Stiftskirche ist die heilige Juliana in einer Nische als Skulptur zugegen: triumphierend über den Teufel, der ihr zu Füßen an einer schweren Kette liegt. Hinein in den Komplex gelangt man nur über einen Umweg, nämlich seitwärts durch ein Gässchen mit einem unscheinbaren Seitenzugang. Passiert man im düsteren Vorraum die Tür, wo Kartenverkäufer Luis Gómez sitzt, wird man schier überwältigt. Plötzlich findet man sich in einem der prächtigsten Kreuzgänge Spaniens wieder: einem Juwel der Romanik mit gedrungenen Doppelsäulen und Kapitellen, die ihresgleichen suchen.

Höhepunkt ist die Südgalerie mit einer faszinierenden, detailverliebten Flut an Motivminiaturen: der von Aposteln und Evangelistensymbolen umgebene Pantokrator in der Mandorla, Daniel in der Löwengrube, die Taufe Christi, die Enthauptung Johannes des Täufers. "Das hier ist mein Lieblingsmotiv", sagt Führer Daniel Escudero, der gerade mit einer Touristengruppe hineinkommt und auf die filigran gearbeitete Kreuzabnahme deutet.

Kirche mit Reliquienschrein

Kapitell im romanischen Kreuzgang der Stiftskirche: Kampf eines Ritters gegen einen Drachen, wobei ein Engel die ausführende Arbeit übernimmt.
Kapitell im romanischen Kreuzgang der Stiftskirche: Kampf eines Ritters gegen einen Drachen, wobei ein Engel die ausführende Arbeit übernimmt.
Die hl. Juliana als Bezwingerin des Teufels; Skulptur hoch oben an der Hauptfassade der Stiftskirche.
Die hl. Juliana als Bezwingerin des Teufels; Skulptur hoch oben an der Hauptfassade der Stiftskirche.

Mittendrin mischen sich weltliche Stoffe hinein. Da schlägt ein Schäfer Wölfe in die Flucht, die es auf seine Herde abgesehen haben. Da nimmt ein Ritter hoch zu Ross Abschied von seiner Herzensdame, die eine Blume in Händen hält. Da durchbohrt ein Krieger mit seinem Schwert eine auf den Hinterbeinen stehende Bestie, aus der nun die Innereien quellen. Ein anderer Ritter kämpft gegen einen Drachen, überlässt in der Praxis aber einem Engel die Arbeit. Und über einem gevierteilten Pferd warten Geier auf ihren Fraß. In der West- und Nordgalerie dominieren pflanzliche und geometrische Kapitelldekors, während die Ostgalerie zu Beginn des 20. Jahrhunderts eher nüchtern erneuert wurde. Überdies hat der Kreuzgang auch als Begräbnisstätte fungiert; in der angegliederten gotischen Kapelle Polanco liegen Mitglieder dieser Adelssippe begraben.

Sieht man bei manchen Kapitellen genau hin, entdeckt man Moosgrün in den Ritzen. Regen und die Salzluft des nahen Atlantiks erschweren den Erhalt, und beim Eintritt vom Kreuzgang in die Kirche spürt man die Feuchte. Die Temperatur sackt ab, doch der Raum verfehlt seine Wirkung nicht. Er berührt, ja er fesselt mit der Symmetrie seiner Bögen, einer fast archaischen Aura, der gedämpften Ausleuchtung. In der Höhe fällt spärliches Licht durch Alabasterfenster. Eine steinerne Liegend-Figur beim Altarraum zeigt die Heilige.

Der golden glänzende Hochaltar, vermutlich eine Stiftung des Adelsgeschlechts der Mendozas, bezeugt den Übergang zwischen Spätgotik und Renaissance. Zentraler Blickfang ist der Reliquienschrein, eine wappenverzierte kleine Truhe weit über Kopfhöhe. Darüber sieht man ein Bildnis der sitzenden Heiligen, wieder darüber ein Relief von Maria Himmelfahrt, ganz oben unter dem Gewölbe Christus am Kreuz. Welche Reliquien Julianas der Schrein enthält, kann auch Agustín García trotz bester Kenntnisse der Materie nicht sagen und belässt es bei "Staub, Reste von kleinen Knochen".

Text und Fotos: Andreas Drouve