Altöttinger Liebfrauenbote
Männer-Wallfahrergruppe an der Salzach von Burghausen nach St. Radegund zur Franz-Jägerstätter-Gedenkstätte.
Männer-Wallfahrergruppe an der Salzach von Burghausen nach St. Radegund zur Franz-Jägerstätter-Gedenkstätte.

Männerseelsorge – ein Gespräch über Empfindungen, Lebenswelten und Herbert Grönemeyer

"Zu einer heilvollen Selbstannahme finden"

Vom 19. bis 21. Februar trifft sich die "Gemeinschaft der Katholischen Männer Deutschlands" (GKMD) – das oberste Gremium der katholischen Männerseelsorge in Deutschland – zu ihrer Haupttagung in Passau. Im Bildungshaus Spectrum Kirche auf Mariahilf geht es auch darum, wie kirchliche Männerarbeit in der Öffentlichkeit besser wahrgenommen werden kann, ob die richtigen Themen gesetzt und treffsichere Begriffe verwendet werden. Grund genug, einmal bei Walter Sendner vom Bischöflichen Seelsorgeamt Passau nachzufragen, was denn Männerseelsorge eigentlich ausmacht, wo er als Leiter des Bereichs im Bistum Schwerpunkte sieht und setzt – und was er sich für die Zukunft wünscht. So viel sei verraten, Bibelkreise in der Kneipe sind es nicht ...

Gemeindereferent Walter Sendner ist im Bischöflichen Seelsorgeamt Passau (mit) zuständig für die Bereiche Hospiz- und Trauerpastoral, Männerpastoral und Seniorenseelsorge.
Gemeindereferent Walter Sendner ist im Bischöflichen Seelsorgeamt Passau (mit) zuständig für die Bereiche Hospiz- und Trauerpastoral, Männerpastoral und Seniorenseelsorge.

Herr Sendner, warum brauchen Männer eine eigene "Männerseelsorge" oder "Männerarbeit" in der Kirche?
Walter Sendner:
Wenn Sie sich der Frage stellen, "Warum bin ich als Mann hier in dieser Welt und nicht als Frau, welche Aufgabe und Bedeutung hat das für mich, mein jetziges Leben und darüber hinaus?", dann können Sie die Notwendigkeit von Männerseelsorge und Männerarbeit rasch erkennen.

Wie definieren Sie Männer-Seelsorge und wie unterscheidet sich diese bspw. von Frauenseelsorge?
Walter Sendner: Die Geschlechter orientierte Seelsorge will keine Gegensätze und Unterschiede betonen, sondern will dabei mithelfen, zu einer heilvollen Selbstannahme und Wertschätzung des Lebens als Mann oder als Frau zu finden und dabei über sich hinauszuwachsen. Die Orientierung dabei gelingt in manchen Lebensphasen einfach besser und leichter in Männergemeinschaften oder in Frauenkreisen. Papst Franziskus sagt in seinem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben "Amoris Laetitia": "Vielleicht ist es die größte Aufgabe der Frau und des Mannes in der Liebe zueinander sich darin zu unterstützen, volles Frausein und ganzes Mannsein zu entfalten."

Innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) gibt es in der Pastoralkommission eine eigene Unterkommission "Frauen in Kirche und Gesellschaft" mit Bischof Franz-Josef Bode als Vorsitzendem. Männerseelsorge ist dagegen "ausgelagert" in die "Kirchliche Arbeitsstelle für Männerseelsorge und Männerarbeit in den deutschen Diözesen e.V." – Erzbischof Ludwig Schick fungiert als Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für die Männerseelsorge. Warum dieser Unterschied in der organisatorischen Gewichtung? Haben Kirche und Bischofskonferenz "Männerthemen" in der Vergangenheit zu wenig "auf dem Schirm" gehabt – und vielleicht sogar heute noch?
Walter Sendner: Die Männer sind in der Organisationsstruktur der Deutschen Bischofskonferenz nicht "ausgelagert", im Gegenteil, sie bilden ja das Hauptlager. Von daher war in der Pastoralkommission eine Unterkommission "Frauen in Kirche und Gesellschaft" regelrecht "Notwendig", denn die von "Pastoral und Seelsorge" angesprochenen Menschen sind eben zu 50 Prozent Frauen und die sollten hier eben auch vertreten sein. Die "Kirchliche Arbeitsstelle für Männerseelsorge und Männerarbeit in den deutschen Diözesen e.V." gibt es übrigens parallel auch für die Frauenseelsorge. Dass Männerthemen und Männerarbeit in der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten an den Rand gedrängt wurden, ist von vielen Männern mit einem Auszug aus den kirchlichen Gremien quittiert worden.

Brauchen Männer eine andere Ansprache? Andere Themen und Angebote?
Walter Sendner: Wenn Sie Männer und Frauen beobachten, wie sie durch die Passauer Maidult spazieren, erkennen Sie sehr schnell, welche Themen Männer mehr ansprechen und welche Themen die Frauen besser einfangen. Es sind sprachliche und empfindungsmäßig Unterschiede wahrnehmbar, wenngleich sie durch die Gender-Bewegung heutzutage gern eingeebnet werden. Klischees hin oder her, Werbefachleute nutzen diese Unterschiede für erfolgreiche Geschäfte. Wenn wir in der Seelsorge diese "andere" Sprache und Empfindungswelt der Männer nicht bedienen, versäumen wir unsere Mission und gehen an der Wirklichkeit vorbei.

"Die Marianische Männerkongregation ist eine herausragende und starke Männervereinigung in unserm Bistum"

Titelbild der aktuellen Ausgabe – Männerseelsorge im Bistum Passau steht auf vielen Säulen – eine davon ist die Marianische Männerkongregation (MC). Unser Foto zeigt Präses Br. Georg Greimel (l.) im Gespräch mit MC-Sodalen auf dem Altöttinger Kapellplatz.
Titelbild der aktuellen Ausgabe – Männerseelsorge im Bistum Passau steht auf vielen Säulen – eine davon ist die Marianische Männerkongregation (MC). Unser Foto zeigt Präses Br. Georg Greimel (l.) im Gespräch mit MC-Sodalen auf dem Altöttinger Kapellplatz.

"Wann ist ein Mann ein Mann?", fragt Herbert Grönemeyer in seinem Lied "Männer": "Männer weinen heimlich, Männer brauchen viel Zärtlichkeit, Männer sind so verletzlich ..." und "Männer sind einsame Streiter, müssen durch jede Wand, müssen immer weiter ...". Wie würden Sie die Frage beantworten - als Mann und Männerseelsorger, aber auch aus der kirchlichen Pastoral heraus?
Walter Sendner: Herbert Grönemeyer hat in diesem Lied einen sehr schönen Blick in das Seelenleben von Männern skizziert. Wenn ein Mann all das, was hier besungen wird, in sich spüren und empfinden kann, wenn er es ausdrücken kann und es nicht anästhesiert, verleugnet oder tabuisiert ist, dann ist der Mann wirklich ein Mann.

Konkret: Wie ist die Männerseelsorge im Bistum Passau strukturiert, auf welchen Säulen ruht sie?
Walter Sendner: Es ist spannend, einmal genau hinzusehen: Wo treffen sich heute Männer? Die Dorfwirtshäuser sind vielerorts verschwunden. Sind Baumärkte, Sport- und Fitnesscenter neue Treffpunkte? Sind die modernen Küchenblocks, hinter denen junge Männer stehen und kochen, die neuen, in die Privatsphäre geholten "Altäre"? Zurück zu Ihrer Frage: Die Männerseelsorge im Bistum Passau ist zunächst in den Pfarrgemeinden beheimatet, in den Zusammenkünften der Gruppen und Vereine. Die diözesanen Stellen der Räte und der kirchlichen Verbände unterstützen diese Arbeit Vor Ort, z. B. Kolping, DJK, KAB und KLB. Das Fachreferat Männerseelsorge will die unterschiedlichen Angebote in den Pfarreien fördern und ergänzen. Themen sind z.B. Väter und Kinder, Bubenerziehung, Ehe und Partnerschaft, Gottes Suche in Einkehrzeiten und auf Pilgerweg, initiieren von regionalen Männergruppen und -treffen und so weiter. Es gibt ein Jahresprogramm des Fachreferats, "Männer + Glaube". Darin finden sich auch Begegnungstage und Angebote von benachbarten Diözesen, z.B. Linz, München, Regensburg und Augsburg.

Welche Rolle spielen Vereinigungen wie die Marianische Männerkongregation?
Walter Sendner: Neben den schon erwähnten kirchlichen Verbänden DJK, KAB, KLB, Kolping, ist die MMC eine herausragende und starke Männervereinigung in unserm Bistum. Es sind einige tausend Männer, die sich regelmäßig in Pfarrgruppen oder bei Kongregationszusammenkünften treffen, miteinander beten und sich im Glauben stärken. Es ist eine besondere Spiritualität, die in der Verehrung Mariens wurzelt und den Männern und dieser Kongregation in der heutigen Zeit Halt und Orientierung gibt. Ich schätze die MMC als wichtigen und wertvollen Arm der katholischen Männerarbeit, wenngleich viele Männer den Zugang zu dieser Gemeinschaft eher als "Hardcore" sehen.

"Ich träume von Männertreffpunkten für Bastler oder Schrauber"

Aus dem letztjährigen Programm "Männer+Glaube" des Bischöflichen Seelsorgeamts Passau: "Jesus und die Männer im Boot" – Moldau-Kanupilgerfahrt von Vyssi Brod nach Crumlov. Ganz rechts im Bild der Referent für die Männerseelsorge, Walter Sendner.
Aus dem letztjährigen Programm "Männer+Glaube" des Bischöflichen Seelsorgeamts Passau: "Jesus und die Männer im Boot" – Moldau-Kanupilgerfahrt von Vyssi Brod nach Crumlov. Ganz rechts im Bild der Referent für die Männerseelsorge, Walter Sendner.

Wie gliedern sich die Seelsorge-Angebote an die Männer im Bistum Passau auf?
Walter Sendner: Wenn Sie unser Jahresprogramm "Männer + Glaube" durchblättern, erkennen Sie den Versuch, das breite Spektrum der Lebenswelten von Männern abzubilden: Da ist etwas für die Einsiedler-Typen, für die Motorfreunde, für Väter und Söhne, für Entdecker und Abenteuerlustige, da ist etwas für die reiferen Jahre (übrigens: ca. 45 Prozent der Männer in unserem Bistum sind 55+). Und Themen zum Kirchenjahr finden sich natürlich auch dabei.

Können und wollen Sie auch kirchenferne Männer erreichen? Wie?
Walter Sendner: Domkapitular Gerhard Auer bietet in "Männer + Glaube" etwas Einzigartiges an: "Aus der Kirche – weg von Gott?" heißt das Thema. Kirchenferne und -kritische Männer, die ein wertschätzendes, konstruktives Gespräch in der Auseinandersetzung mit Kirche und Glaube suchen, können sich mit ihm in Verbindung setzen. Natürlich finden sich auch kirchenfernere Männer zu interessanten Pilgerfahrten auf dem Motorrad oder im Kanu ein. Dabei öffnen sich immer wieder neue Zugänge zu christlichem Glauben und zur Kirche.

Wie sehen Sie die Zukunft der Männerseelsorge im Bistum Passau? Was wünschen Sie sich?
Walter Sendner: Es gibt in den Pfarrgemeinden unseres Bistums viele Gruppierungen, die Männern ein Forum bieten, Leben zu teilen und zu deuten, Interessen und christliches Gedanken- und Kulturgut zu bereden, zu bewerten und zu verwirklichen. Ich möchte solche Männertreffpunkte mehr vernetzt wissen, den Erfahrungs- und Ideenaustausch fördern und neue Treffpunkte entstehen sehen. Um es mit Worten aus der Pastoralen Konstitution "Gaudium et spes", zu sagen: Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Männer von heute, (...) sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi, sprich der Männerseelsorge von Passau. Ich träume z. B. von Männertreffpunkten in Form von Werkstätten oder Garagen, in denen "Bastler" und "Schrauber" agieren dürfen. Wo sie Neues erfinden und Altes reparieren können – und das nicht nur pragmatisch mit alltäglichem Zeug, sondern auch im religiösen und christlichen Sinn: Sich gegenseitig neue, "himmlische – paradiesische – erlöste" Perspektiven zu eröffnen und sich in Dankbarkeit, Versöhnung und Gutsein lassen untereinander zu üben und sich reich zu machen – und am Reich Gottes unter den Menschen mit zu bauen. Männer haben da Ressourcen, da bin ich mir sicher. Es gilt, sie den Ruf, ihre eigene Berufung, vernehmen zu lassen. "Der Herr braucht dich!" Sei es als Handlanger, Ingenieur, Einsiedler oder Familienvater. Eben dort, wo du stehst – oder anders: Wo er dich hingestellt hat.

Interview: Wolfgang Terhörst, Fotos: Bistum Passau 3, Foto - Titel: red

Katholische Männerseelsorge in Deutschland

Die kirchliche Männerarbeit in Deutschland ruht auf zwei grundlegenden Säulen: Die "Kirchliche Arbeitsstelle für Männerseelsorge und Männerarbeit in den deutschen Diözesen" (AfM) fördert zusammen mit der "Gemeinschaft der Katholischen Männer Deutschlands" (GKMD) als Dachverband der katholischen Männerarbeit in der Bundesrepublik die Aufgaben der katholischen Männerarbeit. Die AfM ist eine pastorale Einrichtung der Deutschen Bischofskonferenz. Sie hat den Auftrag, die Aufgaben einer zeitgemäßen Männerpastoral bewusst zu machen, zu fördern und ihre Realisierung in Diözesen und Verbänden anzuregen und zu begleiten. Sie arbeitet eng zusammen mit GKMD, dem Zusammenschluss der katholischen Verbände, die sich mit Männerseelsorge und Männerarbeit befassen, der Männerwerke und Männergemeinschaften sowie der Diözesanstellen für Männerseelsorge. Neben den Diözesanstellen sind dies 19 überdiözesane Verbände und Gemeinschaften.

Im November 2001 verabschiedete der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz neue Richtlinien für die Männerseelsorge und kirchliche Männerarbeit, die die bislang gültigen Richtlinien aus dem Jahre 1982 ablösen. Mit den neuen Richtlinien reagieren die Bischöfe auf den beschleunigten gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahre, der tief in das Verständnis von Geschlechterrollen und in die Entwicklung der eigenen Geschlechtsidentität eingreift und besonders Männer vor neue Herausforderungen stellt. Die Richtlinien sprechen sich für eine Männerpastoral aus, die biographisch an konkreten Lebenssituationen und Lebensvollzügen ansetzt und Männer ermutigt, ihr Mannsein in allen Dimensionen zu entfalten.

Text: Wolfgang Terhörst