Altöttinger Liebfrauenbote
Panza (siehe Text) arbeitet auf dem Zuckerrohrfeld, obwohl er noch minderjährig.
Panza (siehe Text) arbeitet auf dem Zuckerrohrfeld, obwohl er noch minderjährig.

Wenn die Jugend auf Zuckerrohrfeldern verloren geht

Zwei Fernandos, ein Elend

Wer schon in jungen Jahren auf den Zuckerplantagen der Pazifikküste Guatemalas schuften muss, dessen Leben ist vorgezeichnet: Nierenschäden, keine Schulbildung, keine Chance, dem Elend zu entkommen. Unternehmer der guatemaltekischen Zuckerindustrie versichern, sie hätten die Arbeitsbedingungen auf ihren Feldern reformiert. Doch während das Exportprodukt Zucker weltweit die Nahrung der Menschen süßt, bleibt das Elend jugendlicher Feldarbeiter bitter.

Vor der Ernte werden die Zuckerrohrfelder abgefackelt. Die Umweltverschmutzung ist offensichtlich.
Vor der Ernte werden die Zuckerrohrfelder abgefackelt. Die Umweltverschmutzung ist offensichtlich.
Fernando, genannt Panza, vor der armseligen Behausung, in der zusammen mit seinem gleichnamigen Cousin und den gemeinsamen Familien lebt.
Fernando, genannt Panza, vor der armseligen Behausung, in der zusammen mit seinem gleichnamigen Cousin und den gemeinsamen Familien lebt.

Frühmorgens lodern die Flammen auf dem Zuckerrohrfeld meterhoch. Das Feuer vertreibt giftige Schlangen und verbrennt scharfe Blätter und klebrigen Pflanzenstaub. Nach ein, zwei Stunden Brand ragen nur noch dunkelbraune Zuckerrohre wie Speere aus der Asche. Ihre süße Flüssigkeit schützt das Holz vor dem Feuer. Noch am selben Tag kommen die Erntearbeiter aufs Feld. Einer von ihnen ist der 15-jährige Fernando, genannt Panza. Sein Hals schmerzt seit Tagen, weil er ständig Asche einatmet. "Die Sonne ist heiß wie die Hölle," sagt er. "Mittags ist die Hitze nicht auszuhalten."

Der Junge geht freiwillig aufs Feld, genauso wie sein Cousin. Der ist ein paar Monate älter und heißt auch Fernando. "Die Arbeit auf dem Zuckerrohrfeld macht dich fertig. Aber in Guatemala gibt es wenig Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Wenn du nicht lange zur Schule gegangen bist, findest du keine andere Arbeit als die auf den Zuckerrohrfeldern."

Asche bedeckt die Felder, die Hütten, die Menschen. Die beiden Cousins wohnen in einer Siedlung aus einfachen Holzhäusern mit Wellblechdächern. Auf einem kleinen Grundstück leben sie zusammen mit ihrer Großfamilie. Der Nachbar Marcelino hat eine ähnliche Hütte. "Die beiden Fernandos sind jung und kräftig", sagt der alte Mann. "Aber abends sehe ich, wie sie müde nach Hause kommen. Manchmal reden wir noch ein wenig. Ihr Leben ist hart, denn sie haben nur ihre Mütter und Geschwister, keinen Vater. Deshalb arbeiten sie viel, um zu überleben."

Auf den Zuckerrohrfeldern arbeiten viele Jungen. Sie werden von Leuten angeheuert, die Arbeitertrupps zusammenstellen und auch Minderjährigen Arbeit geben, obwohl das eigentlich verboten ist, erklärt Don Marcelino: "Eine richtig gute Anstellung findest du heute nur noch, wenn du einen Schulabschluss hast. Doch wenn das Geld nicht mal fürs Essen reicht, wie soll man dann noch die Schule bezahlen?"

Vor zwanzig Jahren war es in Guatemala selbstverständlich, dass Kinder auf den Zuckerrohrfeldern arbeiten. Doch dann hat der Verband der Zuckerindustrie klare Regeln gegen Kinderarbeit formuliert, erklärt die Direktorin der Abteilung für soziale Verantwortung des Unternehmerverbands ASAZGUA, Maria Silvia Pineda: "Im Jahr 2002 haben wir entschieden, innerhalb von drei Jahren Zwangsarbeit und Kinderarbeit komplett abzuschaffen. Wir wollen eine Agrarindustrie sein, die auf dem Weltmarkt bestehen kann, die hochgradig produktiv ist, mit einem Fokus auf das Wohlergehen der Menschen. Deshalb gibt es heute auf den Feldern der Zuckerunternehmen keine Kinderarbeit mehr."

Diese Regel ist allen Unternehmen bekannt, aber in der Praxis sitzen weiterhin viele Minderjährige in den Bussen, mit denen die Plantagenbesitzer ihre Arbeiter zu den Feldern bringen lassen. "Ich gehe um vier Uhr morgens aus dem Haus", sagt Panza. "Der Bus kommt um halb fünf. Die Fahrt dauert fast zwei Stunden. Im Bus muss ich oft stehen. Dann frage ich jemanden, ob ich mich kurz auf seinen Platz setzen darf, um zu frühstücken."

Nach der Busfahrt muss Panza meist noch lange laufen. Manchmal kommt er erst gegen acht Uhr morgens auf dem abgefackelten Feld an. "Dann hat der Aufseher die Arbeitsbereiche schon längst eingeteilt. Ich ziehe meine Schienbeinschoner und meine Schutzbrille an und lege los."

Mit seiner schweren Machete durchtrennt der Junge das Zuckerrohr mit einem Schlag. Wenig später ist sein Gesicht rußverschmiert. Seine Zähne und Augen glänzen wie weiße Punkte auf schwarzem Grund. "Die Kameraden wissen, dass ich erst fünfzehn Jahre alt bin. Einige sagen, ich sei noch zu jung, um Zuckerrohr zu schneiden."

Die Aufseher auf dem Feld geben vor, sich an die Regeln zu halten. Der Personalchef der Plantage heißt Marvin Rivera. "Vor einigen Jahren gab es das noch, dass auch Kinder mitgearbeitet haben", sagt er. "Heute nicht mehr. Bei uns darf niemand unter achtzehn arbeiten."

Verbotene Kinderarbeit

Für viele junge Leute in Guatemala ist die Zuckerrohrernte die einzige Möglichkeit einer formalen Anstellung.
Für viele junge Leute in Guatemala ist die Zuckerrohrernte die einzige Möglichkeit einer formalen Anstellung.

Wie ist es dann möglich, dass die beiden Cousins Fernando auf dem Feld Schwerstarbeit leisten? Der erfahrene Feldarbeiter Marcelino ist sich sicher: die Personalabteilungen der meisten Betriebe würden es nicht zulassen, das Minderjährige auf den Feldern arbeiten - zumindest offiziell. "Aber in der Praxis gibt es oft Kurzzeitverträge für Tagelöhner, die ganz ohne soziale Absicherung arbeiten. In diesen Fällen gibt es nicht so viel Bürokratie und die Aufseher auf dem Feld können auch Jugendliche arbeiten lassen. Ihnen ist das Alter egal. Was zählt ist, wie viel ein Arbeiter leistest.

Wenn Panza morgens auf das Feld kommt, wird ihm ein Abschnitt zugeteilt. "Den habe ich bis halb eins abgearbeitet. Danach kriege ich einen neuen Abschnitt. Um sieben Uhr abends wird es dunkel und du musst mit einer Lampe arbeiten. Wenn ich um acht Uhr noch nicht fertig bin, schimpft der Aufseher." Alle drei Stunden müssen die Feldarbeiter die breiten Klingen ihrer Macheten schleifen. "Dafür bekommen wir eine Feile", erläutert Panza. "Beim Schleifen werde ich manchmal so müde, dass ich mich einfach eine Stunde lang ins Feld lege. Danach bin ich zwar noch immer müde, aber ich muss ja weitermachen."

Mit Aufputschmitteln durch den Tag

Während der Ernte in der Hitze kommt es oft vor, dass Arbeiter dehydrieren, weil sie nicht genug trinken.
Während der Ernte in der Hitze kommt es oft vor, dass Arbeiter dehydrieren, weil sie nicht genug trinken.
Einen Moment Pause im behelfsmäßigen Schatten. Mindestens zwölf Stunden am Tag schuften die Arbeiter auf den Zuckerrohrfeldern.
Einen Moment Pause im behelfsmäßigen Schatten. Mindestens zwölf Stunden am Tag schuften die Arbeiter auf den Zuckerrohrfeldern.

Abends kommt Panza meist gegen neun Uhr nach Hause und geht dann gleich schlafen. Am nächsten Tag geht es wieder früh los. "Natürlich macht mir das Sorgen. Ich könnte krank werden, weil ich nicht genug schlafe. Manchmal bin ich erst um ein Uhr nachts zu Hause und schlafe nicht länger als drei Stunden. Wie ich das aushalte? Ich spritze mir was. Es gibt da so Mittel, die heißen "Komplex" oder "starkes Leben". Das sind Vitamine, die dir ein, zwei Tage lang Kraft geben."

Die meisten Arbeiter nehmen Aufputschmittel. Panza bekommt seins von seiner Mutter Maria. Die meint, sie würde ihm gesunde Vitamine geben: "Ich kaufe meinem Sohn die Vitamine, damit er sie sich spritzen kann. Auf dem Feld braucht er Kraft. Ganz ohne Vitamine schafft er es nicht. Dafür ist die Arbeit zu hart." Panzas Mutter ist froh, dass er Arbeit gefunden hat. "Ich danke Gott, dass mein Sohn auf dem Feld arbeitet. Seither brauche ich mir keine Sorgen mehr zu machen, wie ich etwas zu Essen bekomme. Er verdient zwar nicht viel, aber es reicht."

Die Zuckerplantage auf der Panza arbeitet liegt in der Umgebung des Küstenstädtchen Siquinalá. Die schmutzigen Kalkwände einfacher Adobehäuser glänzen in der heißen Mittagssonne. An der westlichen Ausfahrtstraße steht das kleine Gebäude einer staatlichen Gesundheitsstation. Der leitende Arzt Roberto Velásquez weiß um die Gefahren des Dopings: "Manche Feldarbeiter übertreiben es mit den stimulierenden Medikamenten. Sie nehmen die Mittel, um mehr produzieren zu können. Die größten Risiken dieses Verhaltens sind Diabetes und Bluthochdruck. Es kann auch zu Nierenschäden kommen."

Trotz aller Gesundheitsrisiken ist Fernando froh, auf der Zuckerplantage arbeiten zu können. Die Alternativen seien noch gefährlicher, meint er: "Viele Jugendliche in Guatemala haben ihr Leben nicht im Griff. In den Zuckerbetrieben gibt es nicht genug Arbeit für alle. Deshalb werden einige kriminell. Zuerst klauen sie, dann überfallen sie Leute, schließlich erpressen sie Ladenbesitzer. Sie schließen sich in Banden zusammen, rauben und morden. Es gibt hier Leute, die bezahlen dafür, dass du jemanden umbringst."

Fernandos Arme sind so muskulös wie die eines durchtrainierten Leichtathleten: "Früher hatte ich Freunde, die Leute für Geld ermordet haben. Wenn es Streit gibt und die Dinge nicht mehr mit Worten geklärt werden können, lässt einer seinen Kontrahenten umbringen. So verdienen die Jungs in den Banden ihr Geld. Für sie ist so ein Auftrag wie eine normale Arbeit. Sie führen den Mord aus, lassen sich bezahlen und leben normal weiter. Von dem Geld, das sie bekommen, kaufen sie sich Drogen und trinken Bier."

Ausbeutung ohne Alternative

Beim Verladen des Zuckerrohrs werden die Arbeiter oft um einen Teil ihrer Ernte betrogen.
Beim Verladen des Zuckerrohrs werden die Arbeiter oft um einen Teil ihrer Ernte betrogen.
In Fabriken wie dieser wird in Guatemala Rohzucker aus Zuckerrohr gewonnen.
In Fabriken wie dieser wird in Guatemala Rohzucker aus Zuckerrohr gewonnen.

Am späten Nachmittag kommen große Bagger mit Greifarmen auf das Feld gerollt. "Die Maschine hebt das Zuckerrohr in einen Lastwagen. Dabei kann man sehen, wie viel du geerntet hast. Aber wir Feldarbeiter werden immer betrogen, denn der Greifarm nimmt mehr Zuckerrohr als die Aufseher notieren. Die älteren Arbeiter werden wütend, weil sie Geld verlieren." Fernando meint, die jungen Arbeiter denken nicht so wie die Erwachsenen. "Die merken, wenn sie betrogen werden und protestieren. Die Jungen hingegen wollen einfach nur Geld verdienen. Solange wir bezahlt werden, machen wir weiter. Auch deshalb arbeiten die Unternehmen lieber mit Minderjährigen. Die kann man leichter ausbeuten."

Bis Ende der siebziger Jahre gab es in jeder Zuckerfabrik Guatemalas eine Gewerkschaftsgruppe. Heute existiert keine einzige mehr. Panza hat noch nie gehört, dass das Gesetz ihm das Recht gibt, sich gewerkschaftlich zu organisieren: "Wenn du dich beschwerst, kannst du gleich zu Hause bleiben. Besser du machst in Ruhe weiter. Ich habe zweimal gesehen, wie jemand protestiert hat. Danach sind die Männer nicht wiederaufgetaucht."

An manchen Tagen kommen die Jungen erst sehr spät von der Arbeit nach Hause. Ihre Großfamilie wohnt in einer Siedlung außerhalb der Ortschaft Santa Lucia Cotzumalguapa. Panza ist froh, wenn es ihm gelingt, abends schon vor acht Uhr zurück zu sein und nicht erst um Mitternacht. Dann nimmt er sich ausführlich Zeit zum Duschen. "Der Brunnen dort drüben wurde gerade erst gegraben. Wir sind schon nach wenigen Metern auf Wasser gestoßen. Das war ein Segen. Früher hatten wir keinen Brunnen. Oft konnten wir uns gar nicht duschen. Mit dem Brunnen ist es viel besser."

Die rund zwei Dutzend Menschen, die hier wohnen, sind alle miteinander verwandt. Während Panza bei der Arbeit ist, kümmert sich seine sechzehnjährige Schwester Paola um den Haushalt: "Für mich und meine Mutter beginnt der Tag morgens um drei. Dann bereiten wir das Essen für meinen Bruder und meinen Mann vor. Danach spiele ich mit meinem Sohn. Der ist ein Jahr und einen Monat alt."

Panza hat sich vorgenommen, eines Tages ein guter Familienvater zu sein: "Zuerst will ich hart auf den Zuckerfeldern arbeiten, damit ich später meiner Frau alles geben kann, was sie braucht. Dieser Schritt muss wohl überlegt sein. Es ist ja nicht so, dass man sich eine Frau nimmt und fertig. Man trägt dann Verantwortung. Du kannst nicht einfach ein Kind machen, sondern du musst ihm auch alles geben, was es braucht."

Text und Fotos: Andreas Boueke