Altöttinger Liebfrauenbote
Einzug der insgesamt 53 Fahnenabordnungen in die St. Anna-Basilika.
Einzug der insgesamt 53 Fahnenabordnungen in die St. Anna-Basilika.

Frühjahrshauptfest der Marianischen Männerkongregation Altötting mit Bischof Wilhelm Krautwaschl

Schritt für Schritt neu anfangen

Ein Neuanfang ist aus christlicher Sicht immer möglich – dies wurde deutlich beim diesjährigen Frühjahrshauptfest der Marianischen Männerkongregation Altötting (MC) am 31. März. Bischof Wilhelm Krautwaschl aus der Diözese Graz-Seckau hielt heuer die Predigt beim Festgottesdienst in der St. Anna-Basilika und stellte sich anschließend auch den Fragen der MC-Obmänner im Kongregationssaal zu aktuellen Themen wie Missbrauch, "Fridays for Future"-Demonstrationen und Glaube heute. Dabei wie auch bei der Neuaufnahmefeier am Nachmittag mit MC-Präses Br. Georg Greimel wurde deutlich: Wer in seinem Glauben gelassen bleibt und im Leben kleine Schritte geht, der kommt am besten voran.

Bischof Wilhelm Krautwaschl (M.) mit MC-Präses Kapuzinerpater Br. Georg Greimel (l.) und MC-Präfekt Stefan Burghart (r.) auf dem Kapellplatz.
Bischof Wilhelm Krautwaschl (M.) mit MC-Präses Kapuzinerpater Br. Georg Greimel (l.) und MC-Präfekt Stefan Burghart (r.) auf dem Kapellplatz.

"Altötting ist Ihnen ja nicht unbekannt", begrüßte MC-Präses Br. Georg den Hauptzelebranten und Prediger Bischof Krautwaschl. Dieser kommt u.a. regelmäßig im Rahmen einer Priesterfortbildungswoche in Burghausen in die Wallfahrtsstadt - zuletzt vergangenes Jahr am 12. April. Über 1.500 Teilnehmer zählte das diesjährige Frühjahrshauptfest der traditionsreichen Altöttinger Glaubensgemeinschaft, die – wie Br. Georg im Rahmen des MC-Obmännertreffens im Kongregationssaal berichtete – heuer am Tag "Mariä Verkündigung" am 25. März 420 Jahre alt geworden war und laut MC-Präfekt Stefan Burghart Ende 2018 10.273 Mitglieder zählte.

"Schritt für Schritt gehen und kleine Brötchen zu backen", statt nur nach "hohen Idealen zu streben und dabei immer wieder hinzufallen"

Bischof Krautwaschl bei der Diskussion mit MC-Obmännern.
Bischof Krautwaschl bei der Diskussion mit MC-Obmännern.
Diskussion beim Treffen der MC-Obmänner; im Vordergrund Bischof Krautwaschl, im Hintergrund MC-Präfekt Stefan Burghart.
Diskussion beim Treffen der MC-Obmänner; im Vordergrund Bischof Krautwaschl, im Hintergrund MC-Präfekt Stefan Burghart.
Bischof Krautwaschl bei der Diskussion mit MC-Obmännern.
Bischof Krautwaschl bei der Diskussion mit MC-Obmännern.

Dass diese auch heute noch lebendig ist, zeigte nicht nur die rege Teilnahme am Festgottesdienst, sondern auch die lebhafte Diskussion beim Treffen der Obmänner der über 200 MC-Gruppen in der MC Altötting. Fast eine dreiviertel Stunde lang stellte sich Bischof Krautwaschl dort den Fragen der Sodalen und präsentierte sich gut gelaunt – trotz schwieriger Themen: "Ja, wenn ich das alles wüsste", kommentierte Bischof Krautwaschl selbstironisch eine Frage eines MC-Obmanns und machte einmal mehr deutlich, dass selbstverständlich auch ein Bischof Grenzen kennt. Bei der Frage ging es um das Thema "Einäscherung" und "Auferstehung der Toten am Jüngsten Tag": "Gott wird uns schon wieder aufrichten", antwortete der Bischof gelassen und ganz im Sinne der katholischen Lehre, die eine Urnenbestattung ausdrücklich erlaubt.

Sehr viel deutlicher wurden die Grenzen kirchlicher Einflussnahme bei einem sehr ernsten Thema, das die Kirche derzeit zu dominieren scheint: die Aufarbeitung sexueller Gewalt und des Machtmissbrauchs in den eigenen Reihen. Natürlich geschehe in der Kirche nach wie vor sehr viel Gutes, das durch die fortdauernde Debatte überdeckt werde, antwortete der Bischof auf einen entsprechenden Einwurf eines Obmanns. Er machte aber auch deutlich, dass die Kirche für diese Art der Eingrenzung zum größten Teil selbst verantwortlich ist: "Weil wir viel zu sehr auf uns selbst geschaut haben", wiederholte er eine Aussage aus seiner Predigt beim Gottesdienst zuvor und er fügte hinzu: "Natürlich werden wir aufgrund unserer hohen Moralvorstellungen in der öffentlichen Meinung anders bemessen." Missbrauch habe es auch früher gegeben, machte er an anderer Stelle deutlich, nur werde erst heute darüber gesprochen; Krautwaschl betonte: "Ich bin froh, dass wir heute darüber reden können!" Es sei vor allem die Macht Einzelner, die Missbrauch begünstige, erklärte er. Der Bischof machte außerdem deutlich, wie sich die Kirche auch bei diesem schwierigen Thema neuen gesellschaftlichen Freiraum erarbeiten könne: Indem "wir vor allem weiterhin viel tun auf dem Gebiet der Prävention".

Auch zu weiteren aktuellen gesellschaftlichen und politischen Debatten bezog Bischof Krautwaschl Stellung. Stichwort "Fridays for Future"-Demonstrationen: "Für die Schöpfung aufzustehen ist etwas Ur-Christliches", betonte er und räumte ein: "Wenn die Jugendlichen uns Erwachsene beim Thema Umweltschutz kritisieren, dann muss ich sagen: da haben sie recht." Dass sich "jeder Einzelne an die eigene Brust klopfen" müsse, mahnte er an, gab aber zugleich zu, dass er sich damit auch selbst schwer tue. Stichwort "Gleichberechtigung und Gender-Debatte": hier riet der Bischof, genau hinzusehen und zu differenzieren. Die Gleichberechtigung von Frauen zum Beispiel sei auch ein sehr wichtiges Anliegen der Kirche.

Die Grenzen des kirchlichen Einflusses zeigten sich auch bei den Fragen zum ureigenen Thema der Kirche: den Glauben leben und weitergeben. Hierbei erzählte Bischof Krautwaschl von seinen Erfahrungen bei einer Reise nach Indien und zitierte einen indischen Glaubensbruder: "Ihr Katholiken in Europa macht gerade die Verlusterfahrung von Macht. Wir Katholiken in Indien hatten nie Macht, aber was wir tun, hat Einfluss." Ausdrücklich mahnte der Bischof "Schritt für Schritt zu gehen und kleine Brötchen zu backen", statt nur nach "hohen Idealen zu streben und dabei immer wieder hinzufallen".

"So viel besser war es früher auch nicht", stellte er außerdem fest. Früher seien viele Dinge nur klarer und deutlicher gewesen, aber auch dies habe nicht nur Vorteile gehabt: "Ich bin zum Beispiel froh darüber, dass bei uns heute niemand mehr zum Glauben gezwungen wird", erklärte Bischof Krautwaschl. Nur führe heute die immer komplexer erscheinende Welt auch zu so manchen Verwirrungen. Gerade hier aber müsse die Kirche ansetzen: "Wir sind einfach nicht daran gewohnt, mit suchenden Menschen umzugehen", stellte er fest. Gerade diese aber müsse die Kirche verstehen und lernen, auf sie einzugehen. Auch bei Fragen zum "Beten" wies Bischof Krautwaschl auf Grenzen hin: "Wir können Gott unsere Anliegen im Gebet nur hinhalten", sagte er, "was Gott schließlich daraus macht, müssen wir ihm überlassen". Ausdrücklich sprach der Bischof den MC-Obmännern ein "Vergelt's Gott für Ihr Zeugnis vor Ort" aus.

"Jesus legt Menschen nicht auf ihre sündige Vergangenheit fest, sondern er schenkt neues Leben und neue Freiheit in der Gegenwart"

Eucharistiefeier mit Bischof Wilhelm Krautwaschl (M.), re. neben ihm MC-Präses Kapuzinerpater Br. Georg Greimel, li. daneben (v.l.) Stiftskanonikus Johann Pfaffinger, Pfarrer i.R. Franz Hecker und Diakon Ulrich Bork.
Eucharistiefeier mit Bischof Wilhelm Krautwaschl (M.), re. neben ihm MC-Präses Kapuzinerpater Br. Georg Greimel, li. daneben (v.l.) Stiftskanonikus Johann Pfaffinger, Pfarrer i.R. Franz Hecker und Diakon Ulrich Bork.
Bischof Wilhelm Krautwaschl gratuliert MC-Sodalen – im Bild Ministranten aus Kirchdorf bei Haag – zu ihrer Lebensweihe.
Bischof Wilhelm Krautwaschl gratuliert MC-Sodalen – im Bild Ministranten aus Kirchdorf bei Haag – zu ihrer Lebensweihe.
MC-Präses Kapuzinerpater Br. Georg Greimel (M.) und MC-Präfekt Stefan Burghart nehmen neue Sodalen in die Glaubensgemeinschaft auf.
MC-Präses Kapuzinerpater Br. Georg Greimel (M.) und MC-Präfekt Stefan Burghart nehmen neue Sodalen in die Glaubensgemeinschaft auf.
Eucharistische Prozession am Nachmittag.
Eucharistische Prozession am Nachmittag.

Dass sich dieses Zeugnis lohnt, wurde deutlich in der Predigt von Bischof Krautwaschl beim Festgottesdienst zuvor. Nicht die Grenzen im Leben, sondern Freiheit und Neuanfang im Glauben waren die Leitworte, als der Prediger das Evangelium mit dem "Gleichnis vom verlorenen Sohn" (Lk 15, 1-3.11-32) auslegte. Selbstverständlich sei der Ärger des älteren Sohnes nach menschlichem Verständnis "sehr gut nachvollziehbar". Doch nach christlicher Interpretation habe dieser immer "den Himmel zur Verfügung" gehabt, und als der Vater den jüngeren "verlorenen Sohn" laut Gleichnis wieder aufnahm, habe er nur die "Situation wieder hergestellt, die von Anfang an gegeben war". Kennzeichen der christlichen "Art" der Gerechtigkeit sei es, dass sie "nichts verschleiert", dass sie das Leben und alles, was darin passiert ist, "ernst nimmt", dass sie darüber hinaus aber einen echten "Neuanfang ohne Auflistung von Schuld ermöglicht", dass sie auch dem Sünder eine neue Freiheit schenke, "Leben weiter zu geben, Liebe zu schenken, seiner ursprünglichen Berufung neu zu entsprechen". Der Bischof mahnte die Zuhörer zu einer "Gewissenserforschung" bei den Fragen: "Wie gehen wir mit dem Scheitern anderer um? Wo schenken wir Lebensraum?" Statt sich besser oder gerechter zu wähnen, rief er dazu auf, "Gott sicht- und erfahrbar werden zu lassen".

Ausdrücklich dankte Bischof Krautwaschl den insgesamt 18 MC-Sodalen, die im Rahmen des Festgottesdienstes ihre Lebensweihe nach einjähriger Mitgliedschaft ablegten. Unter diesen waren auch fünf Ministranten aus Kirchdorf bei Haag, die bei der hl. Messe in der Basilika ministrierten. 53 Fahnenabordnungen der MC waren heuer zum Gottesdienst in die Basilika eingezogen, der von der Altöttinger Hofmusik unter der Leitung von Karlmann Kanzler gewohnt eindrucksvoll musikalisch gestaltet wurde. Neben Bischof Krautwaschl konzelebrierten bei der Eucharistiefeier MC-Präses Br. Georg, Stiftskanonikus Johann Pfaffinger, Pfarrer i.R. Franz Hecker, assistiert von den beiden Diakonen Georg Hifinger (Weng) und Ulrich Bork (Hamburg). Am Festgottesdienst nahmen u.a. teil Stephan Mayer, MdB und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesinnenminister, MdL Martin Huber, Landrat Erwin Schneider und stellvertretender Landrat Stefan Jetz, Altöttings Bürgermeister Herbert Hofauer und Zweiter Bürgermeister Wolfgang Sellner, außerdem die Altöttinger Pfarrgemeinderatsvorsitzende und Stadträtin Luise Hell.

Acht Sodalen wurden im Rahmen der Neuaufnahmefeier am Nachmittag in die MC feierlich aufgenommen. In seiner Predigt knüpfte MC-Präses Br. Georg zum einen an das Thema der diesjährigen Einkehrtage im Januar an, als er den Teilnehmern die "10 Gebote der Gelassenheit" von Papst Johannes XXIII. ans Herz gelegt hatte. Zum anderen knüpfte er an die Predigt von Bischof Krautwaschl an, denn auch der MC-Präses ermutigte zu kleinen Schritten und dazu, sich jeden Tag "kleine Ziele" vorzunehmen. Gerade angesichts der Hektik des Alltags seien Christen dazu aufgerufen sich in Gelassenheit zu üben. "Nimm dir nicht zu viel vor. Es genügt die friedliche, ruhige Suche nach dem Guten an jedem Tag zu jeder Stunde, und ohne Übertreibung und mit Geduld", zitierte er Papst Johannes XXIII. Br. Georg betonte: "Für Jesus ist immer der heutige Tag entscheidend, ebenso wie ihm der Mensch, der im Augenblick vor ihm steht, der wichtigste ist", stellte er fest und fügte hinzu: "Jesus legt Menschen nicht auf ihre sündige Vergangenheit fest, sondern er schenkt neues Leben und neue Freiheit in der Gegenwart." Achtsam zu sein "auf das Hier und Jetzt" sowie immer wieder sich selbst zu fragen, wie man mit Gott im Einklang leben könne, empfahl Br. Georg.

Mit einer feierlichen Eucharistischen Prozession von der St. Anna-Basilika zum Kapellplatz und kurzer Statio mit Eucharistischem Segen vor der Gnadenkapelle, musikalisch gestaltet – wie bereits der Pontifikalgottesdienst am Vormittag – von der Altöttinger Hofmusik und den Brüdern Bernhart, endete das Frühjahrshauptfest im besinnlichen Rahmen.

Text: Michael Glaß, Fotos: Roswitha Dorfner

Impressionen

(Zum Vergrößern auf ein Bild klicken)