Altöttinger Liebfrauenbote
Blick auf den Mont-Saint-Michel.
Blick auf den Mont-Saint-Michel.

Zum Gedenktag des hl. Erzengels Michael am 29. September: Stippvisite auf dem Mont-Saint-Michel in der Normandie

Heiliger Berg im gefährlichen Meer

"Jeder im Leben ist ein Pilger mit einem Ziel vor Augen", sagt der alte Mann, der seit Jahrzehnten als Pilger unterwegs ist. Heute ist er auf dem Weg zum Mont-Saint-Michel. Zu Frankreichs populärster Pilgerstätte, der mehr als tausend Jahre alten Glaubens-Festung im Atlantik, die heute zum Weltkulturerbe gehört. Anno 708, erzählt die Legende, habe der Erzengel Michael ihren Bau persönlich befohlen.

Nach der Wattquerung kommen Pilger auf der Insel Mont-Saint-Michel an, die im Bild oben zu sehen ist.
Nach der Wattquerung kommen Pilger auf der Insel Mont-Saint-Michel an, die im Bild oben zu sehen ist.

Gut 250 Kilometer Fußmarsch liegen schon hinter ihm und seinen Freunden, zehn Engländern und acht Franzosen. Eine christliche Gemeinschaft aus Anglikanern und Katholiken, die das gemeinsame Pilgern verbindet. Die Wallfahrer gehören zur "Association les Chemins du Mont-Saint-Michel", die sich der Entdeckung der rund 2.000 Kilometer alter Pilgerwege zum Mont-Saint-Michel verschworen hat. Schließlich war die Klosterinsel neben Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela das wichtigste Pilgerziel des Mittelalters. Mehr als 200 Mitglieder gehören der Pilger-Gemeinschaft inzwischen an, die sich traditionell am Vorabend des Michaelsfestes in großer Runde trifft.

"Heiliger Erzengel Michael, verteidige uns im Kampfe ..."

Kerzen vor der Michaelsstatue in der Wallfahrtskapelle.
Kerzen vor der Michaelsstatue in der Wallfahrtskapelle.

Auf halbem Weg zur Jahrtausende alten Wallfahrtskirche liegt die Pfarrkirche des Inseldörfchens. In ihrer Seitenkapelle reckt sich der heilige Michael in Silber, umrahmt von einem Meer brennender Kerzen. "Heiliger Erzengel Michael, verteidige uns im Kampfe! Gegen die Bosheit und die Nachstellungen des Teufels sei unser Schutz",  beten die Gläubigen, "stürze den Satan und die anderen bösen Geister, die zum Verderben der Menschen die Welt durchziehen, mit Gottes Kraft hinab in den Abgrund!" Im Hinterzimmer segnet ein Priester kleine Holzfiguren des Erzengels. Für ein paar Euro kann man eine Messe lesen, sich zumindest aber in einem großen Buch zum Gottesdienst vormerken lassen.

"Schlacht für das Licht und den Glauben"

Ordensbrüder vor der Ebbelandschaft.
Ordensbrüder vor der Ebbelandschaft.
Historisch gekleidete Pilgerinnen.
Historisch gekleidete Pilgerinnen.

Weiter hoch zur Abtei führen Treppen, zum alten Benediktinerkloster, das die Insel überragt. Brüder und Schwestern der "Gemeinschaft von Jerusalem" sind hier inzwischen eingezogen. Eine monastische Gruppe, die nach den Regeln des heiligen Benedikt lebt. Halbtags arbeiten sie in einem Beruf, der ihnen den Lebensunterhalt sichert, den Rest widmen sie kontemplativem Gebet. Schwestern und Brüder leben getrennt, gebetet und gefeiert aber wird gemeinsam.

Auch am Michaelstag, dem 29. September. Im Kirchenschiff knien die Jerusalem-Jünger auf nacktem Boden. Spärlich ist der Festschmuck, ein paar Blumen, daneben Kerzen, meditativ die Orgelklänge. In seiner Predigt erinnert der Ordensvorsteher an den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, an die "Schlacht für das Licht und den Glauben", der sich Sankt Michael verpflichtet fühlt. Draußen streifen japanische Touristen durch die Anlage. Die Asiaten stellen einen Großteil der 3,5 Millionen Besucher jährlich.

Von der großen Terrasse der Abteikirche bietet sich einer der schönsten Blicke Frankreichs - dort sieht man bei gutem Wetter über die ganze Meeresbucht. Am Horizont nähern sich inzwischen Hunderte von Barfuß-Pilgern. Bei dichtem Nebel sind sie losgelaufen, jetzt zwingt sie die Septembersonne aus Pullovern und Anoraks. Von der Abtei-Terrasse nehmen sie die Japaner mit ihren Teleobjektiven ins Visier – auch die Pilger der "Association les Chemins du Mont-Saint-Michel".

Am frühen Abend lädt der Mont-Saint-Michel zur Andacht. Über dem Meer dreht ein Hubschrauber seine Runden, hält Ausschau nach den letzten Wattwanderern. Denn wer ohne Führer unterwegs ist, kann leicht in einen tödlichen Sog geraten und von Sand und Wasser verschluckt werden. "Mons Sancti Michaeli in periculo mari" hieß der Berg deshalb im Mittelalter, "Mont-Saint-Michel im gefährlichen Meer".

Text und Fotos: Günter Schenk

Zur Geschichte des Mont-Saint-Michel

Die Flut kehrt zurück. Von der Weite ist der Mont-St.Michel zu sehen.
Die Flut kehrt zurück. Von der Weite ist der Mont-St.Michel zu sehen.

Ein erstes Heiligtum gab es auf dem Felsenberg vermutlich schon im frühesten Mittelalter. Das himmlische Jerusalem sollte es verkörpern.

Im 10. Jahrhundert übernahmen Benediktiner die Wallfahrtsstätte und gründeten ein Kloster, um das sich schnell ein kleines Dorf entwickelte. Im 13. Jahrhundert fand der Mont-Saint-Michel zu seiner architektonischen Silhouette, die ihn schließlich weltberühmt machte. Auch allen englischen Angriffen hielt er stand, sodass der Mont-Saint-Michel schnell zum Denkmal französischer Identität wurde. Neuen Aufschwung fand der Michaelskult mit der Gegenreformation, denn nur der kämpfende Engel konnte in den Augen der katholischen Kirche den Kampf gegen die protestantischen Ketzer aufnehmen. Nach der Auflösung der Abtei im Zuge der Revolution und wegen seiner Wälle und Befestigungen diente der Berg bis 1863 als Staatsgefängnis, in dem mehr als 15.000 meist politische Häftlinge einsaßen. Die spirituelle Bedeutung des Klosterberges ging verloren. Im Gefolge der Romantik aber besannen sich die Franzosen ihrer Kultstätte und sie erhoben sie 1874 zum Nationaldenkmal und begannen mit ihrer gründlichen Renovierung. 1979 erklärte die UNESCO Berg und Bucht zum Weltkulturerbe.

Text und Foto: Günter Schenk

Erzengel Michael

Michaelsfigur in der Wallfahrtskapelle am Mont-Saint-Michel.
Michaelsfigur in der Wallfahrtskapelle am Mont-Saint-Michel.
Ein Fresko in der Abteikirche am Mont-Saint-Michel zeigt den Erzengel, der Adam und Eva aus dem Paradies vertreibt.
Ein Fresko in der Abteikirche am Mont-Saint-Michel zeigt den Erzengel, der Adam und Eva aus dem Paradies vertreibt.

Der heilige Erzengel Michael gilt als Führer der himmlischen Heerscharen. Im Neuen Testament erscheint er in der Apokalypse. Spektakulär ist sein Kampf gegen einen Drachen, das Sinnbild des Bösen.

In der Ostkirche wurde Michael schon im 4. Jahrhundert verehrt, etwas später auch im Abendland. Anno 492 wurde ihm zu Ehren das erste Heiligtum am Monte Gargano in Italien errichtet. 708 soll der Erzengel dem Bischof von Avranches erschienen sein und ihn mit dem Bau einer Felsenkirche in der Bucht vor dem Städtchen beauftragt haben. Als der seiner wiederholten Aufforderung nicht nachkam, erzählt die Legende, habe der Erzengel dem Bischof ein Loch in den Kopf gebrannt. Der Schädel wird heute in der Kirche St. Gervais in Avranches aufbewahrt. Allerdings zweifeln Wissenschaftler an seiner Authentizität.

Michael wird meist mit Schwert und einer Waage in der Hand dargestellt, die an die Seelenwaage erinnern soll, mit deren Hilfe der Erzengel beim Jüngsten Gericht die Guten von den Bösen scheidet. Er gilt als Schutzpatron der Ritter und aller, die mit Waagen und Waffen zu tun haben. Seine Statue krönt auch die Spitze des Kirchturmes auf dem Mont Saint-Michel.

Text und Fotos: Günter Schenk