Altöttinger Liebfrauenbote

Am 24. September feiert Nicaragua "Nuestra Señora de la Merced"

Die Gnadenjungfrau von León

In Nicaraguas schönster Kirchenstadt León nimmt das Heiligtum der Nuestra Señora de la Merced eine Sonderstellung ein. Es ist der "Jungfrau der Gnade" geweiht, der lokalen Patronin. Ihr großer Festtag steht alljährlich am 24. September an.

Blick in den Altarraum mit dem Bildnis der Gnadenjungfrau und den Großgemälden Mariä Verkündigung und Kröung Mariens darüber.
Blick in den Altarraum mit dem Bildnis der Gnadenjungfrau und den Großgemälden Mariä Verkündigung und Kröung Mariens darüber.

Schlagartig ummantelt beim Eintritt in dieses Heiligtum eine besondere Stimmung und Aura. Vergessen ist der Autoverkehr, der eben noch durch die koloniale Altstadt dröhnte, das Glöckchenbimmeln der Eisverkäufer, das Klappern der Pferdekarren auf dem Pflaster. Nun ist es "die Eine", die im langgestreckten Innern die Aufmerksamkeit beansprucht: Nuestra Señora de la Merced, "Unsere Liebe Frau der Gnade". Die Marienfigur thront zentral im Hochaltar. In der Linken hält sie das Kind, auf dem Haupt trägt sie eine goldene Krone. Sieht man genau hin, hat sie blaugrüne Augen. Aus ihrem Blick spricht Entschlossenheit. Das lange Haar verschwindet schulterwärts unter einem weißen Schleier. Immer wieder finden sich Gläubige ein, entzünden Kerzen vor dem mit Großgemälden ausdekorierten Altarraum, sprechen leise Gebete.

Das barocke Sanktuarium wirft sich mit einer hellen Fassade auf, der Turm wirkt gedrungen. Majestätische Steinsäulen flankieren das Hauptportal. Dagegen wirken die schlanken, hölzernen Säulen neben den Kirchenbänken regelrecht fragil. Darüber wirbeln bei Gottesdiensten Ventilatoren, denn das Klima, hier im Nordwesten Nicaraguas, kann ganz schön zusetzen. Die Leuchter, die von der Decke hängen, würden allerdings besser in ein Theater oder einen Palast passen.

Marienerscheinung in Spanien

Blick auf die Kirche in der kolonialen Altstadt Leóns.
Blick auf die Kirche in der kolonialen Altstadt Leóns.

Das Gotteshaus der Gnadenjungfrau liegt lediglich einen Block von der zum Weltkulturerbe erhobenen Kathedrale entfernt und reiht sich in das reiche Sakralerbe Leóns ein. Über die Innenstadt verteilen sich sage und schreibe 16 Kirchen, darunter die Iglesia El Calvario, deren Fassade von farbigen Relieftafelszenen durchsetzt ist, und die Iglesia de San Francisco, deren Bau auf Betreiben der Franziskaner wenige Jahrzehnte nach der Zweitgründung Leóns entstand. Die städtische Erstgründung 1524 durch die Spanier nahe dem Vulkan Momotombo hatte sich als schlechte Wahl erwiesen. Ein Vulkanausbruch zerstörte das alte León, das 1610 an seinen jetzigen Standort verlegt wurde.

Ihren großen Tag erlebt die Gnadenjungfrau bei den Patronatsfeierlichkeiten und der Prozession am 24. September durch die Straßen Leóns. Das von Papst Innozenz XII. für die Kirche angeordnete Festdatum ist vor allem im hispanischen Kulturraum ein besonderes, denn dort liegt der Urgrund der Verehrung. Die Überlieferung besagt, dass Maria im Jahre 1218 einem Ehrenmann namens Petrus Nolascus erschien und ihn aufforderte, christliche Gefangene zu befreien, die in Hände der Mauren gefallen waren. Zum gesamtgeschichtlichen Verständnis sei gesagt, dass sich die Episode in Spanien abspielte, wo die Muselmanen ein halbes Jahrtausend zuvor eingefallen waren. Jetzt, im ausgehenden Hochmittelalter, tobten weiterhin Kämpfe im Zeichen von Kreuz und Halbmond. Die Mauren schafften viele christliche Gefangene nach Afrika und versklavten sie dort. Ausgehend von der Marienerscheinung, gründete der später heiliggesprochene Petrus Nolascus den Mercedarier-Orden, der sich dem Loskauf der Gefangenen annahm. Mit den Mönchen gelangte die Wertschätzung der "Jungfrau der Gnade", auch bekannt als "Unsere Liebe Frau von der Barmherzigkeit", in Spaniens Kolonien in Lateinamerika.

Prozession mit Durchhaltekraft

Das zweite Marienbildnis, das bei der großen Prozession auf Reise durch die Straßen Leóns geht.
Das zweite Marienbildnis, das bei der großen Prozession auf Reise durch die Straßen Leóns geht.

Prozessionen zu Ehren der Gnadenjungfrau gibt es am 24. September viele, doch die im nicaraguanischen León gilt von der Dauer her als Sonderfall. Zwischen zehn und dreizehn Stunden Länge, das ist hier normal.

Der Hauptfesttag beginnt im Heiligtum morgens um vier Uhr mit einer Eucharistie für die Männer. Zwei Stunden später sind die Frauen an der Reihe, um acht Uhr steht eine Eucharistie für alle an. Nach der vom Bischof präsidierten hl. Messe um späten Vormittag setzt sich die Prozession bis in die späten Abend- oder Nachtstunden in Gang, vorbei an einigen zehntausend Gläubigen, Häusern mit Blumenschmuck, aufgebauten kleinen Altären. Die Kapelle der Feuerwehr spielt auf, Anwohner versorgen die Vorbeizügler mit etwas Essen. Jeder weiß um die Durchhaltekraft, die es braucht. Bei der Megaprozession kommt jedoch nicht die Marienfigur aus dem Hochaltar zum Einsatz, sondern ein zweites Bildnis, das ansonsten in einem Nebentrakt des Heiligtums aufbewahrt wird.

Text und Fotos: Andreas Drouve