Altöttinger Liebfrauenbote

Pilgern über die oberitalienischen Sacri Monti, die seit 15 Jahren zum Weltkulturerbe gehören

Kunst im Geist der Gegenreformation

Wie ein König sitzt Papst Gregor IX. erhöht auf einem Thron, umgeben von einer Vielzahl von hochrangigen Kirchenvertretern und Botschaftern der Adelshäuser. Ein vor ihm kniender Franziskaner wartet auf das Schriftstück, das die Heiligsprechung Franziskus' beurkundet. Die Macht der Kirche bringt diese figurenreiche Szene pompös zum Ausdruck. Die Darstellung ist der Höhepunkt der umfassenden Erzählung über das Leben und Wirken des heiligen Franziskus. Zu betrachten ist sie weder in einem Buch noch in einem Museum, sondern auf einem so genannten Heiligen Berg.

Der Gründer, der Franziskaner Bernardo Caimi (rechts), und der erste Künstler Gaudenzio Ferrari wachen am Eingang zum Monte Sacro. Dahinter steht die erste Kapelle mit den charakteristischen Gittern, hinter denen sich die Darstellungen befinden.
Der Gründer, der Franziskaner Bernardo Caimi (rechts), und der erste Künstler Gaudenzio Ferrari wachen am Eingang zum Monte Sacro. Dahinter steht die erste Kapelle mit den charakteristischen Gittern, hinter denen sich die Darstellungen befinden.

Dieser Sacro Monte liegt auf einem Plateau über dem Städtchen Orta am gleichnamigen See, ein paar Kilometer westlich vom Lago Maggiore. 376 zum Teil lebensgroße Figuren aus Terracotta und Holz bevölkern zwanzig Kapellen, die zudem mit üppigem Freskenschmuck ausgestattet sind, der die Szenen inhaltlich ergänzt.

So zum Beispiel in der Darstellung, in der der als unbekleidete Skulptur auf dem Boden liegende Franziskus die Versuchungen – als Fresken dargestellt – besiegt. Jede Station ist einer thematisch bedeutenden Episode aus dem Leben des Franziskus gewidmet – vom Armutsgelübde über die Ordensregeln, die Franziskus von Christus diktiert werden, bis zu seiner Stigmatisation und den Wundern, die an seinem Grab geschahen. 1590 hatte man mit dem Bau und der künstlerischen Gestaltung der Kapellen begonnen – beseelt vom Geiste der Gegenreformation. Die Initiative ging von der Bevölkerung Ortas aus. Einflussreichster Unterstützer in den Anfangsjahren war der Bischof von Novara, Carlo Bascapè. Seine Gesichtszüge wurden dem Bischof von Assisi verliehen, dem Franziskus in einer Darstellung den Verzicht auf irdische Güter erklärt. Mächtig verdutzt nimmt der Bischof dies zur Kenntnis. Rund 200 Jahre dauerte es, bis der Heilige Berg vollendet war. Von der Spätrenaissance über Barock und Rokoko reicht die stilistische Entwicklung bis zum Klassizismus.

Beeindruckende Bilder und überwältigender Ausblick

Grandios: der Blick vom Heiligen Berg auf den Ortasee mit der Insel San Giulio.
Grandios: der Blick vom Heiligen Berg auf den Ortasee mit der Insel San Giulio.
Der Hauptplatz mit Blick auf die Basilika, deren Fassade noch im späten 19. Jahrhundert angefügt worden ist.
Der Hauptplatz mit Blick auf die Basilika, deren Fassade noch im späten 19. Jahrhundert angefügt worden ist.
Das Neue Jerusalem: die Piazza dei Tribunali mit den Häusern des Herodes (links) und des Kaiphas vor der Bergkulisse.
Das Neue Jerusalem: die Piazza dei Tribunali mit den Häusern des Herodes (links) und des Kaiphas vor der Bergkulisse.
Architektur und Landschaft in Harmonie: Kapelle als Zentralbau.
Architektur und Landschaft in Harmonie: Kapelle als Zentralbau.

Der Spaziergang über den Sacro Monte von Orta verläuft unter uralten Bäumen, deren Schatten auch Menschen suchen, die sich nicht für das Innere der Kapellen interessieren. An jeder Station findet der Besucher eine in Renaissance-Manier auf die Fassade gemalte Hand, die die Richtung zur nächsten, nummerierten Kapelle weist. Es sind zwar meist nur wenige Schritte, doch erfordert der Weg über das hügelige Gelände eine gewisse Mühe. Belohnt wird man nicht nur durch die Bilderfülle der Darstellungen, sondern auch durch die überwältigenden Ausblicke auf den See, die kleine Insel San Giulio und die umliegenden Bergketten.

Landschaft, Architektur und Kunst haben auf überzeugende Weise zusammengefunden – auch wenn manche Kapelle und manche Plastik dringend einer Restaurierung bedarf. Dies veranlasste die Unesco 2003, den Sacro Monte von Orta und acht weitere Berge in der näheren und weiteren Umgebung Piemonts und der angrenzenden Lombardei zum Weltkulturerbe zu erklären. In der Begründung wurde zudem der große Einfluss des religiösen Programms betont.

Orta besitzt ein Alleinstellungsmerkmal. Es ist der einzige Sacro Monte, der sich allein einem Heiligen widmet. Die anderen Berge zeigen Szenen aus dem Leben Christi, so auch die älteste und größte Anlage, der Sacro Monte von Varallo, eine knappe Autostunde von Orta entfernt. Der Franziskaner Bernardino Caimi, ein früherer Wächter des Heiligen Grabes in Jerusalem, hatte nach seiner Rückkehr 1486 den Entschluss gefasst, Stätten des Heiligen Landes nachzubauen und in ihnen die biblischen Geschehnisse zu erzählen. Den vielen, die die Reise nach Palästina nicht antreten konnten, sollte auf diese Weise eine Vorstellung geboten werden: eine echte Mammutaufgabe.

45 Kapellen mit über 800 Figuren

Es ist angerichtet: Die Szene des Abendmahls stammt aus den letzten Jahren des 15. Jahrhunderts. Die Fresken stammen dagegen aus dem 18. Jahrhundert.
Es ist angerichtet: Die Szene des Abendmahls stammt aus den letzten Jahren des 15. Jahrhunderts. Die Fresken stammen dagegen aus dem 18. Jahrhundert.
Jesus vor dem Tribunal des Pilatus: Der kleine Mann links beobachtet nicht wie alle anderen das Geschehen, sondern lockt den Blick des Betrachters ins Bild (frühes 17. Jhdt.).
Jesus vor dem Tribunal des Pilatus: Der kleine Mann links beobachtet nicht wie alle anderen das Geschehen, sondern lockt den Blick des Betrachters ins Bild (frühes 17. Jhdt.).
Die Macht der Kirche: Papst Gregor IX. überreicht die Bulle, in der Franziskus heilig gesprochen wird. Die Statuen schuf Dionigi Bussola (Mitte 17. Jhdt.).
Die Macht der Kirche: Papst Gregor IX. überreicht die Bulle, in der Franziskus heilig gesprochen wird. Die Statuen schuf Dionigi Bussola (Mitte 17. Jhdt.).
Hier staunt der Bischof: Franziskus verzichtet auf die irdischen Güter. Der Bischof trägt die Züge von Carlo Bascapè, dem damaligen Bischof von Novara und Sponsor der Kapelle (Statuen von Cristoforo Prestinari; Anfang 17. Jhdt.).
Hier staunt der Bischof: Franziskus verzichtet auf die irdischen Güter. Der Bischof trägt die Züge von Carlo Bascapè, dem damaligen Bischof von Novara und Sponsor der Kapelle (Statuen von Cristoforo Prestinari; Anfang 17. Jhdt.).
Detail der Ankunft der Heiligen Drei Könige: Fresken und Skulpturen von Gaudenzio Ferrari aus den Jahren 1516 bis 1518.
Detail der Ankunft der Heiligen Drei Könige: Fresken und Skulpturen von Gaudenzio Ferrari aus den Jahren 1516 bis 1518.
Franziskus wird gekrönt: Deckenfresko in der Kapelle "Heiligsprechung des Franziskus" von Antonio Busca (17. Jhdt.).
Franziskus wird gekrönt: Deckenfresko in der Kapelle "Heiligsprechung des Franziskus" von Antonio Busca (17. Jhdt.).

45 Kapellen mit über 800 Figuren und unzähligen Fresken sollten es am Ende, Mitte des 18. Jahrhunderts, geworden sein. Die Besucher, die wohl eher seltener wegen der religiösen Kontemplation über den hügeligen Bergvorsprung hoch über dem Ort im Tal der Sesia pilgern, finden effektvolle, wie auf einer Bühne arrangierte Szenen. Man fühlt sich als Betrachter, den kunstvolle Gitter vom stummen Theater trennen, regelrecht aufgefordert, sich in die dargestellten Geschichten konzentriert zu vertiefen. Nur einige runde Öffnungen im Gitter lenken den Blick. Bisweilen muss man auch knien, um Details besser erkennen zu können. Um zwei Plätze gruppieren sich die wichtigsten Bauwerke des Sacro Monte von Varallo, die Piazza dei Tribunali mit den Häusern des Herodes und des Pilatus sowie die repräsentative Piazza della Basilica mit der großen Kirche, deren Fassade noch im 19. Jahrhundert angefügt worden ist. An dieser Piazza liegt auch der Nachbau des Heiligen Grabes, das man nur in gebückter Haltung betreten kann. Er war das erste Gebäude auf dem Heiligen Berg. Eine der großartigsten und kunsthistorisch bedeutendsten Kapellen zeigt die Kreuzigung Christi. Sie ist als einzige durch dickes Glas gesichert. Man erfährt, dass die Sacri Monti nicht von Vandalismus verschont blieben. So seien immer wieder kleine Gegenstände durch die Gitteröffnungen auf die Skulpturen geworfen worden.

Gaudenzio Ferrari, der künstlerische Protagonist der frühen Phase in Varallo, schuf Skulpturen und Fresken, nicht nur die der "Kreuzigung". Er war der Meister der Massenszenen, die weniger andächtig als überwältigend wirkten – und diesen Effekt noch heute entfalten. Im Zuge der Gegenreformation wurde das theologische Programm dann eindeutiger gefasst. Auch in Varallo hatte Carlo Bascapè seine Finger im Spiel, in dem er den Künstlern präzise Vorgaben machte, wie etwas dargestellt werden sollte. Nun entstand am höchsten Punkt des Sacro Monte das "Neue Jerusalem", das schon über dem Eingang angekündigt wird. Die in schneller Folge chronologisch gereihten Szenen wurden nicht mehr nur in eigens dafür errichteten Kapellen dargestellt, sondern in den Kopien biblischer Häuser. Bewegend ist etwa der Gang über die Treppe im Haus des Pilatus, die Scala Sancta, zur Ecce Homo-Darstellung.

Es ist die große Gemeinsamkeit der oberitalienischen Sacri Monti, dass sie trotz ihrer langen Entstehungsphasen, die zu künstlerisch vielschichtigen Panoramen geführt haben, noch heute mit ihren überreichen Erzählungen und der künstlerischen Qualität ihrer Darstellungen in den Bann zu ziehen vermögen. Die Lebendigkeit der realitätsnah gestalteten und zum Teil sogar expressiven Figuren wirkt noch immer. In Orta hatte man Einheimische als Modelle für die Vertreter des Volkes ausgesucht. Die Drastik, etwa im "Bethlehemitischen Kindermord", berührt auch heute. Und wer das Pferd entdeckt, das zur Hälfte Skulptur, zur Hälfte Fresko ist, oder den Jungen, der einem kess entgegenblickt und nicht zum verurteilten Jesus, der wird auch in unseren Tagen verblüfft sein. Wie sehr müssen da erst die Menschen damals gestaunt und empfunden haben?

Text und Fotos: Ulrich Traub

 

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