Altöttinger Liebfrauenbote
Schwester Askalemariam (58) betreut Familien der Menjas und ermutigt die Eltern, ihre Kinder in die Schule zu schicken (siehe Text).
Schwester Askalemariam (58) betreut Familien der Menjas und ermutigt die Eltern, ihre Kinder in die Schule zu schicken (siehe Text).

Der Weltmissionssonntag blickt nach Äthiopien – Wie zwei Ordensfrauen den Menjas helfen

Hoffnung für ein kleines Volk

Jahrhundertelang sind sie ausgegrenzt und diskriminiert worden. Und auch heute noch leiden die Menjas, ein kleines Volk im Südwesten Äthiopiens, unter sozialer Isolation und Armut. Zwei Ordensfrauen kämpfen dagegen an.

Schwester Kidist und Familienvater Kenito inmitten von Kaffeesetzlingen. Die Pflänzchen brauchen viel Pflege, bevor Jahre später Kaffeekirchen reifen.
Schwester Kidist und Familienvater Kenito inmitten von Kaffeesetzlingen. Die Pflänzchen brauchen viel Pflege, bevor Jahre später Kaffeekirchen reifen.
Eines der Hauptanbaugebiete des Kaffees im Südwest-Äthiopiens ist die Kaffa-Region.
Eines der Hauptanbaugebiete des Kaffees im Südwest-Äthiopiens ist die Kaffa-Region.

Im Schatten der riesigen Urwaldbäume hockt Kenito Atumo auf dem Boden, zupft jeden grünen Halm aus der Erde, der in der Nähe seiner kleinen Kaffeepflänzchen aus dem Boden sprießt. "Unkraut ist der Feind der Kaffeepflanze", erklärt er Schwester Kidist Habtegiorgies, die neben ihm kniet. Unter dem Dach des Regenwaldes, das vor der stechenden Sonne schützt, zieht der Familienvater Kaffeesetzlinge groß. Es braucht drei bis vier Jahre intensiver Pflege, bevor man an einem Kaffeebaum Kaffeekirschen ernten kann. "Vom Kaffeeanbau leben können wir nicht. Noch haben wir nicht genügend ausgewachsene Bäume", sagt Kenito. Die Ordensfrau hört aufmerksam zu. Sie kennt die schwierige Situation der Familien in ihrem Dorf. "Sie arbeiten sehr hart. Doch trotz aller Anstrengungen reicht es manchmal nur für eine Mahlzeit am Tag", erklärt Schwester Kidist.

Die Ordensfrau gehört zur Gemeinschaft "Little Sisters of Jesus". Zusammen mit ihrer Mitschwester Askalemariam Karlo betreut sie in Wush-Wush, einem kleinen Ort im Südwesten Äthiopiens, viele Familien. Die meisten gehören zur Gruppe der Menjas, einem kleinen Volk von Waldbewohnern, das mehrheitlich den Glaubenspraktiken traditioneller afrikanischer Religionen folgt. Von der Mehrheitsbevölkerung der Kaffa in der Region sind die Menjas aufgrund ihrer kulturellen Andersartigkeit, vor allem dem Verzehr von bestimmten Wildtieren, als "unberührbar" ausgegrenzt und diskriminiert worden.

Man schloss sie bei Festen und Versammlungen aus. Es war den Menjas streng verboten, die Häuser der Kaffa zu betreten, mit ihnen an einem Tisch zu sitzen oder gar mit ihnen gemeinsam zu essen. Heute hat sich zwar durch Bildung und Aufklärung die Akzeptanz der Menjas verbessert. Doch soziale Isolation und Diskriminierung prägen immer noch das Zusammenleben. Das wollen die beiden Ordensfrauen nicht hinnehmen. Sie suchen den direkten Kontakt zu den Menja-Familien.

Hilfe zur Selbsthilfe

Schwester Kidist (45) mit Familienvater Kenito (22) vor seinem Haus. Er und seine Familie gehören zur Volksgruppe der Menjas.
Schwester Kidist (45) mit Familienvater Kenito (22) vor seinem Haus. Er und seine Familie gehören zur Volksgruppe der Menjas.

Eine einfache Rundhütte aus Ästen, Lehm und einem löchrigen Strohdach dient der Familie von Kenito Atumo als Heim. Auf einem Acker neben der Hütte baut der 22-jährige Familienvater Mais und Bananen an. Seine beiden Kinder, der vierjährige Israel und seine ein Jahr jüngere Schwester Mekidse, laufen barfuß auf Schwester Kidist zu. Immer wieder reiben sie sich die Augen, vertreiben Fliegen, die um ihre Köpfe schwirren. Mutter Tigist schaut besorgt in ihre geröteten Augen und sagt entschuldigend: "Wir haben hier kein sauberes Wasser. Ich muss es täglich von weit her holen." Schwester Kidist lädt die beiden ein, in den Kindergarten der Ordensgemeinschaft zu kommen. Dort bieten die Schwestern neben einer Betreuung auch Waschgelegenheiten und eine warme Mahlzeit an. Kenito verspricht, die Kinder zu bringen, auch wenn der Kindergarten ein ganzes Stück entfernt von ihnen liegt.

"Als wir vor ein paar Jahren nach Wush-Wush kamen, haben wir überlegt, wie wir den Menschen helfen können. Wie wir ihre Einkommenssituation verbessern und ihr Selbstwertgefühl steigern können", berichtet Schwester Kidist, die die Gemeinschaft ihres Ordens in dem kleinen Ort im katholischen Vikariat Jimma-Bonga leitet. Obwohl in der bewaldeten Region auf den ersten Augenblick alles grün und fruchtbar erscheint, haben die Bewohner oft nicht genug zu essen. Ihnen fehlt schlicht das nötige Wissen, um das Land effektiv zu bewirtschaften. Dazu kommt das Phänomen der "Grünen Trockenheit". Es regnet nicht genug, die Saat geht nicht auf und die Menschen hungern. Einer Gruppe von Frauen haben die Schwestern gezeigt, wie sie effektiv Gemüse anbauen, damit die Frauen ein kleines Einkommen erwirtschaften können. "Anfangs hat das sehr gut geklappt. Die Frauen waren hellauf begeistert und stolz", erinnert sich die 45-Jährige. "Aber dann hat sich eine Gruppe wilder Affen über das Gemüse hergemacht und die ganze Ernte geplündert." Doch aufgeben kam für die Ordensfrauen nicht infrage. Sie schafften für die Frauen eine Strickmaschine an. Jetzt stellt die Gruppe Strickjacken, Pullover und Decken her, die sie auf den lokalen Märkten verkauft.

Die Schwestern stoßen an Grenzen

Im Regenwald gibt es nur wenige Straßen. Da nimmt Schwester Askalemariam schon mal auf den Pferderücken Platz. Ihr achtjähriger Neffe Surafiel hilft gerne und führt das Pferd.
Im Regenwald gibt es nur wenige Straßen. Da nimmt Schwester Askalemariam schon mal auf den Pferderücken Platz. Ihr achtjähriger Neffe Surafiel hilft gerne und führt das Pferd.
Schülerinnen sortieren manuell Kaffeebohnen aus, die die Schälmaschine nicht entschält hat.
Schülerinnen sortieren manuell Kaffeebohnen aus, die die Schälmaschine nicht entschält hat.

"Täglich klopfen Menschen an unsere Tür, bitten um Rat oder flehen: 'Bitte helft uns, mein Kind ist krank.' oder 'Meine Frau stirbt.'", berichtet ihre Mitschwester Askalemariam. "Wir helfen, wo wir können, egal ob Beinbruch oder Komplikationen bei der Schwangerschaft. Unser Pick-up steht dem ganzen Dorf für Notfälle zur Verfügung." Die Ordensfrau erinnert sich an ein schwerkrankes Mädchen, das sie bei einem Dorfbesuch entdeckte. Sie überlegte nicht lang, setzte die Kranke ins Auto und fuhr sie mit strammem Tempo zwei Stunden in die Stadt Jimma in ein größeres Krankenhaus. Dort konnte das herzkranke Mädchen behandelt werden und überlebte.

Doch manchmal sind auch den Schwestern die Hände gebunden. "Wenn uns Eltern bitten, den Schulbesuch ihrer Kinder für eine höhere Schule oder ein College zu zahlen, müssen wir ablehnen. Denn diese Einrichtungen liegen in der Stadt und es muss auch ein Zimmer und Unterhalt finanziert werden. Dafür fehlen uns schlicht die finanziellen Mittel", berichtet Schwester Askalemariam. Für jüngere Kinder unterhält die Kirche ein Schulinternat, in das auch Kinder aus armen Verhältnissen aufgenommen werden können.

In Wush-Wush verdienen sich einige Schülerinnen in der Kaffeefabrik, die von einem katholischen Produzenten betrieben wird, etwas dazu. In ihrer Freizeit sortieren sie Kaffeebohnen aus, die bei der maschinellen Verarbeitung nicht entschalt wurden.

"Ich vertraue auf Gott"

Das Waldvolk der Menjas gehört zu einer der schwarzafrikanischen Gruppen in Äthiopien. Sie bauen Gemüse und Kaffee an. Doch oft reicht der Ertrag kaum zum Leben.
Das Waldvolk der Menjas gehört zu einer der schwarzafrikanischen Gruppen in Äthiopien. Sie bauen Gemüse und Kaffee an. Doch oft reicht der Ertrag kaum zum Leben.
Im Regenwald in der Kaffa-Region erhalten die Kaffeebäume genügend Schatten, um zu wachsen.
Im Regenwald in der Kaffa-Region erhalten die Kaffeebäume genügend Schatten, um zu wachsen.
Viele Menja-Kinder wachsen in ärmlichen Verhältnissen auf, oft ohne sauberes Trinkwasser und Waschgelegenheit.
Viele Menja-Kinder wachsen in ärmlichen Verhältnissen auf, oft ohne sauberes Trinkwasser und Waschgelegenheit.

Der Fabrikinhaber zahlt den Kaffeebauern in der Umgebung einen fairen Preis, wenn ihr Kaffee von guter Qualität ist. An ihn könnte auch Kenito Atumo seinen Kaffee verkaufen, wenn er ausreichend hochwertige Kirschen produziert. Der junge Familienvater ist zuversichtlich: "Gott ist der Schöpfer aller Dinge. Er hat mir zwei Kinder geschenkt. Zum Dank habe ich meinen Sohn Israel genannt. Ich vertraue auf Gott."

Schwester Askalemariam freut sich über die Zuversicht. Sie erinnert sich noch gut an ihre Anfangszeit in Wush-Wush. Katholiken unter den Menjas gab es nur wenige. "Unsere Menja-Nachbarn waren alle sehr schüchtern", erzählt sie. "Mit einer Frau, die uns immer das Feuerholz verkaufte, habe ich mich öfters unterhalten. Eines Tages bat ich sie ins Haus. Doch sie schämte sich. 'Bitte komm, Alemeto, du bist unsere Freundin', sagte ich zu ihr. Schließlich trat sie ein. Wir saßen zusammen, aßen Brot vom selben Teller und tranken gemeinsam Kaffee, wie es bei uns in Äthiopien üblich ist. Als Alemeto sich verabschiedete, standen ihr Tränen in den Augen und sie sagte: 'Heute haben sich dein Gott und mein Gott getroffen'. Da musste auch ich weinen – vor Freude."

Seither hat sich vieles geändert. Wenn die Schwestern zu einem Fest einladen, kommen auch die Menja-Familien, mit denen die Schwestern befreundet sind. Und sie besuchen den Gottesdienst. Sie sagen: "Ihr seid unsere Schwestern, ihr seid unsere Freunde. Wir kommen in eure Kirche, wo man uns akzeptiert und versteht. Jetzt ist es auch unsere Kirche."

Text: Bettina Tiburzy (missio), Fotos: Hartmut Schwarzbach (missio)

Kaffeezeremonie: Verbindung zwischen den Menschen

Die Kaffeezeremonie spielt im Alltag der Menschen in Äthiopien eine wichtige Rolle.
Traditionelle Kaffeezeremonie – zelebriert von den Novizinnen des Ordens Liittle Sisters of Jesus in Wush-Wush.
Traditionelle Kaffeezeremonie – zelebriert von den Novizinnen des Ordens Liittle Sisters of Jesus in Wush-Wush.

In Äthiopien ist die Kaffeezeremonie fester Bestandteil des sozialen und kulturellen Lebens.

Auch die Schwestern und Novizinnen der "Little Sisters of Jesu" in Wush-Wush zelebrieren diese alte Tradition. Die junge Novizin röstet grüne Kaffeebohnen in einer flachen Pfanne auf einem Kohlestövchen, bis sie dunkelbraun glänzen. Dann geht sie mit der Pfanne im Kreis der Anwesenden umher und alle führen den Duft mit der Hand zur Nase. Anschließend stampft sie die Bohnen mit einem Holzstamm in einem großen ausgehölten Baustumpf und sammelt das Kaffeepulver in einem Bananenblatt. Dann füllt sie es zusammen mit Wasser in eine "Jebena", die traditionelle Kaffeekanne aus Ton. Sie gibt ein wenig Weihrauch auf die glühende Kohle und der Duft von Kaffee und Weihrauch steigt zur Decke.

Die Kaffeezeremonie ist ein Zeichen der Gastfreundschaft, kann aber auch als eine Geste der Versöhnung eingesetzt werden. Besonders auf dem Land hat sie im Alltag eine wichtige soziale Bedeutung. Nachbarn laden sich gegenseitig zur Kaffeezeremonie ein. Sie besprechen ihre gemeinsamen Aktivitäten, aber auch Schwierigkeiten und wie man sich gegenseitig helfen kann. Die Kaffeezeremonie in Äthiopien verbindet die Menschen und stärkt die Gemeinschaft.

Text: Bettina Tiburzy (missio), Fotos: Hartmut Schwarzbach (missio)

Weltmissionssonntag 2018

Die Wiege der Menschheit, Ursprungsland des Kaffees und die Heimat der Königin von Saba: Äthiopien, das Beispielland des Weltmissionssonntags am 28. Oktober 2018, ist eine alte Kulturnation und bekannt für sein urchristliches Erbe. Gleichzeitig steht das Land vor vielen Herausforderungen.

Trotz Modernisierung und stark wachsender Wirtschaft gehört Äthiopien immer noch zu einem der ärmsten Länder der Welt. Ethnische Konflikte und religiöse Umbrüche führen in dem autoritär geführten Land zu wachsenden Spannungen. Dennoch bietet Äthiopien vielen Tausend Flüchtlingen Zuflucht.

"Gott ist uns Zuflucht und Stärke" (Ps 46) lautet das Bibelzitat zum Weltmissionssonntag 2018, unter dem missio die Arbeit der katholischen Kirche in Äthiopien vorstellt. Nur 0,7 Prozent der Äthiopier sind Katholikinnen und Katholiken. Dennoch entfalten sie große Wirkung. Die Kirche engagiert sich für entwurzelte Menschen und schenkt ihnen neue Lebensperspektiven. Sie gibt den Menschen Heimat. Das Plakatmotiv (siehe Bild rechts) zum Weltmissionssonntag 2018 zeigt junge Katholikinnen im Bergdorf Agaro-Bush in der Region Kaffa am "Fest Gottes des Vaters", das katholische und orthodoxe Christen in Äthiopien am 7. April feiern. Nach dem Festgottesdienst umrunden die Gläubigen in einer Prozession dreimal die Kirche und führen dabei eine Darstellung der Bundeslade mit sich.

Den Weltmissionssonntag begehen die katholischen Pfarreien Deutschlands jährlich am vierten Sonntag im Oktober. Er ist die größte Solidaritätsaktion der Katholiken weltweit. Mehr als 100 päpstliche Missionswerke sammeln an diesem Tag auf allen Kontinenten für die soziale und pastorale Arbeit der Kirche in den 1.100 ärmsten Bistümern der Welt. Das Geld kommt hauptsächlich den dort arbeitenden Priestern zugute. Papst Pius XI. setzte den "Sonntag der Weltmission" 1926 ein, im selben Jahr wurde er erstmals in Deutschland begangen. In Deutschland organisieren das Internationale Katholische Missionswerk missio Aachen und missio München den Weltmissionssonntag.

Text: red, Plakat: missio