Altöttinger Liebfrauenbote

20.000 Tote ruhen in Oppenheims Michaelskapelle

Deutschlands größtes Beinhaus

Hier stapeln sich die Schädel und Knochen bis zur Decke. Sie sind letzte sichtbare Zeugen eines Lebens, das irgendwann einmal ein Ende hatte. Bis zu 20.000 Menschen haben in Oppenheims Michaelskapelle ihre letzte Ruhe gefunden, dem gotischen Karner neben der Katharinenkirche. Es ist das angeblich größte Beinhaus Deutschlands; ja sogar der Welt, wenn man nur die zählt, die zur protestantischen Kirche gehören.

Blick in das Beinhaus in Oppenheims Michaelskapelle.
Blick in das Beinhaus in Oppenheims Michaelskapelle.

Manuela Rimbach-Sator ist Pfarrerin der evangelischen Katharinenkirche. Zusammen mit einem Stab von zwanzig Männern und Frauen wechselt sie sich in der Führung zum Karner ab, wie die um eine Kapelle erweiterten Beinhäuser allgemein heißen. Hin und wieder führen sie auch Schulklassen. "Kinder", weiß die Pfarrerin aus Erfahrung, "haben keine Ängste gegenüber den Schädeln und Knochen, die werden ihnen höchstens zuhause eingeimpft".

Meterhoch stapeln sich die menschlichen Überreste in dem rund 70 Quadratmeter großen Gewölbekeller. Sie stammen von Oppenheimer Bürgern, die zwischen 1400 und 1750 nach einer gewissen Liegezeit auf dem zur Katharinenkirche gehörenden Friedhof umgebettet wurden. Viele waren Opfer von Pest, Kriegen und Hunger, den meisten aber setzte der Tod irgendwann nur eine natürliche Grenze.

Für die Menschen des Mittelalters war der Tod, so wie in manchen Kulturkreisen heute noch, nur Übergang von einer in eine andere Welt, eine fließende Grenze sozusagen. Schon der Apostel Paulus hatte diesen Gedanken propagiert, das Aus für den Körper als Start ins ewige Leben gesehen. Auch die ersten Bischöfe predigten gern, dass auch nach dem Tod die Seele mit den Knochen emotional verbunden sei. Für die ersten Christen war das Memento Mori so mehr ein Memento Vitae. Wenn immer möglich suchten sie später deshalb ihre letzte Ruhe nahe der Reliquien der Heiligen, auf deren Schutz sie auch posthum vertrauten.

Weil sich die meist um die Kirchen gelegenen Friedhöfe im Lauf der Zeit aber immer mehr füllten, wurde es schließlich Sitte, die nicht verwesten Knochen und Schädel nach einer gewissen Liegezeit für die Auferstehung am Jüngsten Tag in sogenannten Beinhäusern zu lagern. Beflügelt wurden diese Ideen durch kirchliche Synoden in Münster (1279) und Köln (1280), die deren Bau propagierten. Damit wollte man verhindern, dass wie damals üblich Schweine oder andere Tiere Knochen und Schädel aus dem Erdreich buddelten.

Dem Erzengel Michael geweiht

Blick auf die Michaelskapelle.
Blick auf die Michaelskapelle.

Noch aber fehlten den Beinhäusern die gewöhnlich darüber liegenden Kapellen, die erst später populär wurden, als man zu Ehren der Toten auch mehr und mehr Gedächtnisgottesdienste feierte. Es war die Geburtsstunde der sogenannten Karner, kleinen Friedhofskapellen, wie man sie auch in Oppenheim zur Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert ins ansteigende Gelände hinter der Nordseite der Katharinenkirche setzte. Geweiht ist Oppenheims Karner übrigens wie fast alle Beinhäuser dem Erzengel Michael, der mit der Seelenwaage am Jüngsten Tag über die Menschen mit richten soll.

Den Bau der Beinhäuser, auch den in Oppenheim, beförderte vor allem der Glaube an das Fegefeuer, an einen jenseitigen Reinigungsort der Seele. Geld- und Sachspenden, auch in Form von Stiftungen, sollten, wie viele damals glaubten, den Weg zum ewigen Leben ebnen. "Erlösung aber", sagt Manuela Rimbach-Sator, Oppenheims evangelische Pfarrerin, "ist nur durch Gott, Gnade oder die Schrift möglich". Die Reformation bescherte somit den meisten Beinhäusern Europas das Aus, zumal die Kirchenreformer auch aus hygienischen Gründen für die Stapelung von Skeletten wenig übrig hatten.

In Oppenheim aber, wo die Katharinenkirche im Jahr 1565 evangelisch wurde, lebte der ursprünglich katholische Brauch weiter. Warum, weiß niemand genau und nährte Spekulationen. So erzählte man sich lange Zeit, die in der Michaelskapelle gestapelten Gebeine seien spanische und schwedische Soldaten, die im Dreißigjährigen Krieg in der Region ums Leben gekommen seien. Das half den Protestanten, den katholischen Karner als eine Art Kriegsgräberstätte zu betrachten.

Zudem, hieß es im Volksmund, könne man die protestantischen Soldaten der Schweden gegenüber den katholischen Spaniern am größeren Schädelvolumen erkennen. Mitten in einem der Knochenstapel findet sich so heute noch ein großer goldfarbener Schädel, den Scherzbolde gern dem König von Schweden zuweisen und damit vertuschen, das er einst Fernsehaufnahmen diente. Ein Mitte des 19. Jhs. erschienenes Buch behauptete schließlich, der Stadtrat hätte den Protestanten den katholischen Karner mit dem Hinweis schmackhaft gemacht, dass es eine Abmachung mit Gott gebe, die allen Oppenheimern bis zum Jüngsten Tag den Aufenthalt im Beinhaus garantiere.

Oppenheims protestantische Gemeinde jedenfalls hat mit dem anfangs umstrittenen Bau im Schatten der Katharinenkirche längst ihren Frieden geschlossen. So war es auch selbstverständlich, nach jeder größeren Renovierung die Knochen und Schädel wieder bis zum Gewölbe hinauf in der Michaelskapelle zu stapeln. Heute sind sie so in vier großen Stapeln zu einer Wand geschichtet, die den Tod als Teil des Lebens ins Bewusstsein rückt. "Der Tod nämlich", sagt Manuela Rimbach-Sator, "stellt das Leben in Frage, ist Anlass zum Nachdenken und Innehalten." Schon mit der Geburt nämlich kommt genau betrachtet auch der Tod auf die Welt.

Die Schädel und Knochen in Oppenheims Michaelskapelle werden übrigens immer mehr. Hier nämlich finden auch die Skelette ihre letzte Ruhe, die in und um Oppenheim bei archäologischen Grabungen oder Bauarbeiten entdeckt werden. Und noch immer auch liefern sie gruseligen Erzählstoff. So sollen sich die ungeordneten Knochen einer Sage nach am Vorabend des Siebenjährigen Krieges Punkt Mitternacht in Vorahnung kommenden Blutvergießens erhoben und in Schlachtreihen aufgestellt haben, um gegeneinander zu kämpfen. Nach der Geisterstunde aber seien sie wieder krachend in sich zusammengefallen.

Text und Fotos: Günter Schenk

Der Karner an der Nordwand der Katharinenkirche ist fast immer zugänglich. Alle Führungen zur Katharinenkirche machen i.d.R. auch am Beinhaus Station. Auskunft: Oppenheim Touristik GmbH (Tel. 06133 490919) oder evangelische Kirche (Tel. 06133 2381).