Altöttinger Liebfrauenbote
Überblick über die Klosteranlage Sant Pere de Rodes, in der Tiefe das Mittelmeer der Costa Brava.
Überblick über die Klosteranlage Sant Pere de Rodes, in der Tiefe das Mittelmeer der Costa Brava.

In Spaniens abtrünniger Region Katalonien – Wanderung von der Küste zum Bergkloster Rodes

Trügerische Stille an der "Wilden Küste"

Gnadenlos zieht sich der Pfad bergan. Steinig, staubig, steil. Schmetterlinge tanzen. Eine Nachtigall tiriliert. Es duftet nach Lavendel. Überall wachsen Zistrosen, Baumheide, Ginster, Feigenkakteen, Wacholder. Entlang der Wanderroute vom Meer hinauf zum Bergkloster Sant Pere de Rodes hat die mediterrane Natur ihr Füllhorn ausgeschüttet. Stille und Friedensstimmung hängen über dem Hinterland der Costa Brava, der "Wilden Küste", doch ist das vielleicht trügerisch? Schließlich befinden wir uns hier in Spaniens aufrührerischer Region Katalonien. Durch Planspiele um die Unabhängigkeit hat sich Katalonien selbst in Misskredit gebracht. Dazu Massendemonstrationen, Justizpossen, eine dubiose Volksabstimmung. Weder hier in ländlichen Gegenden noch in Kleinstädten wie Figueres schlägt Besuchern eine feindselige, aufgeheizte Stimmung entgegen. Doch unterschwellig brodelt ein schwer zu definierendes "Etwas".

Transparent am Rathaus von Llançà mit der Aufschrift: Freiheit für Kataloniens "politische Gefangene".
Transparent am Rathaus von Llançà mit der Aufschrift: Freiheit für Kataloniens "politische Gefangene".
Solidaritätsbändchen von Unabhängigkeitsbefürwortern in Llançà.
Solidaritätsbändchen von Unabhängigkeitsbefürwortern in Llançà.

Startpunkt der Wanderung auf dem rotweiß markierten GR-11 zum einstigen Benediktinerkloster Rodes ist der Strand- und Hafenort Llançà. Den ersten Beweis dafür, dass die Unabhängigkeitsbewegung präsent ist, liefert ein Zusatz am Ortseingangsschild: Hier befinde man sich in einer Gemeinde, so heißt es, die die Unabhängigkeit unterstützt. Für antispanische Stimmung steht auch eine zweisprachige Infotafel an der Promenade hinter der Platja del Port, dem Strand beim Sporthafen. Die Infos stehen nur auf Katalanisch und Englisch hier, nicht auf Spanisch. Eine Stichelei, ein Affront. Die richtigen Steigerungen folgen in Richtung Rathaus. Dort fordern eine Wandpinselei an der Straße und ein Transparent am Bürgermeisteramt die Freilassung politischer Gefangener, mit denen inhaftierte katalanische Aufrührer gemeint sind. Natürlich weht am Rathaus die katalanische Flagge, nicht die spanische. Und an Bauzaunstangen fallen befestigte gelbe Plastikbändchen auf, Bekenntnisse zur Loslösung vom ungeliebten Rest Spaniens.

Bleibt die Frage, wie groß die Unterstützung dafür beim breiten Volk wirklich ist. Sind es nicht eher vergleichsweise wenige, darunter Politiker mit dem Hang zur Profilneurose, die reichlich Staub aufwirbeln? Dafür könnte der Gang durch die Altstadt und an der Sankt-Vinzenzkirche vorbei sprechen, bis die letzten Ausläufer Llançàs erreicht sind und sich der Wanderweg in einem Kreisverkehr vom Asphalt löst: Nirgendwo, wirklich nirgendwo sind in normalen Straßenzügen Protestplakate zu sehen, nicht einmal katalanische Fahnen.

Aufstieg und Niedergang

Aufstieg zum Bergkloster.
Aufstieg zum Bergkloster.
Romanik, die eher untypisch ist – im Innern der restaurierten Klosterkirche.
Romanik, die eher untypisch ist – im Innern der restaurierten Klosterkirche.

Der über zweistündige Weg in die Bergwelt der Serra de Rodes hat es mit über 500 Höhenmetern in sich, lässt sich Gedanken zum Thema treiben. Und steigert die Vorfreude auf eines der schönsten Klöster in Katalonien, das sich bereits aus der Ferne abzeichnet und mit seinen Türmen und Zinnen eher den Eindruck eines Kastells denn einer christlichen Anlage macht. Bis zur Ankunft rinnen noch reichlich Schweißströme über den Rücken, vor allem auf kurzen Rampen, die über 30 Prozent ansteigen. Der letzte Kilometer verläuft gerade, aber ernüchternd, über ein Sträßchen bis zum Parkplatz, danach über einen betonierten Fußweg. Den Auftakt zum Komplex macht das einstige Pilgerspital. Das Dach fehlt, aus den Mauern wuchert Unkraut. Pilgerreisen, so liest man im Führer zu dem im 9. Jahrhundert erstmals dokumentierten Kloster, fanden bereits "sehr früh" statt. Bekannt war, dass bis 1697 jedes Jahr, in dem Tag der Kreuzfindung, der 3. Mai, auf einen Freitag fiel, als Jubeljahr gefeiert wurde. Im Fokus der Pilger sollen Reliquien des heiligen Petrus gestanden haben; welche genau, lässt sich nicht mehr nachvollziehen.

Die wechselhafte Geschichte des Klosters besagt, dass die Glanzzeit ab dem 10. Jahrhundert begann, als sich ein Adeliger namens Tassi und Graf Gausfred von Ampurias für Sant Pere de Rodes interessierten und dem Kloster große Ländereien vermachten. Außerdem, so heißt es, gestanden die Päpste und die fränkischen Könige dem Kloster Privilegien zu. Der Bau der Kirche setzte einen Glanzpunkt der katalanischen Romanik. Die Anlage der Benediktiner gewann als geistlich-politisches Machtzentrum und als Pilgerziel mehr und mehr an Bedeutung. Erste Zeichen des Niedergangs setzten im 14. Jahrhundert ein, ausgelöst durch Kriege und Epidemien im hiesigen Landstrich Empordà. Eine wirtschafliche Erholung war im 17./18. Jahrhundert an die Ausbreitung des Weinbaus in Katalonien geknüpft. Doch nach Plünderungen durch Diebesbanden und französische Truppen fassten die Mönche 1798 den Entschluss, das Kloster endgültig zu verlassen. Sie ließen sich in den geografischen Niederungen in Vila-sacra nieder und zogen um nach Figueres, bis die landesweiten Klosterenteignungen der Gemeinschaft 1835 endgültig den Todesstoß versetzten.

Die Anlage von Rodes war lange Zeit dem Verfall ausgesetzt. So wurde das wertvolle, gegen Mitte des 12. Jahrhunderts in der Werkstatt des Meisters von Cabestany gefertigte Marmorportal der Kirche zerlegt und gestohlen. Es wanderte zu Sammlern und in Museen ab; in der Vorhalle sind Kopien zweier Reliefs ausgestellt.

Hoch aufgerissene Kirche

Blick auf den verschlungenen Felsgang in der Klosteranlage.
Blick auf den verschlungenen Felsgang in der Klosteranlage.
Blick in die Krypta des Klosters.
Blick in die Krypta des Klosters.

Zum Glück kam es im letzten Jahrhundert zu einer Rückbesinnung darauf, welch architektonischer Schatz das Areal in der Bergeinsamkeit war. Heute geben Ausgrabungen und Restaurierungen einen Eindruck von der alten Pracht und haben Sant Pere de Rodes zu einem der meistbesuchten Baudenkmäler in Katalonien gemacht.

Der Eintritt in die romanische Kirche befremdet auf angenehme Art. Nicht düster und gedrungen ist sie, sondern hoch aufgerissen und relativ licht. Ein außergewöhnlich mächtiges System aus Pfeilern und Säulen trägt das sechzehn Meter hohe Tonnengewölbe des Hauptschiffs. Der Klosterführer stellt das gewaltige Planungsvorhaben, das dahinter stand, heraus: "Um die Großartigkeit der Kirche von Rodes zu verstehen, muss man bedenken, dass sie an einen Berghang gebaut wurde. Im südlichen Bereich der Kirche wurde der Fels abgetragen und im Norden ein Gefälle von bis zu vier Metern aufgefüllt, um den Boden für das Bauwerk und sein Hauptschiff zu ebnen."

Punktgenau ins Licht der Strahler gesetzt sind hoch auf den Säulen die Kapitelle mit ihren fantasiereichen Motiven. Die teils verschlungenen Wege führen weiter in den Chorumgang und in die Krypta, in den unteren und oberen Kreuzgang, an den Glocken- und Wehrturm, in die alten Weinlager. Zuweilen muss man den Kopf einziehen. Ein Panoramaplateau gibt den Blick frei bis zum Ziel des Abstiegs an der Küste: El Port de la Selva. Nicht ohne sich vorher im Klosterrestaurant gestärkt zu haben. Keine Touristenfalle, sondern richtig gute Küche.

Die Strecke bergab zerrt an Bändern und Gelenken, bis der Steinpfad auf eine leicht begehbare Piste mündet. Endlich heißt es "Geschafft", Ankunft in El Port de la Selva. Das Bad im Meer erfrischt. Und der Blick auf ein Brückengeländer reißt in Kataloniens Gegenwart zurück. Da sind sie wieder, die gelben Bändchen der Solidarität.

Text und Fotos: Andreas Drouve