Altöttinger Liebfrauenbote
Kreuzreliquie in Gau-Bickelheim.
Kreuzreliquie in Gau-Bickelheim.

Rheinhessen lädt zu einer der letzten Heilig-Kreuz-Wallfahrten Deutschlands

Im Bann des Heiligen Kreuzes

Noch immer ist sie ein weithin sichtbares Zeichen gläubiger Gemeinschaft: die Heilig-Kreuz-Prozession im rheinhessischen Gau-Bickelheim, eine der letzten Wallfahrten Deutschlands zu Ehren des Heiligen Kreuzes. Jährlich Anfang Mai erinnert sie an die Auffindung des Kreuzes Christi durch die hl. Helena. Der Mutter des römischen Kaisers Konstantin wird zugeschrieben, in Jerusalem jenes Kreuz entdeckt zu haben, an dem Gottes Sohn starb. Im Gedenken daran treffen sich die Wallfahrer Jahr für Jahr zwischen Bingen und Alzey zum Beten und Feiern inmitten der Weinberge.

Gottesdienst vor der Kapelle beim Heilig-Kreuz-Fest.
Gottesdienst vor der Kapelle beim Heilig-Kreuz-Fest.

Schritt für Schritt schieben sich Frauen, Männer und Kinder singend und betend zwischen den Reben bergan. Ein halbes Dutzend Ministranten in roten Talaren und weißen Chorröcken tragen der andachtsvollen Prozession ein kleines Kreuz voran. Weil ihnen der Aufstieg zu mühsam ist, sind ein paar Ältere schon mit dem Auto hoch zur Kreuzkapelle auf den Wißberg gefahren, die weithin sichtbare Kirche zwischen Bingen und Alzey. Auch die Heilig-Kreuz-Reliquie, die den Rest des Jahres in Gau-Bickelheims Martinskirche ruht, steht schon oben auf dem Freiluftaltar.

Sandsteinreliefs säumen den Weg der Wallfahrer, vierzehn eindrucksvolle Kreuzwegstationen aus dem Jahre 1862. Vor der einen oder anderen macht die Prozession kurz Halt, um zu beten. Nur wenige Wolken sind am Himmel. Dafür sorgt ein Lüftchen, das die Stola des Pfarrers immer wieder mal in die Waagrechte schickt. In kurzen Ärmeln und Sonnenbrille sind die Wagemutigsten unterwegs, der Rest trägt Anorak oder hat zumindest noch lässig einen Pullover umgebunden. Fast uniformiert kommt die Kirchenmusik: rote Krawatten, weiße Hemden, schwarze Hosen.

Lange Tradition

Kreuzwegprozession.
Kreuzwegprozession.
Statio während der Kreuzwegprozession.
Statio während der Kreuzwegprozession.

Die Verehrung des Heiligen Kreuzes am Wißberg hat eine lange Tradition. Schon im Mittelalter könnte es hier eine dem Heiligen Kreuz geweihte Andachtsstätte gegeben haben. Darauf deutet ein Flurstück, das im Volksmund "Am Heiligen Kreuz" heißt. Greifbarer aber wird die Geschichte erst im 18. Jahrhundert, als Gau-Bickelheims "Oberschultheiß" einen seiner besten Weinberge für den Bau einer Kreuzkapelle zur Verfügung stellte. 1755 wurde sie geweiht. Aber erst zwei Jahre später setzte der Strom der Wallfahrer ein, nachdem Papst Benedikt XIV. den Gau-Bickelheimern einen Partikel des "wahren Kreuzes Jesu" geschenkt hatte. Die passende Monstranz stiftete der Mainzer Weihbischof Christoph Nebel (1690-1769). Weil er kein eigenes Bistum leitete, machte ihn die Kirche 1733 zum sogenannten Titularbischof von Kafarnaum, dem Wohn- und Wirkungssitz Jesu am See Genezareth. "Dieser wahre Weinstock Christi", übereignete er deshalb den Gau-Bickelheimern ihre Monstranz mit dem Kreuzpartikel, "ist von Christopherus, Bischof von Capharnaum, in den Weinbergen Gau-Bickelheims gepflanzt und den Gläubigen zur Verehrung dargestellt".

In den Kämpfen zwischen Preußen und Franzosen 1794/95 wurde die Kreuzkapelle allerdings so stark beschädigt, dass die Wallfahrt auf den Wißberg erstmal ein Ende hatte. Mitte des 19. Jahrhunderts aber bauten die Rheinhessen das zerstörte Kirchlein neu auf, so dass 1857 erstmals wieder eine Wallfahrt auf den Wißberg zog. Baupfusch aber zwang die Gau-Bickelheimer ihre vom Einsturz bedrohte Wallfahrtskirche 1893 abzubrechen. Schon im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts aber war die heutige Kapelle fertig, ein neoromanisches Bollwerk, das mit weißen Sandsteinmauern und rotem Ziegeldach aus den meist grünen Weinbergen herausragte.

Besonders ins Auge aber fielen die von Bürgern gestifteten Glasfenster, die  bis heute die Geschichte von der Auffindung des Heiligen Kreuzes erzählen. Christus am Kreuz zeigt so das Mittelfenster, über ihm Petrus und Paulus, die beiden Apostelfürsten. Daneben finden sich Sankt Helena und Bischof Makarius, denen eine von mehreren Legenden die Kreuzauffindung zuschreibt. "In cruce salus et vita est" verheißt schließlich eine andere Inschrift: "Im Kreuz ist Heil und Leben".

Deshalb segnet die Kirche Jahr für Jahr auf dem Wißberg die Wallfahrer, die zum Festgottesdienst am 3. Mai oder dem folgenden Sonntag (heuer am 6. Mai) den Altar mit der Kreuzreliquie säumen. Wallfahren aber ist nicht nur Kopfsache. Während die Massen noch Beten und Singen, rüsten die Helfer auf der Wiese nebenan zum Fest. Große Steaks bruzzeln auf dem noch größeren Grill, Weinflaschen warten, dass sie bald einer öffnet.

Text und Fotos: Günter Schenk

Heilig-Kreuz-Prozession in Scheyern

Abt Markus mit dem Scheyrer Kreuz.
Abt Markus mit dem Scheyrer Kreuz.

Eine der bekanntesten Heilig-Kreuz-Prozessionen findet jedes Jahr in Scheyern statt. Seit über 800 Jahren wird in der Benediktinerabtei Scheyern eine der kostbarsten und bedeutendsten Kreuzreliquien im süddeutschen Raum aufbewahrt und verehrt.

Die Wallfahrt, die seit dem hohen Mittelalter nach Scheyern führt, findet noch jedes Jahr in den beiden Kreuzfesten ihre Höhepunkte. Mehrere hundert Pilger machen sich dann auf den Weg, um mit ihrem Besuch das Scheyrer Kreuz zu ehren und mit der Kreuzreliquie gesegnet zu werden. Die Eucharistiefeier am 6. Mai 2018 zelebriert H.H. Erzabt Wolfgang Öxler OSB von der Erzabtei St. Ottilien. Der Wallfahrtsgottesdienst mit Kreuzprozession wird bei schönem Wetter im Freien gefeiert. Im Anschluss daran wird in der Basilika mit der Hl.-Kreuzreliquie der Einzelsegen erteilt. Um 14.30 Uhr wird in der Basilika die Pontifikalvesper gefeiert.

Text: red, Foto: Kloster Scheyern

Zur Geschichte der Kreuzauffindung

Fenster in der Kreuzkapelle in Gau-Bickelheim zeigen die Kreuzauffindung.
Fenster in der Kreuzkapelle in Gau-Bickelheim zeigen die Kreuzauffindung.

Das Fest der Kreuzauffindung wurzelt in der Entdeckung des Kreuzes Christi durch die heilige Helena, die Mutter Kaiser Konstantins dem Großen. Ein knappes Jahrzehnt später, am 14. September 335, zeigte man in der am Tag zuvor geweihten Grabeskirche von Jerusalem das Kreuz erstmals den Gläubigen. Die Art seiner Präsentation gab schließlich dem bis heute am 14. September gefeierten Fest der Kreuzerhöhung seinen Namen.

Neben diesem Fest feierte die Kirche im Frankenreich ab dem 7. Jahrhundert am 3. Mai das Fest der Kreuzauffindung. Jahrhunderte lang wurde es in der ganzen katholischen Kirche gefeiert, nach der Neuordnung des Liturgischen Kalenders durch Papst Johannes XXIII. aber nur noch vereinzelt. Stattdessen hat man das Gedenken an die Kreuzauffindung im Fest der Kreuzerhöhung am 14. September verpackt.

Legenden schreiben die Kreuzauffindung Sankt Helena und Bischof Makarius zu, der ab dem Jahr 314 Bischof von Jerusalem war und nach dem Fund der Kreuzigungs- und Grabesstätte Christi vom römischen Kaiser Konstantin den Auftrag zum Bau der Grabeskirche erhielt. Während die älteste Kreuzauffindungslegende die Identifikation des Kreuzes einer Toten zuschreibt, die nach dessen Berührung wieder zum Leben erwacht sei, wollen andere wissen, dass eines der Kreuze ein Schild mit der Aufschrift "Jesus von Nazareth, König der Juden" getragen habe – so wie es im Johannesevangelium (Joh 19,19) überliefert ist. Pilatus, so heißt es, habe die Aufschrift bei Jesu Kreuzigung nur angebracht, damit das wahre Kreuz später gefunden werden könne. "Helena sollte etwas zu lesen finden, um das Kreuz des Herrn zu erkennen", schrieb etwa der Mailänder Bischof Ambrosius Ende des vierten Jahrhunderts in seinem Bericht über die Kreuzauffindung.

Angeblich ließ Helena den Fund des Kreuzes Christi dreiteilen. Ein Drittel blieb in Jerusalem, ein Drittel nahm sie mit nach Rom, ein Drittel schickte sie ihrem Sohn nach Konstantinopel. Wie auch immer, historisch belegt sind nur die Personen von damals, nicht aber die Art und Weise, welches Kreuz wie und wo genau gefunden wurde.

Älteste Kreuzauffindungs-Legende

Ein Text des Historikers und Theologen Tyrannius Rufinus von Aquileia (ca. 345-411/12), aus dem Lateinischen neu übersetzt vom evangelischen Theologen Martin Wallraf, ist die älteste erhaltene Kreuzauffindungslegende. Sie stützt sich auf eine um 390 vom Bischof Gelasius von Caesarea in griechischer Sprache niedergeschriebene und schon früh verloren gegangene Version und bildete die Grundlage für weitere Überlieferungen und Legenden:

"Zur gleichen Zeit begab sich – von göttlichen Visionen geleitet – Helena, die Mutter Konstantins nach Jerusalem: eine durch ihre religiöse Gesinnung und ihre einmalige Großzügigkeit unvergleichliche Frau ... In Jerusalem erkundigte sie sich bei den Einheimischen nach dem Ort, an dem der hochheilige Leib Christi am Marterholz gehangen hatte. Der war jedoch schwer zu finden, weil die alten Verfolger (des Christentums) dort ein Götterbild der Venus angebracht hatten, so dass es so aussah, als beteten die Christen, die an jenem Ort Christus anbeten wollten, Venus an. Daher war der Ort wenig besucht und fast der Vergessenheit anheimgefallen. Als aber nun, wie gesagt, die fromme Frau, an den Ort geeilt war, der ihr durch ein himmlisches Zeichen gewiesen worden war, räumte sie alles Unheilige und Unreine weg und fand in der Tiefe, nachdem die Trümmer beseitigt waren, drei Kreuze ohne besondere Ordnung. Die Freude über den gefundenen Schatz trübte nur die Ununterscheidbarkeit der drei Kreuze. Es war zwar auch das Täfelchen da, das von Pilatus in griechischer, lateinischer und hebräischer Sprache geschrieben worden war, doch selbst dieses verriet nicht mit hinreichender Deutlichkeit, welches das Marterholz des Herrn war. Die Unsicherheit, die aus dieser nach menschlichen Maßstäben unentscheidbaren Situation entstand, verlangte nun nach einem göttlichen Zeugnis. Zufällig lag in derselben Stadt eine ortsansässige vornehme Frau, von einer schweren Krankheit getroffen, halbtot darnieder. Zu der Zeit war Macarius der Bischof jener Gemeinde. Als er die Kaiserin und ebenso alle anderen Anwesenden so zögern sah, sagte er: "Bringt mir alle Kreuze, die gefunden worden sind; und welches es ist, das Gott getragen hat, wird uns Gott jetzt eröffnen". Und zusammen mit der Kaiserin und dem ganzen Volk trat er bei der Frau auf dem Krankenlager ein und betete mit gebeugten Knien zu Gott: "Du Herr, der du beschlossen hast, durch deinen eingeborenen Sohn dem Menschengeschlecht das Heil durch das Leiden am Kreuz zu gewähren, der du in diesen letzten Zeiten im Herzen deiner Magd den Wunsch erweckt hast, das gesegnete Holz zu suchen, an dem unser Heil hing, zeige nun klar, welches unter diesen dreien das Kreuz der Verherrlichung des Herrn war und welche der Hinrichtung von Sklaven dienten. Lass diese Frau, die halbtot darniederliegt, sofort, wenn sie das heilbringende Holz berührt, von der Schwelle des Todes zum Leben zurückgerufen werden." Und als er das gesagt hatte, legte er ihr eines der drei Kreuze auf, und es bewirkte nichts; er legte das zweite auf, doch auch so geschah nichts. Als er jedoch das dritte heranbrachte, öffnete die Frau sofort die Augen, stand auf, kam wieder zu Kräften und fing an, im ganzen Hause herumzulaufen und die Macht des Herrn zu preisen mit größerer Freude als zu Zeiten, als sie noch gesund war ..."

Text und Foto: Günter Schenk