Altöttinger Liebfrauenbote

Wallfahrtsmedaillen aus der Barockzeit – die "Frauerl" von Dorfen und Altötting

Fast vergessene Kostbarkeiten

Wallfahrtsmedaillen sind beliebte Andenken an den Besuch eines Gnadenortes wie Altötting – und das seit Anbeginn einer Wallfahrt. Alte Exemplare stellen einen Spiegel der Volksfrömmigkeit und der Gebräuche in vergangenen Zeiten dar. Besonderes Interesse finden sie bei Theologen, Volkskundlern und Numismatikern – natürlich auch bei Sammlern. Leider ist oft nur wenig über die Geschichte der Medaillen aus verschiedenen Pilgerorten bekannt. Unser Autor Prof. Werner Press hat sich für das Teilgebiet der Medaillen aus Maria Dorfen – oft in Verbindung mit Altötting – auf eine Spurensuche begeben.

Abbildung 1.
Abbildung 1.
Abbildung 2. Blick auf Dorfen mit dem Ruprechtsberg: Wallfahrtskirche Unsere Liebe Frau und  Priesterhaus (links daneben) sowie die "Stepfen" (Treppe vom Markt mit 142 Stufen). Deckengemälde von Mang, Marktkirche Dorfen (1799).
Abbildung 2. Blick auf Dorfen mit dem Ruprechtsberg: Wallfahrtskirche Unsere Liebe Frau und Priesterhaus (links daneben) sowie die "Stepfen" (Treppe vom Markt mit 142 Stufen). Deckengemälde von Mang, Marktkirche Dorfen (1799).

Schon immer suchten die Menschen gerne "göttlichen Beistand" oder die Hilfe bestimmter Heiliger gegen Naturgewalten, Krankheiten und Seuchen – aber auch Kriege, Feuer, Missernten und mehr. Hierzu begaben sich die Gläubigen auf Wallfahrten (auch weite Pilgerreisen) und suchten das Gnadenbild einer Wallfahrtskirche auf. Das späte Mittelalter war, bedingt durch schlimme Pest-Epedemien, eine der zwei Hauptperioden des Wallfahrtswesens. Dabei bürgerte sich der Brauch ein, dass die Wallfahrer geprägte, meist aber gegossene Medaillen mit dem jeweiligen Gnadenbild kauften. Durch Berühren mit dem Original oder durch Weihen sollte die Gnadenwirkung auf die Medaillen übertragen werden und für ständigen Schutz ihres Trägers sorgen; also nicht nur am Wallfahrtsort, sondern auch unterwegs, zu Hause und auf dem Feld.

Für das Erdinger Land kennen wir zwar mehrere spätmittelalterliche Wallfahrten, aber keine entsprechenden Medaillen. Dagegen wurden in Altötting bereits 1490, also nur ein Jahr nach der offiziellen Gründung der Altöttinger Wallfahrt, datierte "Gitterguss"-Medaillen hergestellt: zentral das Altöttinger Gnadenbild, Maria mit dem Kind, umgeben von einem Strahlenkranz; dazu Heiligenschein und Zepter (Abbildung 1). Interessanterweise lautet die Inschrift Altnoting, während später im Barock fast immer "S(ancta). MARIA OETHINGEN(sis)" o.ä. verwendet wurde. In der Gotik wurden die Medaillen gerne an der Pilgermütze befestigt – u.a. als Schutz während des oft gefährlichen Pilgerwegs.

Die zweite große Periode für Wallfahrten lag in der Barockzeit und endete mit der Säkularisation 1802/3. Ihre Entstehung wurde wohl durch die Gräuel und Nöte des 30-jährigen Krieges, die "Feindszeiten" wie es manche ausdrückten, stark begünstigt: die Menschen suchten vermehrt Schutz und Beistand. Manche alte Wallfahrt wurde erneuert und viele neue, hauptsächlich Marienwallfahrten, wurden gegründet. In kürzester Zeit erreichte damals eine Wallfahrt regionale wie überregionale Bedeutung: Maria Dorfen auf dem Ruprechtsberg in Dorfen (etwa 45 km westlich von Altötting, Abbildung 2). Nur wenige Jahre nach Erhalt der Proklamationsurkunde (1707) erreichte die Wallfahrt ihren Höhepunkt: in zwei oder drei Jahren sollen sogar mehr Wallfahrer nach Dorfen gekommen sein als nach Altötting.

Immer wieder tauchen bisher unbekannte Stücke auf

Abbildung 3.
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Abbildung 4.
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Abbildung 5.
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Abbildung 6.
Abbildung 6.

Eine der selteneren geprägten Medaillen aus dem frühen 18. Jahrhundert zeigt auf der Vorderseite links das Gnadenbild von Dorfen, wie so häufig auf einer Wolke (Abbildung 3). Daneben stehen die beiden Rosenkranzheiligen, die hl. Katharina von Siena und der hl. Dominikus – ähnlich wie tatsächlich beim damaligen Altar der Wallfahrtskirche dargestellt. Darunter sieht man eine Pilgerszene. Auf der Rückseite (Abbildung 4) kämpft der hl. Georg mit dem Bösen in Gestalt des Drachens.

Die Medaille ist eine besonders schöne von etwa 160 verschiedenen Wallfahrtsmedaillen, die inzwischen von Dorfen bekannt sind. Immer wieder tauchen bisher unbekannte Stücke auf. Dass die allermeisten (ca. 125-130) aus dem 18. Jahrhundert stammen, hat mit der Bedeutung der barocken Wallfahrt zu tun. Nach der Säkularisation ging die Zahl der Pilger dann deutlich zurück und das wirkte sich auch auf die Devotionalien aus: es wurden nur noch etwa 15-20 Medaillen geprägt, fast alle in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dazu kommt, ebenfalls im 19. Jh. eine etwa gleich große Anzahl von Dießener Zinnguss-Medaillen: sie wurden über das gesamte Jahrhundert hinweg (z.T. bis in die heutige Zeit) gefertigt und spielen in vieler Hinsicht eine Sonderrolle. Die Wallfahrt von Maria Dorfen endete um die Zeit des Ersten Weltkriegs herum – also nach mehr als 200 Jahren.

Wallfahrtsmedaillen sind noch von fünf anderen Wallfahrten aus dem Erdinger Land bekannt: Erding (Heilig Blut und St. Johann), Maria Thalheim, Großschwindau und Sankt Wolfgang. Es sind insgesamt etwa ein Dutzend Medaillen – nicht mehr. Mit einer Ausnahme stammen alle aus dem 18. Jh. bzw. dem späten 17. Jh. Eine bescheidene kleine Messingmedaille aus Maria Thalheim zeigt auf der Vorderseite das örtliche Gnadenbild und auf der Rückseite den hl. Johann Nepomuk, der Ende des 18. Jh. ausgesprochen populär in Bayern war (Abbildung 5 + 6).

Eine im 18. Jh. sehr beliebte Form waren die Mehrortsmedaillen, im vorliegenden Fall für Wallfahrer, die sowohl nach Altötting als auch nach Dorfen pilgerten. Mit ca. 80 Medaillen handelt es sich um den mit Abstand häufigsten Typ mit Bezug zu Dorfen. Für jede der beiden Wallfahrten war eine der Medaillenseiten reserviert. Als Darstellung wurden fast immer die Gnadenbilder gewählt, also das Altöttinger "Frauerl" und das Dorfener "Frauerl" – wie sie damals gern genannt wurden.

Mehrortsmedaillen oder "Frauerl"

Abbildung 7.
Abbildung 7.
Abbildung 8.
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Abbildung 9.
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Auf Altöttinger Seite trifft man immer auf das gleiche Bild der Schwarzen Madonna: eine gekrönte Maria mit dem Kind steht auf einem Sockel (Abbildung 7); auf vielen Medaillen haben beide einen Strahlenkranz um den Kopf und (auch bei Dorfen) zwei krönende Engel (Abbildung 8). Neben dem Bild von Maria bleibt viel Platz für Inschriften sowie für Dekor. Alternativ wird die Gnadenkapelle gezeigt, auf deren Dach oder darüber die Hl. Maria steht (Abbildung 9).

Das Marienbild von Dorfen unterscheidet sich deutlich: dort trägt die Hl. Maria einen reich ornamentierten Kegelmantel; weitere Erkennungsmerkmale sind um das Kleid geschlungene Rosenkranzketten und ein großes Votivherz (Abbildung 8). Meistens meint man eine stehende Maria auf einer Wolke zu erkennen. Aber es gibt auch Medaillen, dann mit einem faltenreichen Kleid, auf denen sie zu sitzen scheint (Abbildung 3 + 8). Es verbleibt wenig Platz für Inschriften, wohl der Grund für eine größere Anzahl schriftloser Medaillenseiten für Maria Dorfen. Aber die Schrift stand ohnehin nicht im Vordergrund, Bilder waren wichtiger, besonders solche mit hohem Wiedererkennungswert.

Die Medaillen wurden offensichtlich in großer Zahl hergestellt, aus Messing für Wallfahrer mit schmalem Geldbeutel, nicht ganz so viele aus Silber für diejenigen, die es sich leisten konnten. Ihre Größe variiert zwischen zehn und 65 mm. Sicherlich waren sehr viel mehr Stücke aus Messing "im Umlauf" und für eine Bewertung des Brauchtums mindestens so wichtig wie aufwändig hergestellte teure Medaillen. Was wir heute in Museen, privaten Sammlungen und im Handel vorfinden, muss etwa 200-300 Jahre heil überstanden haben, d.h. in dieser Zeit weder weggeworfen noch eingeschmolzen worden sein. Viele der Medaillen sind nur mit ein oder zwei Beispielen bekannt. Selbst manche der einfachen Medaillen sind inzwischen durchaus rar.

Etwa 15 der Mehrortsmedaillen von Dorfen und Altötting sind herzförmig und aus Silber (nur eine ist aus Messing). Bei einer der größeren silbernen Medaillen sind die reich verzierten Vorder- und Rückseiten recht ähnlich gestaltet (Abbildung 10 + 11). Zwei große Engel halten jeweils Medaillons mit den Gnadenbildern von Dorfen bzw. von Altötting. Dieser Medaillentyp hat übrigens einen speziellen Aufbau: zwei geprägte dünne Messingplättchen sind gefasst und die Fassung ist mit Zierknöpfen und einer charakteristischen Trageöse versehen.

Große Formenvielfalt

Abbildung 10.
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Abbildung 11.
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Abbildung 12.
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Abbildung 13.
Abbildung 13.
Abbildung 14.
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Die Formenvielfalt geht jedoch deutlich über "oval" und "herzförmig" hinaus, nicht nur bei den "Frauerln". Geigen- und baldachinförmige Medaillen, solche in der Form eines "Vierpass" usw. verbreiterten das Angebot. Eine Sonderform stellen die sogenannten Wolfgangshackl dar. Sie beziehen sich sehr anschaulich auf den Beilwurf des Heiligen, geschildert in der Wolfgangslegende. Wie viele andere Heiligenmedaillen kommen sie meistens ohne klaren Bezug auf eine bestimmte Wallfahrt vor. Das hier gezeigte Hackl (Abbildung 12) hat jedoch einen gemeinsamen Bezug zu St. Wolfgang ("am Burgholz") und zum benachbarten Dorfen. Der Heilige und das Gnadenbild sind den Axt-Wangen abgebildet. Eindrucksvoll sind auch einige Medaillen, bei denen beidseitig Baldachine in das Bild eingearbeitet sind und sogar die Medaillenform bestimmen (Abbildung 13).

Die zum Teil recht aufwändigen Fassungen wie bei der herzförmigen Medaille dienten als eine Art Wechselrahmen. Sie boten dem Hersteller die Möglichkeit, verschiedene, geprägte Silber- oder Messingscheiben als Vorder- und Rückseite zu kombinieren. Manche Fassungen ersetzten schlicht einen abgebrochenen Henkel. Alle dienten letztlich auch einer Verschönerung und Aufwertung der Medaillen. In besonderem Maße galt dies für die aus Schwäbisch Gmünd stammenden Filigraneinfassungen (Abbildung 14). Es gibt sie in zahlreichen Variationen und für viele verschiedene Wallfahrten.

Wie konnte es zu der außergewöhnlich großen Zahl von etwa 80 verschiedenen Mehrortsmedaillen (inkl. Varianten) – so viele kennt man nur von Altötting/Dorfen –, kommen? Der Aufstieg der (zunächst) kleinen Wallfahrt auf dem Ruprechtsberg in Dorfen wurde über ein halbes Jahrhundert hinweg vorbereitet. Um 1700 waren schon viele Verbesserungen realisiert worden, insbesondere die Ausstattung der Kirche "Unsere Liebe Frau" betreffend, aber auch den Zugang zur "Bergwallfahrt" über die lange Treppe – die Stepfen. Gleich zu Beginn des 18. Jahrhunderts sorgten drei geistliche Würdenträger, der Freisinger Fürstbischof Johann Franz Freiherr von Eckher, der Dorfener Pfarrer Joseph Sailler und etwas später der Visitator des Bistums, Dr. Philippus Lindmayr für die entscheidenden Schritte. Die Wundertätigkeitserklärung des Gnadenbildes erfolgte im Jahr 1707.

Pfarrer Sailler nutzte geschickt die Lage Dorfens an der traditionellen Pilgerroute durch das Isental aus. Sie war einer der wichtigen Zugänge nach Altötting, aber auch zu kleineren Wallfahrten wie dem nahegelegenen Sankt Wolfgang. A. Gribl beschreibt die verschiedenen Maßnahmen in seinem Buch. Die Errichtung einer kleinen Kapelle "in der Ötz" in Dorfen, ausgestattet mit einer Kopie der Schwarzen Madonna von Altötting veranlasste viele Wallfahrer zur Anbetung schon in Dorfen. Das klingt mehr nach Konkurrenz als nach Zusammenarbeit – und so war es wohl ganz überwiegend. Wallfahrten waren eben auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, für die Geistlichkeit, aber auch für das Gastgewerbe, Bäcker, Metzger, Händler – insbesondere auch solcher von Devotionalien. Ein zeitweiser Anstieg der Pilgerzahlen in Dorfen auf über 100.000 erforderte nicht nur sehr viele Seelsorger, sondern bedeutete auch gesicherte Einkünfte für viele Bewohner des Ortes.

Es muss aber auch Zusammenarbeit gegeben haben: Zwar handelt es sich um verschiedene Bistümer; aber viele Pfarrer, Handwerker und Händler dürften durchaus eng kooperiert haben. Dabei profitierte Dorfen von der gut etablierten "Handelskette" für Devotionalien in Altötting.

Soweit unsere Einblicke in die mehr oder weniger vergessene Welt der frühen Wallfahrtsmedaillen, insbesondere aus Maria Dorfen. Und wie steht es um die Medaillen von Altötting? Zwar stellen die Mehrortsmedaillen gemeinsam mit Dorfen (Frauerl) im 18. Jahrhundert auch für Altötting einen wesentlichen Teil der hergestellten Medaillen dar (geschätzt betrug der Anteil in dieser Zeit vielleicht 40 Prozent). Aber es gibt natürlich viel mehr Medaillen aus Altötting – moderne Stücke liegen auch heutzutage in den Verkaufstheken – mehr als von irgendeinem anderen deutschen Wallfahrtsort. Eine zusammenfassende Arbeit über alle Altöttinger Wallfahrtsmedaillen fehlt jedoch weiterhin. Selbst ein Katalog, der sich auf eine Beschreibung der verschiedenen Typen beschränkt, steht noch aus. Möglicherweise schreckt der Aufwand für eine solche umfängliche Arbeit ab. Es würde sich aber lohnen!

Text: Werner Press
Fotos: Irene Raab, Passau (Abb. 1), miniTV.Dorfen (Abb. 2), Bayerisches National Museum, München (Abb. 3/4, 5/6, 7, 8/9, 19, 11), Staatliche Münzsammlung München (Abb. 12), Diözesanmuseum Freising (Abb. 13, 14).

 

Literaturhinweise

  • Glaube & Aberglaube. Amulette, Medaillen & Andachtsbildchen (Peter Keller, Hrsg.),Salzburg 2010, Katalog zur 35. Sonderausstellung des Dommuseums
  • Albrecht Gribl: Die Wallfahrt Unsere Liebe Frau zu Dorfen; 1979
  • Nina Gockerell: Bilder und Zeichen der Frömmigkeit: Sammlung Rudolf Kriss, Bayerisches Nationalmuseum, München, 1995
  • Werner Press: Erdinger Land, Heft 24, 2015 (Grundlage des vorliegenden Beitrags), zu beziehen über hans.schacherl@lra-ed.de