Altöttinger Liebfrauenbote

Mit dem Hausboot durch die Franche-Comté und Entdeckungen sehenswerter Landkirchen

Innere Einkehr auf dem Wasser

"Komm an Bord!", lautet der Slogan beim Bootsverleiher. Wobei an Deck kein Empfangskomitee wartet, kein Kapitän, keine Mannschaft. Lässt man sich auf das Abenteuer Hausbootfahren in Frankreich ein, ist jeder sein eigener Organisator, Koch und Skipper. Zudem gibt es in den Dörfern eine Menge zu entdecken, insbesondere außergewöhnliche Kirchen.

Gray mit seiner Basilika von der Saône her gesehen.
Gray mit seiner Basilika von der Saône her gesehen.

Für die Hausboote braucht es nicht einmal einen Führerschein, sofern sie kürzer sind als 15 Meter und die Maximalgeschwindigkeit 12 km/h beträgt. So richtig ins kalte Wasser geworfen werden die Gäste freilich nicht. Vor Übergabe des Bootes führt ein Mitarbeiter in die Technik ein, dazu gibt's ein Infopaket samt Tipps und Gewässerkarte. Der Rest ist "learning by doing" und der Fluss Saône in der ostfranzösischen Region Franche-Comté ein ideales Revier, vor allem für Anfänger. Die Strömung ist sanft, kritische Stellen kommen nicht vor. Rasch gewöhnt man sich an Schleusen, Signale, Brücken- und Tunneldurchfahrten.

Die Entdeckungsreise beginnt bereits in Gray, einer Basisstation des Bootsverleihers "Le Boat" und Startpunkt für eine mehrtägige Tour stromaufwärts.

Winziges Marienbildnis und Spuren eines Heiligen

Buntglasportal der Kapelle im einstigen Armenspital Hôtel-Dieu in Gray.
Buntglasportal der Kapelle im einstigen Armenspital Hôtel-Dieu in Gray.
Das versteckte Zimmer des heiligen Pierre Fourier in Gray.
Das versteckte Zimmer des heiligen Pierre Fourier in Gray.
Hausboot-Passage durch eine Schleuse.
Hausboot-Passage durch eine Schleuse.

In lange verflossenen Zeiten bildete sich Gray ab dem Mittelalter als wichtiger Flusshafen und Warenumschlagplatz für Eisen, Saatgut, Wein und Mehl heraus. Im Gegensatz zu früher mag heute die Bedeutung des Städtchens verblasst sein. Geblieben sind sehenswerte Monumente, angeführt von der Basilika Notre Dame im obersten Ortsteil. In Außen- und Innenansicht wirbeln die Stile zwischen Renaissance und Neogotik und die Jahreszahlen von 1560 bis 1863 durcheinander. Imposant ist die Orgelempore, winzig die Namensgeberin der Basilika: das Marienbildnis der Notre Dame de Gray, zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus einem Stückchen Eichenholz geschnitzt. In einem Ehrentempel neben dem Altarraum hat die Statuette hinter Schutzglas ihren Platz gefunden. Selbst wenn man dicht davorsteht, erkennt man sie nicht gleich. Das Bildnis, das sich vormals im Besitz der Kapuzinerinnen befand, ist nicht größer als eine Handspanne. Lokalen Quellen zufolge soll die kleine Notre Dame de Gray über 2.000 Wunder bewirkt haben und lockte seit alters her viele Pilger an, auch aus Lothringen und der Schweiz.

Arrangiert man über das Fremdenverkehrsbüro eine Führung, folgt man dem Leitmotiv der versteckten Winkel in Gray. Dann öffnet sich das Buntglasportal der Kapelle im einstigen Armenspital Hôtel-Dieu. Dann steigt man in den Turm des heiligen Pierre Fourier (1565-1640), der sich hier vorübergehend vor den französischen Truppen und der Verfolgung durch Kardinal Richelieu versteckt hielt: und zwar in einem Zimmerchen, das über eine drehbare Holzwendeltreppe erreichbar war, ein architektonisches Kuriosum. Fourier, bekannt als Seelsorger und Förderer der Bildung junger Mädchen, verstarb in Gray. Sein Herz blieb in der Basilika.

Dorfkirche mit unglaublicher Buntglasfensterpracht

Schmerzensmutter, Notre Dame de Pitié, in der Dorfkirche von Savoyeux.
Schmerzensmutter, Notre Dame de Pitié, in der Dorfkirche von Savoyeux.
Buntglasfenster mit dem Motiv des heiligen Franz Xaver in der Dorfkirche von Savoyeux.
Buntglasfenster mit dem Motiv des heiligen Franz Xaver in der Dorfkirche von Savoyeux.

"Leinen los", heißt es am Morgen in Gray. Sanft surrt der Motor. Das Wasser schimmert grünlich. Wind spielt in den Ufergräsern. Eine Schwanenkolonne zieht vorbei. Im Rücken verschwimmt der weithin sichtbare Turm der Basilika. Ruhe gewinnt die Oberhand. Die ersten Schleusen, allesamt automatisiert, fordern Teamwork und Manövrierkünste heraus. Bis Scey-sur-Saône, dem Wendepunkt 60 Flusskilometer aufwärts, sind nur noch zwei Schleusen mit traditionellen Wärtern besetzt. An Bord hilft das Bugstrahlruder bei der Feinarbeit in den Schleusen. Es funktioniert auf einfachen Knopfdruck und ist deutlich besser, als am Steuerrad zu kurbeln.

Flussschleifen und Kanalpassagen wechseln sich mit einem längeren Tunnel ab. Im Hafen von Seveux bietet sich Gelegenheit, die beim Bootsverleiher zubuchbaren Räder von Bord zu hieven und umzusatteln. Eine Kurztour bringt uns zur Ziegenkäserei ins Dorf, während der Nachbarort Savoyeux mit einem Geheimtipp auftrumpft, einem echten Juwel: die aus dem Spätmittelalter datierende Kirche mit einer unglaublichen Pracht an Buntglasfenstern, die Heilige wie Philomena, Isidor und Franz Xaver zeigen. Die spätgotische Skulptur einer Schmerzensmutter, Notre Dame de Pitié, gelangte um 1840 ins Gotteshaus und wurde 1854 bei einer Choleraepidemie von den Gläubigen "wirksam um Hilfe angerufen." So verbürgt es eine Inschrift.

Kirchturmhauben mit glasierten Ziegeln

Panorama von Ray-sur-Saône mit dem Schloss und der Kirche Sankt Pankratius.
Panorama von Ray-sur-Saône mit dem Schloss und der Kirche Sankt Pankratius.
Impression am Flussufer in Ray-sur-Saône.
Impression am Flussufer in Ray-sur-Saône.
Bunte Bedeckung des Glockenturms der Kirche von Soing.
Bunte Bedeckung des Glockenturms der Kirche von Soing.

Die Flussreise führt weiter nach Ray-sur-Saône. Das steinerne Ensemble kündigt sich mit dem Schloss an, das hoch oben aus dem Grün ragt, und der Kirche in der Dorfmitte, die dem heiligen Pankratius geweiht ist. Blickfang ist der Glockenturm, der einer Königskrone ähnelt. Die gebauschte Turmhaube, nach unten ausgeweitet, um sich dem Viereck des Turms anzupassen, ist mit glasierten Ziegeln bedeckt. Rot, grün und orange leuchten sie in der Sonne. Die Muster verlaufen in stilisierter Wellenform. Das Kircheninnere überrascht mit der Skulpturengruppe einer Grablegungsszene der Schule von Troyes, entstanden um 1530 und zum historischen Monument erhoben. Ebenso sehenswert ist das Großgemälde "Christus sendet 72 Jünger aus" aus dem 17. Jahrhundert.

Statt am Abend an Bord zu kochen, kehren wir im einzigen Dorfrestaurant ein. Yvette und Karine, Mutter und Tochter, tischen kräftige Hausmannskost auf. Und einen guten Tropfen dazu. Wunderbar weltliche Freuden!

Hausbootfahren  ist in unseren Hochstresszeiten ein Weg der Entschleunigung. Das ist eine innere Einkehr auf dem Wasser, eine Art Meditation, unterlegt von sanften Grünkulissen, die wie auf Kinogroßleinwänden vorbeiziehen. Hügel, Wiesen, Sträucher, Mischwälder, Rinderweiden. Ein beruhigender Strom der Eindrücke, der eine tiefe Verbindung schafft zwischen Mensch und Natur. Nicht zu vergessen die letzten Zugaben sakraler Blüte: die Kirchen von Soing und Scey-sur-Saône, ebenfalls mit Turmdachüberzügen aus glasierten Ziegeln. Dann geht's im Schneckentempo zurück nach Gray.

Text und Fotos: Andreas Drouve