Altöttinger Liebfrauenbote

Wie die Kirche den Opfern eines Vulkanausbruchs im mittelamerikanischen Guatemala hilft

Die ungezählten Toten von San Miguel Los Lotes

Ein Vulkanausbruch. Einige Tage lang zollen die Medien der Welt einem kleinen Land in Mittelamerika etwas Aufmerksamkeit. Doch noch bevor auch nur klar ist, wie viele Menschen gestorben sind, wird nicht weiter berichtet. Waren es 200 oder 2.000? Das Dorf San Miguel Los Lotes ist fast vollständig unter Lavamassen begraben. Aber das scheint nicht relevant zu sein, jedenfalls nicht für die Regierung Guatemalas. Die schenkt dem Desaster wenig Beachtung und überlässt die Nothilfe vorwiegend privaten und kirchlichen Initiativen.

Trügerische Idylle: Der jüngste Ausbruch des "Feuervulkans" in Guatemala kostete Tausende Menschenleben.
Trügerische Idylle: Der jüngste Ausbruch des "Feuervulkans" in Guatemala kostete Tausende Menschenleben.
Der Schlosser Edgar Sicinarjai steht mit Familie vor dem Nichts.
Der Schlosser Edgar Sicinarjai steht mit Familie vor dem Nichts.

Die Menschen waren es gewohnt, mit dem Vulkan zu leben. "Oft konnten wir hören, wie es im Inneren des Bergs rumorte", erinnert sich Paulino Orisabal. Der alte Mann lebte bis zum 3. Juni in dem Dorf Rodeo an den südlichen Abhängen des Hochlands von Guatemala. Morgens warf der "Volcán de Fuego" Schatten auf sein Dach. "Wenn mal ein wenig Asche vom Himmel fiel, machte uns das keine Sorgen." Der 3.763 Meter hohe Berg ist einer von drei aktiven Vulkanen des Landes. Ab und zu spuckt er schwarzen Sand aus. "Für uns war das normal. Mit so einer Tragödie hatte niemand gerechnet."

Tatsächlich aber wusste das staatliche Institut zur Katastrophenvorbeugung, CONRED, dass die Bevölkerung dieser Gegend einem Risiko ausgesetzt war, mindestens zwanzigtausend Menschen. Doch wohin hätte man die alle umsiedeln sollen?

Der Schlosser Edgar Sicinarjai besaß ein kleines Grundstück in Rodeo, auf dem er mit seiner Familie in einem einfachen Haus aus Lehmziegelwänden mit Wellblechdach wohnte. "Das war unser Zuhause. Wir hätten gar nicht die Möglichkeit gehabt, woanders neu anzufangen." Jetzt aber bleibt ihm nichts anderes übrig. Sein Haus steht zwar noch, doch CONRED hat das Gebiet als unbewohnbar erklärt. Er beklagt sich nicht. Anderen ist es schlimmer ergangen. "Meine Schwägerin wohnte mit ihrem Mann und dem achtjährigen Sohn in Los Lotes. Sie konnten sich nicht retten. Ihr Haus ist jetzt vier Meter unter der Lava."

Umgeben von Lava und Hitze

Die Kirche Guadelupe in Escuintla wurde zur ersten Anlaufstelle für 400 Menschen, die vor glühender Lava flüchten mussten.
Die Kirche Guadelupe in Escuintla wurde zur ersten Anlaufstelle für 400 Menschen, die vor glühender Lava flüchten mussten.
Zahlreiche Kinder sind in der Katastrophe zu Waisen geworden.
Zahlreiche Kinder sind in der Katastrophe zu Waisen geworden.

Das Dorf San Miguel Los Lotes lag keine neun Kilometer vom Krater des "Vulcano del Fuego" entfernt. Als sich die Bewohner nach einer Eruption der Gefahr bewusst wurden, war es für viele schon zu spät. Innerhalb von Minuten hatten Lavamassen viele Hütten und Häuser unter sich begraben. Die meisten Bewohner des Dorfes waren evangelikale Christen. Jede der drei kleinen Gemeinden hatte einen Pastor. Von denen nur einer überlebt hat, Pastor José David Gracia. "Vor unser Kirche stand ein Lastwagen. Meine ganze Familie saß auf der Ladefläche. Wir waren 45 Personen." Doch bevor der Pastor losfahren konnte, hatte die Lava die Straße unter sich begraben. "Wir rannten zurück in die Kirche und umarmten uns. Rechts und links floss die Lava vorbei. Es wurde furchtbar heiß. Doch dann hat der Herrgott Regen geschickt. Die Kirche blieb verschont und meine ganze Familie hat überlebt."

Vor der Katastrophe lebten in San Miguel Los Lotes mindestens 2.000 Menschen, es können auch 3.000 gewesen sein. Niemand kennt die genaue Zahl. Die Überlebenden sind überzeugt, dass die Lava die allermeisten ihrer Nachbarn begraben hat.

Wer konnte, ist Richtung Süden geflohen, auf der Straße in die Stadt Escuintla. Das erste große Gebäude am Straßenrand ist die Kirche Guadalupe. Deren Dach wurde vor vier Jahren mit Unterstützung des Hilfswerks Adveniat gebaut. Damals rechnete niemand damit, dass es wochenlang dazu dienen würde, 400 heimatlos gewordenen Menschen Schutz zu bieten.

Gesichter voller Asche und Tränen

Die Hilfsbereitschaft der selbst armen Bevölkerung ist überwältigend.
Die Hilfsbereitschaft der selbst armen Bevölkerung ist überwältigend.
Der sechzehnjährige Romulo möchte so bald wie möglich wieder zur Schule gehen.
Der sechzehnjährige Romulo möchte so bald wie möglich wieder zur Schule gehen.

Mildrid Pacheco vom Sozialkomitee der Pfarrei Guadalupe war gerade dabei, Akten zu ordnen, als die ersten Menschen in die Kirche stolperten. "Sie weinten und klagten. Andere kauerten sich an die Wand und zitterten am ganzen Körper. Die meisten waren ganz und gar mit grauer Asche bedeckt. Kinder schrien, Mütter suchten ihre Babys. Viele haben ihre Angehörigen bis heute nicht gefunden."

Die benachbarte Bevölkerung reagierte sofort. Innerhalb von Stunden kamen die ersten Pickup-Trucks, angefüllt mit Lebensmittelspenden und Kleidern. Plötzlich war Mildrid Pacheco die Koordinatorin einer großen Hilfsaktion. Derweil sagte der guatemaltekische Präsident Jimmy Morales während einer abendlichen Pressekonferenz in der Hauptstadt: "Es beschämt mich zu sagen, aber das Haushaltsgesetz erlaubt es nicht, dass wir auch nur einen Cent für solcherart Katastrophen ausgeben."

Auf Grund der guten Kontakte zwischen der Diözese Escuintla und Adveniat konnte die erste größere internationale Spende sehr schnell nach der Katastrophe überwiesen werden, 30.000 Euro. Doch nur ein Teil des Geldes wurde für die Soforthilfe benötigt. Anfangs war die Hilfsbereitschaft vor Ort sehr groß und die Unterstützung der Kommunalverwaltung schnell. So soll ein Großteil der internationalen Spendengelder für langfristige Projekte genutzt werden, vor allem für den Kauf eines Grundstücks und den Bau neuer Häuser.

Nach und nach beginnen die Überlebenden, sich Gedanken über ihre Zukunft zu machen. "Wir konnten entkommen", sagt der sechzehnjährige Romulo. "Aber die meisten meiner Mitschüler sind gestorben." Der Junge ist froh, dass er sein Smartphone retten konnte, denn in der Kirche Guadalupe gibt es keinen Raum, wo er mal länger allein sein kann. Mit seinen Kopfhörern auf den Ohren gelingt es ihm, abzuschalten. Romulo ist dankbar, dass er bald in ein größeres und besser ausgestattetes Lager der Kirchengemeinde des Heiligen Pedro umziehen wird. Der Junge hofft, dort möglichst bald wieder in die Schule gehen zu können. "Jemand vom Bildungsministerium war hier und hat mir gesagt, ich würde auch versetzt werden, wenn ich jetzt nicht mehr am Unterricht teilnehme. Aber das will ich nicht. Ich möchte auch die nächsten fünf Monate etwas lernen."

Traumatische Erinnerungen und Zukunftsangst

Die Straßen in der Umgebung sind von schwarzer Vukanasche bedeckt.
Die Straßen in der Umgebung sind von schwarzer Vukanasche bedeckt.

ird. Die überlebenden Familien aus Los Lotes haben alles verloren, ihr Haus, ihr Grundstück, ihre Arbeit. "Ich bin bereit für einen Neuanfang", sagt José Perez. "Aber dafür brauche ich einen Ort für meine Familie und Geld. Wir habe nichts mehr." Der kräftige Mann mit Schnurrbart trägt ein gelbes Hemd, das er sich aus einem Haufen Altkleider gezogen hat. Zwei seiner Kinder sind gestorben und viele Nachbarn. "Um mich herum war Jammern und Schreien. Ich konnte mehrere Kinder, die eingeklemmt waren, retten und auf festen Boden stellen. Es ist ein Wunder, dass ich keine Verbrennungen habe. Ich musste über Lava laufen. Aber dann ging nichts mehr. Ich habe die flehenden Menschen zurückgelassen und bin um mein Leben gelaufen."

Von der Regierung erwartet José Perez nicht viel, aus gutem Grund. Als vor drei Jahren Dutzende Familien in El Cambray, einem Stadtviertel in der Hauptstadt, ihre Häuser durch einen Erdrutsch verloren hatten, versprach die Regierung schnelle Hilfe und den Bau einer neuen Siedlung. Noch heute warten die meisten Betroffenen auf eine Einlösung des Versprechens.

Diesmal wurde schon bald deutlich, dass die Regierung versuchen würde, das Ausmaß des Desasters herunter zu spielen. Offizielle Stellen sprechen von rund 200 Tote. Das entspricht der Zahl der Leichen, die geborgen wurden. "Denen ist das Leben von armen Dorfbewohnern wie uns nichts wert," sagt José Perez. "Am 3. Juni sind weit über Tausend Menschen gestorben, vielleicht sogar Zweitausend. Aber sie wollen den Toten nicht einmal eine Nummer geben."

Pater Gerardo Salazar kann die Frustration gut verstehen. San Miguel Los Lotes war Teil seiner Pfarrei. "Ich bin oft dort gewesen. Es war ein Dorf mit vielen hundert Häusern. Zu jeder Familie gehörten mindestens fünf Personen, meist aber viel mehr." Pater Gerardo erinnert sich an Familien, bei denen er zu Gast war, deren Kinder er getauft und verheiratet hat. "Die allermeisten von ihnen sind jetzt unter der Lava begraben. Das sind sicher weit über tausend Menschen."

Die Regierung hat das ganze Dorf zum Friedhof erklärt und die Schaufelbagger abgezogen. Der zuständige Minister argumentiert, das Graben sei zu gefährlich. "Viele Angehörige gehen trotzdem hin", berichtet Pater Gerardo. "Mit Hacken und Schaufeln suchen sie nach ihren Toten. Sie wollen ihnen zumindest ein würdevolles Begräbnis geben. Wir wissen, dass ihre Körper dort liegen."

Text und Fotos: Andreas Boueke

"Handeln, um den Bedürftigen zu helfen" – Victor Hugo Palma Paúl, Bischof der Diözese Escuintla, im Gespräch

Bischof Victor Hugo Palma Paúl.
Bischof Victor Hugo Palma Paúl.

Herr Bischof Palma Paúl, Guatemala kämpft mit vielen sozialen Probleme. Zum Beispiel hat das Land eine der höchsten Kindersterblichkeitsraten weltweit und in den ärmsten Landesteilen nimmt der Hunger weiter zu. Welche Bedeutung hat in dieser Situation ein Ereignis wie der Vulkanausbruch am 3. Juni?
Bischof Palma Paúl: Es war eine weitere von zahlreichen furchtbaren Naturkatastrophen, die wir in den letzten Jahren erlebt haben. Diese Tragödie hat deutlich gemacht, dass viele Menschen in gefährlichen Gebieten leben, sogar in den Hängen eines aktiven Vulkans. Die Regierung versucht, ihr Versagen zu vertuschen. Zurzeit erleben wir einen historischen Prozess gegen die Korruption. Zwei Ex-Präsidenten und 63 Regierungsfunktionäre sind im Gefängnis. Deshalb wird jetzt sehr darauf geachtet, dass nicht wieder so etwas passiert wie nach dem Tropensturm Agatha. Damals wurden Teile der internationalen Hilfe zurückgehalten, um sie während des Wahlkampfes zur Unterstützung der Regierungspartei zu nutzen.

Gibt es denn überhaupt keinen sinnvollen Plan, mit dem die Regierung auf diese Tragödie reagiert?
Offenbar soll ein großes provisorisches Lager gebaut werden soll, wo die Menschen zeitweise unterkommen können. Direkt daneben soll eine Siedlung mit stabilen Häusern entstehen. Der Plan ist nicht schlecht, wenn er wirklich durchgeführt wird. Es ist jetzt wichtig, dass die Gesellschaft achtsam ist und eine transparente Bürokratie einfordert.

Nach dem Vulkanausbruch wurde die Kirche schnell zu einer wichtigen Protagonistin der Notfallhilfe. Wie kam es dazu?
Die Menschen sind zu uns gekommen. Plötzlich war das neue Kirchengebäude der Pfarrei Guadalupe voll. Papst Franciso fordert uns dazu auf, den Ärmsten die Hand zu reichen. Mit den Priestern der Diözese bin ich dorthin gegangen, um zu sehen, was wir tun können. Daraus ergab sich für uns eine Verantwortung für diese Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Der guatemaltekische Staat ist so sehr in Misskredit, da ist es besonders wichtig, dass die Kirche eine Rolle der Glaubwürdigkeit einnimmt und Hoffnung gibt.

Wie wird es weitergehen?
Es ist nicht klar, ob die Regierung wirklich Häuser bauen wird. Falls nicht, werden wir das tun. Das haben wir schon nach dem Hurrikan Mitch gemacht und auch nach dem Hurrikan Stan und dem Tropensturm Agatha. Jedes Mal haben wir Häuser gebaut. Für uns als Kirche sind das wertvolle Erfahrungen. Wenn Gott uns diese Aufgaben gibt, dann müssen wir tun, was uns das Evangelium sagt: Handeln, um den Bedürftigen zu helfen.

Interview und Foto: Andreas Boueke