Altöttinger Liebfrauenbote

Fast vergessener Landespatron: Am 17. Juli gedenkt die Kirche des heiligen Koloman

Kleine Kapelle, großer Heiliger

Man muss sich ja wundern – dass ein Heiliger, von dem im Mittelalter eine unvergleichliche Strahlkraft ausging, so in Vergessenheit geraten konnte. Der heilige Koloman wurde einst inbrünstig verehrt, davon künden noch heute viele Koloman-Kirchen und -Kapellen in Bayern und Österreich. Auch im Landkreis Kelheim, gar nicht weit südlich von Regensburg, findet sich an einem herrlichen Platz ein entsprechendes Gebäude, das wir noch näher beleuchten wollen. Doch zunächst zur Klärung der Frage: Wer war dieser Koloman? Und: Wieso kennt ihn heute kaum noch jemand?

Von der Kapelle St. Koloman bei Langquaid schweift der Blick weit in die umliegende Landschaft.
Von der Kapelle St. Koloman bei Langquaid schweift der Blick weit in die umliegende Landschaft.

Die Antwort auf ersteres fällt leicht, denn das Leben und Sterben dieses Heiligen, der immerhin über 400 Jahre lang, nämlich von 1244 bis 1663, österreichischer Landespatron war, ist leidlich bekannt: Koloman stammte aus Irland und war 1012 als Pilger ins Heilige Land unterwegs, dabei kam er auch durch Bayern und Österreich. Kurz vor Wien, in der Gemeinde Stockerau, war Schluss, in jeder Beziehung. Angesichts seiner Sprache und der für österreichische Verhältnisse ungewohnten Kleidung wurde er für einen Spion aus Böhmen gehalten, mit dem man gerade im Zwist lag. Den Gepflogenheiten der damaligen Zeit getreu folterten die Einheimischen den armen Pilger, damit er mit der Wahrheit herausrücke. Da er partout nicht gestehen wollte, knüpften sie ihn an einen Holunderbaum auf. Die Raben sollten sein Fleisch verzehren. Der Legende nach aber verschmähten ihn die Vögel und fanden sich über seinem Leichnam so zahlreich ein, dass der Baum auch im Winter Blätter trug.

Nachdem über ein Jahr vergangen war und Koloman immer noch keine Anzeichen der Verwesung aufwies, gärte in den Stockerauern der Verdacht, vielleicht doch einen echten Pilger umgebracht zu haben. Um sicher zu gehen, stieß ein Jäger seine Lanze in die Seite des Gehängten, woraufhin frisches Blut hervorgetreten sein soll. Dieses Blut hatte wiederum wundersame Kräfte und heilte unter anderem ein Kind – das ist aber nur eine von vielen Legenden, die sich um den Tod des Iren ranken.

Die Österreicher werteten dies alles jedenfalls als göttliches Zeichen und nahmen Koloman ab, um ihn am 13. Oktober 1014 feierlich im Kloster Melk beizusetzen. Der Stein, auf dem der Heilige gemartert wurde, ist seit 1361 in Messing gefasst und in das Bischofstor des Wiener Stephansdoms eingemauert. Obwohl nie offiziell heiliggesprochen, verbreitete sich die Verehrung von Melk aus in ganz Österreich und Bayern. 1244 erklärte Papst Innozenz IV. den "Kolomanitag", das ist der 13. Oktober, zum Feiertag in ganz Österreich – wo er noch heute im Bistum Eisenstadt nicht gebotener Gedenktag ist. Bis 1663 war Koloman offizieller österreichischer Landespatron. Warum aber ist der Pilger in Vergessenheit geraten?

Die Antwort liefert zuallererst die Politik: Im Jahr 1663 wurde er als österreichischer Schutzpatron durch den heiligen Leopold III. ersetzt, der von 1073 bis 1136 Markgraf der Bayerischen Ostgebiete, später Österreich genannt, war. Wieso das? Nun, an der Macht befand sich gerade Kaiser Leopold I. – und der fand seinen Namensgeber als Landespatron angemessener.

Zahlreiche Koloman-Kirchen

Den Hochaltar des relativ schmucklosen Kapelleninneren ziert eine Figur des hl. Koloman.
Den Hochaltar des relativ schmucklosen Kapelleninneren ziert eine Figur des hl. Koloman.

Allerdings machte die Bevölkerung den Umschwung nicht so schnell mit: Noch Hundert Jahre später findet sich Koloman gleichberechtigt neben Leopold. Doch der Plan des Kaisers, der ursprünglich eine geistliche Karriere einschlagen wollte, war aufgegangen. Der neue Schutzpatron des Habsburger Reiches hieß Leopold, und nicht wenige Einheimische assoziierten dabei den Namen mit dem Kaiser, der wegen seiner erfolgreichen Rolle bei der Abwehr der Osmanen vor Wien den Spitznamen "Türkenpoldi" erhalten hatte.

Heute ist es vielleicht wieder an der Zeit, viel mehr an den Pilger Koloman zu erinnern. Das Pilgern erlebt einen Aufschwung, zahlreiche Koloman-Kirchen bieten sich für einen Besuch an – eine davon auch auf der Pilgerstrecke Via Nova im Landkreis Kelheim, bei Langquaid südlich von Regensburg. Es handelt sich eigentlich um eine kleine und eher unbedeutende Kirche, bestehend aus einem einfachen Kapellenbau aus dem 17. Jahrhundert mit angeheftetem Turm. Dieser dürfte deutlich älter sein, Archäologen fanden rund um die Kirche Gebrauchsgegenstände bis zurück zur letzten Eiszeit vor über 6.000 Jahren. Das Ensemble ist so malerisch über dem Tal der Laaber in Niederbayern gelegen, dass es auch mit der weitaus bekannteren St. Coloman-Kirche bei Schwangau, in unmittelbarer Nähe von Schloss Neuschwanstein mithalten kann.

Das Inventar ist wenig üppig, zu oft wurde die einsam gelegene Kirche geplündert, zuletzt erst in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Aktuell sammelt der Mesner Alois Liebhart für eine Renovierung des Innenraums. Das besondere dieser Koloman-Kirche ist ihr Ausblick: 13 Kirchtürme macht der Mesner von dort oben aus, an guten Tagen gar 16 – darunter prachtvolle Bauten wie die in Niederleierndorf, Schierling oder Laaberberg. Man spürt, dass dies ein besonderer Platz ist. Wer mehr über Koloman wissen möchte, der kann eine der vielen Legenden rund um die Kirche nachlesen – an einem Baum unweit des Eingangs findet sich eine entsprechende längere Schilderung. Weitere Sagen kennt der Mesner.

Von der Bank unter dem uralten Turm schweifen Blicke und Gedanken von den umliegenden Kirchtürmen im Laabertal hin zu den nahen Hängen des Bayerischen Waldes, weiter über Straubing und Passau entlang der Donau hinab bis nach Melk, wo der heilige Koloman noch heute mutmaßlich unversehrt schläft.

Text und Fotos: Dr. Dietmar Müller

Der Weg zur Koloman-Kapelle

Vom Kloster Rohr mit seiner weltberühmten Abteikirche Mariä Himmelfahrt inklusive des atemberaubenden Hochaltars von Egid Quirin Asam führt die Via Nova über Laaberberg durchs Laabertal bis zur Kolomankirche südlich von Langquaid, auf der Hochfläche zwischen den Ortschaften Leitenhausen und Sandsbach. Die Strecke ist gut an einem Tag, bei engagierter Marschgeschwindigkeit auch an einem Nachmittag zu bewältigen. Der nahe mittelalterliche Markt Langquaid lädt genauso wie das wenige Kilometer entfernte Abensberg – dank Hundertwasserturm, diverser Brauereien, einer historischen Altstadt und der Nähe zum Donaudurchbruch ein lohnendes Ziel – zum Übernachten ein. Der Autor ist Journalist und Pilgerführer auf der Via Nova im Landkreis Kelheim (Internet: tinyurl.com/vianova-kehlheim).