Altöttinger Liebfrauenbote

"Bewegte Zeiten" – eine fulminante Gesamtschau zum 500. Todestag des Bildhauers Erasmus Grasser (1450-1518)

Feinsinniger Künstler und Chronist

Mit den Moriskentänzern lieferte Erasmus Grasser sein Meisterstück ab. Zum 500. Todestag des Bildhauers erinnert das Nationalmuseum in München gemeinsam mit dem Diözesanmuseum Freising noch bis Ende Juli auch an seine kirchliche Kunst.

Die Moriskentänzer (hier der "Hochzeiter", 1480) begründeten Grassers Ruhm. – Foto: Gunter Adler, Ernst Jank / Münchner Stadtmuseum
Die Moriskentänzer (hier der "Hochzeiter", 1480) begründeten Grassers Ruhm. – Foto: Gunter Adler, Ernst Jank / Münchner Stadtmuseum

Erasmus Grasser zählt zweifellos zu den erfolgreichsten Bildhauern der Spätgotik. Sein Wirken ist verankert in der damals prosperierenden Residenzstadt München unter Herzog Albrecht IV. Sein Name ist zur Marke geworden.

Hineingeboren in eine Epoche, die sich dem Ende zuneigt, steht seine Kunst revolutionär für Aufbruch und Zeitenwende. Es dauert nicht mehr lange und Martin Luther wird mit seinen 95 Thesen die alte Welt aus den Angeln heben, was Reformation und die Spaltung der Kirche zur Folge hat.

Der feinsinnige Künstler und Chronist Grasser, der den Zeitgeist erspürt, bringt seine spätmittelalterlichen Figuren zum Sprechen, zeigt sie realitätsnah bis ins kleinste Detail, inszeniert sie mitunter übersteigert und expressiv theatralisch.

Noch heute gelten seine zehn berühmten Moriskentänzer aus dem ehemaligen Tanzsaal des alten Münchner Rathauses, darunter der "Zauberer" mit beeindruckender Löwenkopfmütze, der "Prophet", der "Mohr" und der "Hochzeiter" mit ihren grotesk exaltierten Bewegungen quasi als "Markenprodukte" einer Stadt, die sich auch über das Medium der bildenden Kunst definiert.

"Star", Künstler und Geschäftsmann

Der heilige Petrus (Detail, wohl um 1490). – Foto: Matthias Weniger / Katholische Pfarrkirchenstiftung St. Peter
Der heilige Petrus (Detail, wohl um 1490). – Foto: Matthias Weniger / Katholische Pfarrkirchenstiftung St. Peter
Engelpieta (Detail, um 1480/90). – Foto: Jens Bruchhaus / Diözesanmuseum Freising
Engelpieta (Detail, um 1480/90). – Foto: Jens Bruchhaus / Diözesanmuseum Freising
Große Ausdrucksstärke und faszinierender Detailreichtum kennzeichnen Grassers Werke: Kreuzretabel aus Maria Ramersdorf. – Foto: Matthias Weniger
Große Ausdrucksstärke und faszinierender Detailreichtum kennzeichnen Grassers Werke: Kreuzretabel aus Maria Ramersdorf. – Foto: Matthias Weniger
Detail des Ramersdorfer Altars. – Foto: Thomas Dashuber / München-Ramersdorf, Kath. Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt
Detail des Ramersdorfer Altars. – Foto: Thomas Dashuber / München-Ramersdorf, Kath. Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt
Monstranzaltärchen (Detail, Erasmus Grasser und Jan Polak, um 1480/90). – Foto: Bastian Krack / Bayerisches Nationalmuseum
Monstranzaltärchen (Detail, Erasmus Grasser und Jan Polak, um 1480/90). – Foto: Bastian Krack / Bayerisches Nationalmuseum

Bereits zu Lebzeiten war Grasser ein "Star", der in der damals 13.000 Seelen zählenden Bürgerstadt um sich eine Schar von Schülern versammelte, die dem Meister nacheiferten. Im florierenden Unternehmen seiner führenden Münchner Bildhauerwerkstatt wurden Kunstwerke für geistliche wie weltliche Auftraggeber beinahe wie am Fließband produziert.

Seine Werkstatt verließen neben Engelpietas und Schreinfiguren auch Monstranzaltäre oder Altarretabel, wie das Kreuzretabel aus Maria Ramersdorf, wo es zur intensiven Zusammenarbeit mit Malern wie Jan Polack kam.

Eher eine Randerscheinung ist das Epitaph aus Adneter Marmor, das Grasser für den Pfarrer Dr. Ulrich Aresinger von St. Peter geschaffen hat.

Grasser war ein der Handwerkszunft angehörender Künstler und gleichzeitig ein versierter Geschäftsmann, der es verstand, es zu Ruhm und Reichtum zu bringen. Er war der vermögensreichste Künstler der Stadt. Bis zu seinem Tod 1518 – sein genauer Todestag ist nicht belegt; er starb im Zeitraum zwischen Ostern und Pfingsten – war er sechs Jahre Mitglied des Äußeren Rats und gehörte damit zum Establishment. Die Premium-Lage seines Wohnhauses in der heutigen Residenzstraße 10, vormals Vordere Schwabinger Gasse, sprechen für sich.

Dabei hatte der um 1450 in Schmidmühlen in der Oberpfalz geborene Ausnahmekünstler mit innovativen Ideen und künstlerischer Überzeugungskraft anfangs einige Schwierigkeiten, in der Bürgerstadt München Fuß zu fassen. Urkundlich greifbar wird Grasser im Jahr 1475, als er in München um Meistergerechtigkeit nachsucht, von den lokalen Konkurrenten allerdings als "unfriedlich, verworren und arglistiger Knecht" verunglimpft wird. Nichts desto trotz gelingt es ihm später ins Gremium der Zunftvorsteher gewählt zu werden.

Dass Grassers Figurenwelt jetzt ihren großen Auftritt im Bayerischen Nationalmuseum hat, ist letztlich auch der vor Altbauten nicht zurückschreckenden neuen Brandschutzverordnung zu verdanken, die mit dazu beigetragen hat, dass das Freisinger Diözesanmuseum seit Amtsbeginn seines Direktors Christoph Kürzeder auf Jahre umfassend renoviert und umgebaut wird. Der Hausherr ohne Museum muss sich seither für seine nicht abreißenden Sonderausstellungen immer wieder nach geeigneten Ausweichquartieren umschauen.

In Kooperation mit dem Bayerischen Nationalmuseum in München ist dem Freisinger Diözesanmuseum jetzt unter dem Titel "Bewegte Zeiten" eine fulminante erste Grasser-Gesamtschau gelungen. Für die scheidende Generaldirektorin des Bayerischen Nationalmuseums Renate Eikelmann ist es gleichzeitig eine würdige Abschiedsveranstaltung, bei der weder Kosten noch Mühen gescheut wurden.

So wurde beispielsweise der Patron der Münchner Peterskirche, die vollplastische Sitzfigur des heiligen Petrus mit einem Gerüst vom Hochaltar entfernt und ins Museum transferiert – die Zeit der Vakanz überbrückt in der Peterskirche nun eine eigens gefertigte Ersatzkopie. Wie zur Zeit der Gotik umringt den Apostelfürsten alle erhaltenen Gemälde des mehrflügeligen Altarretabels mit Darstellungen aus der Vita des Titelheiligen und des Apostels Paulus.

Der Löwenanteil der Exponate stammt aus Kirchen der Erzdiözese München und Freising. Allen voran die Meisterwerke aus der Münchner Frauenkirche, die Reihe von über 30 Charakterköpfen die Apostel und Propheten des Chorgestühls, die komplett ihren angestammten Platz verlassen haben und ins Museum gewandert sind, wo sie jetzt aus der Nähe für jedermann sichtbar sind.

Grasser hat seine naturalistisch gezeichneten Heiligen mit leicht geöffneten Mündern zum Disputieren gebracht. Es ist ein Streitgespräch zwischen "Ecclesia und Synagoga", das die Gemüter der Vertreter des alten und neuen Testaments bewegt. Gestenreich unterstützen sie ihre Argumente. Ihre prägnanten Physiognomien mit dem etwas strengen Minenspiel und bisweilen derben Charakterzügen mit großen Nasen, breiten Kinnpartien und seitlich abfallenden Augenbrauen nebst auffälliger Haar- und Barttrachten lassen sich ebenso studieren, wie ihre Attribute und Gewänder, die sich holzsichtig präsentieren, wie die Skulpturen vom Meister ursprünglich gedacht waren.

Überholt ist längst die Epoche, wo dasselbe Figurenensemble modisch weiß gefasst war und mit goldenen Relieftafeln dem Zeitgeschmack des Barock unterworfen war. Bereits das historisch interessierte 19. Jahrhundert erkannte die Schönheit der holzsichtigen Grasser-Originale und entfernte die weiße Farbe ganz im Sinne der Neugotik.

Auch noch eine andere Seite des Künstlers wird thematisiert: seine Architektur. Dass der Meister auch für den Neubau des Solebrunnens der Saline Reichenhall verantwortlich zeichnet, dürfte für die meisten Besucher dieser ersten Grasser-Gesamtschau eine überraschende neue Erkenntnis sein.

Text: Angelika Irgens-Defregger