Altöttinger Liebfrauenbote

Geschichte eines Marterls im Böhmerwald – ein ganz persönlicher Bericht

Wie Maria meine Familie vor dem Verhungern bewahrte

Dies ist eine wahre Geschichte. Und eine sehr persönliche. Sie ist durchaus auch kurios und hat mit dem Schutz durch unsere Heilige Mutter Maria zu tun. Ehrlich gesagt konnte ich die Geschichte lange nicht glauben. Heute weiß ich aber, dass sie wahr ist, und sich der Einfluss Mariens immer noch auswirkt und wohl auch nie aufhören wird. Die Geschichte geht so:

Bei solchen Landschaften versteht man die Sehnsucht vieler böhmischer Vertriebener nach der alten Heimat.
Bei solchen Landschaften versteht man die Sehnsucht vieler böhmischer Vertriebener nach der alten Heimat.

Väterlicherseits reichen die Wurzeln meiner Familie rund 500 Jahre weit zurück in den südlichen Böhmerwald, genauer nach Sonnberg bei Salnau, im Kreis Krummau in Tschechien gelegen. Unser Hof hat und hatte den Hausnamen "Gofahel". Er war einer von etwa zehn Anwesen in dem kleinen Ort, zu ihm gehörten viele Felder, Wiesen, Wälder und eine Furt über die Moldau, die drunten im Tal noch ganz klein und kaum zehn Meter breit vorbeifließt.

Der bekannte tschechische Komponist Bedrich Smetana hat diese Gegend in seiner Moldau genial vertont: Noch sehr am Anfang des Stückes wird eine Bauernhochzeit in Szene gesetzt, sie verklingt in der Ferne, die Moldau fließt weiter, Dämmerung bricht herein. In der Stille der Nacht, im Mondschein liegend und diesmal mit langsamen, ganz zarten Wellen unterlegt, tanzen die Nymphen einen Reigen. In meiner Jugend habe ich eine Nacht auf diesen Wiesen verbracht – ehrlich gesagt röhrten sehr laut und ziemlich unheimlich Hirsche, aber man konnte sich auch gut den Nymphenreigen auf dem Gras vorstellen. Einen zweiten Teil dieses Reigens verortet Smetana im nahen Wald, denn es kommen leise, aber eindrucksvolle Posaunenakkorde hinzu, die das Majestätische und das Ehrfurchtgebietende des dunklen Böhmerwaldes symbolisieren.

Die Marien-Erscheinung

Das Marterl im April 2011 aus, im Hintergrund die Salnauer Kirche.
Das Marterl im April 2011 aus, im Hintergrund die Salnauer Kirche.
Bei einem Unfall wurde das alte Marterl vollkommen zerstört.
Bei einem Unfall wurde das alte Marterl vollkommen zerstört.
Die Familie des Autors (3.v.l.) mit dem wieder errichteten Marterl.
Die Familie des Autors (3.v.l.) mit dem wieder errichteten Marterl.
Gofaheln: der alte Hof der Familie des Autors heute.
Gofaheln: der alte Hof der Familie des Autors heute.
Eine tschechische Künstlerin schuf eigens ein neues Bild für das Marterl. Es zeigt die Marien-Erscheinung.
Eine tschechische Künstlerin schuf eigens ein neues Bild für das Marterl. Es zeigt die Marien-Erscheinung.

In diesem Wald, besser gesagt in einem kleinen Ausläufer davon, findet sich ein Marterl, das mein Ur-ur-...Großvater Albert Müller 1728 zwischen Sonnberg und dem nahen Salnau errichtet hat. Damals herrschte eine schreckliche Hungersnot im Böhmerwald, und in der Not beschloss er, mit dem Fuhrwerk nach Ungarn zu fahren, um dort Getreide einzukaufen. Ein Teil sollte gegessen, ein anderer zur Aussaat im neuen Jahr genutzt werden. Tatsächlich gelang das gefährliche Unterfangen, auf der Donau ging es schnell südwärts nach Ungarn, langsam und zu Fuß wieder zurück. Das war ein langer und beschwerlicher Weg, der allen Beteiligten viel abverlangte. Und die Zeit drängte, zuhause hatten sie nichts zu essen! Er musste die wertvollen Pferde anhalten, schnell die schwere Last nach Hause zu ziehen. Gott sei's gedankt fiel mein Vorfahr weder unter die Räuber noch in den Fluss, fast schien die Reise schon geglückt. Fast. Denn wenige Meter unterhalb des heimischen Hofes, also in Sichtweite des lang ersehnten Ziels, fielen die beiden treuen Pferde tot um.

Was also machte mein Ahn? Statt zu fluchen und zu schimpfen, zu jammern und zu greinen, wie es wohl viele von uns getan hätten, mich eingeschlossen, dankte Jakob der Heiligen Mutter Maria auf den Knien dafür, es so weit geschafft zu haben. Dabei wandte er sich in Richtung Salnau um, die Kirche dort ist nur wenige Hundert Meter entfernt. In diesem Moment erschien ihm Maria mit dem Kind auf dem Arm am Firmament. Man kann sich die Bestürzung, aber auch die Ergriffenheit vorstellen, die das Ereignis begleitete. Als "aufgeklärter" und moderner Student hörte ich erstmals von dieser Geschichte – und hielt sie für eine fromme, aber dumme Anekdote. Ich musste erst selbst und viel später die Macht Mariens erfahren, um sie uneingeschränkt glauben zu können. Maria war meiner Familie tatsächlich zu Hilfe gekommen – und schützt uns durch alle Wirren hindurch bis heute. Leid tut es mir allerdings um die Pferde, ihnen sei an dieser Stelle besonders gedankt.

Nach der Marien-Erscheinung dauerte es dann eine Weile – wie Frau Professor Mirka Fridrichová Kunešová, die man wohl am besten als Heimatforscherin und -pflegerin für den Böhmerwald inklusive Salnau und Pernek beschreiben kann, Anfang dieses Jahrhunderts herausfand –, sogar ein paar Jahre, aber dann errichtete er an eben dieser Stelle eine hölzerne Kapelle. Diese wurde mit der Zeit baufällig, rund 150 Jahre später – im Jahre 1909 – ersetzte sie mein Urgroßvater Jakob Müller durch ein massives Granitmarterl in Kapellenform.

Bekanntlich wurde die deutsche Bevölkerung 1946 unter grausamsten Bedingungen aus der damaligen Tschechoslowakei ausgewiesen. Auch meine Familie war davon betroffen, genauso wie alle Bewohner von Sonnberg und Salnau. Das war für uns sogenannte Vertriebene ein schwerer Schlag – in der neuen Heimat Bayern war man nicht erwünscht. Nachdem man einen großen Hof mit ausgedehnten Ländereien verloren hatte, musste man sich hier beschimpfen lassen und als Knechte verdingen. Dazu kam das Heimweh, das so manchen Landsmann in die Verzweiflung trieb: Für viele Jahrzehnte konnte man nicht "hoam", also weder Hof noch Kapelle noch Kirche oder sonstwas, was meiner Familie Hunderte von Jahren Halt gegeben hatte, besuchen. Bis zum Fall des sogenannten Eisernen Vorhangs.

Sogleich nach der Grenzöffnung 1990 machte sich mein Vater Alfred Müller auf und pflegte das Marterl wieder. Der Hof war und ist natürlich verloren, den völkerrechtswidrigen Beneš-Dekreten sei Dank. Er hat nun einen neuen, tschechischen Besitzer. Wir Sudetendeutschen haben gelernt, dass nur einseitige und bedingungslose Vergebung alte Wunden heilen kann. Sonst wird der Hass zwischen den Volksgruppen nie erlöschen. So ist auch der tiefe Glaube meiner Landsleute erklärbar – Jesus und Maria heißen uns immer wieder aufs Neue zu verzeihen. Und sie haben ja auch geholfen: In der neuen Heimat konnte meine Familie am deutschen Wirtschaftswunder teilhaben, während die geplünderten Häuser in der alten Heimat verfielen.

Aber auch wenn der Hof der Familie untergegangen ist, so stand wenigstens das Marterl noch. Mein Papa brachte ein neues Marienbild darin an und sicherte es mit Eisenstäben. Mehrmals im Jahr säuberte mein Vater die kleine Kapelle vom Schmutz der vorbeifahrenden Autos. Als er Anfang Mai nach der Winterruhe 2011/12 neuerlich aufräumen wollte, traf ihn fast der Schlag: Die Kapelle war weg. Unvorstellbar angesichts ihrer Bauweise: Aus massiven Granitplatten zusammengestellt schien sie für die Ewigkeit gemacht. Und nun war sie weg. Spurlos.

Völlig aufgelöst brauste mein Vater wieder nach Hause in die Holledau und berichtete mir. Nach einigen Tagen der Verzweiflung wandten wir uns an den damaligen Salnauer Bürgermeister Herrn Cížek. Auf meine durch eine Freundin ins Tschechische übersetzte Anfrage per Mail teilte er uns mit, dass die Kapelle am 18.12.2011 von einem holländischen Geländewagen über den Haufen gefahren worden war. Kaum zu glauben, dass das Auto danach noch irgendwie fahrbereit war, zum Glück wurde niemand verletzt.

Geste der Versöhnung

Zwei Priester und viele Einheimische wohnte der Einweihung des neuen Marterls 2015 bei.
Zwei Priester und viele Einheimische wohnte der Einweihung des neuen Marterls 2015 bei.

Herr Štepánek, heutiger Besitzer und Betreiber einer "Bio-Farm" auf unserem ehemaligen Hof, hat sich um die Bergung der Trümmer gekümmert und den flüchtigen Unfallfahrer ausfindig gemacht. Was waren wir dankbar – er war es auch, der die Trümmer des Marterls barg und in seiner Farm lagerte. Im Sommer 2012 haben wir uns alle in Salnau getroffen, mein Vater, Herr Cížek, Frau Kunešová sowie Herr Štepánek und meine Wenigkeit. Mit großer Freude erfuhren wir, dass die Gemeinde die Kapelle mit Geld der Unfallversicherung an der Originalstelle wiedererrichten wollte, von einem erfahrenen Restaurator, nur ein paar Meter von der Straße abgerückt – so dass kein Auto es mehr ummähen könnte. Tatsächlich geschah es so, die Kosten wurden zusätzlich durch einen Zuschuss vom tschechischen Denkmalamt gedeckt.

Sagen Sie selbst: Kann das ohne die Hilfe Mariens geschehen sein? Mir war das auch eine große Lehre: In den ersten Stunden und Tagen des Verlustes flammte in mir eine Wut auf "die Tschechen" auf, die ich vorher so gar nicht kannte. All der Schmerz und die Trauer meiner Familie über die Ungerechtigkeit der Vertreibung aus dem Böhmerwald kochte in mir hoch. Nun schäme ich mich dafür und sehe, dass uns die heutigen Bewohner des Böhmerwaldes die Hand reichen. Im Spätsommer 2015 erreichte uns nämlich die Einladung der Gemeinde Salnau zur Wiedereinweihung unserer Kapelle. Am 7. November 2015 um 11 Uhr geschah dies tatsächlich gleich durch zwei Priester. Überraschend viele Einheimische wohnten dem Ereignis bei.

Man findet das Marterl im Moldautal auf dem Weg von Wallern nach Oberplan, dem Geburtsort von Adalbert Stifter, einen Kilometer vor Salnau unterhalb unseres Hofes in Sonnberg (Slunecná). Wenn Sie dort vorbeikommen, schenken Sie meinem Vorfahren doch ein kleines Ave Maria. Sie erblicken ihn auf einem neuen Bild, das Frau Kunešová extra für das Marterl gemalt hat – es stellt die Szene der Marien-Erscheinung dar. Als Motiv für meinen Urahn Albert Müller hat sie ihren eigenen Mann herangezogen. Tatsächlich dürfte mein Ururur...opa anders ausgesehen haben, aber darauf kommt es nun wirklich nicht an.

Text und Fotos: Dr. Dietmar Müller