Altöttinger Liebfrauenbote

Über einen heiligen Fürsprecher und gottlose Gesellen

Severin und das Römerlager

Auf dem europäischen Via-Nova-Pilgerweg ist das an der Donau gelegene Römerlager Abusina der westlichste Punkt. Dort haben sich zum Ende des römischen Reiches wüste Szenen abgespielt – die sich Ende des Zweiten Weltkrieges wiederholten. Vor 1.500 Jahren kam ein großer Heiliger den Eingeschlossenen zu Hilfe, die Verteidiger 1945 waren dagegen gottlos.

Im Burgus hatten sich 1945 SS-Männer verschanzt, ähnlich wie 1.500 Jahre früher die letzten römischen Legionäre.
Im Burgus hatten sich 1945 SS-Männer verschanzt, ähnlich wie 1.500 Jahre früher die letzten römischen Legionäre.
Vom Weinberg aus konnte man zu den Römerlagern in Pförring und Weltenburg blicken. Vom "Mahamer Berg" im Hintergrund feuerten 1945 die anrückenden Amerikaner auf Neustadt an der Donau und das Römerlager Abusina.
Vom Weinberg aus konnte man zu den Römerlagern in Pförring und Weltenburg blicken. Vom "Mahamer Berg" im Hintergrund feuerten 1945 die anrückenden Amerikaner auf Neustadt an der Donau und das Römerlager Abusina.
Das Nordtor des Lagers Abusina.
Das Nordtor des Lagers Abusina.
Unter dem Lager fließen heutzutage die beiden "Urströme" der Holledau – Abens und Ilm – in einem gemeinsamen Bett in die Donau. Zu Zeiten der Römer lag das Flußbett der Donau noch weiter östlich, direkt unter den Außenmauern des Lagers auf dem Hochufer. Schiffe konnten dort anlanden und wurden mittels Kränen entladen.
Unter dem Lager fließen heutzutage die beiden "Urströme" der Holledau – Abens und Ilm – in einem gemeinsamen Bett in die Donau. Zu Zeiten der Römer lag das Flußbett der Donau noch weiter östlich, direkt unter den Außenmauern des Lagers auf dem Hochufer. Schiffe konnten dort anlanden und wurden mittels Kränen entladen.

Es müssen apokalyptische Szenen gewesen sein, die sich um die letzten Überlebenden der römischen 3. berittenen Britannierkohorte unter dem weltberühmten Heermeister Aëtius abspielten. Sie hatten sich mit ihren engsten Angehörigen im letzten Refugium des ehemaligen Kohortenkastells Abusina verschanzt, im nur 37 auf 45 Meter großen "Burgus". Dieser liegt hoch über der Mündung der Abens in die Donau und markierte in gewisser Weise den östlichsten Punkt des Donau-Iller-Rhein-Limes. Das Lager war stets umkämpft, in den fast vierhundert Jahren seines Bestehens war es mehrmals zerstört worden. Doch niemals zuvor schien die Lage so aussichtslos, befand sich doch die gesamte römische Provinz Raetien – die weite Teile des heutigen Bayerns einschloss – in Auflösung.

Die Juthungen, ein zu den Alemannen gehöriger Stamm, hatten den Limes überrannt, setzten nun über die Donau und machten sich daran, das durch Hunnen und Alanen verstärkte römische Heer vollständig aufzureiben. Viele Einwohner des zum Lager Abusina gehörigen Dorfes waren bereits gemartert und erschlagen worden. Das Reich, angelegt für die Ewigkeit, war dem Untergang geweiht.

Rund 1.500 Jahre später wiederholte sich die Szenerie, nur unter anderen Vorzeichen. Von Norden rückte Ende April 1945 die 99. US-Division an die sogenannte Donaufront vor, fanatische Soldaten des SS-Jagdverbandes "Nordwest", Teile der SS-Division "Nibelungen" und versprengte Angehörige der 17. SS-Panzergrenadierdivision "Götz von Berlichingen", verstärkt durch wenige, aber nicht minder bedingungslos an Adolf Hitler glaubende Volksstürmer und Hitlerjungen, hatten sich in der Ruine des Burgus festgesetzt.

Vom Mahamer Berg her, einer Anhöhe bei Marching jenseits der Donau, erfolgten bereits seit Stunden Granateinschläge, das nahe Neustadt war bereits weitgehend eingeebnet. Einen besonders traurigen Eindruck bot die zertrümmerte Stadtpfarrkirche. Der Weg über den Fluss bei Neustadt war für die US-Truppen bedeutend, da sie sich in breiter Front auf dem Weg von Nürnberg über Neumarkt nach München befanden. Seit Tagen kreisten feindliche Flieger aller Art "in Scharen" über dem Land, im flussnahen Neustädter Ortsteil Wöhr waren bereits erste amerikanische Bodentruppen angelandet. Dort säuberten sie unter großen Verlusten Haus für Haus von Widerständlern des nationalsozialistischen Regimes. Leichen lagen dies- wie jenseits der Donau zu Hauf. Das Reich lag in Trümmern und wurde nur mehr durch den Wahnsinn weniger am Leben gehalten.

So hatten auch im nahen Kloster Weltenburg etwa hundert SS-Leute Quartier bezogen und wollten das sich dort befindliche Depot sprengen – was die Mönche aber verhindern konnten. Die Waffen-SS verteilte sich anschließend auf die Waldränder entlang der Donau bis hin nach Eining und dem dortigen Römerlager Abusina.

Man mag es der Gottlosigkeit der SS-Schergen zuschreiben, dass ihnen anders als den Eingeschlossenen 1.500 Jahre zuvor niemand zu Hilfe kam. Ein naiver Gedanke, der sich aber dennoch aufdrängt. Denn noch am 27. April – der Führer war zu diesem Zeitpunkt bereits in Berlin in seinem Bunker lebendig begraben und bekanntermaßen zwei Tage später tot; in den unweit von Eining gelegenen Kapfelberg und Matting waren die Amerikaner bereits über die Donau gegangen – hatte die SS den Mesner des Nachbarortes Sittling, Peter Pfeiffer, zum Tode verurteilt, weil er die weiße Fahne in den Turm der Kirche anbringen wollte. Ein wahrer "Gebetssturm" der Bevölkerung hat nach Aussagen von Zeitzeugen dazu geführt, die standrechtliche Erschießung auszusetzen, wiewohl der Sarg bereits gezimmert war.

Heiliger Vermittler

Der heilige Severin von Noricum – hier eine Darstellung vom "Severinaltar" in Neapel – lebte von ca. 410-482.
Der heilige Severin von Noricum – hier eine Darstellung vom "Severinaltar" in Neapel – lebte von ca. 410-482.
Diese "Panzerstatue" stand einst stellvertretend für den Kaiser zentral im Fahnenheiligtum des Lagers.
Diese "Panzerstatue" stand einst stellvertretend für den Kaiser zentral im Fahnenheiligtum des Lagers.
Die Donau unterhalb des Lagers ist idyllisch und bietet einen Fährdienst.
Die Donau unterhalb des Lagers ist idyllisch und bietet einen Fährdienst.

Einen Tag später war die Donaufront inklusive Römerlager Abusina komplett genommen, den deutschen Soldaten erging es schlecht. Die Waffen-SS der Division "Nibelungen" hatte durch ihren erbitterten, zähen Widerstand ungeheure Schäden angerichtet. Nach wie vor sorgten sie als "Werwölfe" für Tod und Verderben im bayerischen Hügelland. Weder die überlebende einheimische Bevölkerung noch die amerikanischen Kriegsgerichte hatten großes Mitleid mit ihnen.

Dagegen kam den verbliebenen Männern der römischen Infanterie und Kavallerie und ihren Frauen und Kindern 1.500 Jahre zuvor der Legende nach ein Mann zu Hilfe, der kurze Zeit nach seinem Tod als Heiliger und als Schutzpatron Bayerns verehrt wurde und wird: der heilige Severin von Noricum. Noricum war die östliche Nachbarprovinz von Raetien. Seit der Ausrufung unserer heiligen Mutter Maria zur Schutzpatronin von Bayern durch Papst Benedikt XV. am 26. April 1916 ist Severin ein wenig in Vergessenheit geraten – was angesichts seines Einsatzes für Land und Leute eigentlich unverzeihlich ist. Gerade entlang der Donau war der vermutlich im römischen Kastell Favianis, dem heutigen Mautern bei Krems, geborene Severin unermüdlich tätig, unzählige Legenden und Fabeln ranken sich um sein Wirken.

Wie genau die Rettung der Eingeschlossenen im Lager Abusina vor sich ging, ist heutzutage aber unmöglich zu rekonstruieren. Eventuell lief es ab wie in der Sage bezüglich der Errettung der Stadt Wien: Überreste von Attilas Heer zogen durch das Umland der damals noch Fabiana genannten Stadt und raubten Vieh genauso wie Menschen, die sie als Sklaven verkauften. Auf Zuspruch Severins hin soll sich der Stadthauptmann mit nur wenigen Kriegern an die Verteidigung gemacht haben und unter dem Schutz des Heiligen die hunnische Übermacht in die Flucht geschlagen und sogar gefangen genommen haben. Das besondere an der Geschichte: Severin hat sich anschließend für die Gefangenen eingesetzt, für ihr leibliches Wohl gesorgt und ihre unbeschadete Rückkehr ermöglicht. Aus Dankbarkeit sollen die Hunnen daraufhin erbeutetes Vieh sowie entführte Menschen zurückgegeben beziehungsweise freigelassen haben.

Dem "diplomatischen Dienst" Severins spielte die Tatsache in die Hände, dass sowohl die damals marodierenden germanischen (und hunnischen) Stämme als auch die indigene Bevölkerung Raetiens bereits zum Christentum übergetreten war. Die Germanen wurden der Überlieferung zufolge vorrangig durch den "Germanenbischof" Wulfila (um 311-383) christianisiert. Dieser soll im Auftrag Konstantinopels die Donau stromaufwärts bereist haben – mit durchschlagendem Erfolg. Neben den Westgoten wurden durch ihn auch die Vandalen, Langobarden, Ostgoten und Burgunden christlich.

So standen den seit der konstantinischen Wende (4. Jh.) mehr oder weniger christlichen Römern ebenso mehr oder weniger christliche Germanen gegenüber. Das "mehr oder weniger" bezieht sich auf die Tatsache, dass das damalige Christentum noch nicht "katholisch" gefestigt war, sondern bis ins sechste Jahrhundert hinein zwischen Arianern und Trinitariern oszillierte.

Wundersame Rettung

Die Errettung Abusinas könnte auch in Verbindung stehen mit dem Schutz der Stadt Lorch in Oberösterreich, damals Lauriacum genannt. Dorthin sollen sich auf Betreiben Severins viele vor den Alemannen geflüchtete Römer gerettet haben. Auch darum ranken sich zahllose Legenden, wovon hier nur eine nacherzählt werden soll: Nachdem die Stadt von den Germanen eingeschlossen wurde, habe der Heilige die Bewohner in der Kirche zum Gebet versammelt und mit ihnen laut Psalmen gebetet. Durch Unachtsamkeit einer Wache soll vor der Kirche ein Feuer entstanden sein, dass die Betenden vermuten ließ, dass der Feind bereits in der Stadt ist. Sogleich stimmten sie Wehklagen an, bei anschließenden Löschversuchen entstand ein großer Tumult. Dies alles wiederum habe die Angreifer so verschreckt, dass sie das Weite suchten. Diese wundersame Errettung wurde dem heiligen Severin zugesprochen, die Bürger der Stadt sollen ihn reuig um die Vergebung ihrer Sünden gebeten haben.

Mit Legenden ist es bekanntlich eine solche Sache – gerade dem heiligen Severin wurden viele Wunder und Kuriosa angedichtet. Tatsache aber ist, dass das Römerlager Abusina bei Eining immer wieder wilde Zeiten erlebt hat – und dass sich die Geschichte offenbar wiederholt. Im Falle einer solchen "ewigen Wiederkehr" (so von Friedrich Nietzsche angedacht) tut man gut daran, auf Gottes Wort zu hören und bestenfalls einen Heiligen als Beistand zu haben. Noch dazu einen so wirkmächtigen wie Severin, Schutzpatron der Bayern.

Text: Dr. Dietmar Müller, Fotos: Dr. Dietmar Müller 6, wikimedia 1

Der Autor ist ist Journalist und Pilgerführer auf der Via Nova im Landkreis Kelheim

Das Römerlager Abusina ist seit 2005 Teil des UNESCO-Welterbes und liegt an der Donau zwischen Weltenburg und Neustadt a.d. Donau. Laut Zeitzeugen waren die Mauern des Lagers und des sich darin befindlichen Burgus bis zum Beschuss durch die amerikanische 99. US-Division noch doppelt so hoch, der Zweite Weltkrieg hat hier deutliche Spuren hinterlassen. Rund um das Lager finden sich noch heute, rund 70 Jahre später, viele Bombentrichter.

Apostel des Glaubensfriedens

Der heilige Severin gilt als Apostel des Glaubensfriedens. Er bemühte sich in der damaligen römischen Provinz Noricum, die vom Inn bis zum Wienerwald und von der Donau bis zur Drau reichte, dass die Christen friedlich unter den germanischen Stämmen leben konnten. Nach dem Tod von Hunnenkönig Attila im Jahr 453 und dem Zusammenbruch des römischen Weltreichs kümmerte sich Severin um die durch die Völkerwanderungen stark getroffenen Einwohner. Besonders verehrt wird der Heilige heute noch in Bayern und Österreich, wo er in Mautern bei Krems ebenfalls ein Kloster gründete und im Jahr 482 verstarb. Sein Gedenktag ist der 8. Januar.