Altöttinger Liebfrauenbote

"Silberglanz": Hannover widmet der Kunst des Alters eine vielfältige Schau

Ebenbilder der Vernunft

Der Sprachforscher und Märchensammler Jacob Grimm stellte in seiner 1860 verfassten "Rede über das Alter" treffend fest: "Es liegt ein Widerspruch darin, dass während alle Menschen alt zu werden wünschen, sie doch nicht alt sein wollen." Das hat Gründe, wie der betagte Maler und Grafiker Otto Dix seiner Enkelin unverblümt erklärte: "Alter ist Mist! Wenn du so zusammenbröselst, ist das entwürdigend." Mit großer Lust an der Schilderung des erschreckenden eigenen Aussehens präsentiert sich der 1962 gestorbene Dix auf einer ein Jahr vor seinem Tod geschaffenen Lithografie. Aber solche Schreckensbilder sind in der Ausstellung über die "Kunst des Alters" die Ausnahme. Die im Landesmuseum Hannover versammelten Werke aus vier Jahrtausenden feiern mehrheitlich die gereifte Schönheit greiser Menschen.

Alte Frau, angeblich aus Italien, um 4607450 v. Chr., Marmor. Ehrenstatue – entweder für die Priesterin Lysimache oder für eine mythische Figur wie Aithra, die Mutter des Theseus.
Alte Frau, angeblich aus Italien, um 4607450 v. Chr., Marmor. Ehrenstatue – entweder für die Priesterin Lysimache oder für eine mythische Figur wie Aithra, die Mutter des Theseus.
Pietro Peruginos Gemälde "Der heilige Petrus in einem Früchtekranz" (1470er-Jahre).
Pietro Peruginos Gemälde "Der heilige Petrus in einem Früchtekranz" (1470er-Jahre).
Der von Marie Maximilienne de Silvestre gemalte Heilige "Jakobus der Ältere" (1731).
Der von Marie Maximilienne de Silvestre gemalte Heilige "Jakobus der Ältere" (1731).

Der griechische Philosoph Platon sah in Greisen "Ebenbilder der Vernunft". Deshalb zeigen antike Darstellungen Philosophen stets im fortgeschrittenen Alter, wie uns der ausgestellte Porträtkopf des Karneades (Marmor, 1. Jh. n. Chr.) veranschaulicht. Der faltige Denker mit Stirnglatze und Vollbart, großen Augen und leicht geöffnetem Mund steht erhobenen Hauptes auf der Höhe seiner Geisteskraft. Auch alte Frauen kommen in der griechischen Kunst vor. Aber sie sind selten. Wie vom Donner gerührt steht man vor der Ehrenstatue (Marmor, um 460/450 v. Chr.) einer altersschwachen Dame. Mit vorgebeugtem Oberkörper und weichen Knien scheint sie uns jeden Moment in die Arme zu kippen. Und doch flößt einem diese Greisin Respekt ein.

Die antiken Darstellungen von Philosophen standen in der mittelalterlichen christlichen Kunst Pate für die Bilder von Aposteln. Das veranschaulicht Pietro Peruginos Gemälde "Der heilige Petrus in einem Früchtekranz" (1470er-Jahre). Mit weißem Bart und Halbglatze, asketisch hagerem Körper und dem großen Himmelsschlüssel in den knochigen Fingern repräsentiert er allerschönst die Würde und Weisheit des Alters. Richtig kernig wirkt dagegen der von Marie Maximilienne de Silvestre gemalte Heilige "Jakobus der Ältere" (1731). Bedrängend nah steht die Halbfigur des Apostels der Spanier mit Wanderstab und Buch in der Hand vor uns. Der grauhaarige Jakobus präsentiert sich rüstig und noch lange nicht am Ende seiner Tage.

Das ganze Gegenteil ist Papst Hadrian VI. auf dem Porträtgemälde, das Jörg Breu der Ältere 1523 von ihm schuf. Der 64 Jahre alte Papst wirkt müde und von den Belastungen seines in der Reformationszeit ausgeübten hohen Amtes schwer gezeichnet. Er starb noch im Jahr der Porträtsitzung. Sein Grabmal trägt die Inschrift: "Wie viel hängt doch davon ab, in welche Zeit auch des besten Mannes Wirken fällt."

Zuweilen vereinen die ausgestellten Werke junge und alte Menschen. Im Falle der Heiligen Familie gilt der große Altersunterschied zwischen Maria und Josef als unbedenklich. Ansonsten aber sind generationsübergreifende Verbindungen der Stoff für Spottbilder. Zu denen gehört Christian Richters Gemälde "Das ungleiche Paar" (Ende 16. Jh.). Der lüsterne Alte hat seine junge Gespielin handgreiflich in Besitz genommen. Sie lächelt tapfer und blickt uns entschuldigend an. Aber sie ist auch nicht besser: Ihre eine Hand ruht auf dem teuren Pelzkragen des Alten, die andere greift nach seinem reich gefüllten Geldbeutel. Wir sehen schon: Fleischeslust und Geldgier kennen kein Alter.

Tiefer Eindruck

Wolfgang Tiemann: Sophie Thielking, 1979, Acryl auf Leinwand.
Wolfgang Tiemann: Sophie Thielking, 1979, Acryl auf Leinwand.

Etliche Werke lassen einen so schnell nicht wieder los. Ungewöhnlich sentimental wirkt Alois Erdtelts Gemälde "Ein Hilfslehrer aus Wallgau" (1884). Er blickt mit tränenfeuchten Augen zur Seite. Man kann das als Mitleid erregendes Selbstmitleid werten. Ebenso aber könnte der Hilfslehrer Mitleid mit jemand anderem haben. Das lässt der Schöpfer des Rührstücks offen. Jenseits aller Sentimentalität oder Sozialanklage hat der Maler Hanns Sprung eine alte "Trinkerin" (1911) zur imponierenden Erscheinung erhoben. Die Flasche liegt wie ein Säugling in ihrer rechten Armbeuge. Die Linke hält das an die Lippen geführte Glas – "Auf Ex!" Die bescheiden gekleidete Alte steht aufrecht und verbittet sich jedes Mitleid.

Einen tiefen Eindruck schließlich hinterlässt das Riesengemälde, auf dem Wolfgang Tiemann 1979 in fotorealistischer Manier die Großmutter seiner Ehefrau verewigt hat: Sophie Thielking. Hals und Kopf der alten Dame sind auf zwei Meter vergrößert. Die Falten um die zusammengekniffenen Lippen und Tränensäcke unter den gedankenverloren zur Seite gerichteten braunen Augen werden so zu Monumenten ihres hohen Lebensalters. Hinter ihr sitzt zum Zeichen der Endlichkeit des Lebens eine Fliege auf der Bretterwand. Sophie Thielking ist als unverwechselbare Persönlichkeit dargestellt. Aber ebenso als allgemeines Sinnbild eines langen Lebens.

Text: Veit-Mario Thiede, Fotos: Veit-Mario Thiede 2, Landesmuseum Hannover 2 (erstes und viertes Bild)

Bis 18. Februar im Landesmuseum Hannover, Willy-Brandt-Allee 5. Di.-Fr. 10-17 Uhr, Sa., So. 10-18 Uhr. Informationen: Tel.: 0511-9807686, Internet: www.landesmuseum-hannover.de. Eintritt: 10 Euro. Der Katalog aus dem Sandstein Verlag kostet im Museum 29,90 Euro, im Buchhandel 34 Euro.