Altöttinger Liebfrauenbote
Die historische Altstadt von Colón verfällt zusehends ...
Die historische Altstadt von Colón verfällt zusehends ...

Jugendliche in Colón in Panama versuchen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen

Das Richtige tun, obwohl das Falsche so einfach ist

Die Adveniat-Weihnachtsaktion steht heuer unter dem Motto "Chancen geben – Jugend will Verantwortung" und blickt unter anderem nach Panama, wo im Januar der 34. Weltjugendtag stattfinden wird. Ein Blick nach Colón zeigt, wie Jugendliche unter schwierigen Bedingungen versuchen, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

Der Hafen von Colón, einer Hafenstadt in Panama. In der Stadt liegt die zweitgrößte Freihandelszone der Welt.
Der Hafen von Colón, einer Hafenstadt in Panama. In der Stadt liegt die zweitgrößte Freihandelszone der Welt.
In der historischen Altstadt von Colón vertreiben sich Jugendliche die Zeit mit Fußball.
In der historischen Altstadt von Colón vertreiben sich Jugendliche die Zeit mit Fußball.
Yithzak Yerel mit Edilsa und einem Kollegen auf der Straße.
Yithzak Yerel mit Edilsa und einem Kollegen auf der Straße.

Den Menschen in Rio Indio ist es schon gar nicht mehr aufgefallen. Auf dem Weg hinunter zum Meer und am Strand entlang lag überall Müll. Plastikflaschen, leere Chipstüten, Dosen, Reifen – von den Wellen angeschwemmt oder achtlos von den Dorfbewohnern weggeworfen. Auch für Edilsa und Jorge war der Anblick ganz normal. "Natürlich fand ich das nicht schön, aber ich bin einfach nicht auf die Idee gekommen, dass man daran auch aktiv etwas ändern kann", sagt die 15-Jährige Edilsa. Sie bückt sich nach einer Cola-Büchse, die zwischen Algen und Treibholz liegt, und steckt sie in einen Plastiksack.

Am Horizont liegen, wie auf einer Schnur aufgefädelt, dutzende Schiffe vor Anker. Die Ozeanriesen sind mit tausenden Containern beladen, warten hier oft tagelang darauf, dass sie in den Panama-Kanal einfahren dürfen, der nur einige Kilometer entfernt liegt. "Manchmal sitzen wir abends am Strand, träumen uns an Bord und weit weg in eine andere Welt", sagt Edilsa und hält inne.

Die Idee zu der Müllsammelaktion am Strand hatten die Mitglieder der katholischen Jugendgruppe. An mehreren Orten in der Diözese Colón-Kuna Yala sind die Jugendlichen aktiv und werden vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat in ihrem Engagement unterstützt. "Sie sind gutes Vorbild in einer Region, in der es viele soziale und ökonomische Probleme gibt", sagt der Bischof von Colón-Kuna Yala, Manuel Ochogavía Barahona.

Und da ist in und rund um Colón eine Menge zu tun. Die 100.000 Einwohner zählende Stadt liegt im Norden Panamas, rund zwei Autostunden von Panama-Stadt entfernt. Eine Stadt mit zwei Gesichtern: Colón ist bekannt für seinen Hafen mit der großen Freihandelszone. Waren aus der ganzen Welt werden hier jeden Tag verladen und weitergeschickt. Ein Millionengeschäft. Auch die luxuriösen Kreuzfahrtschiffe legen hier an, Schnäppchenjäger gehen von Bord, um Handtaschen, Uhren und Parfum von Luxusmarken wie Gucci  und Chanel zu vergleichsweise guten Preisen einzukaufen. Das Shopping-Areal ist von einer meterhohen Mauer und vielen Kontrollposten umgeben, sodass die Touristen hier entspannt und ohne Angst ihr Geld ausgeben können. In die Innenstadt jedoch verirrt sich kaum ein Fremder. Denn Colón gilt als der gefährlichste Ort des Landes.

Das war auch einmal anders. Bis 1999 verwalteten die USA den berühmten Panama-Kanal, den sie einst gebaut haben. Sie stationierten viele ihrer Landsleute in komfortablen Holzhäusern. Doch als die Vereinigten Staaten ihre Hoheit über den Kanal aufgaben und die US-Verwaltung samt Armee abzog, geriet die Stadt in einen Abwärtsstrudel. Seither verfallen die Häuser, in den wenigsten Wohnungen in der Innenstadt gibt es Strom oder fließendes Wasser. Kaum ein Haus hat eine funktionierende Toilette, Fassaden und Treppen sind so marode, dass sie immer wieder in sich zusammenbrechen.

Der Staat scheint kapituliert zu haben. Die schwer bewaffneten Sondereinsatzkommandos, die auf ihren Motorrädern mit Sturmmaske, schusssicheren Westen und Gewehren durch die Gassen rasen, ändern nichts daran. Nicht einmal auf dem Vorplatz zur Kathedrale in der Innenstadt ist es sicher. Rund um das Gotteshaus sind Polizisten stationiert und beobachten argwöhnisch mit der Hand am Schaft des Revolvers, ob sich in den umgrenzenden Häusern etwas Verdächtiges tut.

Zwischen Gewalt und Hoffnung

Yithzak Yerel González Murgas.
Yithzak Yerel González Murgas.
Edilsa in der Kirche.
Edilsa in der Kirche.
Parroquia Nuestra Señora de Lourdes.
Parroquia Nuestra Señora de Lourdes.
In der Parroquia Nuestra Señora de Lourdes treffen sich Jugendliche mit Verantwortlichen der Jugendpastoral der Diözese Colón zur Weiterbildung.
In der Parroquia Nuestra Señora de Lourdes treffen sich Jugendliche mit Verantwortlichen der Jugendpastoral der Diözese Colón zur Weiterbildung.

"Das Zentrum ist fest in der Hand konkurrierender Banden", erklärt Yithzak González Murgas. "Wenn einer einen falschen Schritt tut, wird nicht lange gefackelt. Es gibt immer wieder Tote." Yithzak ist Koordinator der katholischen Jugendarbeit auf nationaler Ebene. In Colón bildet er ehrenamtliche Gruppenleiter aus und unterstützt sie. Dabei sei es nicht einfach, Jugendliche davon zu überzeugen, sich sozial zu engagieren. "Die Mädchen und Jungen haben keine Perspektive und haben nicht das Gefühl, dass sie etwas an ihrer Situation ändern können." Jede Straße werde von einer anderen Gang kontrolliert, die so schaurige Namen tragen wie Los Niños Sicarios, die mordenden Kinder. "Diese Gemeinschaften geben den Haltlosen Halt. Vor allem junge Menschen ohne Perspektive sind gefährdet, dort hineinzurutschen." So wie Yithzaks Freund Juan Carlos. Er war 15 Jahre alt und in das falsche Mädchen verliebt, als er Mitglied bei Los Niños Sicarios wurde. Kaum hatten sie sich etwas näher kennengelernt, stellte sich heraus, dass ihr Bruder ein Bandenmitglied war – und schon war Juan Carlos mittendrin. "Es ist nicht leicht, sich für die richtige Sache zu entscheiden, wenn die falsche Sache so einfach ist", erinnert er sich. "Mit Drogen und Diebesgut kann man schnell und einfach Geld verdienen." Trotzdem wurden seine Gewissensbisse immer schlimmer, und er suchte nach einem Ausweg.

In seiner Not ging er in die Kirche. In der Jugendgruppe von San José traf er Yithzak. "Er hat sich einfach nur hingesetzt und mit mir geredet", erinnert sich Juan. "Ich habe es nicht oft erlebt, dass sich jemand für mich Zeit genommen hat. Für mich! Ich bin doch ein Niemand, dachte ich damals. Ich hatte nicht einmal eine Mutter, die sich um mich gekümmert hat." Yithzak habe ihm die Augen geöffnet. "Er erzählte mir von der Liebe Gottes. Und in der Art, wie er mir mit Respekt und Freundschaft begegnete, hatte ich das erste Mal in meinem Leben das Gefühl, aufgehoben zu sein."

Mit dieser neuen Stärke im Herzen war dann alles ganz einfach, sagt Juan. "Ich habe den Jungs einfach mitgeteilt, dass ich ab sofort nicht mehr dabei bin, sondern jetzt lieber in die Kirche gehe. Erstaunlich, aber das hat funktioniert. Sie haben mich in Ruhe gelassen." Heute ist Juan Carlos 23 Jahre alt, hat einen festen Job als Lagerarbeiter in der Freihandelszone gefunden. Zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern Angelie und Jean lebt er ein beschauliches Familienleben und ist als Ehrenamtlicher in der Kirche aktiv.

Doch die Menschen in Colón fühlen sich als geborene Verlierer und als ein Spielball der Mächtigen. Daran ändert auch das neuste Infrastrukturprogramm der Regierung nichts. Eher im Gegenteil. 500 Millionen Dollar sollen investiert werden, es gibt Pläne für neue Straßen, Schulen, Wohnhäuser und ein neues Krankenhaus. Auch das Abwassersystem und die Trinkwasserversorgung sollen endlich erneuert werden. Das klingt erst einmal gut. Doch aktuell werden viele arme Familien, die in den heruntergekommenen Häuserkomplexen in der Innenstadt wohnen, vertrieben. Wer nicht gehen will, wird mit Waffengewalt gezwungen. In Zukunft sollen die Menschen in "Nueva Colón", einem modernen Neubaukomplex außerhalb der Stadt, eine neue Heimat finden. Doch die Unterkünfte für insgesamt 25.000 Bewohner sind noch lange nicht fertig, die Betroffenen stehen schlichtweg auf der Straße. Wirklich kümmern tut das niemanden.

"Die Menschen fühlen sich betrogen"

Bischof Manuel Ochogavía Barahona vor einer Lourdes-Madonna.
Bischof Manuel Ochogavía Barahona vor einer Lourdes-Madonna.
Luxus-Appartements in Panama-Stadt.
Luxus-Appartements in Panama-Stadt.
Schiffe an der Miraflores-Schleuse am Panamakanal.
Schiffe an der Miraflores-Schleuse am Panamakanal.

"Die Menschen fühlen sich einmal mehr betrogen", erklärt Bischof Ochogavía Barahona. "Außerdem machen sie sich Sorgen, dass am Ende nicht sie, sondern die Reichen von dem Großprojekt profitieren werden. Sie ahnen, dass sich die Leute mit Geld die Filetstücke in der Innenstadt sichern werden. Die Armen werden einfach weit weg abgeschoben in die neuen Siedlungen, in denen es zwar neue Häuser und einen schicken Fußballplatz gibt, aber keine Arbeit. Wie sollen sie sich da auf lange Sicht die Mieten leisten?"

Im März 2018 sind die Einwohner von Colón deswegen auf die Straße gegangen. In einem "Generalstreik" haben sie gegen das Großprojekt protestiert, es kam zu gewalttätigen Ausschreitungen – Schulen, Geschäfte und öffentliche Einrichtungen blieben geschlossen. Bischof Ochogavía Barahona wurde als Vermittler eingeschaltet. "Die Wut in den Herzen der Menschen steckt tief. Die meisten von ihnen zählen sich zu den Congo, Afro-Antillianer, die einst hier angesiedelt wurden. Ihre Ur-Großväter haben 1914 beim Bau des Panamakanals mitgeholfen. Tausende ließen dabei ihr Leben. Nachhaltig vom Kanal profitiert haben sie nicht, das große Geld landete am Ende immer in den Taschen der anderen." Dank der 82 Kilometer langen Schiffsstraße fließen heute jedes Jahr rund 1,5 Milliarden US-Dollar in die Staatskasse. Die Einnahmen machen das mittelamerikanische Land zum reichsten Staat in der Region. Doch nirgendwo geht die Schere zwischen Arm und Reich so sehr auseinander wie hier.

Die Weltöffentlichkeit kennt das Land mit vier Millionen Einwohnern aus den Nachrichten im Zusammenhang mit den Panama Papers – dazu werden Bilder von modernen Wolkenkratzern gezeigt, die an der Standpromenade in Panama-Stadt in den Himmel wachsen. Von Colón werden die Wenigsten schon einmal gehört haben.

Weltjugendtag in Panama

Panama-Namensschild an der Cinta Costera.
Panama-Namensschild an der Cinta Costera.
Yithzak Yerel mit Edilsa in einem Altenheim der Missionarinnen der Nächstenliebe.
Yithzak Yerel mit Edilsa in einem Altenheim der Missionarinnen der Nächstenliebe.

Im Januar 2019 wird die moderne Skyline der Hauptstadt auch die Kulisse des Weltjugendtages sein. Ein Großereignis, an dessen Organisation auch Yithzak und viele katholische Jugendliche in Colón beteiligt sind. "Natürlich wollen wir, dass der Besuch des Heiligen Vaters ein großer Erfolg wird und alles reibungslos läuft", sagt der junge Mann mit dem freundlich breiten Lächeln. "Aber wir müssen den Weltjugendtag auch dazu nutzen, dass über die Ungerechtigkeit in Panama und in vielen Ländern Lateinamerikas gesprochen wird." Bislang ist geplant, dass rund 200 Jugendliche während der Tage der Begegnung – also bevor Franziskus anreist – in Colón unterkommen sollen. Sie werden bei Familien der Gemeinde wohnen. "Auch, wenn es für viele ein kleiner Schock sein wird, zu sehen, unter welchen Umständen wir hier leben, so ist es doch wichtig für das Verständnis", sagt Yithzak. "Wir werden unsere Gäste einfach an unserem ganz normalen Leben teilhaben lassen und sie zu unseren verschiedenen Projekten mitnehmen." Er will sie zum wöchentlichen Chortreffen und zum Bibelkreis mitnehmen, aber auch zur Armenspeisung auf dem Hauptboulevard und in das Altenheim der Schwestern von Kalkutta (Missionarinnen der Nächstenliebe). "Wir bringen dort Lebensmittel wie Reis, Bohnen und Nudeln mit. Aber die Alten freuen sich auch unglaublich, wenn man einfach nur mit ihnen spricht oder ihre Hand hält", sagt er. Auch Yithzak und seine Mutter wollen fünf Pilger aufnehmen. "Wir haben zwar nur eine kleine Wohnung und es wird ein bisschen eng werden, aber ich bin mir sicher, dass es ein tolles und intensives Erlebnis sein wird."

Text: Gaby Herzog, Fotos: Achim Pohl

Im Rahmen der Adveniat-Weihnachtsaktion 2018 berichten in den Monaten November und Dezember Adveniat-Aktionspartner aus Brasilien, El Salvador, Kolumbien, Nicaragua und Panama, wie sie Verantwortung übernehmen und Jugendlichen Chancen geben. Die Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Kirchen Deutschlands ist für Adveniat und die Hilfe für die Menschen in Lateinamerika und der Karibik bestimmt.