Altöttinger Liebfrauenbote

Die Altstadt von Panama City

Kirchen, Klosterruinen, Kuriosa

Der 34. Weltjugendtag wird kommendes Jahr vom 22. bis 27. Januar in Panama stattfinden. Ein guter Grund für einen Rundgang durch die Altstadt von Panama City – dort beeindrucken Kirchen, Klosterruinen und einige Kuriosa.

Blattgoldaltar in der Kirche San José.
Blattgoldaltar in der Kirche San José.
Ruine des Jesuitenkomplexes.
Ruine des Jesuitenkomplexes.
Die Kirche La Merced im Inneren ...
Die Kirche La Merced im Inneren ...
... und in abendlicher Außenansicht.
... und in abendlicher Außenansicht.

Die Glasschiebetür öffnet und schließt sich automatisch. Wie in einem Supermarkt oder Kaufhaus. Doch hier geht's nicht hinein in einen Konsumtempel, sondern in die Altstadtkirche San Felipe Neri. Als wäre solch ein Empfang nicht befremdlich genug, folgt beim Eintritt der ultimative Frostschock. Im Vergleich zur Schwüle, die draußen die Kleidung auf der Haut kleben lässt, mutet es innen an, als stünde die Klimaanlage auf niedrigster Tiefkühlfachtemperatur. Kein Wunder, dass die freundliche Aufpasserin gut vermummt dasitzt. Gewöhnen mag man sich auf die Schnelle nicht an die klirrende Kälte, sondern sagt sich: Lieber in warmer Kleidung wiederkommen, um intensivere Blicke auf die barocken Dekors zu werfen, die Skulpturen, die Kanzel, die Großkrippe im Hinterraum und die Holzwendeltreppe, die auf die Empore führt.

Panama-City ist ein kurioses Unikat in Zentralamerika - und weit mehr als nur ein gigantisches Steuerschlupfloch und Heimat der "Panama Papers". Der Blick hinaus auf den Pazifik zeigt wartende Schiffe auf die Einfahrt in den Panamakanal, in den modernen Bezirken fressen sich Unmengen an Hochhäusern himmelwärts. Dagegen strapaziert die zum Weltkulturgut zählende Altstadt die Floskel vom morbiden Charme. Begrenzt wird der historische Kern von drei Seiten vom Meer. Mittendrin steckt eine eigene Welt. Eine Welt, in der man durch schmale Gassen schlendert und schmiedeeiserne Balkongitter und Fassaden mit blätterndem Putz bemerkt, was dem aggressiven Seeklima geschuldet ist. So weit, so normal, mag man meinen. Fernab der Maßstäbe von Normalität bewegt sich allerdings das Miteinander der Bausubstanz, eine sonderbare Symbiose aus Alt und Neu. Die Pegelausschläge der Eindrücke bewegen sich zwischen "verrottet", "abgewrackt", "schick renoviert" und "charmant". Plötzlich steht man vor Häusergerippen, aus denen Pflanzen wuchern. Umkurvt fußgroße Löcher auf dem Gehsteig. Blickt zu Balkonen ohne Unterboden auf und baufälligen Gebäuden, die sich einzig mit Hilfe von Metallstützen auf den Beinen halten. Ein paar Schritte weiter tragen Häuser leuchtende Anstriche aus Türkis, Hellgrün. Bringen violette und lila Bougainvilleen, die sich um Balkongitter ranken, weitere Farbe ins Leben. Sind Designerbars und -cafés zu coolen Treffpunkten erwachsen. Stapeln sich in Souvenirgeschäften die berühmten Panamahüte, von denen kein einziger aus Panama stammt. "Alles Importware aus Ecuador", stellt ein Shopbetreiber, der tatsächlich Leider heißt, in aller Offenheit klar.

Ungewöhnlich wie das Altstadtganze an sich kommt das Sakralerbe daher. Der historische Backsteinkomplex der Dominikaner liegt – bis auf die museal eingerichtete Kapelle – in Ruinen. Ebenso jener der Jesuiten. Das Dach fehlt. Das, was einmal der Kirchenbodenbelag war, ist mit Steinchen ausgelegt. Kleine Pflanzenkübel sorgen für Auflockerung im Kies. Komplett verschwunden ist am mauerbefestigten Altstadtrand das Kloster Concepción; einzig der Name "Bollwerk der Nonnen", Baluarte de las Monjas, erinnert noch daran. Über die Zeiten gerettet hat sich ganz in der Nähe an der Plaza Bolívar die Kirche San Francisco. Das lichte Interieur ist modern aufgefrischt, aufs Neue verbreitet die Aircondition eine schier unglaubliche Powerkühle. Das Riesenwandbild im Altarraum steht im Zeichen Mariens, die Buntglasfenster mit ihren geometrischen Motiven sind in Türkis- und Himmelblautönen gehalten. Die Moderne wirkt hier fast etwas zu steril, zu nüchtern. Das ist in der Kirche La Merced, die der Gnadenjungfrau geweiht ist, ganz anders. Die hohen, schlanken Säulen scheinen regelrecht fragil. Das Bauwerk soll, so sagt man, Stein für Stein aus der Vorläuferstadt Panamá Viejo, die der Freibeuter Henry Morgan und die Seinen 1671 überfielen, nach hier gebracht und wiederaufgebaut worden sein.

Der größte Kirchenschatz befindet sich nicht in der Kathedrale, die im Herzstück des Viertels bis auf Weiteres eine Rundum-Restaurierung erlebt, sondern ein paar Straßenzüge entfernt in der Iglesia de San José. In Außenansicht macht die Kirche der Augustiner einen unscheinbaren Eindruck, aber das ist nur Tarnung. Besuchermagnet und Blickfang im Innern ist der mit Blattgold überzogene Hochaltar, der mit einer Legende verknüpft ist. Bevor Henry Morgan zur verhängnisvollen Attacke auf Panamá Viejo blies, entfernte ein Mönch, so heißt es, die wertvollsten Einzelteile des Retabels und versteckte sie im Meer. Als der Piratenkapitän zur Kirchenplünderung eintraf, gab der Mönch vor, der Hochaltar befände sich gerade in umfangreicher Ausbesserung und erbat von Morgan eine Finanzspritze in Höhe von tausend Dukaten. Morgan war beeindruckt von derlei dreister Offensive. "Dieser Bruder ist ein größerer Pirat als ich", entfuhr es dem berüchtigten Waliser. Und gab dem Mönch das Geld.

Eine nette Story, bei der eine andere Version verbürgt, der Mönch habe den goldglänzenden Hochaltar wohlweislich mit Teer überpinselt. Die Infotafel vor dem Altarraum holt auf den Boden der Tatsachen zurück. Zieht man statt des Legendenstoffes die Fakten heran, besagen diese, dass das Retabel aus späterer Zeit stammt, dem 18. Jahrhundert, und erst 1915 seinen Blattgoldüberzug erhielt. Die fünf Bildnisnischen des Hochaltars zeigen den heiligen Josef, Augustinus, Thomas von Villanova, Clara von Montefalco und "Unsere liebe Frau des Trostes", Nuestra Señora de la Consolación. Ventilatoren, elektrische Kerzenkästen und Buntglasfenster, die Heilige wie Augustinus und Rita von Cascia zeigen, komplettieren die Eindrücke.

Bleibt zu guter letzt beim Altstadtspaziergang die Rückkehr ins erschlagend kalte Oratorium San Felipe Neri. Und zwar mit Jacke und Halstuch.

Text und Fotos: Andreas Drouve