Altöttinger Liebfrauenbote

Die Deckengemälde von St. Pankratius und Bonifatius in Bingen sind ein Spiegel des Glaubens

Kräuterwiese an der Kirchendecke

Als "Kräuterkirche" ist sie inzwischen bundesweit bekannt, die Pfarrkirche im Binger Stadtteil Gaulsheim. Diesen Ruhm verdankt das neugotische Gotteshaus seinen in den 1970er-Jahren entstandenen Deckengemälden. Sie zeigen gut 40 verschiedene Pflanzen und Kräuter, die bis heute im sogenannten Würzwisch erscheinen: einem zu Mariä Himmelfahrt (15. August) gebundenen Strauß, der zum Fest feierlich gesegnet und anschließend zu Hause getrocknet und aufbewahrt wird. Dem Volksglauben nach soll er Blitz und Hagel abhalten.

Blick auf das Chorkreuz in der Kirche St. Pankratius und Bonifatius in Bingen; im Hintergrund ist ein Deckenfresko mit Ähren zu sehen.
Blick auf das Chorkreuz in der Kirche St. Pankratius und Bonifatius in Bingen; im Hintergrund ist ein Deckenfresko mit Ähren zu sehen.

Der romanische Turm aus dem 12. Jahrhundert trägt heute eine schicke barocke Haube. Er ist der Kern der neugotischen Kirche inmitten von Gaulsheim, die Ende des 19. Jahrhunderts der Kölner Erzdiözesanbaumeister Heinrich Renard (1868-1928) geschaffen hatte, dessen bedeutendster Bau die Marienkirche auf Jerusalems Berg Zion ist. "Hildegard von Bingen", sagt Jan Frerich, "hat den alten Kirchturm bestimmt gesehen". Die vielleicht bedeutendste Frau des Mittelalters, die hier zuhause war. Für sie waren die gleichsam vor der Haustür wachsenden Pflanzen Füllhorn eines gesunden und erfüllten Lebens.

Das sieht auch Jan Frerich so, der junge Familienvater, der im franziskanischen Geist Besucher gern durch die Kirche führt. Fünf Jahre lebte er im Kloster, doch der Wunsch nach einer Familie war stärker. Heute ist er Journalist und Buchautor, Chorleiter, Organisator von Einkehrtagen und Erlebniswanderungen, und als Mitglied des Dritten Ordens der franziskanischen Familie noch immer eng mit den Ideen des Ordensgründers verbunden.

"Wir sind aufgeklärt und in gewisser Hinsicht auch abgeklärt", meint der gebürtige Bonner, der sich nicht nur im Pfarrgemeinderat für seine neue Heimat in Bingen engagiert. "Scheinbar haben wir alles unter Kontrolle". Trotzdem spüre er bei vielen Menschen eine tiefe Sehnsucht nach eigener Lebenserfahrung. "Wir sollten mehr das Neue im Alten sehen, das Christentum wieder vom Kopf auf die Füße stellen". So wie die Pflanzen, schiebt er nach, die ihre Wurzeln im Boden haben, auch wenn sie oben die schönsten Blüten zeigen. "In der Natur begegnen wir Gott. Wir müssen nur die Tür aufmachen."

"Für unsere Urväter war die Natur nie Kulisse, sondern ein beseelter Spiegel des eigenen Daseins"

Blick von außen auf die Kirche St. Pankratius und Bonifatius in Bingen.
Blick von außen auf die Kirche St. Pankratius und Bonifatius in Bingen.
Etwa 40 verschiedene Kräuter und Pflanzen zieren die Deckengewölbe der "Kräuterkirche".
Etwa 40 verschiedene Kräuter und Pflanzen zieren die Deckengewölbe der "Kräuterkirche".

Das war auch Gaulsheims Pfarrer Hans Laik und seinen Mitstreitern bewusst, als sie Ende der 1970er-Jahre die Deckengewölbe ihrer Kirche mit den Kräutern und Pflanzen ausmalen ließen, die in Rheinhessens Sommer reiften und zum Fest Mariä Himmelfahrt zu einem bunten Strauß gebunden und geweiht wurden. "Für unsere Urväter war die Natur nie Kulisse, sondern ein beseelter Spiegel des eigenen Daseins". Das gelte auch heute noch, meint Frerich, der für mehr Spiritualität im Leben kämpft. "Alles beginnt in der Natur. Sie ist die erste Bibel. Erst dann kommt die Heilige Schrift." Schon in vorchristlicher Zeit hätten die Menschen den Kräutern bestimmte Kräfte zugemessen.

Später nutzte die Kirche dieses Wissen, schrieb die Heilkräfte aber Gott oder Marias Fürsprache zu. Nach der Legenda aurea, dem populärsten religiösen Volksbuch des Mittelalters, wurde auf Weisung eines Engels dem Leichnam Mariens eine Palme vorangetragen. Als Christus selbst drei Tage nach dem Tod seiner Mutter auf Erden erschien, um sie auf ihrem Weg in den Himmel zu begleiten, heißt es in derselben Legende, habe sich ein unaussprechlicher Duft verbreitet. Jünger ist die Legende, dass man bei der Öffnung des Mariengrabes lauter Rosen vorgefunden habe.

Zu einem Lob der Pflanzen war also genügend Anlass. Besondere Heil- und Segenskraft maß das Volk den Kräutern im sogenannten "Frauendreißiger" zu, der Zeit zwischen Mariä Himmelfahrt (15. August) und Mariä Namen (12. September). Einer Legende nach segnet die Gottesmutter in dieser Zeit die Erde. Die in dieser Spanne gesammelten Kräuter, so war man sich sicher, übertreffen mit Ausnahme der zur Sommersonnwende gepflückten Johanniskräuter alle anderen an Kraft. Auch ließ man die Kräuter gern in Klosterkirchen weihen, denen man eine größere Weihekraft zubilligte. Am segensreichsten galten Kräuter, die man vor ihrer Weihe unter das Altartuch gelegt hatte. Kein Wunder, dass die Kräuterweihe schließlich auch Kritik erntete. "An unser frawen himmelfart da tregt alle welt obs / büschel allerley kreuter / in die kirchen zu weihen / für alle sucht und plag uberlegt / bewert. Mit disen kreutern geschicht seer vil zauberey", schimpfte Sebastian Franck in seinem Brauchbuch 1534. Praktiken wie das Verstecken der Kräuter unter dem Altartuch wurden deshalb verboten, bis heute dürfen sie deshalb nur noch neben dem Altar postiert werden.

Auch in Gaulsheim werden die Kräutersträuße jedes Jahr neu gebunden und geweiht. Verwendet werden dabei gewöhnlich die Pflanzen, die sich heute an der Kirchendecke finden und die vor Jahrhunderten noch in fast jede Hausapotheke gehörten. So wie die Schafgarbe, die im Volksmund als Bauchwehkraut bekannt war und bei Verdauungsbeschwerden ebenso half wie bei Blutungen und Verwundungen. Ihre vielen kleinen Blättchen sollten zudem den im Volksglauben von unbändiger Zähllust besessenen Teufel verleiten, sich ständig zu verzählen und so all seine Niedertracht zu vergessen.

"Bauchwehkraut" und "Herrgottsblut"

Echtes Labkraut (v.l.), Berg-Flockenblume, Sonnenblume.
Echtes Labkraut (v.l.), Berg-Flockenblume, Sonnenblume.
Wasserminze (v.l.), Klatschmohn, Baldrian.
Wasserminze (v.l.), Klatschmohn, Baldrian.

Zur Teufelsvertreibung wurde einst auch das Johanniskraut verwendet. Dem Fürst der Finsternis entstammten angeblich die kleinen Löcher in seinen Blättern, der sie aus Wut über die Macht, die man dem Kraut im Kampf gegen ihn zusprach, mit Nadeln zerstochen habe. Andere Legenden sprachen die heilbringende Kraft Christi Blutstropfen zu, welche die Stängel der Pflanze unter dem Kreuz aufgefangen hätten, weshalb es im Volksmund auch als "Herrgottsblut" bekannt war. Die antidepressive und blutdrucksenkende Wirkung des Johanniskrauts schätzt man bis heute.

Auch die Goldrute (Goldraute) in der hintersten Ecke der "Kräuterkirche" ist noch immer ein beliebtes Naturheilmittel – etwa in Form harntreibender Tees. Die Wegwarte an der Kirchendecke nebenan, die blau blüht und mehr als einen Meter hoch werden kann, diente früher oft als Kaffeeersatz. Heute setzen sie Naturheilkundler bei Erkrankungen der Milz, Leber oder Galle ein. Ihren Namen erklärten die Christen früher mit der Geschichte, dass der junge Jesus eines Tages eine auf ihren Bräutigam wartende Braut getroffen habe. Als deren Mann aber tatsächlich kam, hätte er nur noch eine Wegwarte gefunden, die erst wieder in eine Frau verwandelt werden soll, wenn Jesus eines Tages zurück zur Erde komme.

Bei Durchfall und Hauterkrankungen, vor allem aber zur Stillung des Blutflusses war der Blutweiderich gefragt, der sich in Gaulsheims "Kräuterkirche" neben dem Tausendgüldenkraut findet. Weil es inzwischen unter Naturschutz steht und deshalb nicht mehr gepflückt werden darf, fehlt es heute in den Kräutersträußen. Auch sind Kräuter wie Baldrian oder Kamille angesichts des Klimawandels zu Mariä Himmelfahrt oft schon verblüht. Kein Wunder, dass sich in den Würzwischen immer mehr Gartenblumen finden. Vielen Kräutern auch, vor allem denen die als Unkraut gelten, hat man schlicht ihren Lebensraum genommen. "Wenn man ihnen aber keinen Platz mehr gibt", warnt der Franziskaner Frerich, "verschwinden sie endgültig".

Die meisten der Pflanzen an Gaulsheims Kirchendecke hat schon die einst in Bingen lebende Heilige Hildegard zur Linderung von Schmerzen und Krankheiten empfohlen. So kam in ihrem Kloster der schon im Alten Testament erwähnte Wermut, der die Durchblutung fördert, zum Einsatz. Auch saftige Braten wurden zur Verdauungsförderung gern mit einem Bündel Wermut bestückt. Auch Liebstöckel, im Volksmund noch heute als Maggikraut bekannt, war ein wichtiger Helfer in ihrer Küche. Mit Mehl, Fenchel und Brennessel verbacken, tischte man ihn als Brot bei Magenbeschwerden auf.

Aktuelles Mahnmal christlichen Glaubens

Die Königskerze ist immer der Mittelpunkt aller zu Mariä Himmelfahrt gebundenen Kräuterbuschen.
Die Königskerze ist immer der Mittelpunkt aller zu Mariä Himmelfahrt gebundenen Kräuterbuschen.

Frische Blätter des gelben blühenden Alants legte Hildegard in Wein ein, um damit den Husten zu lindern. Und hoch im Kurs in ihrer Gesundheitsküche stand auch der Beifuß, der heute gern als Unkraut betrachtet wird. Bis ins 18.Jahrhundert verlieh er Wild und Geflügel ebenso Aroma wie Salaten und Soßen. Getrocknete Klatschmohnblüten dienten in Wasser aufgekocht der Entspannung – ebenso wie Kamille oder Baldrian, die sich ebenfalls an Gaulsheims Kirchendecke finden.

"In ihrer Mitte", sagt Jan Frerich, "steht die Königskerze." Sie wird traditionsgemäß inmitten des Kräuterstraußes gebunden. Mit ihrer Größe wies sie den Weg zum Himmel, in dem sich nach christlicher Auffassung das Paradies findet. Hildegard von Bingen kannte die Königskerze als "wullena", als Wollblume, und tröstete mit ihrem daraus gewonnenen Tee das "traurig Herz" ihrer Mitmenschen. Als "Himmelsbrand" trug Maria im Volksglauben die Krankheit abwehrende Königskerze über das Land, die heute wegen ihrer schleimlösenden Wirkung gern auch Hustenteemischungen beigefügt wird.

Alle Pflanzen, die ganze Natur, gibt uns Jan Frerich mit auf den Heimweg, sei der Ort der Gegenwart Gottes. "Leider ist dieses Bewusstsein verloren gegangen oder zumindest ganz stark eingeschränkt. Jedes Jahr", ergänzt der Franziskaner, "verschwinden zahllose Pflanzenarten, die so für immer verloren sind. Dann können sie auch die Existenz Gottes nicht mehr vermitteln". So betrachtet ist Gaulsheims "Kräuterkirche" ein aktuelles Mahnmal christlichen Glaubens – eines, das so Frerich, das "heilige Feuer" neu entfachen könnte.

Text und Fotos: Günter Schenk

Informationen: Kräuterkirche Sankt Pankratius und St. Bonifatius, Mainzer Str. 391, 55411 Bingen-Gaulsheim. Die Kirche ist tagsüber gewöhnlich geöffnet und kann immer rund um die Gottesdienstzeiten besichtigt werden. Wer an einer Führung interessiert ist, meldet sich per E-Mail unter anfrage@kräuterkirche.de, die Internet-Adresse lautet www.kräuterkirche.de.

Segensgebet zur Kräuterweihe

"Lasset uns beten. Herr, unser Gott, du hast Maria über alle Geschöpfe erhoben und sie in den Himmel aufgenommen. An ihrem Fest danken wir dir für alle Wunder deiner Schöpfung. Durch die Heilkräuter und Blumen schenkst du uns Gesundheit und Freude. Segne diese Kräuter und Blumen. Sie erinnern uns an deine Herrlichkeit und an den Reichtum deines Lebens. Schenke uns auf die Fürsprache Mariens dein Heil. Lass uns zur ewigen Gemeinschaft mir dir gelangen und dereinst einstimmen in das Lob der ganzen Schöpfung, die dich preist durch deinen Sohn Jesus Christus in alle Ewigkeit."