Altöttinger Liebfrauenbote

Zum Geburtstag des hl. Vinzenz von Paul am 24. April

Auf den Spuren eines Heiligen

"Indem wir den Armen dienen, dienen wir Jesus Christus!" Kaum ein anderer Satz von ihm bringt derart kurz und prägnant die Haltung und das Vermächtnis des heiligen Vinzenz von Paul (1581-1660) auf den Punkt. Er selbst gab das Vorbild tätiger Nächstenliebe und Wohltätigkeit ab, um sich für die Ärmsten, Kranken, Notleidenden einzusetzen. Am 24. April 1581 wurde der Heilige in Pouy, heute Saint-Vincent-de-Paul in der Nähe von Dax in der Gascogne geboren.

Fenstermotiv in der Kapelle in Saint-Vincent-de-Paul in der Nähe von Dax in der Gascogne: Der junge Vinzenz schenkt einem Bettler den Inhalt seiner Geldbörse.
Fenstermotiv in der Kapelle in Saint-Vincent-de-Paul in der Nähe von Dax in der Gascogne: Der junge Vinzenz schenkt einem Bettler den Inhalt seiner Geldbörse.

Sein Einsatz galt Kriegsopfern ebenso wie Galeerensträflingen und Findelkindern. Glaubens- und Sozialpraxis nahtlos miteinander zu verbinden, das war für Vinzenz von Paul selbstverständlich. Dabei schreckte er auch nicht vor Appellen zurück, die niemand anders so auszudrücken vermochte wie er. "Meine Schwestern! Ihr müsst Folgendes wissen", richtete er sich einmal an die von ihm und Louise de Marillac im Jahre 1633 begründeten Vinzentinerinnen, denen die Versorgung Hilfsbedürftiger oberstes Anliegen war, "wenn ihr das Gebet und die heilige Messe verlasst, um den Armen zu dienen, verliert ihr nichts, da es dasselbe bedeutet wie zu Gott zu gehen." Und, etwas ausführlicher: "O meine Schwestern, wie wahr das stimmt! Ihr dient Jesus Christus in der Gestalt der Armen, und das ist genauso wahr, wie dass wir hier sind. Wenn eine Schwester zehn Mal am Tag die Kranken besucht, dann wird sie zehn Mal am Tag Gott treffen. Geht doch arme gefesselte Sträflinge besuchen, so werdet ihr dort Gott finden. Dient diesen armen Kindern, so werdet ihr Gott finden. Ihr geht in arme Häuser, aber ihr werdet dort Gott finden."

Reise zu seinem Geburtsort

Wiederaufbau des Geburtshauses des heiligen Vinzenz von Paul in Außenansicht.
Wiederaufbau des Geburtshauses des heiligen Vinzenz von Paul in Außenansicht.

All den Spuren des Vinzenz von Paul folgen zu wollen, hieße, kreuz und quer durch sein Heimatland Frankreich zu reisen. In den Süden nach Toulouse, wo er 1597 sein Studium der Theologie aufnahm. In die Dordogne nach Château l'Évêque, wo er bereits im Alter von 19 Jahren die Priesterweihe empfing. In den Osten nach Châtillon-sur-Chalaronne, dem vormaligen Châtillon-les-Dombes, eine seiner Stationen als Pfarrer. Oder nach Paris, wo er früh tätig war und 1660 auch verstarb. Dort, wo der Geist, die Gegenwart des Heiligen bis heute auf ganz besondere Art nachwirken, das ist in Südwestfrankreich in der Nähe des Thermalstädtchens Dax. Dort stammte Saint Vincent de Paul, wie er auf Französisch heißt, her. Dort wurde er am 24. April 1581 als drittes von sechs Kindern in eine arme Familie hineingeboren und verbrachte Kindheit und Jugend, bis er 1595 nach Dax aufbrach, wo er im Kolleg der Franziskaner zu studieren begann. "Ich bin der Sohn eines Bauern, ich habe Schweine und Kühe gehütet", erinnerte er sich später. Die einfachsten Verhältnisse, aus denen er stammte, sollten ihn ein Leben lang erden. Auch das, was daheim auf den Tisch kam, vergaß er nicht. "Im Lande, aus dem ich stamme, ernährt man sich von einem kleinen Korn, das Hirse heißt und das in einem Topf gekocht wird."

Berührende Stimmung

Blick in das nachempfundene Geburtszimmer des Heiligen.
Blick in das nachempfundene Geburtszimmer des Heiligen.
Im "Zimmer der Jungen": Büste des Heiligen, die seiner Totenmaske nachgebildet wurde.
Im "Zimmer der Jungen": Büste des Heiligen, die seiner Totenmaske nachgebildet wurde.
Kleine Reliquienvitrine, unter anderem mit Schuhen des Heiligen.
Kleine Reliquienvitrine, unter anderem mit Schuhen des Heiligen.

Die Straßenschilder bei Dax weisen den Weg zum "Berceau de Saint Vincent de Paul". "Berceau" bedeutet Wiege, Geburtsstätte. Und die lag in einem vormals einsamen Bauernhaus namens Ranquines im Dorf Pouy, das längst den Namen seines berühmtesten Sohnes trägt, Saint-Vincent-de-Paul. Das kleine, gedrungen wirkende Anwesen ist in Fachwerkstil gehalten, der Zutritt frei. Hinter der Schwelle öffnet sich ein Interieur aus Holz. Für die Selbsterkundung liegen Besuchermappen in mehreren Sprachen aus, auch auf Deutsch. Um keine falschen Erwartungen zu wecken, wird von Beginn an klargestellt, dass sich der Ursprungsbau nicht über die Jahrhunderte hat retten können.

An selber Stelle erhebt sich ein nachempfundenes Haus, für das, wie es heißt, "die Wände aus Stroh und Lehm geopfert wurden" und Terracotta den Bodenbelag aus gestampftem Lehm abgelöst hat.

Obgleich also "nur" ein Wiederaufbau, überrascht, dass man sich von der Stimmung, der Stille in den Räumen sogleich ummantelt, berührt fühlt. Es ist ein Mikrokosmos aus Holzbalken, kleinen Räumen, winzigen Fenstern. Spärlich fällt das Naturlicht ein. Beschriftungen weisen die Küche aus, das Eltern- und das Mädchenzimmer, das "Zimmer des Ältesten", der dem Vater nachfolgen sollte. Im "Zimmer der Jungen" kam man über eine Leiter auf den Dachboden, wo Getreide und Heu aufbewahrt wurden; der Dachboden reichte über das ganze Haus.

Im Jungenzimmer zieht eine Büste des Heiligen die Blicke auf sich, nachgebildet seiner Totenmaske. Darunter bewahrt eine Vitrine kleine Angedenken an Vinzenz von Paul: ein Kreuz, vor dem er betete, das Fragment eines Kleidungsstücks, mit dem er begraben wurde, und Schuhe, die Anna von Österreich, die Gemahlin von König Ludwig XIII., für ihn hatte machen lassen, "damit Vinzenz so lange wie nur möglich die Menschen am Rande besuche, ermutige, auf ihre eigenen Beine bringe", wie dem Rundgangführer zu entnehmen ist. Im selben Raum ist überdies die Kopie eines Briefes ausgestellt, den er als knapp 30-Jähriger an seine Mutter verfasste und einen strebsamen Mann bezeugt, der eigentlich hatte Karriere machen wollen und immer noch Ehre und Güter im Blick hatte und hoffte, bald solche zu erlangen ("die Mittel für eine ehrenvolle Pension, mit der ich den Rest meiner Tage in der Heimat verbringen kann").

Erst Jahre später sah sich Vinzenz derart einschneidend mit materieller und spiritueller Armut konfrontiert, dass er beschloss, mit seinem ganzen Leben Partei für die Armen zu ergreifen. Als Pfarrer von Châtillon-les-Dombes gründete er 1617 die erste Bruderschaft der Barmherzigkeit.

Liebe und Herz für die Armen

Plötzlich ist eine ältere Dame da. Sie stellt sich als Schwester Jacqueline vor und räumt in der Wohnstube ein wenig den Tisch auf. Heute sei eine Besuchergruppe von den Philippinen hier gewesen, entschuldigt sie sich. Jacqueline spricht Deutsch, stammt aus Lothringen und steht als Vinzentinerin in der Nachfolge des Heiligen, der als Begründer der neuzeitlichen Caritas anzusehen ist. Ungeschönt erzählt Jacqueline von der Not der Migranten aus Somalia, um die sie sich gerade kümmert. "Sie haben gesehen, wie ihre Kinder getötet wurden. Schreckliche Schicksale", sagt sie. Dann führt sie den Fremden in Vinzenz' Geburtszimmer, wo man sich in ein Gästebuch eintragen kann, und hält ihn an, die Kapelle schräg gegenüber vom Bauernhaus zu besuchen. Drinnen zeigen Buntglasfenster Szenen aus dem Leben des Heiligen, hoch über dem Eingangsportal ist er als Steinfigur mit einer einladenden Geste zugegen, die der Text in der Besuchermappe herausstellt: "Es ist eine symbolhafte Geste dessen, der seine Hände und sein Herz für die Armen geöffnet und ihnen voll Liebe gedient hat."

Text und Fotos: Andreas Drouve