Altöttinger Liebfrauenbote

Die Astronomische Uhr im Dom zu Münster soll im Mai zum Katholikentag wieder zu sehen sein

Altes sichtbar machen

Halb zehn im Sankt Paulus Dom. Die Bautür an der Plane im Seitenschiff quietscht verhalten, dahinter ist das rythmische Ticken der großen Astronomischen Uhr zu hören. Gleichmäßig, beharrlich. Seit rund 500 Jahren tut sie das – nur ist das rund 17 Quadratmeter große Kunstobjekt momentan nicht zu sehen. Im Zuge der Domsanierung vor sechs Jahren nahmen Experten auch die Uhr genauer in Augenschein und befanden, dass sie eine Restaurierung benötigt. Zum letzten Mal wurde in den 1950er-Jahren Hand angelegt. Zum Katholikentag im Mai soll sie wieder zu sehen sein.

Sonst verdeckt von vielen technischen Details, können nach deren Abbau die Restauratoren ungestört an den Malereien des Ziffernblattes arbeiten.
Sonst verdeckt von vielen technischen Details, können nach deren Abbau die Restauratoren ungestört an den Malereien des Ziffernblattes arbeiten.
Restauratorin Margit Schlüter und Großturmuhrenmeister Gernot Dürr besprechen weitere Arbeitsschritte an der Astronomischen Uhr im Dom zu Münster.
Restauratorin Margit Schlüter und Großturmuhrenmeister Gernot Dürr besprechen weitere Arbeitsschritte an der Astronomischen Uhr im Dom zu Münster.

Die sonst verschlossene Holztür im Uhrenkasten steht offen, Gemurmel ist von oben zu hören. Nach oben führt eine Eisenleiter, eng an der Wand. Sie endet in einer schmalen Luke. Turnschuhe hängen über der Kante. Hier im Verborgenen sind momentan Spezialisten am Werk. Sie arbeiten am Herz der Uhr. Oben erlaubt es der Quadratmeter gerade einmal, dass sich ein groß gewachsener Mann wie Großuhrenmacher Gernot Dürr umdrehen kann. Dann steht er mit der Nase dicht vor dem Uhrwerk, inmitten von Pendeln und Zahnrädern. Rundherum Klackern und Klicken. Mit einem Mitarbeiter ist Dürr von Rothenburg ob der Tauber nach Münster gereist. "Für eine solche Arbeit fahren wir gerne ins Münsterland. Denn das bekommen wir auch nicht alle Tage zu sehen." Dürr hatte letztes Jahr die Zeiger der Uhr abmontiert – das Uhrwerk durfte dabei nicht stehenbleiben. Dürr benötigte zehn Minuten, wie er schmunzelnd verrät – die umherstehenden hätten den Atem angehalten. Und die Uhr tickte weiter, als sei nichts gewesen.

Damit Besucher und Touristen sie pünktlich zum Katholikentag im Mai wieder in Gänze sehen und ihr Glockenspiel anschauen können, hat das Restauratorenteam um Margit Schlüter an der Astronomischen Uhr noch viel zu tun. Sie müssen zügig arbeiten, erklärt die zierliche Frau mit Brille und dunkelblauem Fleecepulli: "Aber das ist nicht leicht, denn vor allem brauchen wir Geduld. Wir möchten zeigen, was die früheren Künstler mit dieser Uhr geschaffen haben und das wieder hervorholen. Es geht nicht darum, etwas wieder schön anzumalen. Sondern das Ursprüngliche sichtbar zu machen." Und so beginnen Schlüter und ihr Team schon seit vielen Wochen täglich pünktlich nach Beendigung der Frühmesse um neun Uhr die Arbeit. Zwei Gerüst-Ebenen wurden vor der Uhr aufgebaut, verhangen durch eine rund acht Meter hohe Plane. Auf einem Monitor wird Besuchern mit Hilfe einer Zeitschaltuhr pünktlich um zwölf Uhr Mittag das bekannte Spiel der Uhr gezeigt: die Figuren der Heiligen Drei Könige treten heraus und verneigen sich vor Maria und dem Jesuskind. Ihr Rundgang wird vom Glockenklang begleitet. Zur vollen Stunde trompetet das "Tutenmännchen", zum Stundenviertel dreht der Zeitgott Chronos seine Sanduhr. All diese Figuren befinden sich in Werkstätten zu Restaurierung, lediglich der mechanische Arm des "Tods" schlägt verhalten seine kleine Glocke, das Skelett befindet sich im Atelier. Ebenso der Zeitgott Chronos, der normalerweise daneben steht. Seine Sanduhr dreht sich gerade nicht, normalerweise erinnert sie alle 15 Minuten an den Tod.

In ihrer Form einmalig

Langwierige Recherchen der Kunsthistoriker forschen auch an den Inhalten des Gemäldes; und so kam heraus: An dieser Stelle im Gemälde hat sich der Künstler Ludger tom Ring selbst verewigt.
Langwierige Recherchen der Kunsthistoriker forschen auch an den Inhalten des Gemäldes; und so kam heraus: An dieser Stelle im Gemälde hat sich der Künstler Ludger tom Ring selbst verewigt.
Millimeterarbeit mit feinsten Werkzeugen ist angesagt bei der Retusche der uralten Bildinhalte.
Millimeterarbeit mit feinsten Werkzeugen ist angesagt bei der Retusche der uralten Bildinhalte.

Die Uhr war einst von sehr großer Bedeutung; denn früher war es die Aufgabe des Klerus, die Termine der religiösen Feste zu bestimmen. Dafür bedurfte es genauer astronomischer Kenntnisse, besonders um die terminlich wechselnden Feiertage anhand von Mondverlauf und Sternenbildern festzulegen. Heute noch richtet sich der liturgische Kalender danach. "Die Uhrzeit, die Tierkreiszeichen und die Planeten, alle sind miteinander verbunden."

Für Diözesankonservator Udo Grote ist die Astronomische Uhr etwas ganz Besonderes. "Sie ist ein faszinierendes Kunstobjekt, weltweit einmalig in dieser Form. Mit ihren komplexen Mechanismen, die alle ineinandergreifen – bis heute, geschaffen in der Renaissance. Das ist sehr bemerkenswert." Die Arbeit der Fachleute geht über die übliche Restaurierung hinaus - Grote hat sich Experten ins Team geholt, wie den Bremer Günther Oestmann, Fachmann auf dem Gebiet der Astronomie und der mathematischen Geographie. "Wir wollten – wenn wir uns nun schon herantrauen an so viele Details, auch alles festhalten und dokumentieren." Denn Aufzeichnungen von der Uhr gab es bisher nicht, weder vom Gemälde hinter dem Ziffernblatt, noch von der Mechanik der Uhr.

Die hat es in sich, musste auch Gernot Dürr feststellen. Kleinste Details, wie Schrauben oder Scheiben, haben über Jahrzehnte und länger ihre Spuren im Material hinterlassen. "Würde man sie einfach ersetzen, greift vielleicht nichts mehr ineinander." Für Dürr heißt es darum, das eine oder andere Teilchen der Uhr mit in seine Rothenburger Werkstatt mitzunehmen, "denn dort habe ich die Maschinen, um die benötigten Teile entsprechend zu bearbeiten und anzupassen." Immer wieder klettert er an diesem Vormittag hinter das Kalendarium, das sich seitlich des Ziffernblattes befindet und schaut, ob sich die Drehachsen der einzeln beschrifteten und beweglichen Hölzer im Rythmus der Uhr korrekt bewegen. Knifflige Kleinstkorrekturen sind nötig.

Bis auf die unterste Schicht

Hier oben ist es eng: Hinter dem Ziffernblatt befindet sich das Herzstück, das Uhrwerk der Astronomischen Uhr. Es schlägt auch während der Restaurierung weiter.
Hier oben ist es eng: Hinter dem Ziffernblatt befindet sich das Herzstück, das Uhrwerk der Astronomischen Uhr. Es schlägt auch während der Restaurierung weiter.
Zur Zeit ist nur ein Bild der Uhr zu sehen, ein Monitor zeigt um zwölf Uhr das Figurenspiel.
Zur Zeit ist nur ein Bild der Uhr zu sehen, ein Monitor zeigt um zwölf Uhr das Figurenspiel.

Die Zeiger wurden im vergangenen Jahr abmontiert, damit an der Bemalung des drei Meter hohen Ziffernblattes gearbeitet werden kann. Auch das Rete, die 110 Kilogramm schwere Scheibe, auf der sonst der Verlauf der Sterne zu sehen ist, befindet sich in einer der Werkstätten. Und so kann unter Tageslichtstrahlern am Gemälde gearbeitet werden. Margit Schlüter vermutet unter der alten Schicht der Farben vom Maler und Künstler der Uhr, Ludger tom Ring, eine alte Darstellung der Sterne unter der Weltkarte. Darum muss noch ein mobiles Röntgengerät Klarheit bringen. Für Margit Schlüter eine spannende Arbeit: "Man weiß nie, was einen da erwartet, das macht es einmalig." Erst danach steht der nächste Arbeitsschritt an: die Nacharbeit der Farben. Auch das wird mit großer Präzision geschehen. Und so tragen die Restauratoren mit Wattestäbchen, Skalpell und feinsten Pinseln die Firnis ab, den farblosen Überzug, den frühere Restauratoren benutzten, um Farben zu schützen und dem Bild Tiefenwirkung zu verleihen. An einigen Stellen hat dieser Überzug über die Jahre seine Klarheit verloren, die Schicht ist gelblich geworden und verfälscht die ursprüngliche Ausstrahlung des Kunstwerks. Inzwischen leuchtet der Zahlenkranz wieder in einem kräftigen Blau; in den 1950er-Jahren war er schwarz übermalt worden.

Margit Schlüter aber sitzt die Zeit im Nacken. Eigentlich, so sagt sie selbst, müsste man noch viel mehr Zeit einplanen, um das riesige Gemälde gründlicher zu untersuchen. "Wir entdecken oft noch Neues, tauchen ein in die Arbeits- und Materialwelt von damals." Doch mehr noch: Schlüter reizen die Geschichten hinter den Bildern: wer ist dargestellt? Wer hat sich selbst verewigt? Auch das wird im Rahmen einer Dokumentation zum Gemälde aufgegriffen. "Die waren damals ziemlich selbstbewusst und nun ist es spannend an den Gesten und der Mimik rauszufinden, wer die einzelnen Personen im Bild sind."

Kling! Die Glocke des "Tods" kündigt die Mittagspause an. Es ist viertel vor zwölf, gleich beginnt die heilige Messe. Knarren auf den Gerüstböden und hinter der Uhr. Der Tageslichtscheinwerfer wird ausgeschaltet. Nur die Uhr tickt weiter. So, wie immer.

Text und Fotos: Judith Bornemann

Mehr Informationen zum Dom unter www.paulusdom.de, zum Katholikentag unter www.katholikentag.de.