Altöttinger Liebfrauenbote
Die Wolfgangspilger aus Altötting (siehe Text unten) am zweiten Tag kurz vor Mondsee – im Hintergrund der Schafberg.
Die Wolfgangspilger aus Altötting (siehe Text unten) am zweiten Tag kurz vor Mondsee – im Hintergrund der Schafberg.

Die Galler-Kapelle erinnert an die 150-jährige Tradition der Wallfahrten von Bayern nach St. Wolfgang

Stein gewordene Erinnerung

Seine weite Bekanntheit hat der Ort am Wolfgangsee im oberösterreichischen Salzkammergut vor allem durch die Operette "Im Weißen Rössl" aus den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts und dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1960. Was nur wenige wissen: Für die Katholiken in Altbayern ist St. Wolfgang seit Jahrhunderten ein beliebter Wallfahrtsort. Von Regensburg her führt ein uralter Pilgerweg über Altötting an den See in Oberösterreich.

Die Galler-Kapelle bei Ecking im Holzland.
Die Galler-Kapelle bei Ecking im Holzland.
Das Altarbild in der Galler-Kapelle ist dem heiligen Wolfgang gewidmet.
Das Altarbild in der Galler-Kapelle ist dem heiligen Wolfgang gewidmet.

Jährlich treffen sich zum Beispiel die St.-Wolfgangspilger aus Altötting und Umgebung (siehe Text unten) an der Galler-Kapelle in der Pfarrei Reischach im Holzland zu einem Rosenkranz. Vier Bauernsöhne, und zwar Sebastian Konrad, Josef Galler, Peter Untermaierhofer und Sebastian Trager haben sich 1868, also genau vor 150 Jahren, das erste Mal aufgemacht, um nach St. Wolfgang im Salzkammergut zu pilgern. Drei volle Tage dauerte damals der Fußmarsch und nicht minder lang war zunächst der Rückweg, zumal die Bahnlinie im Inntal und dann weiter nach Oberösterreich erst 1871 in Betrieb ging. Sie erlaubte in den folgenden Jahren eine Zeitverkürzung auf der Rückfahrt durch das oberösterreichische Innviertel.

Die ältesten der Pilger merkten im Lauf der Jahrzehnte, dass es ihre körperlichen Kräfte bald nicht mehr erlauben würden, den weiten Weg nach St. Wolfgang zu Fuß zurückzulegen. Allein von Reischach aus beträgt die einfache Wegstrecke rund 125 Kilometer. "So versprachen sie, dem Herrgott zu Ehren, dem heiligen Wolfgang eine Kapelle zu bauen, wenn sie, die vier Ältesten, ihr Wallfahrtsziel zum 40. Mal erreichen und wohlbehalten heimkehren sollten", hat der langjährige Pilgerführer und ehemalige Landtagsabgeordnete Stefan Jetz aus Altötting festgehalten.

Im Jahr 1908 war es soweit. Das Versprechen wurde eingelöst, wie eine kleine Gedenktafel an der Stirnseite der Kapelle erinnert. Stefan Jetz in einer kleinen Broschüre, die er zur Geschichte der Kapelle verfasst hat: "Der Hörl-Bauer stellte den Grund zur Verfügung. Die Bauherren waren die Gütlerseheleute Josef und Anna Galler." Sie stellten die Ziegelsteine aus einem abgebrochenen Kuhstall zum Kapellenbau zur Verfügung. Als Maurer arbeitete Johann Galler aus Reischach. Und die anderen Mitpilger und zum Teil schon deren Söhne halfen beim Bau tatkräftig mit. Sie unterstützten das Werk auch finanziell, um somit ihr Gelübde zu erfüllen.

Der altbayerische Wallfahrtsort Altötting bildet indes immer noch das Zentrum eines Pilgerwegenetzes, was in der Karte "Pilgerwege ins Herz Bayerns" deutlich wird. Es beinhaltet den "Jakobsweg Böhmen-Bayern-Tirol" von Krumau an der Moldau über Passau und Altötting innaufwärts nach Kufstein, den "St. Rupert-Pilgerweg" von Altötting auf den Spuren des Missionsbischofs durch den Rupertiwinkel nach Salzburg und Bischofshofen im Pongau und den "Wolfgang Weg" von Regensburg über Altötting und das Innviertel nach St. Wolfgang im Salzkammergut.

Über Saum- und Trampelpfade ans Ziel

Wolfgangspilger aus Altötting auf dem Weg.
Wolfgangspilger aus Altötting auf dem Weg.
Pilgerleiter Stefan Jetz erläutert ...
Pilgerleiter Stefan Jetz erläutert ...
... den Mitpilgern vor dem Abmarsch auf den Falkenstein (wo der Legende nach der hl. Wolfgang lebte) den Brauch, dass die Pilger einen "Bußstein" auf den Berg tragen.
... den Mitpilgern vor dem Abmarsch auf den Falkenstein (wo der Legende nach der hl. Wolfgang lebte) den Brauch, dass die Pilger einen "Bußstein" auf den Berg tragen.

Der als hl. Wolfgang bekannt gewordene Missionar lebte im 10. Jahrhundert und verbrachte einige Jahre im Gebiet des Wolfgangsees, vermutlich zunächst am Falkenstein und anschließend in der Wallfahrtskirche St. Wolfgang. Im Landkreis Altötting ist ihm außer der Galler-Kapelle bei Reischach noch die sogenannte Detter-Kapelle in Altötting und ein Glasfenster in der Neuöttinger Pfarrkirche gewidmet.

Die Wallfahrtskirche St. Wolfgang gehörte zum Kloster Mondsee, so entwickelte sich der Wolfgangkult und die Wallfahrt zu seiner Kirche im Lauf der Jahrhunderte als ein wichtiger wirtschaftlicher Zweig des Klosters. Im 16. Jahrhundert verzeichnete man Erträge von 15.000 bis 18.000 Goldgulden jährlich, die die riesigen Pilgerströme abwarfen. "Wildnuß und Einöd des aberseeischen Gepyrg" machte den Falkenstein zu einer ununterbrochenen Wallfahrtsstätte, die bis heute zu den wichtigsten Elementen des "Wolfgangkultes" zählt.

Zur Zeit Kaiser Ferdinand des III. (1415-1493), von dem die Kunde geht, dass er von Linz nach St. Wolfgang wallfahrtete, erschienen im österreichischen Raum die ersten Landschafts- und Stadtansichten auf Altären und Tafelbildern. Auf dem Tafelbild "Kirchenbau des Hl. Wolfgang" von Michael Pacher, malte der Meister die erste Ausfahrt der Boote und einigen Häusern im Bereich des heutigen Strobl am Wolfgangsee um 1481.

Im November 1506 besuchte Kaiser Maximilian I. als Wallfahrer seine neuen Besitzungen und Ländereien im Wolfgangland – und erteilte den Benediktinern eine Sondergenehmigung: "... Maximilian erlaubt für die Zeit seiner Anwesenheit kraft päpstlicher Vollmacht den Mönchen von St. Wolfgang den in der Ordensregel verbotenen Fleischgenuss ...". Von St. Wolfgang war der Kaiser so begeistert, dass er sogar am "Valkenstain" begraben werden wollte.

Früher kamen alle Wallfahrer über die Saum- und Trampelpfade des Falkensteins nach St. Wolfgang oder pilgerten am Rückweg zur Ruhe und Besinnung dorthin. Die Pilgerströme vereinten sich in St. Gilgen und führten dann entweder mit dem Schiff über den Wolfgangsee oder aber zu Fuß in Richtung Krotensee, etwa beim heutigen Europakloster Gut Aich und Fürberg (St. Gilgen) vorbei über den Falkensteinweg nach St. Wolfgang.

Die Schifffahrtsordnung der Schöffleute vom 11. April 1647 für die Rechte und Pflichten der Hin- und Rückfahrt der Pilger zur Gnadenstätte des heiligen Wolfgang war schon im Mittelalter auf 14 Zillen von St. Wolfgang und dieselbe Anzahl für St. Gilgen festgelegt. Zur genauen Überwachung gab es einen Schöffmeister.

Die Bezahlung des "Zillengeldes", also des Fuhrlohnes, war für die ganze Wallfahrergruppe üblich. Für eine Stunde Fahrt St. Wolfgang-Strobl nahm man 50 Kreuzer, eineinhalb Stunden St. Wolfgang-St. Gilgen 70 Kreuzer. Transport und Seefrächterei lag zur Gänze in den Händen der Bürgerschaft. Heute lässt sich die Etappe von St. Gilgen nach St. Wolfgang bequem mit einem modernen Ausflugsschiff oder einem nostalgischen Dampfer zurücklegen.

Text: Ernst Deubelli, Fotos: Ernst Deubelli 2 (Galler-Kapelle), Stefan Jetz 4

Altöttinger halten jeden April eine alte Wallfahrtstradition lebendig

Von Maria zum hl. Wolfgang

Gottesdienst mit Kapuzinerpater Heinrich Grumann vor dem Pacher-Altar am Wallfahrtsziel St. Wolfgang.
Gottesdienst mit Kapuzinerpater Heinrich Grumann vor dem Pacher-Altar am Wallfahrtsziel St. Wolfgang.

Nach Überlieferungen soll die Wolfgangwallfahrt auf ein "Holzlandversprechen" zurückgehen. Leider gebe es hierüber keine näheren Aufzeichnungen, erläutert Stefan Jetz, seit 1974 Pilgerleiter der Altöttinger Wolfgangspilger. Über den Ursprung des Gelöbnisses könne nur spekuliert werden. So könne die Wallfahrt auf die Pestzeit zurückgehen. Der Töginger Pfarrer, Geistlicher Rat Marschall, vermutete laut Jetz 1954, dass es beim "Holzlandversprechen" um die Fürsprache um Schutz vor Unwetter und Hagel ging. Ebenso könnten Viehseuchen Anlass gewesen sein, sich an den großen Heiligen um Beistand zu wenden.

Aus einer großen Gedenktafel aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind Pilger von Pfarreien aus den Bezirken Mühldorf und Altötting ersichtlich, so Jetz. Die Votivtafeln in der Kirche von St. Wolfgang zeugten jedoch davon, dass die Pilger gleichsam aus dem oberbayerischen und niederbayerischen Raum kamen. Die sogenannte "Altöttinger Wallfahrt" hat ihren Ursprung im "Holzland", dem Hügelland oberhalb der Inn-Niederung, weiß Pilgerleiter Jetz: "Es war Josef Unterholzer, stammend aus Näglstall, Pfarrei Wald bei Winhöring, der 1952 oder 1953 eine eigene Wallfahrt nach St. Wolfgang organisierte. Josef Unterholzer lebte in Altötting, war Nachtwächter an der Heiligen Kapelle und Mesner der Michaelikirche. Er pilgerte nach dem Ersten Weltkrieg mit den Holzländlern, später dann mit den Tögingern nach St. Wolfgang."

Die dreitägige Fußwallfahrt nach St. Wolfgang lebt bis heute nur in der Altöttinger Gruppe weiter – jährlicher Termin ist in der Regel Ende April (heuer 25. bis 27. April), sagt Pilgerführer Stefan Jetz. Die Wallfahrt teilt sich immer noch in drei Etappen. Am ersten Tag fahren die Pilger mit dem Bus von Altötting nach Simbach und von dort weiter nach Braunau, wo sie sich bei der ehemaligen Kapuzinerkirche zum Gebet aufstellen. Zu Fuß geht es dann über Mauerkirchen zum Innviertler Marienheiligtum Maria Schmolln. Am zweiten Wallfahrtstag machen sich die Pilger um 5 Uhr früh auf den Weg, um nach zwei Pausen in Schneegattern und Zell am Irrsee gegen 17.15 Uhr Mondsee zu erreichen. Um 19 Uhr feiern sie ihren Gottesdienst in der Wallfahrtskirche Maria Hilf auf dem Hilfberg. Der dritte Wallfahrtstag führt die Altöttinger Wolfgangspilger am Mondsee entlang in Richtung Fürberg am Wolfgangsee. Nach dem Mittagessen erfolgt der Aufstieg zur Einsiedlerkapelle auf dem Falkenstein und von dort weiter in Richtung St. Wolfgang, wo sie gegen 15.30 Uhr ankommen und den Pilgergottesdienst feiern. Um 19 Uhr bringt ein Bus die Pilger nach 90 Kilometern zu Fuß schließlich wieder nach Altötting zurück. Die Fußpilgerstrecke beträgt gut 90 Kilometer.

Stefan Jetz ist sei 1966 bis auf eine Ausnahme ununterbrochen dabei. Die Kapuzinerpatres Kosmas, Godehard und Heinrich hätten die Pilger über viele Jahre hinweg alle drei Tage begleitet. Auch auswärtige Priester hätten sich der Gruppe angeschlossen. "Pater Heinrich wird vielleicht auch heuer, mit über 80 Jahren, ein Stück mitgehen und uns den Gottesdienst in Maria Schmolln und in St. Wolfgang halten", freut sich Pilgerleiter Jetz – auch wenn man leider seit ein paar Jahren keinen Priester mehr habe, der die ganze Wegstrecke mitgehe.

Text: Wolfgang Terhörst, Foto: Stefan Jetz

Kontakt zu Pilgerleiter Stefan Jetz per E-Mail: stefan.jetz@freenet.de.