Altöttinger Liebfrauenbote

Seltenes Kulturerbe: der Osterräderlauf im westfälischen Lügde

Triumph über die Dunkelheit

"Wir wollen die Räder seh'n, wir wollen die Räder, Räder seh'n!" Stimmgewaltig artikuliert der Laienchor seine Forderung. Es ist naheliegend, jetzt an eine Sportveranstaltung oder ein krawalliges Event zu denken. Bei einer Brauchtumsveranstaltung sind solche Stimmungsgesänge dagegen eher ungewöhnlich.

Feuerwerke: Ein Osterrad macht sich auf den Weg bergab – beobachtet von der Feuerwehr. Links leuchtet das Osterfeuer.
Feuerwerke: Ein Osterrad macht sich auf den Weg bergab – beobachtet von der Feuerwehr. Links leuchtet das Osterfeuer.

Im ostwestfälischen Fachwerk-Städtchen Lügde, das auf halber Strecke zwischen Detmold und Hameln liegt, wird ein uralter Brauch gepflegt. Der Osterräderlauf ist ein in dieser Größenordnung einmaliges Traditionsspektakel mit langer Geschichte.

Dass der Brauch lebendig bleibt, dafür sorgen die engagierten Mitglieder des Dechenvereins. "Der Begriff des Dechen taucht in einer Kirchenchronik von 1410 auf", erzählt Dieter Stumpe, der seit ewigen Zeiten im Verein mitarbeitet. Die Dechen hätten die Aufgabe gehabt, Riten und Gebräuche zu überwachen, waren somit Brauchtumswächter. "Dieser Tradition sind unsere über 600 Mitglieder verpflichtet", so der Lügder Senior stolz. Viel für einen kleinen Ort fernab der Metropolen.

Bevor die sechs brennenden Holzräder nach Einbruch der Dunkelheit am Ostersonntag den Osterberg herunterrollen können, braucht es tatsächlich sehr viele Hände, die anpacken - nicht nur am Tag selbst. "Irrsinnig viel Arbeit steckt hinter so einem Osterräderlauf." Dieter Stumpe spricht aus Erfahrung. "Aber dieser Brauch gehört eben zu Lügde." Und das wohl schon seit weit über tausend Jahren. "Der Eintrag in die Liste des immateriellen, deutschen Kulturerbes ist denn auch unser Ziel", hofft der Deche.

"... jetzt laufe ich in Christi Namen"

Sehr alt und doch kein Zeitzeuge: Im Vorgängerbau der romanischen Kilianskirche soll Karl der Große 784 Weihnachten gefeiert haben.
Sehr alt und doch kein Zeitzeuge: Im Vorgängerbau der romanischen Kilianskirche soll Karl der Große 784 Weihnachten gefeiert haben.
Brandschutz: Fest angekettet werden die sechs Osterräder knapp eine Woche im Flüsschen Emmer gewässert.
Brandschutz: Fest angekettet werden die sechs Osterräder knapp eine Woche im Flüsschen Emmer gewässert.
Trockenlegung: Mit Hilfe eines Treckers müssen die je 270 Kilogramm schweren Räder aus der Emmer gezogen werden.
Trockenlegung: Mit Hilfe eines Treckers müssen die je 270 Kilogramm schweren Räder aus der Emmer gezogen werden.

Als Karl der Große in der Gegend weilte, soll er von dem germanischen Brauch, mit Feuerrädern den Frühling zu begrüßen, erfahren haben. Da der Herrscher den Kult nicht gegen den Willen der Bevölkerung verbieten wollte, setzte er eine kleine, aber weitreichende Änderung durch. Die Speichen der Räder sollten ein Kreuzsymbol aufweisen. Das tun sie bis heute. Aus einem heidnischen war ein christlicher Brauch geworden, der einst auch in anderen Orten Mitteleuropas gepflegt wurde.

Wer am Ostersamstag durch den Ort spaziert, wird sechs große, festgekettete Holzräder im Flüsschen Emmer liegen sehen. "Schon seit Montag werden die hier gewässert", informiert Dieter Stumpe. Das feucht gewordene Holz schütze davor, dass die Räder in Flammen aufgingen. Statt dessen werde das in die Räder gestopfte Roggenstroh angezündet. "Und das wird vom Dechenverein noch selbst nach traditioneller Art angebaut und geerntet."

Doch zunächst mal müssen die Osterräder mit Hilfe eines alten Treckers aus dem Wasser gezogen werden. Nun kann man ihre Inschriften lesen. "Meine Ahnen sind die Kelten und Germanen, jetzt laufe ich in Christi Namen", steht etwa auf dem Rad aus dem Jahr 1985. "Deutschland einig Vaterland" lautet die Inschrift von 1990. Jedes Rad, das neu gefertigt werden muss, erhält auch ein neues Motto. Nach der mühsamen Verladeaktion werden die rund 270 Kilogramm schweren und 1,70 Meter hohen Räder zum Marktplatz transportiert. Hier harren sie ihres großen Auftritts am nächsten Tag.

Bevor es auf den knapp 300 Meter hohen Osterberg geht, werden die Räder – und das Roggenstroh – mit einem Umzug durch die historische Altstadt Lügdes dem Publikum präsentiert. Auf dem Weg zum Gipfel spaziert man an den Wiesen vorbei, über die die Räder später rollen werden. "Wir müssen immer noch an einen Pächter so genanntes Überlaufgeld bezahlen, wegen vermeintlicher Ernteausfälle", ärgert sich Dieter Stumpe. Aber auch die Verwaltung habe immer so einige Hürden aufgebaut. "Ich besitze Ordner voll mit Genehmigungen."

Osterkreuz gegen die Nazis

Erntefahrt: Beim Umzug durch die Stadt wird stolz das traditionell angebaute und geerntete Roggenstroh präsentiert.
Erntefahrt: Beim Umzug durch die Stadt wird stolz das traditionell angebaute und geerntete Roggenstroh präsentiert.
Strohmänner: Dechen stopfen Roggenstroh als Brennmaterial in die Speichen des Rades und binden es mit Haselnussruten.
Strohmänner: Dechen stopfen Roggenstroh als Brennmaterial in die Speichen des Rades und binden es mit Haselnussruten.
Dämmerung über Lügde: Die Piste ist präpariert, die Menschen wollen die Räder sehen.
Dämmerung über Lügde: Die Piste ist präpariert, die Menschen wollen die Räder sehen.

Oben angekommen werden die Osterräder von Böllerschüssen begrüßt, die bis weit ins Tal zu hören sind. Dann beginnen die Dechen, nur gelegentlich von einem stärkenden Schluck unterbrochen, mit dem Vorbereiten der Räder. Zuerst wird ein Holzstock durch die Nabe geführt, die Balancierstange, und mit Holzplättchen fixiert. Danach werden die langen Strohbüschel zwischen die Speichen gestopft und mit Haselnussruten umwickelt. Mit geschickten Handgriffen gehen die Männer in den grünen Overalls ans Werk. Man sieht, sie machen das nicht zum ersten Mal. "Vor ein paar Tagen haben unsere Leute etwa 500 Ruten geschnitten und so präpariert, dass sie als Bindematerial zum Einflechten des Roggenstrohs benutzt werden können", erläutert Experte Stumpe.

Während sich unten die Ränge, sprich die Wege und Wiesen, füllen, wird auf dem Osterberg das Hereinbrechen der Dämmerung erwartet. Erst dann kann der Lauf starten. Denn die archaische Bedeutung der Osterräder liegt im Triumph des Lichtes, hier durch das Feuer symbolisiert, über die Dunkelheit. Schlichter ausgedrückt: Dem Winter soll der Garaus gemacht werden.

Endlich ist es soweit. Das Osterfeuer wird angesteckt, aufmerksam beäugt von der Feuerwehr. Und am 35 Meter hohen Osterkreuz geht das Licht an. Das Kreuz erinnert an ein bedeutendes Kapitel der Lügder Geschichte. 1935 war ein kleinerer Vorläufer aus Protest gegen die Nationalsozialisten, die sich den Brauch ideologisch zunutze gemacht hatten, in einer Nacht- und Nebelaktion errichtet worden.

Ein geheimnisvoll faszinierender Anblick

Winteraustreibung: Der Feuerball auf seinem Weg über Stock und Stein.
Winteraustreibung: Der Feuerball auf seinem Weg über Stock und Stein.
Endstation: Nach dem Aufprall auf einen Fangzaun sind sofort Dechen zur Stelle, um zu löschen.
Endstation: Nach dem Aufprall auf einen Fangzaun sind sofort Dechen zur Stelle, um zu löschen.

Unten werden nun die Gesänge angestimmt und bald wird das erste Rad zum Startplatz gerollt. Das Licht des Osterkreuzes erlischt. Wieder ertönt ein Schuss aus der Kanone. Dann stecken die Dechen das Rad oder genauer das Stroh mit Fackeln in Brand. Ein beidseitiger Schubs mit der Balancierstange und das lichterloh brennende Osterrad macht sich auf seinen 600 Meter langen Weg. Ein geheimnisvoll faszinierender Anblick.

Das Feuerrad scheint auf der mit roten Leuchten markierten Piste auf das Dorf im Tal zuzurasen. Es springt über Unebenheiten hinweg und das herausfallende Stroh hinterlässt eine lodernde Spur. Schließlich prallt es in einen der Fangzäune, die jährlich aufwändig ausgebessert würden, wie Dieter Stumpe berichtet. Sofort sind Dechen zur Stelle, um zu löschen. Mit langen Spießen zerren sie das brennende Stroh aus dem Rad. Glockengeläut ertönt und das Osterkreuz leuchtet wieder. Kurze Zeit später wird das zweite Rad startklar gemacht und die Zeremonie beginnt erneut. Wenn alle Räder bis ins Tal rollen und nicht vorher straucheln, soll die kommende Ernte gut ausfallen, hieß es früher.

Das abschließende Höhenfeuerwerk ist ein Tribut an die neue Zeit. Ansonsten, das betont Dieter Stumpe, sei alles, soweit erlaubt, nach den Überlieferungen organisiert. "Brandbeschleuniger oder eine künstliche Rampe wie in Orten, die den Brauch nachahmen, gibt es bei uns nicht." Traditionell gepflegtes Brauchtum und Handwerk – auch wenn es mit viel Arbeit verbunden ist – sind beim Osterräderlauf in Lügde zwei Seiten einer Medaille.

Text und Fotos: Ulrich Traub