Altöttinger Liebfrauenbote

Ein Schulweg durchs Armenviertel in Guatemala-Stadt

Mit Bleistift und Revolver

Die Sommerferien in Deutschland sind zu Ende, Millionen Kinder und Jugendliche machen sich wieder täglich auf den Weg zu ihrer Schule. Während auch hierzulande viel über die Sicherheit auf dieser Strecke diskutiert wird, sieht die Lage in Entwicklungsländern wie Guatemala ganz anders aus: Gewalterfahrungen gehören dort oftmals zum Alltag, wie unser Korrespondent berichtet.

Der Teenager Wilson vor dem mit Stacheldraht gesicherten Eingangstor seiner Schule.
Der Teenager Wilson vor dem mit Stacheldraht gesicherten Eingangstor seiner Schule.
Vor der hohen Schulmauer patroulliert ausnahmsweise ein Streifenwagen der Polizei.
Vor der hohen Schulmauer patroulliert ausnahmsweise ein Streifenwagen der Polizei.

Den Anblick der Leiche seiner Tante wird der Neuntklässler Wilson nie vergessen. Sie lag blutend auf dem Asphalt. In den Armenvierteln von Guatemala-Stadt werden Schulkinder häufig Zeugen von Verbrechen und Gewalt. Viele trauen sich nicht mehr auf die Straße. Sie brechen die Schule ab, weil der Weg dorthin zu gefährlich ist. Wilson macht weiter. Aber bevor er morgens aus dem Haus geht, gibt er seiner Mutter immer einen zärtlichen Kuss. "Ich weiß ja nie, ob ich sie wiedersehen werde."

Die Direktorin der Sekundarschule in dem Armenviertel La Peréz im Osten von Guatemala-Stadt möchte ihren Namen nicht nennen. "Seit 2011 bin ich für die Kinder an dieser Schule verantwortlich", sagt sie und wirkt dabei wie eine Rebellin, die sich gegen die Atmosphäre der Gewalt auflehnt. "Unser Gebäude ist von einem Markt umgeben. Das Verbrechen ist immer ganz nah. Es gibt auch Tote. Das beeinflusst natürlich den Schulalltag. Viele Eltern haben Angst. Einige haben ihre Kinder von der Schule genommen."

Die vierzehnjährige Mareli ist die beste Schülerin ihres Jahrgangs. Sie möchte auf jeden Fall einen Abschluss machen, aber sie weiß nicht, ob das möglich sein wird. "Ich habe gesehen, wie unsere Lehrerin erschossen wurde. Wir kamen gerade aus dem Schulgebäude, da fielen die Schüsse. Alle haben geschrien: 'Das Fräulein ist getroffen.' Es gab noch mehr Verletzte."

In Guatemala werden täglich im Schnitt vierzehn Menschen ermordet. In den meisten Fällen werden die Verbrechen nie aufgeklärt. Mareli hat die Leiche ihrer Lehrerin bei der Totenwache im Sarg gesehen: "Das war schrecklich. Danach hatten alle in der Schule Angst. Einige Lehrer glaubten, ihnen würde dasselbe passieren. Wir haben nie erfahren, warum sie ermordet wurde."

Die Direktorin bemüht sich um Schutz für die Kinder. Das ist eine heikle Sache. "Wir sind zum Bürgermeister gegangen", erzählt sie. "Er hat uns in seinem Büro empfangen. Plötzlich war da ein Fotograf. Am nächsten Tag stand auf der Internetseite des Rathauses ein Foto von mir mit dem Bürgermeister. Dazu die Überschrift: 'Eine Schuldirektorin bittet um Schutz vor Erpressung.' Zwei Tage später haben die Jugendbanden mich persönlich bedroht. Sie schrieben mir, ich hätte sie verraten. Sie würden auch mich töten."

Einige Wochen lang kam die Direktorin nicht zur Schule. "Aber jetzt ist sie wieder da", sagt Mareli mit sorgenvollem Blick. "Ich glaube, sie hat Angst. Niemand weiß, was passieren wird."

Raus aus der Sackgasse

Auf der Straße wird alles mögliche verkauft: Kleidung, Spielsachen und natürlich Lebensmittel. Doch die Händler werden von mordenden Erpresserbanden bedroht – oft genug geraten dann auch Schulkinder zwischen die Fronten.
Auf der Straße wird alles mögliche verkauft: Kleidung, Spielsachen und natürlich Lebensmittel. Doch die Händler werden von mordenden Erpresserbanden bedroht – oft genug geraten dann auch Schulkinder zwischen die Fronten.

Nur jeder vierte Jugendliche in Guatemala besucht eine Sekundarschule. Der fünfzehnjährige Wilson sieht Bildung als seine beste Chance, eines Tages aus dem Armenviertel raus zu kommen. "Ich gehe mittags aus dem Haus. Wir wohnen am Ende einer Sackgasse. Hier fühle ich mich noch sicher. Aber sobald ich auf die große Straße komme, weiß ich nicht, was mich erwartet."

Schon nach wenigen Metern trifft Wilson auf einen Mann in schmutzigen Hosen und einem grauen Unterhemd. Er ist wohl betrunken oder vielleicht auch auf Drogen. Er bedrängt den Jungen, ihm etwas zu essen zu geben. Aber Wilson geht unbeirrt weiter. "Die meisten von denen haben schon als Kinder mit dem Laster begonnen. Jetzt als Erwachsene kommen sie nicht mehr davon los. Deshalb schlafen sie auf der Straße und bitten die Leute um Geld. Wenn du ihnen nichts gibst, werden sie wütend, so wie der jetzt."

Wilson biegt auf die Hauptstraße seines Viertels. Der schmale Bürgersteig ist voller Produkte, die zum Verkauf angeboten werden: Gemüse und Fleisch, Spielzeug und Plastikbecher, Gebrauchtkleider und Holzbesen. Der Junge trägt das blitzsaubere, weiße Hemd seiner Schuluniform. Er deutet auf eine sandige Stelle am Boden. "Dort habe ich neulich gelegen. Ich kam genau in dem Moment vorbei, als geschossen wurde. Alle Leute warfen sich auf die Erde. Ein Mann wurde getötet. Er hatte einen Verkaufsstand mit Fleisch, Wurst und Schinken." Bei solchen Morden geht es oft um Erpressungsgeld. Einige Ladenbesitzer wollen nicht zahlen oder können nicht.

Einen anderen Weg zur Schule gibt es für Wilson nicht. "Einige meiner Kameraden bleiben zu Hause. Die Eltern sagen, es sei zu gefährlich. Als letztes Jahr zwei Schüler getötet wurden, sind viele andere nicht mehr gekommen. Genau hier, wo wir gerade stehen, ist der Junge gestorben. Dort unten hat das Mädchen einen Querschläger abbekommen. Sowas passiert innerhalb von Sekunden. Du schaust dich um und schon liegt jemand auf dem Boden und stirbt."

Die letzten Monate waren besonders brutal. Wilson hat keine Ahnung weshalb. Er ist froh, dass die Polizei reagiert. Auf den Hauptstraßen patroullieren jetzt einige Polizisten. "Die Zahl der Verbrechen in diesem Sektor hat deutlich zugenommen", erklärt ein Mann in schwarzer Uniform. "Wir tun was wir können. Aber wir haben nicht genug Personal."

Der Polizist kennt die Methoden der Banden. "Die Bosse schicken ihren Opfern ein mobiles Telefon", erklärt er. "Darauf werden sie angerufen und erfahren so, wie viel Geld sie zahlen müssen. Wer diese Summe nicht zahlt, wird ermordet."

Die Straßenverkäufer legen ihre Produkte jeden Morgen sehr früh aus. "Uns wird das Leben schwer gemacht", sagt ein junger Mann, der vor dem Bauch eine Art Tisch trägt, auf dem Süßigkeiten und Plastikprodukte liegen. "Die Banden erpressen uns, obwohl wir nur wenig verdienen. Einige von uns wurden getötet, weil sie ihre Quote nicht gezahlt haben. Mir bleibt nichts anderes übrig, als jeden Monat zweihundert Quetzales zu zahlen." Das sind mehr als zwanzig Euro und entspricht in etwa dem Verdienst von drei Tagen.

Zerstörte Träume

Aus Sorge begleiten viele Eltern ihre Kinder täglich auf dem Schulweg.
Aus Sorge begleiten viele Eltern ihre Kinder täglich auf dem Schulweg.
Straßenhunde trifft Wilson unterwegs regelmäßig.
Straßenhunde trifft Wilson unterwegs regelmäßig.

Wilson geht an einer hohen Mauer vorbei, hinter der ein paar wohlhabende Familien leben. Vor dem Eingangstor steht privates Sicherheitspersonal, das genau überprüft, wer reinkommen darf. In Guatemala gibt es siebenmal mehr private Sicherheitsleute als staatliche Polizisten. Eine Frau mit grauer Schirmmütze kontrolliert jeden Passanten. "Wo wollen Sie hin?", fragt sie und warnt: "Hier kommen Sie nicht rein. Ich habe eine Kaliber 38. Gehen sie besser nicht weiter."

Wer doch an dem Schlagbaum vorbei kommt, trifft auf eine völlig andere Atmosphäre. Die Straßen sind leer. Die Bewohner halten sich in ihren Häusern auf. Wer raus will, fährt Auto. Zu Fuß geht fast niemand. Wilson kennt keines der Kinder, die hier wohnen. "Die haben Chauffeure und Bodyguards, damit sie überall sicher hinkommen. Sie besuchen teure Privatschulen. Das können sich meine Eltern nicht leisten."

Ein paar hundert Meter weiter wird es plötzlich laut. Der Markt beginnt. Eine Verkäuferin bietet Mangosaft in Tüten an, dazu Wackelpudding. Wilson erinnert sich an den Stand seiner Tante: "Ich bin jeden Tag zu ihr gegangen. Sie hat immer nett gefragt, wie es mir geht. Aber wenn ich jetzt dorthin schaue, ist der Platz leer. Sie ist 36 Jahre alt geworden."

Ein Mann, der Schuhe repariert, kann sich gut an den Tag erinnern. "Es war sehr früh morgens, gegen sechs Uhr. Die beiden Killer kamen auf einem Motorrad. Einer ist abgestiegen und hat sie exekutiert. Als wir ihn gesehen haben, war sie schon tot."

Wilsons Gesicht wird rot. Tränen steigen in seine Augen. "Sie lag tot auf dem Boden. Sie war eine Frau, die gekämpft hat. Sie wollte etwas aus ihrem Leben machen. Aber dann ist jemand gekommen und hat all ihre Träume zerstört."

Die Stimmung auf dem Markt ist schlecht. "Wenn ich hier sitze, fühle ich mich oft wie ein Käfer, der gleich zerquetscht werden könnte", klagt ein Verkäufer. "Ich habe den Schützen gesehen. Er war nicht viel älter als zwölf Jahre. Diese Kinder werden von Erwachsenen geschickt, die ihnen ein bisschen Kleingeld geben. Das sind Auftragskiller."

In den Tagen nach dem Tod seiner Tante fiel es Wilson schwer, seine Hausaufgaben ordentlich zu machen. "Doch nach einer Weile habe ich mir gesagt: 'Was soll das? Das war eben ihr Schicksal.' Das muss ich akzeptieren. Im vergangenen Monat, als es passiert ist, habe ich mich sehr schlecht gefühlt. Aber jetzt ist wieder alles normal. Es bleibt nur so ein trauriges Gefühl."

Wilson tritt durch das Tor des Schulgebäudes, das von einer hohen Mauer mit Stacheldraht gesichert wird. "Sobald du hier ankommst, denkst du: 'Gott sei Dank. Alles ist gut gegangen.' Dann kannst du dich wieder auf den Unterricht konzentrieren."

Text und Fotos: Andreas Boueke

Hilfe / Spenden

Viele Hilfsorganisationen unterstützen Kinder in Guatemala in ihrer Entwicklung – eine Auswahl (Internet-Adressen):

Kindernothilfe: www.kindernothilfe.de/guatemala.html

SOS Kinderdörfer: http://bit.ly/soskinderdoerfer

Misereor: http://bit.ly/misereorguatemala

Plan International: http://bit.ly/plan-guatemala

Terre des hommes: http://bit.ly/terredeshommesguatemala

Unicef: http://bit.ly/unicef-guatemala