Altöttinger Liebfrauenbote

Seit 35 Jahren ökumenischer Kapellenweg in Scheidegg

Wandern und sich innerlich wandeln

Auf der bekannten "Westallgäuer Käsestraße" auf dem Bergrücken des Pfänders zwischen Bodensee und Hochgebirge birgt die Marktgemeinde Scheidegg zahlreiche Überraschungen. Die Panorama-Höhenlage im beliebten Dreiländereck Deutschland – Österreich – Schweiz ermöglicht einen großartigen Ausblick auf über einhundert Gipfel der Allgäuer, Vorarlberger und Schweizer Alpen. Vor allem aber können Einheimische und Touristen in der Gemeinde auf zwei "Kapellenwegen für Leib und Seele" im wahrsten Sinne des Wortes "Kirche er-leben". Jede der Kapellen verfügt über einen "Schatz" und hat katholischen wie auch evangelischen Gläubigen viel zu erzählen. Die Ökumene ist "zum festen Bestandteil in der Gemeinde Scheidegg" geworden.

Ein Screeenshot der Website des Ökumenischen Kapellenvereins St. Hubertus e.V. Forst zeigt die ökumenische St.-Hubertus-Kapelle.
Ein Screeenshot der Website des Ökumenischen Kapellenvereins St. Hubertus e.V. Forst (Link siehe im Text und ganz unten) zeigt die ökumenische St.-Hubertus-Kapelle, die aufgrund ihrer Lage auch ein beliebtes Fotomotv ist.
Die Ökumenische St.-Hubertus-Kapelle in Forst – erbaut 1986-1988 – im Winter.
Die Ökumenische St.-Hubertus-Kapelle in Forst – erbaut 1986-1988 – im Winter.
Die Herz-Jesu-Kapelle in Ebenschwand – erbaut 1921-1922 – dankt dafür, dass alle jungen Männer aus dem I. Weltkrieg unversehrt heimkehrten.
Die Herz-Jesu-Kapelle in Ebenschwand – erbaut 1921-1922 – dankt dafür, dass alle jungen Männer aus dem I. Weltkrieg unversehrt heimkehrten.
Im Inneren der Herz-Jesu-Kapelle in Ebenschwand.
Im Inneren der Herz-Jesu-Kapelle in Ebenschwand.
Kriegergedächtniskapelle in Scheidegg oberhalb des Kreuzweges mit Kopfskulptur eines Soldaten, der nicht mehr aus dem Krieg heimkehrte, erbaut 1922.
Kriegergedächtniskapelle in Scheidegg oberhalb des Kreuzweges mit Kopfskulptur eines Soldaten, der nicht mehr aus dem Krieg heimkehrte, erbaut 1922.
Altar in der St. Wendelinskapelle in Scheidegg.
Altar in der St. Wendelinskapelle in Scheidegg.

Wanderten die ersten Urlauber schon vor mehr als 35 Jahren auf den Scheidegger Wanderwegen wie rein zufällig von Gotteshaus zu Gotteshaus, wurden ein kleiner, 2,7 km umfassender und ein großer Kapellenweg auf einer Länge von 21,7 km Ende der 1990er offiziell eröffnet und geweiht. Beide gliedern sich ein in die typische Westallgäuer Landschaft mit Einzelhöfen, Bildstöcken, Marterln und Wegkreuzen. Ein Kapellenverein aus Bewohnern und die jeweiligen Mesner pflegen die Kirchlein "als Sinnbilder der Volksfrömmigkeit und Heiligenverehrung, eines Versprechens oder des Erinnerns an glückliche oder tragische Begebenheiten". Die Gotteshäuser werden instand gehalten, renoviert und betreut, mit Blumen geschmückt und für Gläubige beider Konfessionen offen gehalten.

Den Ursprung derartiger Kapellenwanderungen erläuterte damals zur Einweihung Peter Bauer, evangelischer Pfarrer i.R. und zugleich einer der Initiatoren des Kapellenweges: "In alten Zeiten sind die Menschen von Quelle zu Quelle gegangen", sagte er, "sie suchten für sich und ihre Herden Weide- und Ruheplätze. Später wurden an den Quellen Kirchlein gebaut. So konnte man von Quelle zu Quelle und von Kapelle zu Kapelle gelangen."

Im Juli vor 35 Jahren kam der evangelische Pfarrer Bauer wie zufällig zur Herz-Jesu-Kapelle. "Sie war offen. Drinnen fühlte ich mich gleich geborgen. In dieser Kapelle fasste ich in meinem Herzen einen Entschluss. Ich will immer wieder hierher kommen und andere dazu einladen. Zum Gehen und In-sich-gehen – zum Hören und zum Schweigen – zum Singen und zum Beten." Daraus erwuchs der Gedanke des "Ökumenischen Kapellenwegs" in der Gemeinschaft beider christlicher Konfessionen.

Durch Zufall planten zur gleichen Zeit mehrere Bewohner in Scheideggs Teilort Forst durch den Bau einer St. Hubertus-Kapelle auf einem Hügel ein besonderes Juwel des Allgäus und für die Ökumene in Scheidegg. Sowohl Pfarrer Bauer als auch sein damaliger katholischer Amtsbruder Eduard Staudacher und dessen Nachfolger, Pfarrer Karl Meisburger, waren überaus angetan von diesem Gedanken.

Der Hintergrund des Kapellenbaus reicht 60 Jahre zurück und fußt auf dem Gelöbnis eines Schulbubs namens Xaver Boll. Forst liegt auf einem ehemaligen Sennereigrund. Immer wenn Xaver Boll als Kind Milch in die Sennerei brachte, ärgerte er sich darüber, dass andere Käsereien in der Umgebung die Glöckchen ihrer Kapellen ertönen ließen, nur in Forst gab es keine. So gelobte er, später einmal ein Gotteshaus im Heimatort zu errichten. Der Zweite Weltkrieg endete, die Besatzungsmächte rückten in Scheidegg ein und unter traurigen Umständen fand der Bub seinen 54-jährigen Vater Alois Boll erschossen auf. Umso tragischer war, dass es sich um den einzigen, am letzten Kriegstag ums Leben gekommenen Zivilisten im Landkreis handelte. Sohn Xaver plante, auch dem Vater zuliebe hier eine Kapelle als Gedenkstätte zu bauen.

Viel Zeit ging ins Land bis Xaver und sein evangelischer Freund Leo Beuschel über das Gelübde ins Gespräch kamen. Leo legte sofort Geld auf den Tisch und versprach Mithilfe beim Bau unter der Bedingung, dass die Kapelle beiden Konfessionen offen stünde. "Machen wir's halt miteinand'" gilt seither als Redensart in Scheidegg und führte dazu, dass Ehrhard Entreß aus Forst Land zur Verfügung stellte und somit das Gotteshaus 1988 dem legendären hl. Hubertus als Schutzpatron der Jäger und Forstleute geweiht wurde und seither den ökumenischen Kapellenweg verbindet. "Der Schatz dieser Kapelle ist die Ökumene", betonte einst der Pfarrer, "die weit über das Allgäu hinaus bekannt und so gestaltet wurde, wie sonst nirgendwo". Am Quellwasserbrunnen finden Taufen, in der Kirche Hochzeiten und besondere Gottesdienste jeweils am ersten Tag des Septembers, Oktobers und Novembers statt. Vor dem Kirchlein steht eine Kastanie, deren im Frühjahr aufblühende "Kerzen" Lichter für den Frühling symbolisieren und auf diese Weise den möglichen Startpunkt auf dem Kapellenwanderweg signalisieren.

Zeit sollte man allerdings für die Wanderung auf den Kapellenwegen mitbringen, um die oft verborgenen Schätze zu entdecken. In "St. Gallus" etwa ist es der Einsiedler mit Pilgerstab, der schon 610 n. Chr. die "wilden Allgäuer" für Christus gewann, wo außerdem Maria und Jesus auf einem Deckengemälde die Weltkugel tragen und Maria dem Schöpfungsgedanken entsprechend mahnt: "Mein  Sohn, erhalte die Welt vor Fal und Undergang". Man wandert  zur Lourdesgrotte, weiter zur Patronin der Mütter in der Annakapelle. Integriert in den Kapellenweg ist ebenfalls die 1963 erbaute Evangelische Auferstehungskirche mit dem begehbaren Labyrinth als Erfahrungswert der Sinne. Alle Formen des Lebens finden sich im Altar, wie beispielsweise das Quadrat, das Dreieck oder der Kreis. Aufschlussreich ist das Synonym für Tod und Leben auf dem Kreuzberg oder die dem sehr geschätzten Wallfahrtsheiligen geweihte Wendelinskapelle. Schon auf österreichischem Gebiet macht man mitten im Wald gern an dem um das Jahr 1000 erbauten Gotteshaus halt. Die Legende besagt, dass Bischof Ulrich auf seinem Weg von St. Gallen nach Augsburg dort Rast machte und sich mit Quellwasser erfrischte. Altem Brauch gemäß wandern katholische und evangelische Christen schweigend am Ostermorgen zu dieser Kapelle und schöpfen  das "heilige Wasser", das als "Osterwasser" aus der Quelle nach Hause mitgenommen wird für die noch schlafenden Kinder und für das liebe Vieh.

Zugang zum Glauben

Die St. Martina Filialkapelle Schalkenried, erbaut in der Pestzeit 1622.
Die St. Martina-Filialkapelle Schalkenried, erbaut in der Pestzeit 1622.
Der Altar im Inneren der St. Martina-Filialkapelle zeigt die Krönung Mariens.
Der Altar im Inneren der St. Martina-Filialkapelle zeigt die Krönung Mariens.

Ein historisch höchst interessantes Holzbaudenkmal auf dem Kapellenweg mit vielen, von bäuerlicher Hand geschnitzten Heiligengestalten aus dem 15. Jahrhundert, wurde der "Gottgehörenden Märtyrerin St. Martina" geweiht. Dieses kleinste und "innigste" Gotteshaus aus dem Jahr 1622 bietet nur "einer Handvoll Menschen Platz", die beim Betreten und Verlassen von einer romanischen Christusfigur gesegnet werden.

Auffindbare "Schätze" gibt es unzählige. Immer symbolisieren sie Zeichen aus längst vergangenen Zeiten. Auf den Wegen für Leib und Seele in Scheidegg "spiegeln die einzelnen Kapellen das Geschick der Menschen durch die Jahrhunderte wider". Ein Stück Kirchengeschichte mit heimatlichem Gepräge wird wieder lebendig. In diesem Sinne können die Kapellenwege in Scheidegg Einheimischen wie auch Touristen oder Pilgern "einen neuen Zugang zum Glauben" erschließen und die Erfahrung festigen, dass man sich "durch Wandern auf diesen Wegen" sogar innerlich wandeln kann.

Text: Karl-Heinz Wiedner, Fotos: Mechthild Wiedner

Quellenhinweis: "Wege für Leib und Seele, Ökumenischer Kapellenweg Scheidegg", erschienen im Kunstverlag Fink, Lindenberg. Auskünfte bei Scheidegg-Tourismus, Tel.: 08381/895-55. Mehr Infos im Internet unter www.scheidegg.de.

Den Ökumenischen Kapellenverein St. Hubertus e.V. Forst finden Sie unter www.hubertus-kapelle.de.