Altöttinger Liebfrauenbote
Totentanz-Wandmalereien in der evangelischen Pauluskirche Badenweilers.
Totentanz-Wandmalereien in der evangelischen Pauluskirche Badenweilers.

In Badenweiler mahnen seltene Wandmalereien an die Vergänglichkeit

"Was ihr seid, das waren wir ..."

Große Touristenattraktionen sind sie nicht, die Wandmalereien in der evangelischen Pauluskirche Badenweilers. Kunst- und kulturgeschichtlich aber rangieren sie ganz weit oben: die Darstellungen der drei Toten neben den drei Lebenden. Unter Fachleuten gelten sie als eine der ersten visuellen Interpretationen einer Legende, die schon im Mittelalter die Menschen faszinierte und in den Totentanzdarstellungen schließlich Millionen beeindruckte.

Detailansicht der Wandmalereien.
Detailansicht der Wandmalereien.

Nackte Schädel tragen die drei Skelette zur Linken, Kronen die drei Herren zur Rechten. Es ist die Begegnung von Tod und Leben. Eine existentielle Botschaft, die Arm und Reich vereint, Junge und Alte, Männer und Frauen. Eine Botschaft auch, die an Badenweilers Kirchenwand bis heute auf die Vergänglichkeit alles Irdischen verweist: auf die Sterblichkeit und die Nichtigkeit des Seins.

Die Bilder wurzeln in einer aus dem Orient stammenden Legende, die in Europa nach der ersten Jahrtausendwende immer populärer und mehr und mehr poetisch ausgemalt wurde. Ursprünglich erzählte sie von drei zur Jagd reitenden Königinnen, die im Wald auf drei Särge mit halb verwesten Leichen treffen. Es sind ihre Väter, die sich schließlich mit den Worten "quod fuimus estis, quod sumus eritis" ("Was wir waren, seid ihr, was wir sind, werdet ihr sein") zu erkennen geben. Eine eindrucksvolle Geschichte war das, die fast überall in der zivilisierten Welt Gehör fand.

Mit der Legende hatten die Toten zur Sprache gefunden, so dass es nur eine Frage der Zeit war, bis die literarischen Erzählungen auch bildlich Gestalt annehmen sollten. Zunächst auf Grabinschriften wie für den Kirchenlehrer Petrus Damiani (um 1007-1072), der die Texte als Mahnung an die Lebenden selbst in Auftrag gab: "Was du bist, das war ich; was ich bin, das wirst du sein; bitte, denk an mich."

Auch auf Holzschnitten tauchten die Botschaften auf – und auf Bildern an Kirchenwänden und Friedhofsmauern. Meist erschienen die Lebenden in Gestalt von Königen und Adligen, aber auch als Jüngling, Erwachsener und Greis. So wie in Badenweiler, dessen Bilder beide Motive miteinander zu vereinen scheinen. Dort treffen drei offensichtlich modisch gekleidete Edelleute auf der Jagd mit dem Falken auf die als Gerippe dargestellten Toten. Der Greis ist den Toten am nächsten, der Jüngling mit dem Jagdvogel auf der Hand am weitesten entfernt.

Verständliche Botschaft

Blick auf die Pauluskirche.
Blick auf die Pauluskirche.

Alle drei Tote haben eine Botschaft, versteckt in den heute nur schwer zu lesenden Spruchbändern. "Was
erschrik du ab mir," verheißt einer, "der wir sind, das werdet ir". Ein anderer beklagt, dass die Würmer schon an seinem Bein nagen. Und der Dritte verheißt den Lebenden, dass die Welt voller Bosheit stecke. Für jeden verständliche mittelalterliche Botschaften waren das, die auch denen, die nicht lesen konnten, klar machten: Alle Menschen müssen sterben, gleich ob Reich oder Arm. Kunstgeschichtler datieren die Badenweiler Bilderbotschaft in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts. Das heißt, dass sie zu den ältesten Darstellungen der "Legende von den drei Toten und den drei Lebenden" gehören.

Ursprünglich schmückten die Fresken den 1892 niedergelegten Vorgängerbau der heutigen Pauluskirche, die auf den Fundamenten eines römischen Tempels steht. Angeblich war das alte Gotteshaus dem badischen Großherzog und vielen Kurgästen damals nicht mehr fein genug. Ein Münchner Fachmann hatte die Bilder kurz zuvor von der Wand gelöst und auf Gipsplatten übertragen. Die Fresken selbst, die man in der Reformationszeit übertüncht hatte, wurden übrigens erst 1866 bei Renovierungsarbeiten wiederentdeckt.

Weitere Darstellungen der Legende von den drei Toten und den drei Lebenden finden sich unter anderem in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt im bayrischen Cham, in der Jodokuskirche in Überlingen und der Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Eriskirch am Bodensee. Waren die Toten auf den ersten Darstellungen meist noch steif und ungelenk, fingen sie im Lauf der Zeit zu tanzen an – getreu dem Volksglauben, dass nächstens die Seelen der Toten auf den Friedhöfen tanzen. Als Spielmann mit allerlei Instrumenten spielte der Tod jetzt zum letzten Tanz auf. Eine Vorstellung, die den im Mittelalter immer gegenwärtigen Tod sozusagen zum Sterbehelfer machte und die Todesangst dämpfte.

Text und Fotos: Günter Schenk

Die ev. Pauluskirche Badenweiler findet sich in der Kaiserstraße 8. Sie ist tagsüber meist geöffnet, schließt aber spätestens mit Einbruch der Dunkelheit. Infotelefon: 07632 387.