Altöttinger Liebfrauenbote

Der junge Tintoretto wird in Köln als Malergenie gefeiert

Packende Visionen des Heiligen

Als habe ihn jemand gerufen, wendet Jacopo Tintoretto auf seinem um 1547 geschaffenen Selbstporträt den Kopf zur rechten Schulter. Aus großen Augen scheint er uns prüfend zu betrachten. Der Maler mit den braunen Locken und dem struppigen Vollbart war damals Ende 20. Die Kunstwissenschaftler vermuten, dass der Venezianer 1518 oder 1519 geboren wurde. Roland Krischel tendiert zu 1518. Er ist der Kurator der Tintorettos Frühwerk gewidmeten Ausstellung. Sie feiert im Kölner Wallraf-Richartz-Museum den 500. Geburtstag des berühmten Künstlers. Zu Tintorettos Gemälden gesellen sich einige Werke seiner Vorbilder und Konkurrenten, darunter Andrea Schiavone und Paris Bordone.

Jacopo Tintoretto, Selbstporträt, um 1547.
Jacopo Tintoretto, Selbstporträt, um 1547.

Jacopos Vater war Tuchfärber. Von dessen Beruf leitete der Sohn seinen Künstlernamen "Tintoretto" ab, der übersetzt "Färberlein" bedeutet. Nach einer Lehrzeit, die ungewöhnlich kurz gewesen sein muss, eröffnete er 1538 seine eigene Malerwerkstatt. Aus ihr gingen biblische und mythologische Szenen, Heiligenbilder und Porträts hervor. Roland Krischel beurteilt den 1594 gestorbenen Tintoretto als "Malergenie". Auf jeden Fall war der Schnell- und Vielmaler originell und erfindungsreich. Seine zur Skizzenhaftigkeit tendierende Pinselführung trug ihm jedoch von Seiten des Malers und Künstlerbiografen Giorgio Vasari (1511-1574) den Ratschlag ein, mehr Geduld auf die Vollendung seiner Werke zu verwenden.

Ungewöhnliche Vertrautheit mit den religiösen Quellen

Christus unter den Schriftgelehrten, um 1539.
Christus unter den Schriftgelehrten, um 1539.
Christus und die Ehebrecherin, um 1547-1549.
Christus und die Ehebrecherin, um 1547-1549.

Erasmus Weddigen bescheinigt in seinem Katalogaufsatz Tintoretto eine ungewöhnliche Vertrautheit mit den religiösen Quellen. Er habe die Fähigkeit, "die überirdische Erscheinung des Heiligen (...) für sein Publikum handgreiflich zu verwirklichen". Dabei machen einen Tintorettos religiöse Kompositionen immer wieder stutzig, denn sie erzählen altbekannte Geschichten in ungewöhnlicher Form. Etwa das erst im Laufe der Vorbereitung der Ausstellung Tintoretto neu zugeschriebene Gemälde "Die Fußwaschung" (um 1539). Im Bildzentrum erregt ein junger Apostel unsere Aufmerksamkeit. Die Kunstwissenschaftler vermuten in ihm ein Selbstporträt des Künstlers. Er zappelt ungebärdig auf seinem Stuhl herum, der mit einem Löwenkopf ausgestattet ist. Das Hauptthema des Gemäldes aber ist, dass der Herr seinen Jüngern beim Letzten Abendmahl die Füße wusch. Da jedoch der zappelnde Apostel die Bildmitte beansprucht, ist die Fußwaschung in die rechte Bildecke verbannt: Kniend blickt Jesus zu dem vor ihm sitzenden Petrus auf.

Ebenso unkonventionell geht Tintoretto das Motiv "Jesus unter den Schriftgelehrten" (um 1539) an. Der zwölfjährige Jesus thront zwar gestikulierend unter einer Moses-Statue in der Bildmitte. Aber Tintoretto hat ihn weit in den Hintergrund versetzt. Groß rechts und links im Vordergrund ziehen Schriftgelehrte unsere Aufmerksamkeit auf sich. Mit theatralisch überzogener Gestik und Mimik geben sie sich äußerst erstaunt über die Weisheit des Zwölfjährigen und wälzen zu deren Überprüfung dicke Bücher. Verblüffend ist auch sein Umgang mit dem Bildthema "Christus und die Ehebrecherin", das normalerweise Anlass für die Darstellung der gemeinen Fratzen der Ankläger ist. Doch die haben sich auf dem von Tintoretto und seinem Mitarbeiter Giovanni Galizzi gemalten Bild bereits weit in den Hintergrund verzogen oder wandern sich umblickend nach rechts ab. Das um 1547 geschaffene Gemälde lässt also den üblichen dramaturgischen Höhepunkt – "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!" – hinter sich. Stattdessen konzentriert es sich auf den Schlussdialog zwischen Jesus und der Frau: "Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr!"

Hauptwerk: Bildvision vom Sündenfall

Salomo und die Königin von Saba, um 1546-1548.
Salomo und die Königin von Saba, um 1546-1548.
Der heilige Ludwig, der heilige Georg und die Prinzessin, 1551.
Der heilige Ludwig, der heilige Georg und die
Prinzessin, 1551.
Der Sündenfall, um 1551/52.
Der Sündenfall, um 1551/52.

Wiederholt machte Tintoretto seine Gemälde durch gekonnt in Szene gesetzte elegante Damen oder aufreizende Musen unwiderstehlich. Das von ihm und Galizzi gemalte Bild "Salomon und die Königin von Saba" (um 1546-1548) entfaltet orientalische Pracht. Die Hofdamen der Königin warten mit aufwändigem Kopfputz auf, jedes der von ihr als Gastgeschenke mitgebrachten Goldgefäße hat eine andere Form. Ein alter Zeremonienmeister bedeutet der Königin, vor dem hoch über ihr thronenden Salomon auf die Knie zu fallen. Doch der signalisiert ihr mit huldvoller Geste, dass eine Verbeugung völlig ausreicht. Während die Königin von Saba mit ihrer prunkvollen Kleidung die Blicke auf sich zieht, erregen die Heldinnen anderer Gemälde durch die mehr oder weniger freizügige Präsentation die Aufmerksamkeit. Das gilt etwa für das Gemälde "Der heilige Ludwig, der heilige Georg und die Prinzessin" (1551). Es ist fast schon frivol und jedenfalls ungewöhnlich, dass die Prinzessin auf dem vom Ritterheiligen Georg zu ihrer Rettung getöteten Drachen reitet.

Eine erotische Note hat auch Tintorettos Bildvision vom Sündenfall. Hüllenlos eitel zeigt sich uns Eva auf dem um 1551/52 geschaffenen Gemälde. Sie hat sich die Haare mit kleinen Zweigen hochgesteckt. Eva umschlingt im Sitzen den Baumstamm, an dem die Schlange mit einem Apfel im Maul lauert. Einen weiteren hält Eva bereits in der Linken. Den bietet sie dem schräg von hinten dargestellten Adam an. Noch schreckt der vor dem sündigen Angebot zurück, wie die nachdenklich ans Kinn gelegte Hand verrät. Tintorettos früher Biograf Carlo Ridolfi (1594-1658) zählt das Gemälde zu den Hauptwerken des Malers, die jeweils allein schon seinen Ruhm begründen könnten.

Text: Veit-Mario Thiede, Fotos: Wallraf-Richartz-Museum, Köln

Bis 28. Januar 2018 im Wallraf-Richartz-Museum, Obenmarspforten, Köln. Di.-So. 10-18 Uhr. Informationen: Tel.: 0221-22121119, Internet: www.wallraf.museum. Eintritt: 13 Euro. Der Katalog aus dem Hirmer Verlag kostet im Museum 35 Euro, im Buchhandel 45 Euro.

Impressionen

(Zum Vergrößern auf ein Bild klicken)

Abendmahl in Emmaus, um 1543.
Abendmahl in Emmaus, um 1543.
Die Bekehrung des Saulus, 1538/39.
Die Bekehrung des Saulus, 1538/39.
Die Anbetung der Könige, um 1537/38.
Die Anbetung der Könige, um 1537/38.