Altöttinger Liebfrauenbote

Salesianer Don Boscos engagieren sich in Ghana gegen die Ausbeutung von Mädchen und Jungen

Verkaufte Kindheit

Sie graben mit bloßen Händen nach Gold, hantieren mit gefährlichen Chemikalien oder tauchen nach verhedderten Fischernetzen: Dass Kinder arbeiten müssen, oft unter lebensgefährlichen Bedingungen, ist im westafrikanischen Ghana grausamer Alltag. Die Salesianer Don Boscos helfen Mädchen und Jungen, die aus den Fängen ihrer Ausbeuter befreit werden konnten, und bieten ihnen eine Perspektive. Diese Hilfe ist nur einer von vielen Arbeitsbereichen der Salesianer in Ghana. Seit nunmehr 25 Jahren ist der Orden, unterstützt von den deutschsprachigen Provinzen, in dem westafrikanischen Land aktiv.

Mojo (3.v.l.) war zehn Jahre alt, als seine Eltern ihn verkauften. Vier Jahre Arbeit gegen eine Kuh, das war der Deal. Im Wohnheim der Salesianer darf der heute 16-Jährige leben, lernen – und Musik machen.
Mojo (3.v.l.) war zehn Jahre alt, als seine Eltern ihn verkauften. Vier Jahre Arbeit gegen eine Kuh, das war der Deal. Im Wohnheim der Salesianer darf der heute 16-Jährige leben, lernen – und Musik machen.

Eine Kuh gegen vier Jahre von Mojos Lebenszeit – das war der Deal. "Ein Mann kam und versprach mir: Wenn ich vier Jahre lang für ihn arbeite, bekommen meine Eltern und ich eine Kuh von ihm", erinnert sich der heute 16-Jährige. Mojo war zehn, als er mit dem Spielen aufhörte und mit dem Schuften begann. Der Mann war Fischer auf dem Volta-See, einem der größten Stauseen der Erde, und Mojo musste die nächsten Jahre tagein, tagaus paddeln, Netze einholen, Wasser aus dem Boot schöpfen und nach verhedderten Netzen tauchen. An kurzen Tagen ging die Arbeit morgens um fünf oder sechs Uhr los, an langen schon um drei – Feierabend war immer erst nach 20 Uhr. "Wir waren immer hungrig", erzählt Mojo, der nur zweimal am Tag etwas zu essen bekam, "und wenn du einen Fehler gemacht hast, gab es Schläge."

"Wenn die Kinder zu uns kommen, sind viele schwer traumatisiert und in schrecklichem körperlichen Zustand"

Eigentlich ist Kinderarbeit in Ghana verboten. Dennoch ist etwa jedes fünfte Kind in dem westafrikanischen Land zur Arbeit gezwungen. So wie dieser Junge, der auf der Straße Wasser zum Kauf anbietet.
Eigentlich ist Kinderarbeit in Ghana verboten. Dennoch ist etwa jedes fünfte Kind in dem westafrikanischen Land zur Arbeit gezwungen. So wie dieser Junge, der auf der Straße Wasser zum Kauf anbietet.

Obwohl Kinderarbeit in Ghana gesetzlich verboten ist, ist sie immer noch ein großes Problem in dem westafrikanischen Küstenland. "Es wird nicht ausreichend auf die Einhaltung des Gesetzes geachtet", sagt Pater Fred Okusu, der das "Don Bosco Child Protection Centre" in Ashaiman leitet. Das Schutzzentrum am Rand der Stadt nimmt pro Jahr durchschnittlich 90 gerettete Kinder auf – 2017 waren es bis Anfang Juli schon 70 Neuzugänge. Die meisten werden von der Polizei oder von Hilfsorganisationen gebracht.

Auf dem weitläufigen Grundstück mit den rosafarbenen Gebäuden finden überwiegend Jungen Zuflucht, denn mehrheitlich sind sie es, die in Ghana arbeiten müssen. Die Aufgaben variieren je nach Region: Am Volta-See riskieren zahlreiche Jungs wie Mojo ihr Leben und ihre Gesundheit bei der Fischerei, wenn sie ohne Schutzausrüstung und mit teils mäßigen Schwimmkenntnissen nach verfangenen Netzen tauchen und stundenlang im Wasser sind. In anderen Regionen schuften Kinder in illegalen Goldminen, auf Kakao-Plantagen oder als Träger. Manche Mädchen werden sogar in die Prostitution oder als Haussklavin verkauft. "Wenn die Kinder zu uns kommen, sind viele schwer traumatisiert und in schrecklichem körperlichen Zustand", sagt Pater Fred, der regelmäßig Kinder mit Wurmkrankheiten, Lungenentzündung, Malaria oder Typhus sieht. "Und alle leiden unter Anämie."

"Die Jungen blühen hier schnell wieder auf, weil sie leben, lernen und spielen können"

Pater Fred Okusu hilft Kindern und Jugendlichen im Schutzzentrum der Salesianer. Viele von ihnen sind traumatisiert und können nur langsam Vertrauen fassen.
Pater Fred Okusu hilft Kindern und Jugendlichen im Schutzzentrum der Salesianer. Viele von ihnen sind traumatisiert und können nur langsam Vertrauen fassen.
Die Salesianer Don Boscos helfen Jungen und Mädchen, die aus den Fängen ihrer Ausbeuter befreit werden konnten, und bieten ihnen eine Perspektive.
Die Salesianer Don Boscos helfen Jungen und Mädchen, die aus den Fängen ihrer Ausbeuter befreit werden konnten, und bieten ihnen eine Perspektive.

Als Fiefie zu den Salesianern kam, waren seine Hände skelettiert. Er war damals 15 und hatte drei Jahre in einer illegalen Goldmine im Westen des Landes geschuftet. Er war in Stollen gekrabbelt, die für Erwachsene zu klein sind, hatte mit bloßen Händen nach Gold geschürft, es in eine Schüssel geworfen und mit Chemikalien gereinigt. Sein Lohn: 50 Cedi, rund 9,50 Euro, im Monat, von denen er aber nur einen Bruchteil sah. Essen gab es nur einmal am Tag, aber ständig Schläge, sprechen war verboten. 2015 wurde Fiefie zusammen mit 16 anderen Jungen befreit und nach Ashaiman ins Schutzzentrum gebracht.

"Fiefie konnte keinem in die Augen sehen und war lange sehr schüchtern", erzählt Pater Fred über den Jungen, den Fremde nicht ansprechen sollen, um ihn nicht in seinem Heilungsprozess zu stören. Inzwischen sind Fiefies Hände geheilt, er traut sich, zu sprechen, und besucht die Schule.

Normalerweise ist der Aufenthalt auf neun bis zwölf Monate begrenzt, aber in besonderen Fällen kann ein Kind auch länger bleiben. Das Zentrum hätte eigentlich Platz für 100 Kinder – aber es mangelt an Geld für Personal. "Wir sind nur 14 Festangestellte und einige Freiwillige und können daher nicht draußen arbeiten", erklärt Pater Fred. Derzeit liegt der Hauptfokus des Schutzzentrums darauf, die Kinder mit Einzel-, Gruppen- und Musiktherapie zu unterstützen, an die Schule heranzuführen, zu Hause zu integrieren – und sicherzustellen, dass die Eltern sie nicht wieder weggeben. "In Ghana ist es üblich, ein Kind zu einem Onkel oder einer Tante zu geben, wenn er oder sie ihm ein besseres Leben bieten kann", sagt Pater Fred. Dann sei der Schritt nicht mehr groß, die Kinder einem Fremden mitzugeben – denn die Eltern wollten einfach eine bessere Zukunft für ihren Sohn oder ihre Tochter: "Sie sehen die finanzielle Unterstützung für die Familie und wissen meist nicht, wie es den Kindern ergeht. Manchmal werden die Kinder aber auch entführt." Die Salesianer helfen den Eltern von befreiten Kindern daher, selbst grundlegende Fähigkeiten zu erwerben, damit die Erwachsenen das Geld verdienen können.

Der Preis für ein Kind ist Verhandlungssache. "Manchmal gibt es einen Korb Fische, manchmal eine Kuh", erklärt Pater Fred. "Einige bekommen monatlich Geld, doch oft wird erst am Ende einer verabredeten Zeit bezahlt. Und wenn die früher endet, bekommt das Kind nichts." Auch Mojo ist leer ausgegangen. Die Polizei hat ihn vor Ablauf der vereinbarten vier Jahre befreit und ins Schutzzentrum gebracht.

Heute lebt Mojo im "Boys Home" der Salesianer Don Boscos in Sunyani, einem Wohnheim für Straßenkinder und Waisen. 40 bis 50 Jungen im Alter zwischen acht und 20 Jahren erhalten hier die Möglichkeit, ihren Schulabschluss zu machen oder eine Ausbildung zu absolvieren. Wenn am Vormittag alle in der Schule sind, ist es in dem um einen Innenhof gelegenen Haus ganz ruhig – am Nachmittag ist es hier nur mit Ohrenstöpseln auszuhalten. Dann können die Jungs Keyboard spielen, sich an traditionellen Trommeln und Tänzen üben oder sich der "Brass Band" anschließen, einem lautstarken Trommel-Bläser-Ensemble. Anschließend machen sie Sport, bevor es am Abend zum Duschen, Essen, Lernen und Beten geht.

"Die Jungen blühen hier schnell wieder auf, weil sie leben, lernen und spielen können", sagt Joseph Anane, der seit 1999 als Sozialarbeiter bei Don Bosco arbeitet und das Jungenheim seit den ersten Jahren kennt. Damals lebten hier fast ausschließlich sogenannte Karrenjungs, die mit Schubkarren Einkäufe vom Markt nach Hause oder zum Auto transportieren. Heute kommen die meisten hier aus zerrütteten Familien. "Armut, Hunger, geschiedene Eltern, mangelnde Schulbildung – das sind die Hauptthemen", sagt Joseph Anane.

"Das Beste am Boys Home ist, dass sie für mich kochen"

Zu Hause hat niemand für Francis gekocht. Der Vater war nicht da, die Mutter überfordert. Vor drei Jahren kam der Junge zu Don Bosco.
Zu Hause hat niemand für Francis gekocht. Der Vater war nicht da, die Mutter überfordert. Vor drei Jahren kam der Junge zu Don Bosco.

Francis verrät auf den ersten Blick, dass er aus einem rauen Umfeld kommt. Mit seinen neun Jahren steht er wie ein Großer: die Beine breit, die Hüfte abgeknickt, die Arme vom Körper gespreizt, als wäre der Bizeps zu dick, den Kopf etwas provokant zur Seite gelegt. Doch wenn er zu sprechen beginnt, kommt der kleine Junge durch, der gerne Tischtennis spielt, tanzt, rechnet und isst. "Das Beste am Boys Home ist, dass sie für mich kochen", sagt Francis, der Reis und Fleischeintopf als Leibspeisen nennt.

Zu Hause hat niemand für ihn gekocht. Der Vater war nicht da, die Mutter mit der Situation überfordert. Die Hütte der Familie versank im Chaos, es gab kein Bett, keine Matratze, Francis schlief auf dem Lehmboden. Tagsüber hing er auf der Straße ab und ging mit Freunden mit, wenn er Hunger hatte. Francis war noch nicht mal sechs, als die Salesianer auf ihn aufmerksam wurden und ihn ins Jungenheim holten.

Joseph Anane fährt später am Tag auf den Markt von Sunyani. Hier gibt es Lebensmittel, Kleidung, Schuhe, Sonnenbrillen, Handys – einfach alles. Auf dem Mittelstreifen stehen mehrere junge Männer mit Schubkarren. Lässig lehnen sie sich dagegen oder sitzen darauf und warten auf Kundschaft. Joseph Anane geht auf die Gruppe zu, erzählt von der Arbeit der Salesianer und lädt die jungen Männer ein, am Wochenende mal zur Messe oder zum Sport zu kommen. Minderjährige sind unter ihnen inzwischen selten zu finden. Die Jungs hören zu, scherzen und lachen mit ihm. Ob sie mal kommen wollen? "Eher nein", lautet die Einschätzung von Joseph Anane, während er sich auf den Beifahrersitz des wartenden Jeeps setzt.

Am Steuer sitzt Shadrack, ein junger Mann, der meist eine Sonnenbrille trägt, gerne Kenny Rogers und Phil Collins hört und vor jeder Fahrt betet. Shadrack war selbst ein Karrenjunge. 2001 kam er aus seinem Dorf im Norden Ghanas nach Sunyani und war auf sich gestellt. Er mochte es, mit den anderen Jungs abzuhängen und sein eigenes Geld zu verdienen. Doch als ein Salesianer ihm von dem Jungenheim erzählte, wurde er neugierig. Shadrack kam vorbei – und blieb. Er besuchte die Schule, machte eine Ausbildung und arbeitet heute als Fahrer für die Salesianer.

Auch Mojo und Fiefie sehen, dass das Leben bei Don Bosco eine Chance für sie ist und welche Bedeutung Schule für ihre Zukunft hat. Mojo möchte gerne Elektriker werden, um Menschen Strom in ihre Häuser zu bringen. Fiefie will Soldat werden. "Er spricht oft davon, dass er andere beschützen und davor bewahren möchte, ausgebeutet und missbraucht zu werden", berichtet Pater Fred über den Traum des 17-Jährigen, der schon so viel erlitten hat.

Text: Simone Utler, Fotos: Simone Utler (Salesianer Don Boscos)

Ein Pfarrer, der zu den Menschen kommt

Pater Robertson auf Tour: An diesem Tag fährt er etwa drei Stunden mit dem Auto, um Menschen in entlegenen Dörfern zu besuchen. Armut ist das große Thema hier.
Pater Robertson auf Tour: An diesem Tag fährt er etwa drei Stunden mit dem Auto, um Menschen in entlegenen Dörfern zu besuchen. Armut ist das große Thema hier.

Pater Robertson Sung ist einer von nur fünf einheimischen Salesianerpatres in Ghana – und auch sonst ein Unikat. Er studierte Labortechnik, fährt lieber Rad als Auto und setzt auf lauten Gesang. Was er immer im Blick hat: die Menschen und ihre Nöte.

Pater Robertsons Nachname könnte passender kaum sein. "Ich heiße Sung und das bedeutet Freundlichkeit", erklärt der 44-Jährige. Und lacht. So wie er es oft tut über den Tag. Egal ob er die Kinder in der Krippe besucht, sich bei den Auszubildenden in der Schneiderei nach ihrem Tag erkundigt oder mit älteren Männern auf der Straße plauscht – fast jedes Gespräch mündet darin, dass Pater Robertson und sein Gegenüber lachen.

Dabei hat der Salesianer im Alltag viel mit ernsten Themen zu tun: Der Ghanaer ist Pfarrer von "Mary Help of Christians" in Odumase, einer Pfarrei mit nur einem weiteren Priester, wenigen finanziellen Mitteln und gut 3.000 Gemeindemitgliedern. "Wir arbeiten nicht nur spirituell, sondern haben es in erster Linie mit Armut und Krankheit zu tun", sagt er.

Zur Gemeinde gehören neben der Stadt Odumase 13 Dörfer, das weiteste ist etwa drei Autostunden entfernt. Da die meisten Menschen es sich nicht leisten können, in die Pfarrei zu kommen, fährt Pater Robertson zu ihnen. "Ich kann nicht nur in der Pfarrei sitzen und auf die Menschen warten. Mein wichtigster Ruf als Priester ist für mich, dass ich die Menschen treffe und ihre Nöte erkenne." Geldmangel, Ehestreitigkeiten, Familienplanung, psychische Probleme: Die Themen sind breit gefächert. Manchmal hilft der Salesianer finanziell, zum Beispiel bei Schulgeld oder Krankenversicherung. Doch manchmal kann er nur reden, zuhören, einen Rat geben. "Oft ist das schon genug", sagt der Pater, der seine Touren lieber mit dem Rad als mit dem Auto unternimmt, weil er so fit bleibt – und den Menschen näher ist.

"Ich wollte ein Priester werden, der innehält und die Menschen fragt, wie es ihnen geht", sagt der Salesianer, der erst mit Ende 20 diesen Weg beschritt. Der ehemalige Messdiener hatte nie ein Kirchenamt angestrebt, sondern Labortechnik studiert und in einem Krankenhaus gearbeitet.

Bis zu dem Tag, als er dort einen Salesianerpater kennenlernte, der geduldig in einer Schlange wartete, obwohl traditionell Häuptlinge und Priester vorgelassen wurden: "Er wollte keine Sonderbehandlung." Diesen Salesianer besuchte Robertson Sung einige Tage später, lernte die Gemeinschaft Don Boscos kennen und kündigte seinen Job. Sein Vater wollte das zunächst nicht akzeptieren. Nach dem Tod des ältesten Sohnes sollte Robertson, der Zweitgeborene, bei der Familie bleiben, heiraten und sich um seine Eltern und Schwestern kümmern. "Aber meine Entscheidung stand fest."

Nach Stationen in Nigeria, Tansania, Liberia und Kenia kehrte er nach Odumase zurück: "Es braucht hier einen Ghanaer, weil die Menschen die Botschaft in ihrer Sprache empfangen wollen. So haben sie das Gefühl, dass man ihre Kultur, ihre Bedürfnisse, ihren Hintergrund kennt." Und weil er die Bedürfnisse versteht, bietet Pater Robertson Messen, Hochzeiten und Beerdigungen mit viel Gesang und lautem Gebet. "Die Menschen sind hier verrückt nach lauten Gebeten", sagt er lachend.

Das Lachen vergeht ihm, wenn er sich das morsche Dach seiner Kirche ansieht. "Ich habe Angst, dass etwas passiert", sagt der Priester, der nicht weiß, woher er das Geld für Reparaturen nehmen soll: "Die Kollekte ist meist recht leer und aus dem Ausland bekomme ich keine Unterstützung für Baumaßnahmen." Pater Robertson hat einige Ideen, wie die Gemeinde eines Tages vielleicht Geld verdienen könnte, beispielweise über eine Privatschule, die Schulgebühren einbringt. "Doch bis dahin bleibt mir nur, zu beten."

Text: Simone Utler, Foto: Simone Utler (Salesianer Don Bosco)