Altöttinger Liebfrauenbote

"Bibel in Eisen": Kassel zeigt fromme Motive auf Ofenplatten des 16. Jahrhunderts

Glühende Glaubensbekenntnisse

Um 1550 stieg Hessen zu einem der wichtigsten Produktionsstandorte für gusseiserne Bibelöfen auf. Sie fanden Abnehmer im Heiligen Römischen Reich, Nordfrankreich, England und Skandinavien. Anfangs beheizten die damals neuartigen mehrstöckigen Kastenöfen vor allem Repräsentationsräume in Burgen, Schlössern, Klöstern und Rathäusern. Später fand auch das wohlhabende Bürgertum Gefallen an diesen Prestigeobjekten für die gute Stube. Das Hessische Landesmuseum in Kassel stellt rund 30 großformatige Ofenplatten aus, deren Motivreichtum vom Sündenfall bis zum Jüngsten Gericht reicht.

Kreuzigung mit Nebenszenen. Links: Ein Engel verhindert, dass Abraham seinen Sohn Isaak opfert; rechts: Mose errichtet die kupferne Schlange. Conrad Luckeln, 1578.
Kreuzigung mit Nebenszenen. Links: Ein Engel verhindert, dass Abraham seinen Sohn Isaak opfert; rechts: Mose errichtet die kupferne Schlange. Conrad Luckeln, 1578.

Philipp Soldan und Conrad Luckeln waren Hessens führende Künstler auf dem Gebiet der Bibelöfen. Sie schnitten hölzerne Model, deren in Sand abgedrückte Formen mit flüssigem Eisen ausgegossen wurden. Viele ihrer signierten Ofenplatten weisen eine überbordende Fülle von Motiven und Details auf, wie etwa Conrad Luckelns 1578 gegossene "Kreuzigung mit Nebenszenen" eindrucksvoll veranschaulicht. Die Darstellung des Gekreuzigten ragt groß in der Bildmitte auf. Weitaus kleiner ist links oben dargestellt, wie sich Eva und Adam von der Schlange zum Sündenfall überreden lassen – und damit den Tod in die Welt bringen. Rechts oben hängt die kupferne Schlange an einem Kreuz. Von ihr berichtet das 4. Buch Mose. Auf der Wüstenwanderung murrte das Volk der Israeliten gegen Mose und Gott, der zur Strafe Schlangen aussandte.

Die gusseiserne Darstellung illustriert, dass die an Gott zweifelnden Israeliten von den Schlangen gebissen werden und sterben. Andere schauen zur kupfernen Schlange auf – und sind gerettet. Denn Gott gebot Mose: "Mach dir eine Schlange und häng sie an einer Fahnenstange auf. Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht." (4 Mose 21,9) Darauf nimmt das Johannesevangelium Bezug: "Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat." (Joh 3,14) Zwei weitere Szenen vervollständigen die eiserne Glaubensbotschaft. Christus befreit links unten Adam, Eva und die Gerechten aus der Vorhölle. Unten rechts sehen wir die Auferstehung Christi. Er tritt dabei auf ein Skelett, um seine Überwindung des Todes zu demonstrieren. Die lateinische Unterschrift der Darstellung lautet: "Tod; ich werde dein Tod sein, Hölle, ich werde deine Pestilenz sein."

Verweise auf Altes und Neues Testament

Hochzeit zu Kana (Detailaufnahme), Philipp Soldan zugeschrieben, 2. H. 16. Jh.
Hochzeit zu Kana (Detailaufnahme), Philipp Soldan zugeschrieben, 2. H. 16. Jh.
Berührende Verkündigungsszene, Jost Schilling, gegossen 1597.
Berührende Verkündigungsszene, Jost Schilling, gegossen 1597.
Geburt Christi, Philipp Soldan, gegossen 1576.
Geburt Christi, Philipp Soldan, gegossen 1576.

Bislang herrschte unter den Kunstwissenschaftlern die Meinung vor, dass die im protestantischen Hessen produzierten Bibelöfen Ausdruck reformatorischer Gesinnung seien. Dafür spricht das auf einen unbekannten Formschneider zurückgehende "Gleichnis vom guten Hirten" (um 1600). Statt des Schafstalls ist ein Palast dargestellt, unter dessen Tor der gute Hirte Jesus steht. Vom rechten Glauben Abgefallene haben zum Sturmangriff Leitern angelegt. Einer ist der Papst. Er hält eine Sturmleiter fest und kehrt Jesus den Rücken zu, hat sich also nach reformatorischer Ansicht vom rechten Glauben abgewandt.

Ausstellungskuratorin Stefanie Funck weist jedoch darauf hin, dass auch Katholiken Bibelöfen kauften. Aus den Rechnungsbüchern der Hainaer Hütte geht hervor, dass der Abt von Hersfeld sechs Öfen bestellte. Auch die katholische Dombibliothek von Fritzlar schaffte sich einen an. Er steht heute im Dommuseum. Treffend urteilt Stefanie Funck, dass die meisten Motive "neutral" seien und evangelischen wie katholischen Gläubigen vertraute Geschichten erzählen. Etwa die Philipp Soldan zugeschriebene Darstellung der "Hochzeit zu Kana" (2. Hälfte 16. Jh.). An der gedeckten Tafel sitzt das festlich nach der Mode der Gusszeit gekleidete Brautpaar mit seinen Hochzeitsgästen. Derweil befüllt ein Diener Krüge mit Wasser. Vor ihnen sitzt Jesus und bereitet mit ausgestreckter Hand sein erstes Wunder vor. Bildunterschrift: "Christus machet Wasser zu Wein denen die fromm im Ehestand sein."

Zu den schönsten Platten gehören zwei Mariendarstellungen. Jost Schillings 1597 gegossene "Verkündigung" zeigt links Erzengel Gabriel, der mit einer Wolke unter den Füßen eilenden Schrittes der rechts sitzenden Jungfrau Maria entgegenschwebt. Die zukünftige Mutter Gottes lässt ihr Buch in den Schoß sinken und weist erstaunt auf sich selbst. "Christi Geburt" feiert Philipp Soldans 1576 gegossene Ofenplatte. Der winzige nackte Jesusknabe liegt in einem auf dem Boden stehenden Trog. Ochse und Esel haben ihre Köpfe nah herangeschoben. Ebenso wie drei Engel und der etwas ins Abseits geratene Josef ist Maria auf die Knie gefallen und betet das Kind an. Ihr dem Jesusknaben zugeneigtes Haupt bildet den Mittelpunkt der Komposition.

Text und Fotos: Veit-Mario Thiede

"Bibel in Eisen", bis 4.2.2018 im Hessischen Landesmuseum, Brüder-Grimm-Platz 5, Kassel. Di.-So., Feiertage 10-17 Uhr, Do. 10-20 Uhr. 24., 25., 31.12. geschlossen. 1.1. 12-17 Uhr. Informationen: 0561316800, Internet: www.museum-kassel.de/de/ausstellungen/-bibel-in-eisen-. Eintritt 6 Euro.