Altöttinger Liebfrauenbote

Verstecktes Heiligtum: Notre-Dame de Montligeon in der Normandie

Maria und die Trauernden

"Die 'Kathedrale' auf den Feldern"; "Weltzentrum des Gebets für die Verstorbenen"; "Heiligtum der christlichen Hoffnung". Prädikate wie diese steigern Vorfreude und Neugier auf das Sanktuarium Notre-Dame de Montligeon im Süden der Normandie. Aber dort muss man erst einmal hinkommen!

Erlöserskulptur am "Weg des Lichts" und die Basilika Notre-Dame de Montligeon in der Normandie.
Erlöserskulptur am "Weg des Lichts" und die Basilika Notre-Dame de Montligeon in der Normandie.

Ab Alençon, dem nächstgrößeren Städtchen, bekannt als Geburtsort der heiligen Therese von Lisieux, führt die Fahrt ostwärts durch die Provinz. Es ist ein sanftwelliges, grünes Hügelland, in dem Rinderzucht, Getreide- und Apfelanbau als wirtschaftliche Stützen fungieren. Wiesen, Weiden, Bachläufe und Waldinseln komponieren die Bilder. Der Wind fährt durch Buchen, Birken und Eichen.

Le Perche heißt der hiesige Landstrich, über dem Friedensstimmung hängt. Dann, endlich, nach knapp einer Stunde im Auto seit Alençon, taucht das Heiligtum hinter einem der vielen Buckel auf. Die Doppeltürme, die sich über dem Dorf La Chapelle-Montligeon vor dem dahinter liegenden Forst abheben, stechen markant in den Himmel. Die abgeschiedene Lage des Heiligtums ist kein Zufall. Um die Zusammenhänge zu verstehen, gilt es, im Buch der Geschichte ins Jahr 1878 zurückzublättern.

"Unsere liebe Frau Befreierin"

Vor der marmornen Marienskulptur Notre-Dame Libératrice ...
Vor der marmornen Marienskulptur Notre-Dame Libératrice ...
... zünden die Gläubigen Kerzen an.
... zünden die Gläubigen Kerzen an.
In dieser Marienkapelle sollen Eltern bzw. Angehörige von totgeborenen Babys oder gestorbenen Kleinkindern Trost finden.
In dieser Marienkapelle sollen Eltern bzw. Angehörige von totgeborenen Babys oder gestorbenen Kleinkindern Trost finden.

Damals wurde Paul-Joseph Buguet (1843-1918) zum Pfarrer von La Chapelle-Montligeon berufen. Fortan verfolgte er die Idee eines doppelten Wirkens auf sozialer und spiritueller Schiene. Sozial bedeutete: Wie konnte er der zunehmenden Landflucht in der Gemeinde entgegenwirken? Die Antwort lautete: Indem er den Menschen die Möglichkeiten zur Arbeit aufs Land brachte, quasi vor die eigene Haustür.

Unter diesen Vorzeichen startete er erfolgreich ein Experiment und begründete eine Stickwerkstatt, eine Handschuhmacherei, eine Druckerei. Gleichzeitig lag Buguet, den der Tod seines Bruders wenige Jahre zuvor schwer getroffen hatte, das Gedenken für die Verstorbenen besonders am Herzen. 1884 begründete er eine spirituelle Bruderschaft, bei der das Totengedächtnis an oberster Stelle stand. Zwar gab es seinerzeit ein bescheidenes Kirchlein im Dorfkern, doch ein neues Heiligtum sollte mit Blick Richtung Zukunft angemesseneren Raum für Gebete und Gläubige geben.

So entstand 1896-1911 das Sanctuaire Notre-Dame de Montligeon, ein später zur Basilika erhobenes Werk der Neogotik, 74 Meter lang, 32 Meter breit, gekrönt von 60 Meter hohen Türmen. Stimmungsvoll im Innern sind die Lichteffekte der Buntglasfenster, die Muster auf Pfeiler, Kirchengestühl und den Boden zaubern. Im Altarraum genießt das Marienbildnis der Notre-Dame de Montligeon unübersehbar Verehrung. Es wurde aus Carrara-Marmor gefertigt, misst annähernd vier Meter und trägt den Beinamen "Unsere liebe Frau Befreierin", Notre-Dame Libératrice.

Maria, die einen weiten Mantel trägt und das Kind auf dem linken Arm hält, streckt ihre Rechte voller Güte zu einer symbolischen Frauenfigur hinab, "deren Seele noch nicht gereinigt ist", wie es in der Kirchenschrift heißt. Auf der Gegenseite zu Füßen Mariens kniet eine zweite Frauengestalt als Ausdruck "der purifizierten Seele", liest man weiter; mit ehrfürchtig vor dem Körper verschränkten Armen sieht sie der Krönung durch das Jesuskind entgegen.

Hauptfesttag der Notre-Dame Libératrice ist der 16. November. Ihr zu Ehren sind alljährlich im Laufe des Monats November fünf große Pilgerschaften angesetzt.

Hoffnung geben und Trost spenden

Pfarrer Paul Denizot (40) vor der Basilika.
Pfarrer Paul Denizot (40) vor der Basilika.

"Ich bin Vater Paul", stellt sich ein Mann mittleren Alters vor, der sich meiner annimmt und im Heiligtum intensiv herumführt. Nach der Begrüßung auf Deutsch, das er in Resten von einer Zeit in Bremen bewahrt hat, schwenkt er in seine Muttersprache Französisch über und krempelt die Ärmel hoch. Dann fühle er sich besser beim Reden, sagt er. Es ist Pfarrer Paul Denizot, 40, einer der maßgeblichen Ansprechpartner im Heiligtum, der Priestergemeinschaft Sankt Martin zugehörig, ein Spätberufener mit einer ungewöhnlichen Vita.

Im tiefsten Inneren verspürte er den Ruf zum Priesteramt mit 17 Jahren, doch er kam ihm nicht nach. "Ich wollte heiraten, Kinder haben und viel Geld verdienen", blickt er in klaren Worten zurück. Paul wurde Autoingenieur, arbeitete als solcher in Russland, wechselte danach in ein Büro der Finanzprüfung – und vernahm während dieser Lebensetappe den zweiten Wink Gottes. Nun war er bereit, wurde mit knapp über Dreißig Priester, kümmerte sich um Jugendliche und sozial Ausgegrenzte in Le Puy-en-Velay, übernahm eine Pfarrgemeinde. Im Sanctuaire Notre-Dame de Montligeon ist er seit einem Jahr tätig und sieht seine obersten Aufgaben darin, "zuzuhören, Hoffnung zu geben und Trost zu spenden."

Verarbeitung der Trauer

Die prächtigen Buntglasfenster der Basilika ...
Die prächtigen Buntglasfenster der Basilika ...
... sorgen für bezaubernde Lichteffekte.
... sorgen für bezaubernde Lichteffekte.

Paul weiß, dass viele Menschen hierhin kommen, um ihre Trauer zu verarbeiten. Es gibt Wallfahrten, Seminare, Vorträge, reichlich Gästehäuser im Heiligtumsbereich. "Auch Familien können hier spirituelle Tage verbringen", sagt Paul. Im Altarumgang der Basilika führt er in eine Marienkapelle, wo sich Eltern zum Gebet für ihre totgeborenen Babys oder gestorbenen Kleinkinder einfinden.

Wer seinem Schmerz im Gästebuch freien Lauf lässt, findet einen Weg zum Trost, sagt Paul. Der Austausch zwischen Lebenden und Verstorbenen sei allseits wichtig im Heiligtum, betont er. Draußen, etwas unterhalb des Gotteshauses, windet sich der meditative "Weg des Lichts" um leuchtgrüne Wiesenstücke. Startpunkt ist das strahlweiße Bildnis des Erlösers, dann geht es vorbei an Skulpturengruppen und Tafeln mit Zitaten aus den Evangelien.

Fest verankert im Jahresablauf sind spezielle Gottesdienste. Das kann eine Messe für tödlich verunfallte Motorradfahrer sein oder eine andere für Bauern. "Jeden Tag sterben in Frankreich durchschnittlich zwei Landwirte, die meisten durch Suizid", macht Vater Paul keinen Hehl aus einem Problem, das ansonsten nicht an die breite Öffentlichkeit dringt.

Die Arbeitsstätten aus den Zeiten Paul-Joseph Buguets sind verschwunden - doch erhalten hat sich der Grundgedanke. Und es gibt seit einigen Jahren ein Nachfolgeprojekt. Ambitionierten Initiativen sind auf dem Heiligtumsgelände unter anderem eine Wäscherei und ein Leder-atelier zu verdanken. Ein Ausbau der Aktivitäten ist in Planung.

Text und Fotos: Andreas Drouve