Altöttinger Liebfrauenbote

Christlicher Rückkehrer im Irak träumt vom Neuanfang – die Angst bleibt

"Karakosch ist meine Stadt"

Majid Shaba schwitzt. Kein Wunder bei "herbstlichen" Temperaturen über 30 Grad im Irak – und seinem enormen Arbeitstempo. Hingebungsvoll schrubbt der 45-Jährige den Boden seines Wohnhauses in Karakosch, gut eine halbe Autostunde von Mossul entfernt. Seit drei Tagen ist der Christ Majid wieder in seiner Geburtsstadt, um sein Wohnhaus wieder in Ordnung zu bringen. Und auch in seinem Fastfood-Imbiss "Chefcity" in der Innenstadt möchte er nach dem Rechten sehen.

Majid Shaba mit Ehefrau Asmaa und den Kindern Dima und Shaban.
Majid Shaba mit Ehefrau Asmaa und den Kindern Dima und Shaban.
Die ganze Familie hilft mit, um das Haus und den Imbiss von Majid Shaba in Karakosch wieder in Ordnung zu bringen.
Die ganze Familie hilft mit, um das Haus und den Imbiss von Majid Shaba in Karakosch wieder in Ordnung zu bringen.

Die Besatzung durch die Truppen des "Islamischen Staates" und monatelange Kämpfe haben, wie überall, ihre Spuren hinterlassen: Trümmer auf den Straßen, eingeschlagene Fenster, die Möbel weitgehend geplündert. Aber immerhin: Das Haus ist noch bewohnbar; tausende christliche Familien in der Ninive-Ebene haben dieses Glück nicht. Einer Erhebung des weltweiten päpstlichen Hilfswerks "Kirche in Not" zufolge sind über 13.000 Gebäude in den christlichen Ortschaften der Ninive-Ebene beschädigt oder komplett zerstört.

Majids Haus und sein Lokal brauchen keinen kompletten Wiederaufbau, erstmal wird provisorisch geflickt, was zu flicken geht. Den Rest erledigen Schrubber und Kehrschaufel. Geht es nach Majid, wird "Chefcity" bald wieder Chefsache sein: "Ich werde die Ehre meines Restaurants wiederherstellen. Bald wird es seine Türen wieder öffnen", ist Majid überzeugt. Sieht man ihn und seine Familie bei der Arbeit, kann man daran kaum zweifeln. Heute ist auch seine Frau Asmaa aus Erbil gekommen, um ihrem Mann zu helfen. Mitgebracht hat sie die beiden jüngsten Kinder: die zehnjährige Dima und den vierjährigen Shaban. Gemeinsam mit einem weiteren Sohn lebt die Familie in einem "Haus", wie sie es nennen, wohl mehr einer Notbehausung mit Blechdach und immer wieder defekter Wasserversorgung.

Etwa 90.000 christliche Flüchtlinge halten sich noch rund um Erbil im kurdischen Teil des Irak auf. Sie haben wie Asmaa nur einen Wunsch: "Ich sehne mich danach, wieder in Karakosch zu leben", sagt sie lächelnd. Auch Majid hofft darauf, so schnell wie möglich heimzukommen. Auch am Zufluchtsort Erbil habe er seine Familie mit einem Fastfood-Restaurant über Wasser gehalten; der Laden laufe ganz gut, aber: "Man kann das Leben in Erbil nicht mit dem Leben in Karakosch vergleichen. Ich wurde hier geboren, ich möchte hier sterben. Karakosch ist meine Stadt."

"Ich weiß nicht, ob wir wirklich in Sicherheit sind"

Blick auf Karakosch.
Blick auf Karakosch.
Blick auf den zerstörten Imbiss von Majid Shaba.
Blick auf den zerstörten Imbiss von Majid Shaba.

Der Aufbruchsstimmung von Majid ist die eine Seite der Medaille. Wie sehr die Meinungen selbst innerhalb von Familien auseinandergehen, dafür ist Majids Bruder Samir ein Beispiel. Er hilft mit seiner Frau und den drei Kindern heute ebenfalls beim Putzen, erledigt kleinere Elektroarbeiten. Den Enthusiasmus seines Bruders teilt er jedoch nicht. Seit der Abstimmung über einen unabhängigen Kurdenstaat und den damit einhergehenden Konflikten sei die Lage für die Christen schlechter geworden. "Ich weiß nicht, ob wir wirklich in Sicherheit sind", sagt er seufzend, "wir wissen nicht, wie sich der Konflikt entwickelt und wir leben mittendrin." Manchmal, gibt er zu, hätte er schon darüber nachgedacht, ob es nicht doch besser sei, ins Ausland zu gehen.

Majid widerspricht – bestimmt, aber nachdenklich: "Ich finde es traurig, wenn noch mehr Christen den Irak verlassen." Man könne doch seine Heimat nicht aufgeben. Auch das "größte Übel", der IS, gehöre doch jetzt der Vergangenheit an. "Wir haben jetzt eigene Sicherheitskräfte, die uns beschützen und die Christen sind. Ich habe trotz allem ein gutes Gefühl für die Zukunft."

Tobias Lehner und Jaco Klamer (Kirche in Not), Fotos: Kirche in Not

Nähere Informationen zum Wiederaufbau und Unterstützung für das Überleben des Christentums in einer seiner Ursprungsregionen gibt es bei "Kirche in Not" im Internet unter www.kirche-in-not.de/ninive.